Autor: Andreas

  • Hoffmanns Büdchen (Episode 68) – Nicht Hoffmanns Krieg

    Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Es ist Sonntag, aber für Herrn Hoffmann ist Sonntag auch nur ein Arbeitstag. Wie immer steht er von zehn Uhr morgens bis zehn Uhr abends im Büdchen.

    Glücklicherweise sind heute aber wenigstens die Schulen dicht. „Jetzt auch noch einen Haufen Schüler, die mir auf den Kopf rumtanzen. Das fehlte mir heute noch“, denkt Herr Hoffmann und guckt auf die Sonntagszeitungen, die vor ihm auf der Theke liegen. Die Schlagzeilen schlagen alle die gleichen Zeilen:

    Es ist Krieg. Krieg

    Das Türglöckchen läutet. Herr Hoffmann erschrickt. Es ist Herr Ärmel. Gott sei dank, nur der Ärmel, denkt Herr Hoffmann erleichtert. Herr Ärmel ist Stammkunde in Hoffmanns Büdchen und Herr Hoffmann freut sich, ihn wiederzusehen. Der Architekt im Ruhestand war schon ein paar Tage nicht mehr im Kiosk.

    „Guten Tag, Herr Hoffmann. Wie geht’s im Denkerstübchen?“

    Herr Ärmel sagt zum Büdchen immer Denkerstübchen. Er findet das lustig. Herr Hoffmann findet es auch lustig.

    „Herr Ärmel, wie schön“, sagt also Herr Hoffmann. Er freut sich aufrichtig – sogar an so einem Tag freut er sich aufrichtig den kleinen Philosophen, und ein kleiner Philosoph ist Herr Ärmel, also dem kleinen Philosophen wiederzusehen. Aber der Weltschmerz hat den Büdchen Betreiber gleich wieder gepackt.

    „Wie soll es einem gehen, Herr Ärmel. Es ist Krieg!“, sagt Herr Hoffmann ernst.

    „Ja, es ist Krieg“, sagt nicht weniger ernst Herr Ärmel.

    „Zeitenwende“, sagt Herr Hoffmann.

    „Ja, Zeitenwende“, sagt nun auch Herr Ärmel.

    Beide Männer sind eigentlich nicht auf den Kopf gefallen. Beiden wirken ganz schön auf den Kopf gefallen. An diesem Sonntag. Es ist Krieg. Sie sind sprachlos. Wie auf den Kopf gefallen. Oder von den Schlagzeilen erschlagen. Es ist Krieg.

  • Augenjucken. Afterbrennen, Atemnot

    Sie schaut in den Spiegel.

    „Bin ich das?“

    Nachmittags trifft sie Freunde. Die alte „Gang“. Teilweise noch aus Abi- und Studentenzeiten. Sie sagt, sie macht jetzt wieder Sport. Zweimal die Woche. Kopfnicken. Verständnis . Alle finden Sport wichtig. Ihre Freundin Dagmar ist jetzt Lacto- und Paula Ovo- Vegetarierin geworden. Andy lebt vegan. Unter ärztlicher Aufsicht. Kopfnicken. Verständnis.

    Paula ist wieder allein. Johannes Spermien waren zu langsam. Als er die Diagnose bekam, hat sie sofort Schluß gemacht. Sie ist bald fünfunddreißig, da muss bald ein Treffer her. Kopfnicken. Verständnis.

    Dann erzählt Dagmar, dass sie vielleicht auf Löwenzahn allergisch reagiert. Augenjucken. Afterbrennen, Atemnot.

    Sie verschwindet aufs Klo. Sie schaut in den Spiegel.

    „Bin ich das?“

    Ist sie das?

    Augenjucken. Afterbrennen, Atemnot.

  • Hoffmanns Büdchen (67) – Herr Hoffmann und die Kirche (Audio- mp3)

    Herr Hoffmann bekommt Besuch von zwei Messdienern. Sofort gehen beim Büdchen Mann alle Alarmglocken an. Zu Recht? Wir hoffen nicht.

  • Hoffmanns Büdchen (67) -Herr Hoffmann und die Kirche

    Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Vor ihm stehen zwei Messdiener.

    „Na Jungs, schon wieder Karneval?“, lächelt Herr Hoffmann gutmütig.

    Jetzt lachen auch die beiden Jungs.

    „Wir sind echte Messdiener“, erklären sie dem Büdchen Betreiber. Drüben in der Kirche ist gleich Messe und sie brauchen noch ein paar Nüsschen zur Beruhigung.

    Herr Hoffmanns Lächeln verschwindet. Der Kiosk Mann versteht. Kurz guckt er verstollen nach recht und links, ob jemand mithört.

    „Soll ich euch verstecken, Jungs?,“ tuschelt er über die Theke.

    Die gläubigen Knaben gucken verstört. Sie brauchen doch nur Nüsschen. „Was meint der Mann?“, denken sie und verlassen ohne viele Worte und Nüsschen den Kiosk. Der Büdchen Betreiber ist ihnen offensichtlich unheimlich.

