Lesebühnenautoren – Nichts für das große Geschäft

Donnerstag, 9. November. 15:40 Uhr. Ich sitze in der Stadtbücherei Münster und schreibe. Ja, hier sitze ich gerne zum Schreiben. All diese Bücher, die Stille und die lesenden Menschen, all diese Inspiration, diese bibliophilen Geister. Ich stelle mir immer vor, sie leihen sich eines meiner Bücher aus (vielleicht „Herr Weber auf Safari“?), sitzen zu Hause auf ihrem Sofa, liegen in ihrer Badewanne oder in ihrem Bett und schmökern in meinem Werk.
Allerdings steht in der Stadtbücherei gar kein Buch von mir, weswegen es sehr unwahrscheinlich ist, dass sich jemand ein Buch von mir ausleiht, um später darin zu schmökern. Einmal war ich bei einem Bekannten zu Besuch und er hatte eines meiner Bücher bei sich liegen. Allerdings nicht neben dem Bett, der Badewanne oder dem Sofa, sondern neben dem Klo lag mein Buch, der große Insider Tipp „Herr Weber auf Safari“. Ich habe ihn darauf angesprochen, was mein Buch denn auf seinem Klo macht. „Was macht denn mein Werk „Herr Weber auf Safari“ neben deinem Klo?“, habe ich gefragt. „Deine Geschichten haben genau die richtige Länge“, erklärte mir der Bekannte. Ich nickte. „Ach so. Genau die richtige Länge für deinen Klogang. Aha. Ja…, klasse“, sagte ich und überlegte, ob sie genau die richtige Länge für ein großes oder für ein kleines Geschäft haben. Sind es also Scheiß-Geschichten oder reichen sie meinem Bekannten noch nicht einmal dafür? Jedenfalls beschloss ich, diesen Bekannten von meiner Bekannten-Liste zu streichen. So nicht Freundchen, dachte ich, verabschiedete mich, ging noch mal auf sein Klo und klaute ihm das Buch, sein Besitz, mein geistig Eigentum „Herr Weber auf Safari“. Ich wollte und ich will kein Scheiß-Geschichten Autor sein.

Nein, ich bin kein Autor für das Große Geschäft. Nein, ich bin ein Lesebühnenautor. Ein Lesebühnenautor ist laut der Wikipedia ein Autor, der gewollt lustige, oft biografische Kurzgeschichten vor Publikum liest. Ein meist kleines Publikum, was sich oft aus dem näheren Bekanntenkreis des Autors zusammensetzt, sitzt vor den Lesebühnenautoren, trinkt Bier, viel Bier und grölt, wenn es was zu grölen gibt oder sie das Gefühl haben, dass man mal grölen sollte. Unsere Lesebühne hat nur sehr wenige Gröler, da meine Bekannten-Liste in den letzten Jahren sehr zusammengeschmolzen ist. Es besteht meistens nur aus der Bekannten-Liste meines Lesebühnenkollegen Micha El Goehre, die aber auch nur ein Listchen ist und vielleicht noch aus dem familiären Anhang unserer Gastleser. Wir sind also meistens unter uns, wenn man vom Techniker und der Kassenkraft absieht. Das ist aber nicht traurig, weil wir einfach die Bühnenscheinwerfer so grell stellen, dass wir gar nicht mitbekommen, ob jemand vor uns sitzt. Der Techniker spielt am Anfang der Lesebühne immer einen Applaus ein und nach jeder gelesenen Geschichte kriegen wir Zugabe-Rufe per Audio Datei. Technisch ist da mittlerweile soviel möglich, da merkt man gar nicht, dass man eigentlich alleine im Raum sitzt.
Nein, alles gut. Wer ich bin? Ich habe eine Antwort auf diese Frage: Ich bin Lesebühnenautor. Ein Lesebühnenautor unterscheidet sich von einem normalen Autor durch seine ausgetüftelte Performance, Geschichten vorzulesen. Das können wir: Geschichten vorlesen. Da können wir noch so einem im Kahn haben, lesen geht immer. Da werden Satzzeichen mit Mimik und Gestik auf den Punkt gebracht, Rhythmen eingebaut, Betonungen betont, Satzmelodien gesungen. Da macht die Zunge einen doppelten Flick Flack im Mund, um dann mit Wörter wie Authentizität oder Bahndammbrandmann vor dem Zuhörer zu jonglieren, dass ihnen ganz schwindlig wird.
Und jetzt? Jetzt sitze ich in der Stadtbücherei und schreibe. Vor mir steht ein Mädchen. Sie ist vielleicht Ende Zwanzig, trägt langes blondes Haar, Turnschuhe, Blue Jeans und Kapuzenpulli. Sie steht zwischen Kunst der Antike, Schwerpunkt Griechenland und frühchristliche Kunst/ germanische Kunst/ Ikonografie. Eine Kunsthistorikerin also. Ich stelle mir vor, dass sie sich mein Buch ausleiht und zu Hause auf dem Sofa, dem Bett oder in der Badewanne durch meine Seiten schmökert. Ich stelle mir vor, dass sie dabei nur ein dünnes Hemdchen trägt, weil meine Geschichten ihr richtig einheizen. In der Badewanne trägt sie sogar gar nichts. Ich stelle mir ganz viel immer vor. Ich habe Phantasie. Muss ich auch haben. Da braucht es viel Phantasie, um sich das schön zu reden oder schreiben. Ich bin Autor, Lesebühnenautor. Ich bin nichts fürs große Geschäft und auch nichts für Kunsthistorikerinnen in Büchereien. Ne, ne, mein Werk steht hier nämlich nicht. Noch nicht. Irgendwann. Ich habe viel Phantasie.

