Kategorie: Allgemein

  • Hunde, die bellen, beißen irgendwann.

    Jetzt stehen die Weihnachtsmärkte auf dem Prüfstand. Da hat er sich immer gefreut, ist glücklich rumgesprungen. Nachdem vor ein paar Tagen die Mundschutz-Verweigerer mit einem verschärften Bußgeldkatalog zur Ordnung gerufen wurden und der Berliner Innensenator heute vorsorglich die Hygiene Demos in Berlin verboten hat, traue ich mich kaum noch den kleinen Vierbeiner zu streicheln.

    Aus dem zahmen Hündchen ist mittlerweile ein fies bellender Köter geworden und jeder, der bis drei zählen kann, sieht, wie das Viech langsam bissig wird. „Eine sich langsam im Körper ausbreitende Tollwut“, erklärte mir einer der sogenannten Experte die Verhaltensänderung. „Schon jetzt brauchen wir die Leinenpflicht, aber ich denke, bald wird Zwinger die einzige Möglichkeit sein“, sagte er weiter. „Oder Maulkorb.“ Der Experte lachte. Ich nicht. Natürlich sehe ich auch die Notwendigkeiten, aber die letzten Maßnahmen machen alles nur noch schlimmer. Es ist nie gut, ein Tier zu schlagen, aber ein verletztes, ja meinetwegen böses Tier zu schlagen, scheint mir mehr als unvernünftig.

  • Billiglohnländerkinderarbeit oder „ich konsumiere, also bin ich“

    In den Nachrichten sagen sie, der Konsumklimaindex – welcher die Konsumneigung der Privathaushalte widerspiegelt – steigt wieder. Der Konsument kriegt gute Laune, Konsumlaune.

    Nach den Corona Beschränkungen ist das neue, alte Leitmotiv für den modernen Mann, die moderne Frau und alle modernen Anderen: „Ich konsumiere – viel und billig -, also bin ich.

    Dazu passt: Ich arbeite – viel und billig -, also bin ich ein Billiglohn – Landarbeiterkind, nähe mich geschwind in die erste Klasse rein, oh fein.

    Du Mutti? Übermorgen besorgst du uns mal lecker Eisbein?

    Ach klar.

    Hui, das ist… ähhh fein.

    Im Radio sagen sie, Spanien, die Balearen, die Kanaren brauchen den deutschen Urlauber. Viele Existenzen hängen am Tourismus. Ich sage: Ich konsumiere – viel und billig – also bin ich bald wieder im Ferienflieger. Denn Urlaub rettet Leben, mit meiner Auszeit bezahl ich deine Ausbildung, mache ich dich zum Sieger.

    Du Mutti? Morgen besorgst du uns mal lecker Eisbein?

    Ach klar.

    Hui, das ist… ja fein.

    Deine und meine Informationsblase schreibt: Der rumänische Tier- Zerleger in deutschen Schlachtanstalten hat nicht mehr genug, um seine Familie zu unterstützen. Es fehlt an Geld für Ausbildung, Pflege der Alten, Versorgung der Familie. Der Mann ist in Existenznot.

    LockDown und Schnitzel- Verzicht kostet Leben.

    Ich sage: Lieber Billiglohnlandarbeiter, Tierzerleger, Hosennäher, ich bin ein guter Mensch. Ich konsumiere viel und billig, also bin ich nicht nur Schnitzel-Esser, auch Hosenträger.

    Also lasst uns den Konsum pflegen, denn Billiglohnländerkinderarbeit rettet Leben.

    Ach, und heute Eisbein?

    Klaro!

  • Über Kultur in kulturarmen Zeiten, die GEMA und das Fräulein Rottenmeier

    2020, Kultur in kulturarmen Zeiten. „Sie haben Post“, sagte der Postbote und gab mir einen Brief. GEMA stand dort. Nachdem mich der Brief ein paar Tage blöde angelächelt hatte oder ich mir einbildete, dass er blöde lächelte, öffnete ich ihn heute, also den blöde, lächelnden Brief. Ich täuschte mich nicht, der Brief war so charmant wie das Fräulein Rottenmeier in Heidis schlimmsten Albträumen. Das Fräulein Rottenmeier suchte nach neuen Einnahmequellen, nachdem die alten auf Grund einer Seuche versickert waren.

