Hoffmanns Büdchen (64) – Hoffmanns Kunden

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Gerade ist ein junger Mann in sein Büdchen gekommen, und nachdem der Mitte Zwanzigjährige „Ich bin gerne Mal lustig“ -Typ einen Schokoriegel und ein Politik Magazin erworben hat, gibt er noch ein bisschen Psyche zum Besten. Man kann sagen: Als Trinkgeld.

„ADHS, Herr Hoffmann. Kennen Sie?“ Herr Hoffmann verdreht innerlich die Augen. Wieder ein Kunde, der den Büdchen Betreiber für einen dösiges Stück Verkäufer hält, bei dem man seinen seelischen Müll abladen kann. Äußerlich bleibt der Büdchen Betreiber gefasst, er nickt. ADHS kennt er natürlich.

„Vor zwei Jahren hat man das bei mir diagnostiziert. Da habe ich einen Schrecken bekommen. Herr Hoffmann. Der war so groß“, sagt der junge Student vor seiner Theke und breitet seine Arme aus, damit Herr Hoffmann sich vorstellen kann, wie groß der Schrecken war.

„Hui, das ist groß“, sagt Herr Hoffmann. So langsam weiß er nicht mehr, wie er freundlich bleiben soll. Lange geht das nicht mehr gut, denkt der Kiosk Vorsteher.

„Dann die Medikamente. Retalin vor allem. Natürlich kannte ich die ganze negative Berichterstattung, den Missbrauch, die armen Kinder, und auf einmal bist du selber betroffen. Ich, Herr Hoffmann!“

„Sie. Ja, unglaublich“, sagt Herr Hoffmann und macht den Wackeldackel, immer wieder den Wackeldackel.

„Aber jetzt ist besser. Sogar mein Erguss hat sich wieder normalisiert“, sagt der Student (also Herr Hoffmann geht davon aus, dass es ein Student ist, auch wenn nicht darüber gesprochen wurde).

„Sehr gut. Das freut mich“, sagt Herr Hoffmann. Bitte gehen Sie endlich, denkt er in Wahrheit.

„Sehr gut? Was soll denn daran sehr gut sein? Also lustig war das nicht, das sage ich Ihnen, Herr Hoffmann. Das wünsche ich keinem, neben ner heißen Lady liegen und dann… nichts. Die wissen ja auch nicht, dass es am Retalin liegt. Da bist du gleich am Diskutieren, Herr Hoffmann. Warum er jetzt nicht hoch geht? Und ob das nur bei ihr passiert? Ob sie sich die Titten machen soll“, regt sich der Mann, Student, Mitte Zwanzig, auf.

Irgendwann ist gut, da kann auch ein Herr Hoffmann nicht mehr.

„Gehen Sie bitte. Sofort“, sagt Herr Hoffmann also. er ist so müde, so müde von diesem ewigen Gelabber.

„Was? Wieso?“ Der junge Mann guckt verwirrt. Sie reden doch so nett miteinander.

„Sofort. Oder ich rufe die Polizei“, droht Herr Hoffmann. Er spielt jetzt alle Karten aus. Er hat echt die Schnauze voll.

„Was? Die Polizei? Wieso das denn? Spinnen Sie, ich habe doch gar nichts gemacht.“ Der junge Mann begreift es nicht. Herr Hoffmann begreift aber. „Hauen Sie endlich ab mit ihrem ADHS und ihren Erguss und was noch alles. Das will ich hier nicht. Das ist ein ordentliches Büdchen, hören Sie.“

Herr Hoffmann hat sich Rage geredet. Seine Stimme wird lauter und lauter.

„Hauen Sie ab oder ich… ähh… Oder ich schreie“, schreit Herr Hoffmann.

„Also..“ will der Student noch sagen, aber das geht schon in einem lauten, legendärem, Schlagzeilen schreibenden – Geschrei unter.

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