Deutschlandreise #2

Osnabrück, 26. Oktober. Ich stehe auf dem Bahnsteig und warte auf den IC. Ich hätte auch die Regionalbahn nehmen können. Sie fuhr vor wenigen Minuten los, wäre schneller gewesen. Aber wenn ich die Wahl habe, warte ich lieber noch ein wenig und steige in den InterCity. Früher war der InterCity ein InterRegio, eine bessere Regionalbahn, aber dann hat die Bahn die Sitze ausgetauscht und ein bißchen Farbe aufgetragen und der alten Dame einen neuen Namen gegeben. Jetzt heißt er eben IC, ist ein paar Euro teurer und hält nicht mehr an jeden Kuhstall.
Es sind aber sicher nicht die klasse Sitze, der umwerfende Komfort oder das Bord Restaurant, was mich davon abhält, die Regionalbahn zu nehmen. Es sind vor allem die Fahrgäste.

Im IC oder im ICE, also im Fernverkehr, hat man das Gefühl auf Reisen zu sein, ein kleiner Marco Polo, also der nach dem der Klamottenladen benannt wurde, und mit einem reisen andere Menschen. Sie lesen, schlafen, trinken Kaffee oder Bier. Ihre großen Koffer und Reisetaschen tragen Namensschilder, damit sie später im Flughafen nicht verloren gehen, im richtigen Flieger, auf dem richtigen Schiff landen. Auf Reisen muss man sich vorbereiten, der Koffer ist schnell mal weg. Man ist auf dem Weg in den Urlaub in den Schwarzwald, zur Verwandtschaft nach Süddeutschland, zu den Kindern, die im Osten studieren oder arbeiten, auf dem Weg in die Ferien ans Meer oder in die Berge. Und schon die Fahrt ist ein Teil der Ferien. Kein lautes Geschrei ist zu hören, keine Fußballfans, Pendler oder Schüler auf dem Weg nach Hause sind im Fernverkehr anzutreffen. Hier und da ein paar Geschäftsreisende, die lieber den Zug nehmen als den Flieger, die das Auto, aus ökologischen Gründen oder weil sie ihren Führerschein verloren haben, stehen lassen, ansonsten Reisende, die in die Ferne fahren, um Neues zu entdecken oder von einer langen Tour zurückkehren. Sie, die Reisenden oder das Bild, was ich von ihnen habe, lassen mich warten, auf den Fernverkehr warten.

Vielleicht ist das zu romantisch, ist mein Bild des Reisenden überholt? Noch in den Achtzigern und Neunzigern gab es ihn, den Reisenden, der in die Fremde fuhr, um zu entdecken. Tagelang war er unterwegs, musste umsteigen, das Verkehrsmittel wechseln. Auto, Bahn, Flieger und am Ende das Schiff, um die Insel am äußersten Rand der Welt zu erreichen. Man las den Lonely Planet und ein paar Reiseberichte, die man in der Bücherei gefunden hatte, stöberte in Karten, suchte Erfahrungsberichte in Magazinen und Zeitungen. Die Fragen? Gibt es noch diese Fähre über den Fluß, der im Reiseführer beschrieben wird oder ist sie längst eingestellt? Existiert das Backpacker Hostel an der Grenze zu Pakistan noch? Man hätte sich doch einen aktuelleren Plan holen sollen. Na klar, macht man sich sorgen. Das gehört dazu. Der Reisende ist Abenteurer, ein Indiana Johns mit InterRail Ticket. Heute scheint dieser Reisende verloren. Mittlerweile ist man in wenigen Stunden überall. Morgens bucht man nach Bankok, Nachmittags sitzt man im Flieger, abends trinkt man in der Szene-Bar sein thailändisches Bier und bereitet sich auf die Full Moon Party in der Nacht vor. Wenn die Buslinie 43 von Novokusnek nach Novosibirsk eingestellt wird, weiß man das zeitnah, weil ein Fahrgast, die Infos schon längst ins Netz gestellt hat. Der entlegenste Zipfel ist entdeckt, mit der Google App geht man durch die heißeste, sandigste, also staubigste Wüste und weiß hinter der nächsten Sanddüne den Kiosk mit dem lokalen Pinkus Bier aus der Heimat. Und einen Poetry Slam, den gibt es sicher auch dort hinter dem Hügel. Drei Sterne hat er im Szeneportal bekommen. Reiseführer auf Papier? Nur noch als Brennstoff für das Lagerfeuer in den Rocky Mountains brauchbar. Über jede Region hat schon jemand einen Text geschrieben, Fotos gesendet, Fahrpläne geteilt. Überall ist man verbunden mit der Welt. Der Globetrotter Blog? Langweilig.