    2020, Kultur in kulturarmen Zeiten. Das Fräulein Rottenmeier hält auch noch die letzten Kulturschaffenden von ihrem Handwerk ab. Das geschriebene Wort auf der Bühne, vielleicht mit einem Lächeln präsentiert, wird als literarisches Kabarett einsortiert. „Und das ist gebührenpflichtig, Herr Weber. Sie können doch nicht einfach lesen, was sie wollen.“ „Aber es sind doch meine Worte“, sage ich leise und erfahre, dass auch meine Worte kostenpflichtig sind.

    2020, Kultur in kulturarmen Zeiten. Ein paar schreien, was das Fräulein Rottenmeier alles Gutes für sie getan hat, „Nein. Es geht nicht um mich. Es geht um mein Recht“, schreien sie. Ein paar schreien immer, schreibe ich. Wer 2020 noch Künstler sein möchte, sollte es vor allem auf dem Papier sein. GEMA Mitglied, KSK Mitglied und gerne noch einen täglich gepflegten Social Media Account. Dein Online Poesie Album für deine Kunst, lachen sie. Ich lache auch. „Haha.“ Na, habe ich gelacht?

    2020, Kultur in kulturarmen Zeiten. Vor vier Jahren war es bei mir soweit. „Herr Weber, Sie haben Post“, sagte der Postbote und gab mir einen Brief, der wenig Hoffnung versprach und letztlich doch welche gab. Es war die Künstlersozialkasse, die mir schrieb. Ein Bescheid, stand dort. „Nach §1 KSVG sind sie im Sinne des Gesetzes ein Künstler und nach §8 Abs. 1 KSVG auch noch ein versicherungspflichtiger.“ Ich war nach dem Gesetz auf einmal ein Künstler. So einfach geht das, dachte ich. Ich lachte. „Haha.“ Na, habe ich gelacht? Jetzt hatte ich es schwarz auf weiß: Nicht die Arbeit zählt, sondern der Paragraph.

    2020. In diesen kulturarmen Zeiten ist der Künstler auch nur noch eine Schraube, ein Zahnrad im Getriebe der Bürokratie, der Soforthilfe und des Verwertungsgesetzes. Aber ein Zahnrad mit einem schönen Online Poesie Album, lachen sie. „Haha.“ Na, ich habe auch gelacht. 2020. Ich sage zu euch Künstlern Verwertern, Versicherern: Fotz- und Fischköppe stinken aus dem Hals, was auch immer das bedeuten mag.

  • Über Social Scoring, Hegel und die deutsche Bulldogge

    Wenn man in Münster als “Hegel” beschimpft wird, ist man kein unglaublich heller Philosophenkopf sondern hat nicht mehr alle Latten im Zaun.

    „Ey, du Hegel. Licht an“, schrie letztens ein Mann zu mir rüber, der mir auch mal zeigen wollte, dass ich nicht mehr alle Latten im Zaun hatte. Ich saß auf dem Rad, und hatte kein Licht an selben und für den feinen Herren stand fest, dass so ein Lichtloser auch sonst ein ziemlicher Hallodri sein müsse.

    Später las ich in der Zeitung, dass China seine Einwohner mit dem Social-Credit-System (SCS)motivieren will, bessere Menschen zu werden. Wer sich systemtreu, ordnungsliebend, straßenverkehrs- und öffentlichkeitstauglich benimmt, bekommt Punkte und Punkte bedeuten mehr Lohn, eine bessere Wohnung, eine gelungenere Freizeitgestaltung oder eine kostenlose Nutzung des E-Bike oder Car Sharings. Die Botschaft: Punkte sind geil.

    „Ey, du Hegel. Mach die Augen auf.“

    Heute sammeln wir Bahn-Card-Punkte im ICE, Bonusheftchen Stempel beim Zahnarzt und beim Tanken gibt es Payback Points. Udo hat jetzt einen Schrittzähler und Gabi kriegt jeden Tag einen digitalen Pokal, wenn sie ihre Yoga Übung gemacht hat.

    In China essen sie keine Hunde, aber man ist ganz heiß auf Treuepunkte. Hier schreit man: „„Ey, du Hegel. Diktatur, Dystopie, hier bei uns doch nicht, hier nie.“

    Ich denke: „Mach die Augen auf.“ Die deutsche Bulldogge sammelt nicht weniger gerne Punkte. Und auch wenn uns der Konfuzius fehlt und der Hegel irrt, bin ich überzeugt, auch bei uns funktioniert „Social Scoring“.

    Schön verpackt, mit einer klasse Marketing Schleife sammeln wir uns auch hier – mit Liebe – in die totale glückliche Überwachung. Da wette ich meine Payback Punkte drauf, ich Hegel.

