Hoffmanns Büdchen (65) – Hoffmanns Vorsätze

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke.

„Und Herr Hoffmann, hast du gute Vorsätze für das nächste Jahr?“, fragt ein Kunde.

Herr Hoffmann überlegt. Er trinkt nicht, er raucht nicht, er lebt vegan.

„Keine Zeit für schlechte Angewohnheiten,“ sagt er freundlich.

„Du könntest Geld an blinde, geistig behinderte Kinder mit Migrationshintergrund ohne Gliedmaßen und Geruchsinn spenden. Sie haben es so schwer in dieser Welt.“

Das könnte er. Warum ist er da nicht selber drauf gekommen?

„Weil du im Kiosk stehst und man einem nackten Mann nicht in die Tasche greifen kann, Herr Hoffmann?“

Genau. Deswegen vielleicht.

Hoffmanns Büdchen (64) – Hoffmanns Kunden

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Gerade ist ein junger Mann in sein Büdchen gekommen, und nachdem der Mitte Zwanzigjährige „Ich bin gerne Mal lustig“ -Typ einen Schokoriegel und ein Politik Magazin erworben hat, gibt er noch ein bisschen Psyche zum Besten. Man kann sagen: Als Trinkgeld.

„ADHS, Herr Hoffmann. Kennen Sie?“ Herr Hoffmann verdreht innerlich die Augen. Wieder ein Kunde, der den Büdchen Betreiber für einen dösiges Stück Verkäufer hält, bei dem man seinen seelischen Müll abladen kann. Äußerlich bleibt der Büdchen Betreiber gefasst, er nickt. ADHS kennt er natürlich.

„Vor zwei Jahren hat man das bei mir diagnostiziert. Da habe ich einen Schrecken bekommen. Herr Hoffmann. Der war so groß“, sagt der junge Student vor seiner Theke und breitet seine Arme aus, damit Herr Hoffmann sich vorstellen kann, wie groß der Schrecken war.

„Hui, das ist groß“, sagt Herr Hoffmann. So langsam weiß er nicht mehr, wie er freundlich bleiben soll. Lange geht das nicht mehr gut, denkt der Kiosk Vorsteher.

„Dann die Medikamente. Retalin vor allem. Natürlich kannte ich die ganze negative Berichterstattung, den Missbrauch, die armen Kinder, und auf einmal bist du selber betroffen. Ich, Herr Hoffmann!“

„Sie. Ja, unglaublich“, sagt Herr Hoffmann und macht den Wackeldackel, immer wieder den Wackeldackel.

„Aber jetzt ist besser. Sogar mein Erguss hat sich wieder normalisiert“, sagt der Student (also Herr Hoffmann geht davon aus, dass es ein Student ist, auch wenn nicht darüber gesprochen wurde).

„Sehr gut. Das freut mich“, sagt Herr Hoffmann. Bitte gehen Sie endlich, denkt er in Wahrheit.

„Sehr gut? Was soll denn daran sehr gut sein? Also lustig war das nicht, das sage ich Ihnen, Herr Hoffmann. Das wünsche ich keinem, neben ner heißen Lady liegen und dann… nichts. Die wissen ja auch nicht, dass es am Retalin liegt. Da bist du gleich am Diskutieren, Herr Hoffmann. Warum er jetzt nicht hoch geht? Und ob das nur bei ihr passiert? Ob sie sich die Titten machen soll“, regt sich der Mann, Student, Mitte Zwanzig, auf.

Irgendwann ist gut, da kann auch ein Herr Hoffmann nicht mehr.

„Gehen Sie bitte. Sofort“, sagt Herr Hoffmann also. er ist so müde, so müde von diesem ewigen Gelabber.

„Was? Wieso?“ Der junge Mann guckt verwirrt. Sie reden doch so nett miteinander.

„Sofort. Oder ich rufe die Polizei“, droht Herr Hoffmann. Er spielt jetzt alle Karten aus. Er hat echt die Schnauze voll.

„Was? Die Polizei? Wieso das denn? Spinnen Sie, ich habe doch gar nichts gemacht.“ Der junge Mann begreift es nicht. Herr Hoffmann begreift aber. „Hauen Sie endlich ab mit ihrem ADHS und ihren Erguss und was noch alles. Das will ich hier nicht. Das ist ein ordentliches Büdchen, hören Sie.“

Herr Hoffmann hat sich Rage geredet. Seine Stimme wird lauter und lauter.