Mein Telefon schellt. Es ist Mutter.
„Wo steckst du, Junge?“
„Mutter, ich bin in Yakutsk. Der Empfang ist gerade schlecht.
Junge, kommst du am Sonntag? Oder hast du wieder eine deiner blöden Ausreden?
Mutter, ich bin in Sibirien.
Ja. eine deiner blöden Ausreden. Und kommst du am Sonntag?
Das Telefonat bricht ab, weil ich auflege, nicht weil ich am Ende der Welt auf Reisen bin. Das Ende der Welt ist für mich bei meiner Mutter an der Kaffeetafel, sicher nicht in Sibirien. Im tiefsten Münsterland ist das Handy Netz oft schlechter als am sogenannten Ende der Welt.

Aber ich schweife ab. Heute nicht das Ende der Welt. Heute Osnabrück. Naja, für ein paar Münsteraner ist das schon fast Sibirien. Gleis 2. Ich warte auf dem IC Hamburg – Stuttgart, der stündlich hält. Wer bin ich? Ich bin Reisender, Abenteurer. Ich fahre IC. Mit mir nur zwei Männer auf dem Bahnsteig, vielleicht Ende Dreizig, scheinbar Südeuropäer, Araber oder Perser, jedenfalls dunkle Haare und Haut. Sie tragen Trainingsanzug, Sportschuhe und Reisetasche. Einer raucht. Beide haben die Wappen von Fußballvereinen auf der rechten Brustseite ihrer Trainings-Jacke. Einer trägt Bayern München, der andere einen ausländischen Sportverein, den ich nicht kenne. Wenigstens haben sie nicht den Sponsor des Vereins mit auf der Brust. Wie bei den Fußball-Trikots, die der Fan auf Wochenende ins Stadion oder der Fußballkneipe trägt. Das fand ich schon immer blöde. Werder Bremen, eine Mannschaft, die ich anfeuere, wenn ich mal Fußball schaue (ich bin diese Art von Fußballfan, der einfach immer für den Schwächeren ist. David gegen Goliat) hat als Werbepartner Wiesenhof, den Küken Zerschredderer. Zehntausende Fans tragen jeden Samstag das Wiesenhof Logo auf ihrer Brust und sagen auch damit, dass sie es in Ordnung finden, wenn die armen Küken geschreddert werden. Ne, sagen sie nicht, sagt jetzt so mancher, weil es damals schon Proteste gab. Aber es wirkt von außen so.
Wenn ein Außerirdischer Bremen Fans von der Ferne betrachten würde, könnte er es denken. Nun, glücklicherweise gibt es keine Außerirdischen. Jedenfalls glaube ich nicht daran. Und in Münster. Der Heimat. In Münster trägt man das Logo eines Personalvermittlers. Personalvermittler klingt schön. Menschlich. In Wirklichkeit vermieten sie Arbeitskräfte an Firmen, die keine Lust haben, sich fest Personal an die Hacken zu binden. Ne, dann lieber für zwei Monate Personalvermittlung und danach kann man den Arbeiter wieder aussortieren. Wie die Küken bei Wiesenhof aussortieren, ab in den Zerschredderer. Moderner Sklavenmarkt. Wie beim Fußball. Dort hat sich ganz offen ein Sklavenmarkt, sprich Transfermarkt gebildet. Nur die Fußballer verdienen mehr, als die armen Zeitarbeitskräfte, deswegen ist das okay. Für eine Millionen ist jeder gerne einmal Sklave.
Ich schweife wieder ab. Hier zwei Männer ohne Werbepartner, aber Vereinswappen. Was machen die beiden? Wo wollen sie hin? Fußballspieler? Soldaten auf Heimaturlaub? Oder Patienten einer Reha Klink auf dem Weg nach Hause? Ich entscheide mich für Soldaten. Ist mittlerweile ein sicherer Beruf. So ein Soldatenleben das ist lustig, so ein Soldatenleben das ist schön. Wenn man heute Pazifist ist, muss man aufpassen, nicht als asozial zu gelten.

Jetzt endlich: Der Zug fährt ein. Gleis 2. Intercity Richtung: Stuttgart. Fahrradmitnahme reservierungspflichtig, Bordbistro vorhanden. Heute in umgekehrter Wagenreihenfolge.
Im Zug eine Frau, die hektisch versucht die Tür zu öffnen. Angst, dass man mit ihr weiterfährt. Sie guckt nervös nach links und rechts. Sie ist eine Anfängerin als Reisende. Ein Schaffner kommt, beruhigt sie. Das dauert, bevor die Türen sich öffnen, sagt er. Er lächelt. Sie glaubt ihm nicht, rüttelt weiter an der Tür. Er lächelt immer noch. Dann öffnet sich die Zugtür. Die Frau schmeißt ihre Habseligkeiten aus dem Zug. Bloß raus, steht in ihrem Gesicht. Und nicht nur sie steigt aus. Überall strömen Menschen aus dem Norden aus dem Zug. Mancher mit mehrere Koffern, mancher nur mit einem kleinen Rucksack. Ich warte, bis der letzte ausgestiegen ist und springe selber mit einem sportlichen Satz in den Zug (eine Lüge), suche mir einen Platz, gucke, beginne zu schreiben. Nur eine Station. 25 Minuten. Aber trotzdem: Ich bin ein Reisender, einer der letzten Abenteurer. Der Weg ist das Ziel, auch wenn der Weg sehr kurz ist. Dann bin ich zu Hause. Oder fast.