  • Mein Freund, der Verschwörungstheoretiker

    Ich habe einen Freund, der ist jetzt Verschwörungstheoretiker. Natürlich sagt der Freund nicht: „Hey Andreas, ich bin jetzt Verschwörungstheoretiker.“ Der Freund sagt, er habe Fragen gehabt, die ihm keiner beantworten kann. So hat er selber nach Antworten gesucht und gefunden. Er sagt, ich soll mal aufpassen: „Aufstehen, arbeiten, Alkohol, ausruhen. Aufstehen, arbeiten, Alkohol, ausruhen. ABER: Aufstehen, arbeiten, Analyse, Alkohol, ausruhen. Aufstehen, arbeiten, Analyse, Alkohol, ausruhen.“ Er fragt, ob ich was merke. Ich sage, dass ich ja nicht blöd bin. Er nickt. “Dann weißt du ja Bescheid”, sagt er. „Sowas von Bescheid“, sage ich und denke: “Oh, oh … mein Freund, der ist jetzt Verschwörungstheoretiker.“

    Er sagt, weil er eine andere Meinung hat, wird er jetzt von der Gesellschaft geschnitten. Freunde wenden sich ab, auf dem Elternabend in der Kita wurde ihm sogar der Vorsitz entzogen und in seiner Stammpinte soll er jetzt Mundschutz tragen. Ich sage: „Schwierig, schwierig.“

    Mein Freund sagt: „Andreas, wir leben in einer linken Meinungsdiktatur.“ Aber er, der Freund, trägt jetzt keinen Mundschutz mehr. In seinem Supermarkt haben sie ihn gebeten, zu gehen. Mein Freund sagt: „Und weißt du, was ich gemacht habe. Ich bin gegangen.“ Ich sage: „Schwierig, schwierig.“ Ich denke, was ist die Alternative? Bleiben?

    Mein Freund sagt: „Andreas, die Gesellschaft ist gespalten. Überlege mal, wer die Gewinner sind.“ Ich überlege. Keine Ahnung. Ich bin gespalten.

    Mein Freund sagt, er wird jetzt als Verschwörungstheoretiker beschimpft, weil er sich informiert hat. Er zeigt mir Youtube Videos von Menschen, die die Wahrheit sagen. Ich frage, warum die Wahrheit so schwer zu verstehen ist? Warum die Videos so ruckeln?

    Mein Freund sagt, die Wahrheit findet seinen Weg. Aber sie versuchen, ihn ruhig zu stellen, zu unterdrücken. Unterdrücken?”, frage ich. Mein Freund sagt, er kann nicht mehr mit Menschen befreundet sein, die sich unterdrücken lassen. Er ist viel zu wütend, um ruhig zu bleiben. „Schwierig, schwierig“, sage ich und überlege, ob  mein Freund noch mein Freund sein kann. Schwierig, schwierig.

  • Notizen aus dem Reihenhäuschen – Ich wache auf, da ist Mutter, sie will mir Strähnchen machen

    Sonntag, 3 Uhr, Neumond. Ich wache auf, sitze auf meinem alten Kinderbett und höre Mutter an der Tür kratzen. Junge, lass mich rein, kreischt es hinter der Tür. Ich habe sie mit meinem alten Schreibtisch verbarrikadiert, den Tisch mit einem Stapel „Was ist Was“ Bücher und „Schlümpfe“ Comics beschwert. Aber wie lange wird Holz und Comic dieser Ur-Krafte einer Mama standhalten? Junge, lass mich rein, röchelt es durch das Schlüsselloch. Oh Gott, was ist hier falsch?, denke ich.

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  • Über Crowdfounding Plattformen, zweite Einkommen und natürlich Mutter

    Ich bin jetzt bei “steady, sagte mir Anfang Juni ein Lesebühnen Kollege. Er hatte sich kurz vor der Corona Pandemie angemeldet und während des Stillstands hatten ihn die regelmäßigen Einnahmen durch die Veranstaltungspause gebracht. Der Kollege lebt hauptsächlich von seinen Auftritten und Buchverkäufer am Bühnenrand, da war die Corona Krise eine existenzbedrohende Sache.

