Notizen aus dem Reihenhäuschen – Rassist

Wir möchten einen Slam gegen Rassismus machen, sagt die Studentin, Geisteswissenschaft und European Economic Management. Wir wollen Flagge zeigen, erklärt sie mir. Ich nicke. Einen Slam. Wow, tolle Idee, spektakulär, denke ich und sage: Flagge zeigen ist wichtig.

Es dürfen nur Texte vorgelesen werden, die sich mit Rassismus beschäftigen. Du kennst doch sicher Slam Poeten, die Rassismus erfahren haben. So ein Afghane oder Schwarzafrikaner wäre toll. Ich nicke. Bestimmt sind da auch Schwarzafrikaner oder ein Afghane, sage ich. Stolz erzähle ich, dass ich sogar einen Autor aus Island kenne. Die Frau sagt aber, dass Island nicht so gut ist, weil man da zu wenig Unterschied sieht, Aha, sage ich. Dann ist das abgemacht?, fragt die Studentin. Ich nicke. Abgemacht. Und eine Gage, frage ich vorsichtig. Das ist natürlich alles Ehrenamt. Also ich nehme da nichts für. Aber es gibt einen Hut, erklärt die Frau. Ich nicke. Lecker Hut, sage ich.

Aber „hey“, ich will nicht lästern,. Flagge zeigen ist wichtig, haben wir auch gerade erst wieder gemacht. Gestern was gegen die Corona Pandemie, vorgestern gegen Umweltverschmutzung, davor für eine Auto freie Innenstadt, gegen die AFD sowieso, für sauberes Wasser und gegen Folter und Unmenschlichkeit, für mehr Frauen in Führungspositionen (Das kannst du aber nicht moderieren, weil das doof aussieht, also ein Mann, der was für Frauen macht, sagte damals eine Frau, die es aber auch nicht machen wollte, und so habe ich es doch gemacht), gegen Atomkraft, gegen Tierversuche, für Tierwohl und veganen Freitag, für mehr Datenschutz, gegen die globalen Softwaregiganten, aber für eine globale Welt, natürlich für mehr Open Source, gegen Kapitalismus im Allgemeinen, gegen TTIP und CETA im Besonderen, für Europa, aber gegen ein Europa der Wirtschaft, für ein Europa der Menschen, der Kulturen, gegen Waldsterben, für Bienen und bedrohte Völker, gegen Verschwörungstheorien und ihre Theoretiker, für Schwarze, Behinderte, Fahrradfahrer, Asiaten, Afrikaner, für mehr Dorf, gegen das Aussterben der Innenstädte, gegen Trump, gegen China (wegen Hongkong und die Uiguren), für ein freies Tibet, für barrierefreie Verwaltungsgebäude und wenigstens eine diverse Toilette in jeder Öffentlichen Einrichtungen, gegen Erdogan, aber nicht gegen die Bevölkerung, das darf man nicht verwechseln, für Migration in unser Land, offene Grenzen, offene Gesellschaften, aber gegen Urlaub an den letzten unberührten Flecken dieser Erde. Für Wale, gegen Walfang und Zoohaltung, gegen Zirkustiere und gegen die Jagd von Wild im europäischen Mischwald..

Alles schon gemacht. Flagge gezeigt. Aber manchmal frage ich mich, was ich eigentlich bin. Kulturnutte? Wobei ich Nutte nicht frauenfeindlich meine, sondern eher wie Homosexuelle schwul sagen, oder Schwarze sich Nigger nennen, so meine ich das. So anders eben.

Die Texte für oder gegen eine Sache sind mittlerweile schnell geschrieben, die Flagge geschwind gezeigt. Man muss nur noch das Subjektiv wofür oder wogegen man ist, austauschen und dann „Ich hasse es“ davor schreiben. Gerne nutze ich auch „Ich habe einen Traum…“. Am besten vor jeden Absatz. Noch wahnwitziger: I have a dream…. Dann klappt das schon. Das geht schnell. Aber das ist auch scheiße, denke ich.

Am Ende sage ich doch diesen Poetry Slam und der Stundentin ab. Ich glaube, ich kann nicht mitmachen, erkläre ich mich.

Rassist, sagt sie.

Ach du lieber Gott, denke ich und das ich über den, den lieben Gott, wirklich gerne mal was schreiben würde.

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