Deutschlandreise #1

Siegen, 15.Oktober 2017. Wenn der Bahnhof die Visitenkarte einer Stadt und das Tor zur Welt ist ist, hat Siegen vieles falsch gemacht. Ankunft und Abfahrt lassen nichts Gutes von Stadt und Welt erwarten: Bahnsteig, Baustelle, dunkle Wartehalle. Ein beißender Uringeruch neben dem Fahrkartenautomat. Hier gibt es keine Wandelhalle mit 7 Tage Shopping Events, 24 Stunden pro Tag. Statt Gourmet Wurst bei Curry24 oder Fischbrötchen bei Gosch steht ein Süßigkeitenautomat in der Ecke, in dem man sich einen Schokoriegel ziehen kann.
Haben sie ´nen Euro? Ich brauch noch zwei Euro für ne Fahrkarte.“
Warum fragen sie dann nicht nach zwei Euro?“
„Häh?“
Bahnhofsvorplatz, Reisende, Trinker, Penner, Baustelle, Busbahnhof und Bahnhofsgastronomie. Lotus Garten, Café Bienenstich, Restaurant Akropolis, Pizzeria Roma und Mac Döner. Durch Siegen die Sieg. Goldener Herbstsonntag bei zwanzig Grad, Menschen am Fluß mit ihrem Coffee to go Becher, dahinter wie in jeder Stadt H&M, McFit und ein CineStar für die Blockbuster. Ich muss los.

Regionalbahn Richtung Essen Hauptbahnhof, 17:12 Uhr, Fahrradmitnahme begrenzt möglich. In Letmathe drei Jugendliche auf dem Bahnsteig. Zwei mit Schirmmützen, alle kurze Haare, Turnschuhe, Kopfhörer im Ohr. Starrer Blick auf ihr Smartphone. Einer wippt leicht mit dem Kopf, sitzt auf einem Stapel Gehwegplatten, breitbeinig, cool. Er ist jung, gesund, zu allem bereit. Die Zukunft macht keine Angst, ist noch offen. Vielleicht Bundeswehr, Auslandseinsatz Afghanistan (na, mal schauen, wo es brennt), GSG 9 oder Kampfsport beim Bruder im Budo Studio. Letztes Wochenende ein Mädchen gebumst. Das hat er in der Schule erzählt, dass er ein Mädchen gebumst hat.
„Wenn die Schlampe was anderes behauptet, lügt die“, sagt er. Alle gucken anerkennend. „Klasse, ein Mädchen bumsen“, sagen sie und lachen so blöd, wie Jugendliche eben lachen.In Holland heißen Jugendliche „pubers“. Lustig diese Holländer. Die anderen Jungs auf dem Bahnsteig Selbstbefriediger. Das dauert noch, denke ich. Sogar in Letmathe dauert das noch. Der Zug fährt weiter.

Hagen, 15:46. Halbe Stunde Aufenthalt. Vor dem Bahnhof ein großer Platz mit kleinem Springbrunnen, drum herum Jobcenter, Agentur für Arbeit, Dönerhaus und Graf von Galen Carrè mit Aldi, Kik und einer Postbankfiliale. Ein Denkmal erinnert an den Arbeiteraufstand von 1956 und den Fall der Mauer. Warum hier? Sicher hat man lange im Rathaus um das Mahnmal gestritten. Für und wider abgewägt, am Ende ein Kompromiss. Viele Ausländer auf Bänken aus Beton, Kinder spielen Fußball und Küsschen Kater. Das Bahnhofsgebäude mit großen Fenstermosaiken und Glockenturm. Hagen Bahnhof. Tor zur Welt, mehr Visitenkarte als der Siegener.
„Haben sie eine Zigarette?“
„Ne, Ist die Letzte.“
„Na klar. Trotzdem einen schönen Tag noch.“


Ich gehe zurück. Auf dem Bahnsteig noch eine Zigarette in der markierten Zone, Abfall eines ganzen Tages quillt aus den Mülleimern. Ein Fahrgast stellt seine Plastikflasche neben die Tonne, eine Dame versucht ihre leere Cola Dose auf den Müllberg zu drapieren und löst eine Lawine aus leeren Dosen, Zigarettenschachteln, Flaschen und Coffee to Go Bechern aus, unter der sie fast begraben wird. 19:22 Uhr. National Express Richtung Rheine über Münster. Fahrradmitnahme begrenzt möglich , Fahrzeuggebundene Einstiegshilfe vorhanden , Laptop-Steckdosen , Klimaanlage. Noch eine Stunde Fahrt. Der Zug brechend voll. Der Fahrgast neben mir liest auf seinem Handy, flucht zwischenzeitlich, vor mir ein Gespräch über Zahnmedizin, BWL und Kampfsport (scheint Mode zu sein). Man kennt sich vom Hochschulsport, Vollkontakt Kickboxen, der Lehrer ein harter Knochen. Zahnmedizin hat einen NC von 1.2, aber er ist mit einem Eignungstest nachgerutscht, sonst hätte er in Mainz studieren müssen. „Münster ist schon besser“, sagt er.