    „Hmm? Scheinbar dieses Mal kein Missbrauch bei dem Verein. Aber lieber einmal zu viel fragen“, denkt der Büdchen Betreiber wieder alleine hinter der Theke

    „Messdiener?! Sachen gibt’s“, flüstert er, widmet sich wieder seiner Zeitung.

  • Hoffmanns Büdchen (66) – Hoffmanns Hölle

    Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke.

    Mitleid? Nein, Mitleid hat er mit denen nicht, denkt er und guckt auf das Tohuwabohu in seinem Büdchen. Es ist ein gewöhnlicher Mittwoch Vormittag. Gegenüber in der Schule ist Große Pause und nicht wenige der Schüler*innen möchte gleichzeitig bei Herrn Hoffmann das Taschengeld loswerden.

    „Einer nach dem Anderen. Anfassen heißt kaufen. Junge, Pornos erst ab 18“, schreit Herr Hoffmann mit hochroten Kopf. Er hasst Große Pause. Er hasst die Schüler*innen. Überhaupt ist die Schule gegenüber mit seinen Kindern und Jugendlichen sein persönliches Gomorrah, seine kleine Hölle.

    „Herr Hoffmann, bist du schwul?“

    „Nein.“

    „Herr Hoffmann, mein Papa sagt, Kioskbetreiber sind Opfer. Herr Hoffmann bist du nen Opfer?“

    „Nein.“

    „Herr Hoffmann, hast du auch Pornos?“

    „Nein.“

    Vor der Theke gackern, kichern, lachen die Schüler*innen.

    Bald werden sie ihre Schule beendet haben. Dann wird ein Teil von ihnen, eine Ausbildung machen, ein anderer Teil vielleicht noch studieren, danach wird ein Job gesucht, eine Frau oder ein Mann gefunden, es werden ein bis zwei Kinder gezeugt,geheiratet, geschieden, wieder geheiratet, dann kommt der Krebs oder die ersten Probleme mit dem Herzen. Wer sein Alter nicht wahrhaben will, wird noch einmal versuchen, auszubrechen. Eine junge Freundin oder wer dafür nicht das mehr Aussehen hat, eine Seniorin und dazu vielleicht ein bisschen Koks, damit das Ding überhaupt noch hochgeht.

    Und am Ende die Grabrede: „Er war ein guter Zuhörer.“ „Sie war Tier lieb.“ „Er mochte Reisen.“ Und Ende.

    „Herr Hoffmann, hast du einen Penis oder bist du Scheidenträger?“ Die Schüler*innen lachen immer noch über ihn.

    Und Herr Hoffmann lacht über die Schüler*innen. Er hat kein Mitleid.

  • Hoffmanns Büdchen (65) – Hoffmanns Vorsätze

    Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke.

    „Und Herr Hoffmann, hast du gute Vorsätze für das nächste Jahr?“, fragt ein Kunde.

    Herr Hoffmann überlegt. Er trinkt nicht, er raucht nicht, er lebt vegan.

    „Keine Zeit für schlechte Angewohnheiten,“ sagt er freundlich.

    „Du könntest Geld an blinde, geistig behinderte Kinder mit Migrationshintergrund ohne Gliedmaßen und Geruchsinn spenden. Sie haben es so schwer in dieser Welt.“

    Das könnte er. Warum ist er da nicht selber drauf gekommen?

    „Weil du im Kiosk stehst und man einem nackten Mann nicht in die Tasche greifen kann, Herr Hoffmann?“

    Genau. Deswegen vielleicht.

  • Hoffmanns Büdchen (64) – Hoffmanns Kunden

    Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Gerade ist ein junger Mann in sein Büdchen gekommen, und nachdem der Mitte Zwanzigjährige „Ich bin gerne Mal lustig“ -Typ einen Schokoriegel und ein Politik Magazin erworben hat, gibt er noch ein bisschen Psyche zum Besten. Man kann sagen: Als Trinkgeld.

    „ADHS, Herr Hoffmann. Kennen Sie?“ Herr Hoffmann verdreht innerlich die Augen. Wieder ein Kunde, der den Büdchen Betreiber für einen dösiges Stück Verkäufer hält, bei dem man seinen seelischen Müll abladen kann. Äußerlich bleibt der Büdchen Betreiber gefasst, er nickt. ADHS kennt er natürlich.

    „Vor zwei Jahren hat man das bei mir diagnostiziert. Da habe ich einen Schrecken bekommen. Herr Hoffmann. Der war so groß“, sagt der junge Student vor seiner Theke und breitet seine Arme aus, damit Herr Hoffmann sich vorstellen kann, wie groß der Schrecken war.

    „Hui, das ist groß“, sagt Herr Hoffmann. So langsam weiß er nicht mehr, wie er freundlich bleiben soll. Lange geht das nicht mehr gut, denkt der Kiosk Vorsteher.