    Ich hatte noch nie von “steady” gehört und fragte ihn, was das denn genau sei, wo man so nebenbei noch ein Einkommen bekommt. Er zeigte mir darauf, wie man sich auf eine Crowdfounding Plattform selber bewirbt und gegen laufende Zahlungen exklusive Inhalte oder ein „Danke schön“ anbietet. Spannend, dachte ich. „Danke schön“ kann ich. Als dann ein paar Tage später ein anderer Autor enthusiastisch eine ähnliche Plattform anpries, “patreon”, war ich angestachelt. Steckt da wirklich eine Chance dahinter? Das Prinzip ist immer das Gleiche: Künstler, Autor, Fotograf, Designer, Blogger, Taxifahrer oder was auch immer werden über ein Abonnement unterstützt. Der Abonnent kriegt dafür vom „Publisher“ exklusive Inhalte oder einfach ein „Danke schön“. Klar überlegt man, ob man auch „Publisher“ wird. Ein weiteres Einkommen ist ein sehr guter Grund, das „weitere“ brauche ich gar nicht, das Einkommen reicht mir schon.

    Aber was ist, wenn dich keiner abonniert? Das ist sie wieder, meine Angst: Ich kann mir, ehrlich gesagt, nicht vorstellen, dass mich jemand abonniert. Warum auch? Weil ich ein wenig vor mich hinblogge? Oder weil ich einmal im Monat auf einer Lesebühne stehe? Weil ich ein paar Bücher herausgebracht habe? Weil ich in den letzten Jahren jedes kleinste Kuhkaff besucht habe, wenn jemand Poetry Slam schrie (ne, habe ich gar nicht)? Oder weil ich fleißig in die Künstlersozialkasse einzahle, da mich der Staat für einen Künstler hält? Ja, warum? Warum? Gerade mich? Gerade mich?

    Ich stöbere herum. Auf der “steady” Seite finde ich tatsächlich einen Slam Poeten und Comedian, der früher auch mal in meiner Stadt auftrat. Er hat – „Achtung! Achtung! Jetzt kommt eine Durchsage!“ – einen Abonnenten (sic!) und ich wette eine handsignierte Ausgabe meines letzten Buches, dem Bestseller „Herr Weber auf Safari“ darauf, dass es seine Mutter ist.

    Aber ich will nichts gesagt haben oder nur leise. Wenn ich meine Erzeugerin bitten würde, mich auf einer Crowdfounding Plattform als regelmäßige Abonnentin mit einem kleinen Betrag zu unterstützen, würde sie mir nur erschrocken sagen, dass ich mich nicht auf so einen gefährlichen Unsinn einlassen soll. „Junge, du hast doch studiert. Du endest noch wie dein Vater, wenn du so weiter machst“, sagt sie dann wieder und ich werde wieder überlegen, wie mein Vater denn geendet ist, dass es meine Mutter so beeindruckt hat.

    Ja, „steady“ und Co sind nichts für mich. Das weiß ich jetzt. Nicht wegen meiner Mutter oder dem einem gruseligen Abonnenten. Nein, es ist, weil man auch so eine Plattform wieder pflegen muss, also arbeiten und da bin, so regelmäßig, nicht gut drin. Das ist das Kreuz, das ich trage.

     

  • Notizen aus dem Reihenhäuschen – Mach dich nackig

    Dienstleistung macht nackig. Ob Supermarkt-Fachverkäufer, Künstler oder Gastronom überall muss man sich privat machen, um Vertrauen zu schaffen.

    Damit dich der Kunde kennenlernt“, erklärte mir damals die ältere Dame bei der Berufsberatung. Ich war dreizehn, sie war mehr im Alter meiner Oma. Sie erzählte, ich nickte brav und machte das Pflicht- Praktikum bei einer Rentenversicherungsanstalt.

    Alles hängt zusammen“, sagte Oma immer und Oma war eine sehr weise Frau. Opa sagte immer, im Mittelalter hätten sie die Oma sofort verbrannt, so weise war die („Und heiß“, Opa grinste. „Opa, Igitt“).

    Jedenfalls wusste ich nach dem Praktikum in der Rentenversicherungsanstalt, dass ich nicht in einer Rentenversicherungsanstalt mein Glück finden würde. Immerhin etwas im Heuhaufen gefunden.

    Ansonsten hatte ich sogar Glück. Bei mein Schulkumpel Michael sah das Praktikum schon ganz anders aus. Er hatte kein Glück. Mit Michael teilte ich nicht nur die Schulklasse sondern auch die Leidenschaft der Fantasy Rollenspielwelt. Kurz bevor in unsere Köpfe das Hormon- Karussell los-ratterte und ich bald nur noch an „Mädchen, Mädchen, Mädchen“ denken konnte, gingen wir alle noch mal richtig auf Elfen, Zwerge und Goldene Drachen ab. Die letzten Tage der Unschuld sozusagen.