Münster, 20:22. Der neue Bahnhof wirkt hell, sauber. Vor wenigen Monaten war Eröffnung. Vor dem Eingang eine Gruppe Kurden, die Fahnen ihres politischen Führers schwenken. Ein Deutscher schimpft, dass man sie alle wegsperren sollte. Zwei Kurden schicken sich an, dem Deutschen ihre Meinung zu sagen oder mit Fäusten zu zeigen. Ein älterer Mann hält sie mit einer Handbewegung davon ab. Respekt vor dem Alter.
„Entschuldigen Sie, mein Herr. Darf ich Sie einmal kurz etwas fragen?“
„Ja.“
„Ich bin in einer Notlage und …“
„Heute nicht“

Müdes Abwinken und gehen. Ich steig aufs Fahrrad, fahre heim.

Angst stimmt rechts oder wenn die Bäume Lametta tragen.

Und hinter den Häusern geht die Spielo-Sonne auf…

Ach Kind, dein Opa hat damals auch schon den Herrn Hitler gewählt“, sagt die Oma zu ihrem geliebten Enkelkind, dem kleinen Jonas, und da werden doch alle ein wenig rot unter dem geschmückten Weihnachtsbaum. „Mutter, du sollst doch nicht Hitler vor dem Kind sagen. Der Junge versteht das doch noch gar nicht. Nachher sagt er das auch in der Schule. Und du weißt doch wie das da läuft“, sagt Thomas Förster, Vater des kleinen Jonas und Sohn der Oma. Die Neugierde des Knaben ist geweckt. Was soll er nicht verstehen? Wie läuft das in der Schule?

Oma, hat der Hitler nicht die Juden vergast?“ fragt der kleine Jonas, der nächstes Jahr aufs Gymnasium soll. „Hörst du das? So ein Blödsinn lernen die Kinder in der Schule“, sagt die Oma, zu dem Thomas, ihrem Sohn. „Und dazu zeigen sie dem Kleinen noch Fotos von Nackedeis und Schwulen“, erregt sich die Oma, so dass ihre Krampfadern zu pulsieren beginnen.

Mutter, reg dich nicht auf. Dein Adern pulsieren schon“, sagt der Thomas.

Aber auch der Vater des kleinen Jonas regt sich auf. Auch der Thomas hat Angst. Nein, sie haben alles, sie sind zufrieden und gesund, aber wie lange noch? Sie haben Arbeit, ein Auto, ein Reihenmittelhaus mit Carport, ein Kind (den kleinen Jonas), sind gesund und fahren dreimal im Jahr mit der ganzen Familie und der Oma ans Meer und im Winter zum Skifahren nach Oberösterreich. Sie sparen für das Kind und einen Amerika Urlaub (Rout 66) und Weihnachten feiern sie mit Oma, Lametta und einer dicken Gans. Alles ist gut. Aber wie lange noch? Sie haben Angst und Angst stimmt rechts. Und dieses Jahr kurz bevor die Bäume wieder Lametta tragen, hat der Thomas sein Kreuzchen gemacht. Der Thomas hat gewählt. Er hat es denen das oben gezeigt. „Du kommst ganz nach Opa“, sagte die Oma nach der Wahl zu ihrem Sohn. „Der wusste auch, was er machen musste, damit die Bäume auch morgen noch Lametta tragen.“

Noam Chomskys „Requiem für den Amerikanischen Traum“ oder Schweineöhrchen für Mutter – ein Buchempfehlung

Schweineöhrchen in ihrer charakteristischen Herzgestalt

 

Noam Chomskys „Requiem für den Amerikanischen Traum“ oder Schweineöhrchen für Mutter – ein Buchempfehlung

Ich bin Schweineöhrchenprofi. Ein Schweineöhrchen ist ein süßes Kleingebäck aus Blätterteig. Zur Herstellung wird zunächst Blätterteig auf reichlich Streuzucker ausgerollt und gefaltet. Anschließend werden die Stücke gebacken, der Zucker karamellisiert. Durch eine regional unterschiedliche Schweineöhrchenfaltung entsteht die typische Herzform des süßen Kleingebäcks. Die Größe der Schweineöhrchen variiert. In manchen Regionen haben sie fast Tellergröße. Wichtig: Nach dem Backen Schweineöhrchen mit Puderzucker bestreuen oder mit dunkler Kuvertüre überziehen. Während der Backzeit kann man gerne ein gutes Buch lesen, zum Beispiel Chomskys „Requiem für einen amerikanischen Traum“. Aber Achtung: Vergessen Sie nicht das süßes Kleingebäck aus ihrem Ofen zu nehmen, sonst sehen sie wie auch dieser Chomsky irgendwann schwarz.

