Notizen aus dem Reihenhäuschen – Schnee Blues

Eine Januarnacht. Es schneit. Der Schnee bleibt als dünner Flaum auf der Straße, dem Rasen, den Dächern liegen. Wie sehr hat sich das Kind in den letzten Wochen nach Schnee gesehnt? Jetzt schläft es. Morgen wird nichts von dem bisschen Weiß übrig sein.

Der Mann steht am offenen Fenster, raucht. Er hat die Lampen ausgemacht, guckt in die Nacht. Er friert. Seine Tochter ist jetzt fünf. Als sie zwei war, hatten sie mal genug Schnee, um Schlitten zu fahren, aber daran erinnert sich das Kind nicht mehr. Ein Bekannter, heute bekennender Corona Leugner, erzählte, dass alles vor dem dritten Lebensjahr in einem dunklen Babynebel verschwimmt. Da wissen die später nichts mehr von, sagte er auf einem Grillabend vor Corona. Ihr einziges Schneeerlebnis steckt in einem dunklen Babynebel, denkt der Mann am Fenster, raucht, friert.

Früher war mehr Schnee, da ist er sich ziemlich sicher. Er erinnert sich gut an die Schneemänner, Iglus, die Schneeballschlachten und die Schlittenfahrten auf dem Müllberg. Früher war ganz sicher mehr Schnee, flüstert er in die Nacht. Als Antwort weht ein eisiger Wind in sein Zimmer. Er zittert, drückt die Zigarette auf dem Fensterbrett aus, verriegelt das Fenster. Scheiß Klimawandel, sagt er und macht sich Licht und schließt die Augen.

Notizen aus dem Reihenhäuschen – Vergeben und verzeihen

Wir werden uns viel zu verzeihen haben, sagte am Anfang der Pandemie Jens Spahn. Fast ein Jahr später höre ich in der WDR Mediathek einen Podcast zum Thema Verzeihen. Die Expertin, eine echte Philosophie Professorin, erklärt, dass wir immer ein Unrecht zu verzeihen haben, ein Unrecht, was uns persönlich zugefügt wurde. „Verzeihen heißt, ein erlebtes Unrecht vergeben“, sagt sie mit einem im Radio nicht zu sehenden erhobenen Zeigefinger. Das hat sie an kleinen Unrechtsverstößen im Alltag untersucht, ein Buch sogar darüber geschrieben.

Auch der Radiomoderator, MC Jürgen Wiebicke, will was sagen. Er weiß von Situationen, wo das Opfer dem Täter vergeben will, dieser aber sich gar keiner Schuld bewusst ist. Manchmal ist es nur die Hafermilch, die man vom Supermarkt mitbringen sollte und vergessen hat. Ein anderes Mal ist es vielleicht der geheimnisvolle, neue Nachbar, der wirklich jedwedes Geschlecht und auch Tier den Kopf verdreht. Sogar die räudigste Katze der Straße schnurrt sich den Bart zottelig, wenn des Nachbars Schatten über den Asphalt fällt.

Wir werden uns viel zu verzeihen haben, dachten damals alle. „Aber war es denn wirklich Unrecht?“, säuselte der Eine, mauzte eine Andere. Und sie dachten jeder kurz an den Keller des geheimnisvollen Gegenüber. Das hatten sie alle nicht unter dem Haus vermutet. Stundenlang quälte er hier, quiekten sie dort. Zuckerbrot und Peitsche. Wenn das der Partner, die Frau, die Kita Mütter oder die Nachbarn wüssten? Sie hätte sich alle viel zu verzeihen. Aber Unrecht?

Notizen aus dem Reihenhäuschen – Das Kind glotzt TV

Mein Kind guckt kein Fernsehen“, sagt Jana, die Mutter von den Löwenmäulchen Juno und Jano . „Respekt“, sage ich. „Meins schon.“ Glücklicherweise ja eher die Regel als die Ausnahme, sich mit einer Netflix-Staffel Bibi und Tina ein bisschen eigenes Leben zwischen Bastelsternen und dem „für Kinder so wichtigem“ Einkaufsladen-Rollenspiel zu verschaffen.

Auf den Spielplätzen hängen Dutzende Elternzeit-Papas herum, die sich über die neuesten Staffeln Biene Maya, Eselchen Troto oder Patterson und Findus unterhalten.

Was? Du kennst „Mia and me“ nicht? Also… das ist so schön. Ein junges Mädchen, was mit ihrem Zauberamulett ins Elfenreich reisen kann und dort auf Einhörner reitend Abenteuer erlebt. Ach, meine kleine Edda liebt es. Und wir auch. “ (*blödes Lachen*)

Du, das merke ich mir.“ (*blödes Lachen 2*) „Da ist das Wochenende ja wieder gerettet. (…) Anna! Anna! Nimm deinen Finger aus dem Popo. Wenn es juckt, müssen wir das noch mal ordentlich sauber machen.“ (*blödes Lachen 3*)

Nicht selten sieht man die Leidenschaften auch auf dem T-Shirt gedruckt. Früher noch ein flottes Nirwana oder Metallica Shirt. Heute ein Bibi & Tina Männer-Shirt. Laut Zalando ein Muss für Ihn. „Mit Bibi & Tina & Amadeus & Sabrina solidarisiert Man(n) sich auf ganz besondere Art mit seinen Kids“, betont der Online Katalog.