„Hauen Sie ab oder ich… ähh… Oder ich schreie“, schreit Herr Hoffmann.

„Also..“ will der Student noch sagen, aber das geht schon in einem lauten, legendärem, Schlagzeilen schreibenden – Geschrei unter.

Hoffmanns Büdchen (63) – Hinz und Kunz

Hinz und Kunz 
Hinz Was doch die Großen alles essen!
Gar Vogelnester; eins, zehn Taler wert.
Kunz Was? Nester? Hab' ich doch gehört,
Daß manche Land und Leute fressen.
 Hinz Kann sein! kann sein, Gevattersmann!
 Bei Nestern fingen die denn an.   
 (Gotthold Ephraim Lessing) 

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Draußen vor seinem Kiosk hängen Hinz und Kunz ab. Herr Hoffmann verdreht die Augen. „Jetzt ist es also soweit“, flüstert er. Hoffmanns Büdchen ist Szene Treffpunkt. Bald werden Horden von Jugendlichen, Schüler_innen, Student_innen, Linksalternativen, Umwelt- und Klimaaktivistinnen vor seinem Büdchen rumhängen, Bier trinken, kiffen, Drogen nehmen, Demos planen. In den Zeitungen schreiben sie, Teile, der durch den Kohlebergbau radikalisierten, denken schon über eine grüne RAF nach. „Na, Prost Mahlzeit“, sagt Herr Hoffmann zu sich selber.

Das Türglöckchen läutet.

„Hallo Herr Hoffmann. Ich nehme mir mal zwei Bier für mich und Kunz“, grüßt Hinz und kommt mit einem kalten Windzug ins Büdchen.

Herr Hoffmann nickt. „Wenn erst einmal Hinz und Kunz bei dir im Kiosk Bier trinken, dann ist Schluß mit der Ruhe“, sagte letztens Herr Ärmel. „Dann ist ihr Büdchen kein Denkerstübchen mehr, sondern eine Disko“, drohte der pensionierte Angestellte des Bauordnungsamts.

„Herr Hoffmann, so ein bisschen Musik draußen wäre auch schön“, lächelt Hinz und nimmt sich das Bier aus dem Kühlschrank. „Bisschen Electro und vielleicht auch mal, was zum Sitzen.“

„Ich schau mal“, sagt Herr Hoffmann verkniffen.

Hinz lacht laut. „Denkerstübchen zu Electro Büdchen, Herr Hoffmann. Das ist die Parole.“

Herr Hoffmann kann gar nicht so viele Augen verdrehen, wie er eigentlich möchte. „Die Zeit der Ruhe ist vorbei“, flüstert der Büdchen Betreiber und seufzt. Er weiß, Hinz und Kunz sind nur der Anfang. Heute die Beiden und morgen Otto Normalverbraucher, Lieschen Müller und Markus Möglich.

Kalenderwoche 49 – Weisheit, Geschicklichkeit, Kraft

Langsames Denken. Weisheit 43%. Nun, wenn es kalt ist, ziehe ich Handschuhe an. Wenn es regnet, gucke ich, dass ich nicht nass werde, das sind 43 %. Weisheit heißt auf meinem Bildchen, dass man die Sachen nicht nur benennt, sondern auch benutzt. Wenn es regnet, nicht nur staunt, wie nass dieser Regen ist, sondern sich auch unterstellt, weil man sich sonst den “Tod” oder wenigstens eine Triefenase holt. 43 % sind nicht dolle. Da ist man schon nass, bevor man den Regenschirm aufspannt. Aber 43 % sind auch nicht ganz ohne Vernunft, eben langsames Denken.

Geschicklichkeit? 72%. Ich habe an meinem Fahrrad rumgeschraubt. Es ist nichts kaputtgegangen. Das sind vielleicht schon 72%? Ehrlich gesagt, habe ich mir einfach mit dem Hammer nicht (wie so oft) auf den Daumen gekloppt. 72% ist wohl doch etwas übertrieben.