Sonntag, 15 Uhr. Mit Kleinkind und Kleingebäck bei Mutter. „Ach Junge, was haben wir bloß falsch gemacht?“, fragt Mutter und guckt ernst über mein selbstgebackenes Schweineöhrchen. „Wir haben dich doch auch nicht anders erzogen als den Jens-Peter. Und der Jens Peter arbeitet jetzt in der Wirtschaft. In England, weißt du?“ Ich nicke. „Ich weiß“, sage ich. „Und der hat sich jetzt schon sein zweites Haus gebaut. In England und eines Amerika. Mit Carport. Und drei Kinder hat der Jens-Peter. Den Jens-Kevin, den Jens-Kelvin und den Jens-Melvin. Ja, und am Wochenende ist der Jens-Peter trotzdem immer bei seinen Eltern und hilft im Garten. Ach Junge, wann hast du denn das letzte Mal im Garten geholfen?“, fragt Mutter,und knuspert dabei sichtlich ohne Appetit an ihrem Schweineöhrchen rum (dabei ist Schweineöhrchen eigentlich ihr Lieblings-Gebäck). Aber bei dem Jungen, so steht in ihrem Gesicht geschrieben, vergeht ihr sogar darauf der Appetit.

Mutter, du hast doch überhaupt keinen Garten“, sage ich trotzig. „Ach Junge“, sagt Mutter, zieht sich für alle hörbar die Rotze in der Nase hoch und guckt traurig zu ihrem Enkelkind, meiner Tochter, was neben mir sitzt. Wie hat der Junge so ein wundervolles, hübsches Kind bloß hingekriegt, sagt ihr Blick. Sie hat sich nichts vorzuwerfen, aber was soll aus dem Kind bloß mal werden, also bei dem Vater. Das Kind, ein zweijähriges Mädchen, grinst. Es weiß auch nicht, was es mal werden will und wie ich es hingekriegt habe, und ich werde es meiner Mutter und dem Kind auch nicht verraten. Ich möchte auch nicht wissen, wie mich meine Mutter hingekriegt hat. Ganz sicher nicht.

Das Kind und ich sitzen bei meiner Mutter wie jede Woche in der Küche und wie jede Woche ich höre mir an, was ich alles in meinem Leben falsch gemacht habe. Eigentlich alles, so der Tenor. Sie liebt mich natürlich trotzdem, schon weil ich ihr Sohn bin und damit eben Familie. Familie ist wichtig, das Wichtigste. „ Da könntest du sogar bei diesen Grünen sein, dann würde ich dich auch noch lieben, Junge“, sagt sie gerade. Das sagt sie auch jede Woche, diese Sache mit den Grünen. Die Grünen sind der Mutter rotes Tuch, denke ich, putze mit einem weißen Tuch die Sahne von der Tapete, die das Kind gerade dahin geschmiert hat. Die Grünen, sie meint die neue Mitte, die gerade mit der FDP und CSU koalieren will, sind für meine Mutter immer noch Bombenleger, die ihre Rente streichen und uns in die Arbeitslosigkeit treiben wollen. Die gucken nur, dass alles teurer wird, sagt Mutter immer. Die gucken, dass alles teurer wird, sagt sie auch mit einem halben Schweineöhrchen zwischen den Mundwinkel heute wieder. Wenn am Montag die Milch oder die Kartoffeln wieder teurer sind, waren das, laut meiner Mutter, die Grünen. Und mit dem Geld pflanzen sie dann wieder einen Baum oder stellen dem Onkel Bernd ein Windrad vor die Haustür. Das haben die Grünen nämlich gemacht, dem Onkel Bernd ein Windrad vor die Nase gestellt. Onkel Bernd kann gar nicht mehr ruhig schlafen, weil das Windrad sich so laut dreht. Schon ganz krank ist der Onkel Bernd geworden. Und Tante Helga, die Frau von Onkel Bernd, muss sogar Medikamente nehmen, weil sie ganz bekloppt geworden ist. Wegen dem Windrad. „Und wie sieht das denn aus? Überall diese Windräder. Einsperren sollte man die, diese Grünen“, sagt Mutter, also heute beim Schweineöhrchen, ihrem Lieblingsgebäck und ihren Geschichten, ihren Geschichten über den Jens – Peter.

Ach Junge, was haben wir bloß falsch gemacht?“, fragt Mutter wieder. Dabei haben sie auf den ersten Blick gar nichts falsch gemacht. Ich habe eine Arbeit, sogar eine, die mir Spaß macht. Ich habe auch ein Kind, eine Frau und ein Geheinrezept für Schweineöhrchen. Aber mit dem Jens Peter kann ich nicht mithalten. Der Jens Peter hat nämlich Wirtschaft studiert. In England. Und jetzt arbeitet dieser Jens Peter bei einem Reifenkonzern im Büro und ist Chef und verdient sich den Arsch wund. Deswegen hat er auch Häuser. Eines in England und eines mit Carport in Amerika.