    „Dann die Medikamente. Retalin vor allem. Natürlich kannte ich die ganze negative Berichterstattung, den Missbrauch, die armen Kinder, und auf einmal bist du selber betroffen. Ich, Herr Hoffmann!“

    „Sie. Ja, unglaublich“, sagt Herr Hoffmann und macht den Wackeldackel, immer wieder den Wackeldackel.

    „Aber jetzt ist besser. Sogar mein Erguss hat sich wieder normalisiert“, sagt der Student (also Herr Hoffmann geht davon aus, dass es ein Student ist, auch wenn nicht darüber gesprochen wurde).

    „Sehr gut. Das freut mich“, sagt Herr Hoffmann. Bitte gehen Sie endlich, denkt er in Wahrheit.

    „Sehr gut? Was soll denn daran sehr gut sein? Also lustig war das nicht, das sage ich Ihnen, Herr Hoffmann. Das wünsche ich keinem, neben ner heißen Lady liegen und dann… nichts. Die wissen ja auch nicht, dass es am Retalin liegt. Da bist du gleich am Diskutieren, Herr Hoffmann. Warum er jetzt nicht hoch geht? Und ob das nur bei ihr passiert? Ob sie sich die Titten machen soll“, regt sich der Mann, Student, Mitte Zwanzig, auf.

    Irgendwann ist gut, da kann auch ein Herr Hoffmann nicht mehr.

    „Gehen Sie bitte. Sofort“, sagt Herr Hoffmann also. er ist so müde, so müde von diesem ewigen Gelabber.

    „Was? Wieso?“ Der junge Mann guckt verwirrt. Sie reden doch so nett miteinander.

    „Sofort. Oder ich rufe die Polizei“, droht Herr Hoffmann. Er spielt jetzt alle Karten aus. Er hat echt die Schnauze voll.

    „Was? Die Polizei? Wieso das denn? Spinnen Sie, ich habe doch gar nichts gemacht.“ Der junge Mann begreift es nicht. Herr Hoffmann begreift aber. „Hauen Sie endlich ab mit ihrem ADHS und ihren Erguss und was noch alles. Das will ich hier nicht. Das ist ein ordentliches Büdchen, hören Sie.“

    Herr Hoffmann hat sich Rage geredet. Seine Stimme wird lauter und lauter.

    „Hauen Sie ab oder ich… ähh… Oder ich schreie“, schreit Herr Hoffmann.

    „Also..“ will der Student noch sagen, aber das geht schon in einem lauten, legendärem, Schlagzeilen schreibenden – Geschrei unter.

  • Hoffmanns Büdchen (63) – Hinz und Kunz

    Hinz und Kunz 
    Hinz Was doch die Großen alles essen!
    Gar Vogelnester; eins, zehn Taler wert.
    Kunz Was? Nester? Hab' ich doch gehört,
    Daß manche Land und Leute fressen.
     Hinz Kann sein! kann sein, Gevattersmann!
     Bei Nestern fingen die denn an.   
     (Gotthold Ephraim Lessing) 

    Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Draußen vor seinem Kiosk hängen Hinz und Kunz ab. Herr Hoffmann verdreht die Augen. „Jetzt ist es also soweit“, flüstert er. Hoffmanns Büdchen ist Szene Treffpunkt. Bald werden Horden von Jugendlichen, Schüler_innen, Student_innen, Linksalternativen, Umwelt- und Klimaaktivistinnen vor seinem Büdchen rumhängen, Bier trinken, kiffen, Drogen nehmen, Demos planen. In den Zeitungen schreiben sie, Teile, der durch den Kohlebergbau radikalisierten, denken schon über eine grüne RAF nach. „Na, Prost Mahlzeit“, sagt Herr Hoffmann zu sich selber.

    Das Türglöckchen läutet.

    „Hallo Herr Hoffmann. Ich nehme mir mal zwei Bier für mich und Kunz“, grüßt Hinz und kommt mit einem kalten Windzug ins Büdchen.

    Herr Hoffmann nickt. „Wenn erst einmal Hinz und Kunz bei dir im Kiosk Bier trinken, dann ist Schluß mit der Ruhe“, sagte letztens Herr Ärmel. „Dann ist ihr Büdchen kein Denkerstübchen mehr, sondern eine Disko“, drohte der pensionierte Angestellte des Bauordnungsamts.

    „Herr Hoffmann, so ein bisschen Musik draußen wäre auch schön“, lächelt Hinz und nimmt sich das Bier aus dem Kühlschrank. „Bisschen Electro und vielleicht auch mal, was zum Sitzen.“

    „Ich schau mal“, sagt Herr Hoffmann verkniffen.

    Hinz lacht laut. „Denkerstübchen zu Electro Büdchen, Herr Hoffmann. Das ist die Parole.“

    Herr Hoffmann kann gar nicht so viele Augen verdrehen, wie er eigentlich möchte. „Die Zeit der Ruhe ist vorbei“, flüstert der Büdchen Betreiber und seufzt. Er weiß, Hinz und Kunz sind nur der Anfang. Heute die Beiden und morgen Otto Normalverbraucher, Lieschen Müller und Markus Möglich.