Und hier auf dem Spielplatz trägt Man(n) gerne dick auf, denke ich. Vor allem wenn es mit der Alten zu Hause eigentlich gar nicht mehr läuft und man sich zwischen Kita und Spielplatz schon längst auf neue Entdeckungsreisen durchs Mutter-Land aufgemacht hat.

Ü40 ist jetzt auch nicht so geil

Früher war mehr Gekicher und Geflirte. Wenn ich mit meinem Fahrrad zur Arbeit fuhr, guckte man immer Mal in ein lächelndes Gesicht. Heute nicht mehr so. Eigentlich guckt fast niemand mehr und wenn, dann ist es eher dieser misstrauische Blick. „Ist das schon wieder so ein Corona Leugner?“ „Vielleicht sogar Impfgegner, Verschwörungstheoretiker, Reichsbürger, QAnon Anhänger?“

Für einen Single ab Vierzig ist es momentan schwierig. Unmöglich jemanden beim Radeln kennenzulernen. Die Meisten der Ü40 haben mittlerweile ihr Nest eingerichtet. Ein, zwei Kinder, Reihenhäuschen oder vielleicht sogar was Freistehendes auf dem Land (!). Hund, Katze, Hochbeet und mit den Nachbarn kommt man auch gut aus. Das gibt man doch nicht für ein Lächeln auf dem Fahrrad auf.

Eigentlich hat er oder sie oder ich oder du es doch auch gar nicht so schlecht getroffen. Ein Freund sagte mal, ihn würde schon der Papierkram von einer Scheidung abhalten. Hand hoch, wer noch, denke ich. Jedenfalls ist gerade eine schlechte Zeit für Partnerwechsel, auch wegen den Handgreiflichkeiten, die nie ohne Abstand gehen. In beide Richtungen.

„Früher war alles besser“, sagt man dann ab Vierzig. Ich denke, unter den Jüngeren, den unter Vierzigjährigen wird immer noch viel gelächelt und geflirtet. Hormon-Geysire, die dich aus der Pedale heben, dich zum Pendaloman machen, sind mehr „flirty flirty“ als Mißtrauen (Kack-Satz).

Misstrauen kennt kein Alter, aber im Alter, also ab Vierzig, kommt es häufiger vor, denke ich. Wobei ich die Anderen ab Vierzig meine. Nicht mich.

(„Du bist ja auch schon fast Fünfzig“, schreit eine Stimme aus dem Off. „Beweisen“, schreie ich zurück. Mist, denke ich. Also ehrlich.)

Doch ich auch. Misstrauen kann ich und Neid und Eifersucht, und manchmal hilft nur ein Lächeln, das ganze Misstrauen zu zerbröckeln. (Wieder Stimmen: „Du bist so ehrlich zu dir selbst.“ „Ui, ganz toll.“ Eine rosa Lämpchen geht an. Ich grinse doof.) „Papa, Po abputzen.“ Ich grinse doof. Ich bin zu Hause. Ein Kind sitzt auf meinem Klo, lächelt mich an. Es kennt noch kein Misstrauen, denke ich da noch. Aber auch das ist falsch.

Der heilige Martin hat da mal was programmiert oder Kita Laternenfest 2.0

Beim digitalen Kita Laternenfest werden die Kinder gefragt, was ihre Eltern beruflich machen. Alle Kinder dürfen etwas über das Zoom Fenster erzählen. Das ist Medienpädagogik für die ganz Kleinen, lacht die Barbara, die immer viel lacht. Mein Papa ist Geschichtenerzähler, sagt mein Kind stolz. Ach, Hartz 4, kreischt eine Mutter ins Internet. Hinter den Kacheln, die mit kleinen digitalen Laternchen geschmückt sind (ein Papa, der Martin (wer sonst?), ist Softwareentwickler und hat das mal programmiert), lächelt die Elternschaft und auch die Erzieher grinsen. Die anderen Kita Kinder gucken komisch und mein Kind grinst, weil es nicht weiß, was Hartz4 ist. Nur ich lache nicht. Lustiges Beruferaten mit Kind, Kachel und Laterne. Lehrer, Arzt, Softwareentwickler, Versicherungsmakler, Supermarkt Mitarbeiter und ein Geschichtenerzähler, der aber wegen Corona gerade auf Hartz 4 macht. Das denken alle, denke ich. Und ist ja auch richtig.

Ich verstecke mich hinter Autos 5

Hier verstecke ich mich zwischen einem weißen und einem schwarzen Auto. Es ist aber kein Schwarz Weiß Bild, weil man sonst gar nichts sehen würde. Zuerst war ich fest davon überzeugt, dieses Mal ein hundertprozentiges Versteck gefunden zu haben. Aber ich habe einfach diese elendig langen Beine. Die muss man erst einmal versteckt bekommen, die Beine.

Scheitern am Schloss

Isaac Newton saß 1666 unter einem Apfelbaum. Plötzlich gab es einen Windstoß und ein Äpfelchen fiel zu seinen Füßen. Newton ahnte, hier war was wichtiges passiert.
Andreas Weber stand 2020 auf einer kleinen Treppe. Plötzlich gab es einen Windstoß und ein Weberchen fiel von der Treppe.. Weber ahnte, hier war was wichtiges passiert.