    Jedenfalls hatte Michael nicht so Schwein mit seinem Praktikum. Er landete bei Karstadt. Socken Abteilung. Die ältere Dame in der Berufsberatung hatte mit Martin das Thema Einzelhandel erarbeitet, Unterthema Socken. Nach drei Wochen Socken hatte Martin seine Erfahrung gemacht. Auch er wusste danach, dass er nicht in der Socken-Abteilung bei Karstadt sein Glück finden würde. Bis er sein Abitur in der Tasche hatte, sollte Martin auch keine Socken mehr tragen. Danach haben wir uns nicht mehr gesehen und Karstadt machte pleite.

    Aber weiter: Dienstleistung macht nackig. In meinem bevorzugten Supermarkt kenne ich nach vier Jahren Einkauf jedes Gesicht. Die Rothaarige an der Kasse, die den Mund nicht aufkriegt. Die kleine Pummelige an der Käsetheke, bei der das Kind immer noch ein Scheibchen Kinderwurst bekommt, die Transsexuelle an Kasse Drei und natürlich der Auszubildende an der Fleischtheke. Seine Ausbildung verfolgen wir Kunden seit Jahren. Und es sieht nicht immer gut für den Jungen aus. Glücklicherweise arbeitet auch seine Mutter im Fleischgewerbe und sogar an der gleichen Theke. Eine robuste Dame mittleren Alters, die sich noch traut eine echte Dauerwelle zu tragen, scheint verantwortlich für den Jüngling hinter dem Fleisch. Sie versorgt uns durch ihre kleinen Ausraster mit Informationen. Öfters in den letzten Jahren hat sie sich ihr Bürschchen vorgenommen. So erfuhr ich zum Beispiel, während sie mir einmal 250 Gramm Mett über die Theke reichte, dass ihr Schützling seine schulische Ausbildung nicht besonders Ernst zu nehmen schien. Sie maulte ihn an, dass er seine letzte Chance mit ihr zusammen am Fleisch zu arbeiten, nicht einfach wegwerfen sollte. Oder willst du so enden wie dein Vater, drohte sie. Sowieso schien der Junge nicht nur schulisch sondern auch in der Liebe ein Tunichtgut zu sein. Die Frau weiß – nach einem ihrem letzten Supermarktbesuche – über einen Monolog der Mutter zu berichten, wo es um dieses sensible Thema ging. So war seine letzte Errungenschaft wohl ein ganz heißes Mädchen, die sich nicht schämte, zur Sonntagsbraten-Einladung der Eltern kein Unterhöschen, alias Schlüpfer unter dem Rock zu tragen und diese heiße, aber wirklich heiße News auch noch dem verwirrten Jungen zwischen zwei Scheibchen Schweinebraten mitzuteilen. Nicht nur der Junge auch sein Vater (wir wissen: auch ein Tunichtgut) konnten gar nicht schnell genug unter den Tisch gucken. „Junge, was haben wir bloß falsch gemacht“, sagte damals die Dienstherrin und Mutter des Auszubildenden. „wenn du so weiter machst landest du nach bei dem Tönnies, drohte sie ihm.

    Ja, Dienstleistung macht nackig“, schwärme ich, während ich in meinem Online Tagebuch minutiös meine und andere Taten niederschreibe. Und er arbeitete glücklich bis an sein Lebensende am Fleisch, schreibe ich, glücklich, nackig und lege den Stift zur Seite.

     

  • Dumm und duselig – Ideen für das schnelle Geld

    In unserer Wochenzeitung haben sie von einem Start-up berichtet, das sich mit Koch Boxen dumm und duselig verdient hat. „Dumm und duselig“ haben sie natürlich nicht geschrieben, aber das habe ich zwischen den Zeilen herausgelesen.

    Ich dachte, vielleicht mache ich auch mal sowas wie Koch Boxen. Natürlich eher etwas, womit ich mich auskenne. So etwas wie…?, fragte ich mich. Ich könnte…?, dachte ich und dachte und dachte und dachte. Dachte dann, dass die Idee aber auch ihre Schwächen hat, ich die doch nicht so gut finde. Man muss nur mal an die Umwelt denken. Die ganzen Koch Boxen auf der Straße, geht doch nicht, dachte ich. Dabei verdienen die sich mit ihren blöden Koch Boxen dumm und duselig, haben sie auch in der Presse gesagt. Ich  regte mich einen Moment auf und vielleicht sogar einen zweiten,  aber dann dachte ich glücklicherweise auch schon an etwas anderes.