Kraft. 25 %. Naja, besser hieße es Energie oder Gesundheit. Kraft ist bekloppt und wenn schon Kraft, dann wäre 50 % ehrlicher gewesen. Ich war ein paar Mal diese Woche Laufen, sogar einmal bei meinem alten Sportverein. Daneben rauche ich aber auch sehr, sehr gerne. “Junge, kauf dir ein paar Nikotinpflaster und lass den Blödsinn”, sagt der Kleine Mann in mir. Er hat ja recht.

Hoffmanns Büdchen (62) – Die große Erzählung

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Das Türglöckchen läutet. Es ist Paket Paul. Stammkunde. Paket Bote.

„Tach, Herr Hoffmann“, grüßt der Stammkunde.

„Hallo Paul“, grüßt Herr Hoffmann freundlich zurück.

„Herr Hoffmann, warum reden wir eigentlich nie über Corona?“, fragt Paket Paul.

„Weil das übernächstes Jahr keinen mehr interessiert“, sagt Herr Hoffmann.

„Versteh ich nicht“, sagt Paket Paul.

Wie soll er auch?, denkt Herr Hoffmann.

Um ihn zu beruhigen, unterhält er sich ein paar Minuten mit Paket Paul über Corona, Masken und die Impflicht, dann muss Paket Paul weiter Pakete austragen.

Gestern. Heute. Morgen. Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Wir sind alle nur Marionetten einer großen Erzählung, seufzt er.

Wie recht Du doch hast, Herr Hoffmann.

Hoffmanns Büdchen (61) – Hoffmanns Opa

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Gegenüber bringt gerade die alte Dame wie jeden Morgen ihren Müll heraus und über der Schule auf der anderen Straßenseite liegt eine nervöse Ruhe. Eine Lehrerin erzählte ihm gestern, es seien Klausuren, und heute spürt Herr Hoffmann den Prüfungsdruck in der Luft liegen – die schaurige Lateinklausur, die sich wie das Sofakissen auf des Schülers Gesicht legt, ihm langsam die Luft nimmt.

Herr Hoffmann holt leicht theatralisch Luft. Er erinnert sich noch genau an seine Schulzeit. Die Angst, wenn wieder Klausuren anstanden. Herr Hoffmann war kein schlechter Schüler. Aber dieser Druck, das erwischte irgendwann jeden. „Das gehörte leider dazu“, flüstert Herr Hoffmann.

Draußen vor dem Büdchen spielen ein paar Kinder auf dem Bürgersteig Verstecken, das vielleicht älteste Spiel der Menschheit. „Ach, Kinder“, flüstert Herr Hoffmann und schämt sich ein wenig für sein „Ach Kinder“, weil es sich nach seinem eigenen Opa anhört und Herr Hoffmann nun wirklich nicht nach seinem eigenen Opa klingen will. „Ach Kinder. Wie bescheuert ist das denn“, sagt Herr Hoffmann zu sich selber. „Was sollen die denn sonst machen? Saufen? Oder…“ Herr Hoffmann kann seinen Gedanken nicht mehr beenden. Das Türglöckchen läutet.

„Hallo Herr Hoffmann.“

Es ist Michael. Stammkunde. Schnapstrinker, BILD Leser, notorisches Pleite.

„Michael“, kürzt Herr Hoffmann die Begrüßung ab. Er mag Michael, aber der Anfang Vierzigjährige wird für den Büdchen Besitzer mittlerweile teuer.

Michael geht zum Schnapsregal, nimmt sich einen Westfälischen Korn, er geht an der Theke vorbei, schnappt sich eine BILD und geht wieder Richtung Kiosk Tür.

„Schreibste an, Herr Hoffmann?“

So unverschämt war er noch nie, denkt Herr Hoffmann.

„Herr Hoffmann?“

„Mhhh?“

„Schreibste an?“ Michael steht schon in der Tür. Draußen rennt eines Kinder am Büdchen vorbei. Herr Hoffmann nickt leicht.

Tschüüüüßß, flötet Michael noch.

„Ja, tschüß“, sagt Herr Hoffmann. Noch.

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Er schämt sich gerade. Weil er den Mund nicht aufkriegt. Er schämt sich richtig.

„Ach Herr Hoffmann“, sagt er aufrichtig niedergeschlagen. Er ist wirklich…

…wie sein Opa.