Das kann ich tatsächlich nicht sagen, dass ich mir den Arsch wund verdiene. Und Häuser habe. Ne, ein Fahrrad habe ich und einen Schrebergarten. Schrebergarten, die Villa des kleines Mannes.. Das ist eben der Unterschied zwischen dem Jens Peter und mir. Ich habe Philosophie studiert und einen Taxischein gemacht. Auch nett, aber nichts zum Arsch wund verdienen. Der Jens Peter hat Betriebswirtschaft studiert und ist jetzt Chef. Jetzt verdient der Jens Peter sich den Arsch wund – das macht Mutter immer, Artikel vor die Vornamen setzen. Ich hasse das – jetzt verdient der Jens Peter sich den Arsch wund, damit er sich noch ein drittes Haus kaufen kann. Mit Carport und Garten und sicher kriegt er auch noch ein biertes Kind. Mal ein Mädchen. Weil so einer hat genug Saft im Luststengel, der kriegt auch vier Kinder hin.

Mutter, ich arbeite auch nicht weniger als Jens Peter. Die Einkommensschere, die ist Schuld. “, sage ich in einer Lautstärke, die sogar der Tochter missfällt. Statt Sahne zu malen, fängt sie an zu heulen. „Sprich nicht so über den Jens Peter“, sagt Mutter. „Guck, dass Kind weint auch schon, weil du so schlecht über den Jens Peter redest.“ „Ach Mutter. Lass mich doch endlich mit diesem Jens Peter zufrieden.“ „Ach Junge. Bald wählst du auch noch die Grünen, was?“ Ach Mutter, denke ich und spreche wirklich lieber nicht.

Letztens habe ich von Noam Chomsky „Requiem für den Amerikanischen Traum“ gelesen. Da beschreibt Chomsky die Lächerlichkeit des Amerikanischen Traums. Vom Tellerwäscher zum Millionär, das gab es vielleicht mal. Jetzt gibt es das ganz sicher nicht mehr, sagt er. Er spricht über Amerika. Also dem Land, wo der Jens Peter sein zweites Haus mit Carport hat. Aber er könnte auch über Europa reden. Die Reichen und Mächtigen haben vor allem ein Ziel, nämlich noch reicher und mächtiger zu werden. Die Demokratie dient ihnen nur als Werkzeug, die Massen ruhig zu halten, ihnen das Gefühl zu geben, dass jeder den Aufstieg schaffen kann. Schweineöhrchen für alle. Ne, das ist laut Chomsky eine Blödsinn. Den gesellschaftlichen Aufstieg kann nicht jeder schaffen. Arm bleibt meistens arm. Die Klassen bleiben unter sich. Das war so, das ist so, das wird so bleiben.

Wenn man Philosophie studiert, kann man das ganz sicher nicht schaffen, sagt Mutter und da hat sie und der Jens Peter leider recht. Mit den Grünen hat das nichts zu tun. Die wollen leider auch schon lange keine gerechtere Welt mehr. Das Windrad ist hier nur noch Symbol. Aber den Traum einer besseren Welt, vielleicht sogar den alten amerikanischen Traum, das wir alle gleich sind, und es alle schaffen können, dass der Fahrstuhl durch die sozialen Schichten für alle offen ist, diesen Traum haben auch die Grünen begraben. Und Chomsky singt das Totenlied, den Abgesang auf den amerikanischen Traum. Ich glaube, dass ist die Botschaft des Buchs, denke ich und gucke traurig zu Kind und Mutter. Schweineöhrchen bleibt Schweineöhrchen. Arm bleibt arm und Schuster bleib bei deinen Leisten, sage ich und streichle der Tochter das Köpfchen.

Ach Junge“, sagt Mutter, streichelt mir das Köpfchen. „Ja, Mutter?“, frage ich, verwundert über so viel Zärtlichkeit. „Aber Schweineöhrchen, das muss ich dir lassen, Schweineöhrchen kannst du.“ Na, immerhin etwas, denke ich und beiße selber noch einmal in mein süßes Kleingebäck.