  • Notizen aus dem Reihenhäuschen – Rassist

    Wir möchten einen Slam gegen Rassismus machen, sagt die Studentin, Geisteswissenschaft und European Economic Management. Wir wollen Flagge zeigen, erklärt sie mir. Ich nicke. Einen Slam. Wow, tolle Idee, spektakulär, denke ich und sage: Flagge zeigen ist wichtig.

    Es dürfen nur Texte vorgelesen werden, die sich mit Rassismus beschäftigen. Du kennst doch sicher Slam Poeten, die Rassismus erfahren haben. So ein Afghane oder Schwarzafrikaner wäre toll. Ich nicke. Bestimmt sind da auch Schwarzafrikaner oder ein Afghane, sage ich. Stolz erzähle ich, dass ich sogar einen Autor aus Island kenne. Die Frau sagt aber, dass Island nicht so gut ist, weil man da zu wenig Unterschied sieht, Aha, sage ich. Dann ist das abgemacht?, fragt die Studentin. Ich nicke. Abgemacht. Und eine Gage, frage ich vorsichtig. Das ist natürlich alles Ehrenamt. Also ich nehme da nichts für. Aber es gibt einen Hut, erklärt die Frau. Ich nicke. Lecker Hut, sage ich.

    Aber „hey“, ich will nicht lästern,. Flagge zeigen ist wichtig, haben wir auch gerade erst wieder gemacht. Gestern was gegen die Corona Pandemie, vorgestern gegen Umweltverschmutzung, davor für eine Auto freie Innenstadt, gegen die AFD sowieso, für sauberes Wasser und gegen Folter und Unmenschlichkeit, für mehr Frauen in Führungspositionen (Das kannst du aber nicht moderieren, weil das doof aussieht, also ein Mann, der was für Frauen macht, sagte damals eine Frau, die es aber auch nicht machen wollte, und so habe ich es doch gemacht), gegen Atomkraft, gegen Tierversuche, für Tierwohl und veganen Freitag, für mehr Datenschutz, gegen die globalen Softwaregiganten, aber für eine globale Welt, natürlich für mehr Open Source, gegen Kapitalismus im Allgemeinen, gegen TTIP und CETA im Besonderen, für Europa, aber gegen ein Europa der Wirtschaft, für ein Europa der Menschen, der Kulturen, gegen Waldsterben, für Bienen und bedrohte Völker, gegen Verschwörungstheorien und ihre Theoretiker, für Schwarze, Behinderte, Fahrradfahrer, Asiaten, Afrikaner, für mehr Dorf, gegen das Aussterben der Innenstädte, gegen Trump, gegen China (wegen Hongkong und die Uiguren), für ein freies Tibet, für barrierefreie Verwaltungsgebäude und wenigstens eine diverse Toilette in jeder Öffentlichen Einrichtungen, gegen Erdogan, aber nicht gegen die Bevölkerung, das darf man nicht verwechseln, für Migration in unser Land, offene Grenzen, offene Gesellschaften, aber gegen Urlaub an den letzten unberührten Flecken dieser Erde. Für Wale, gegen Walfang und Zoohaltung, gegen Zirkustiere und gegen die Jagd von Wild im europäischen Mischwald..

    Alles schon gemacht. Flagge gezeigt. Aber manchmal frage ich mich, was ich eigentlich bin. Kulturnutte? Wobei ich Nutte nicht frauenfeindlich meine, sondern eher wie Homosexuelle schwul sagen, oder Schwarze sich Nigger nennen, so meine ich das. So anders eben.

    Die Texte für oder gegen eine Sache sind mittlerweile schnell geschrieben, die Flagge geschwind gezeigt. Man muss nur noch das Subjektiv wofür oder wogegen man ist, austauschen und dann „Ich hasse es“ davor schreiben. Gerne nutze ich auch „Ich habe einen Traum…“. Am besten vor jeden Absatz. Noch wahnwitziger: I have a dream…. Dann klappt das schon. Das geht schnell. Aber das ist auch scheiße, denke ich.

    Am Ende sage ich doch diesen Poetry Slam und der Stundentin ab. Ich glaube, ich kann nicht mitmachen, erkläre ich mich.

    Rassist, sagt sie.

    Ach du lieber Gott, denke ich und das ich über den, den lieben Gott, wirklich gerne mal was schreiben würde.