Noam Chomsky, Requiem für den amerikanischen Traum, Kunstmann Verlag, 2017

Über Eichhörnchen, TV Duelle und historische Momente

Europäisches Eichhörnchen vor zwei Restmülltonnen in Münster

Sonntag, 21 Uhr. Eichhörnchen sind Einzelgänger. Politik spielt für das Europäische Eichhörnchen keine Rolle. Wir schaffen das, sagte vor zwei Jahren die Kanzlerin. Heute ist der Satz ein historischer Moment. Für uns waren die Bilder bewegend, dem Eichhörnchen waren sie egal: Tausende machten sich in Ungarn auf und spazierten Richtung Deutschland. Kurz vor der Wahl gibt es jetzt ein letztes TV Duel zwischen Merkel und Schulz, den beiden Spitzenkandidaten der großen Volksparteien. Schulz erinnert an den Finanzwart oder Ordnungshüter der Schrebergarten-Anlage Gartenglück. „Ich danke Ihnen für dieses Frage. Wir müssen dem Europäischen Eichhörnchen seine Schranken zeigen.“ War dieser Mann wirklich einmal an der Spitze der EU oder kam er direkt aus Würselen mit dem Wochenendticket ins Willy Brandt Haus gefahren? Also wieder vier Jahre Raute und Mutter Beimer. Aber es gibt schlimmeres, denkt man und schaut ängstlich in die Türken, nach Ungarn, Polen, den USA, Nordkorea, halb Afrika, Jemen, Irak, Syrien, Saudi Arabien und und und… da bahnen sich gerade viele historische Momente an. Nur dem Eichhörnchen ist das egal. Es ist ein Einzelgänger. Nur zur Paarungszeit verfolgen die Männchen die Weibchen innerhalb der Baumkronen. Ansonsten streift der pelzige Freund alleine Wald und Flur. Für das Eichhörnchen gibt es keine historischen Momente.

Ein sehr wichtiges Interview mit zwei Stadtführer über die Skulptur Projekte

Münster, Montag, 16 Uhr. In einem unglaublich hippen Café in Münster treffe ich auf meinen alten Kumpel Klaus Vöstmann. Früher Slam Poet, heute nur noch Poet. „Die schreien immer soviel auf Slams“, sagt Klaus. „Nicht alle“, sage ich. „Aber viele.“ Ich nicke.

Er sitzt mit seiner Kollegin Julia zusammen bei Kaffee und Keksen. Beide machen seit Jahren Stadtführungen. Gerade machen sie Pause, da störe ich mit einem blöden Interview. „Hey!“, sage ich. „Was?“, fragt Klaus. „Wollen wir ein Interview machen?“ „Unbedingt.“ Und los geht es.

„Ein sehr wichtiges Interview mit zwei Stadtführer über die Skulptur Projekte“ weiterlesen

Über einen Kunstraub, kleine Aufreger und Benz, Bonin, Burr.

Benz, Bonin, Burr (2017)
Vorne: Benz, Bonin, Burr. Die Arbeit von Bonin und Burr ist mit das Beste auf unseren Skultur Projekten. Hinten: Moore; Museum, Menschen

„Unsere Henry“, sagen die Münsteraner zum englischen Bildhauer Moore, weil er mit Vornamen Henry heißt und letztes Jahr eine große Ausstellung im Landesmuseum war, wo seine Skulpturen gezeigt wurden. Und die Münsteraner haben gestaunt über soviel Bildhauerei. Denn das konnte unsere Henry: Große Skulpturen. Und wenn etwas so groß und schwer ist, muss es auch gut sein, denkt der Münsteraner und streichelt seinen Moore. „Über einen Kunstraub, kleine Aufreger und Benz, Bonin, Burr.“ weiterlesen

Tag 19 Skulptur Projekte – Über die Kaaba, Kunst und einen schwarzen Kubus

Bei meinem dritten Anlauf habe ich es endlich geschafft. Ich stehe in der ehemaligen Eishalle und existiere in der künstlichen Welt von Pierre Huyghe. Dabei ist auch heute die Situation wieder angespannt: Die Warteschlange vor dem Eingang lang, das Wetter stürmisch, die Aufsicht ein harter Hund, der trotz strömenden Regens niemanden Unterschlupf im Eingangsbereich gewährt. „Der Eingang muss frei bleiben. Bitte nicht die Kunst betreten. You destroy the art. You destroy the art“, schreit die Aufsicht und lässt auch die ältere, fußkranke Dame im Regen stehen, die ihn anfleht, sich unter das Regendach stellen zu dürfen. „Nein heißt nein“, seine Antwort auf ihr Flehen. Wie gesagt: Ein harter Hund. Ich denke, Student der sozialen Arbeit oder Primarstufe. Ein Sadist in Stoppersocken. „Tag 19 Skulptur Projekte – Über die Kaaba, Kunst und einen schwarzen Kubus“ weiterlesen

Tag 18 Skulptur Projekte – Über den Schlager, Kurzfilme und Videoinstallationen

Schlager gibt es in der Elephant Lounge. Der Club steht für ein gepflegtes Glas Whisky – Cola und leichte, aber korpulente Damen ab Vierzig mit Strasssteinen am Minirock. Hier zeigen die Barbara und der Benjamin eine 1-Kanal-Videoinstallation, also einen Kurzfilm, aber 1-Kanal-Videoinstallation klingt besser. In dem Kurzfilm geht es um die Liebe zum Schlager und der Flucht aus dem Alltag durch die Tagträumerei. Die Barbara und der Benjamin versuchen ironisch mit dem Thema umzugehen, deswegen auch die Wahl des bedeutungsschwangeren Clubs als Kurzfilm-Spielstätte. Die Clubbetreiber versuchen die Ironie mit Selbstironie zu begegnen, verkaufen Popkorn und bunte Getränke mit Strohhalm. Es wirkt alles sehr tragisch und kein bißchen ironisch. Außerdem riecht es furchtbar nach Klostein oder Urin. „Tag 18 Skulptur Projekte – Über den Schlager, Kurzfilme und Videoinstallationen“ weiterlesen