Kategorie: Allgemein

  • Hoffmann Büdchen (#71) – Herr Hoffmann und das Erbeermarmeladenbrötchen

    Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Er isst ein Brötchen mit Marmelade und liest Zeitung. Viele Büdchen Betreiber lesen Zeitung. „Es bietet sich an“, erklärte Herr Hoffmann letztens einer Kundin, die sich wunderte, dass Herr Hoffmann immer Zeitung liest.

    Das Türglöckchen läutet genau, als Herr Hoffmann in sein Brötchen beißt. Er erschrickt und dann tropft auch noch Marmelade auf den Feuilleton. „Na, die kann ich nicht mehr verkaufen“, denkt Herr Hoffmann und legt die Marmeladenzeitung an die Seite.

    „Die können Sie aber nicht mehr verkaufen“, sagt eine Kundin noch in der Tür.

    „Guten Tag erst einmal. Sie wünschen?“, sagt Herr Hoffmann und denkt, dass manche Kund:innen einen sofort unsympathisch sind.

    „Ne BILD“, krächzt die Frau. An der lieblichen Stimme erkennt Herr Hoffmann die Verkäuferin aus der Bäckerei. Am Morgen pampte sie ihn an, weil er normale Brötchen bestellte. Das sind Weizenbötchen, sagte sie.

    „Hallo? Sprechen Sie meine Sprache? Ne BILD“, krächzt die Frau wieder.

    „Habe ich nicht“, sagt Herr Hoffmann.

    „Was?“

    „So etwas habe ich hier nicht“, wiederholt er. Das ein ganzer Stapel BILD Zeitungen direkt vor ihm liegt, geschenkt.

    „Da liegt doch ein ganzer Stapel“, sagt die Bäckereifachverkäuferin. Für sie ist das nicht geschenkt.

    „Ne, die sind bestellt. Die verkaufen wir nicht“, sagt Herr Hoffmann.

    Einen Moment überlegt die Kundin, was sie sagen soll. Dann dreht sie sich um, geht einen Schritt, dreht sich wieder um. „Wissen Sie, was sie sind?“ Herr Hoffmann weiß nicht, was er ist, aber er ahnt es. „Sie wissen nicht, was Sie sind? Ich sag Ihnen, was Sie sind: Ein Spinner sind sie“, sagt die Frau, dreht sich um, geht einen Schritt, dreht sich wieder um, will noch was sagen.

    Herr Hoffmann hebt die Hand.

    „Tschau mit V.“

    „Was?“, fragt die Frau.

    „Tschau mit V.“

    Wütend verlässt die Frau den Kiosk.

    Herrlich, denkt Herr Hoffmann. „Herrlich,Herrlich. “ Genüsslich beißt er in sein normales Brötchen mit Marmelade. Erdbeer. Erdbeermarmeladenbrötchen.

    Es tropft. Aber komm. Egal. Die Zeitung kann er sowieso nicht mehr verkaufen.

  • Herr Hoffmann – Außer Büdchen #1

    Herr Hoffmann außer Büdchen (#1)

    Herr Hoffmann ist beim Bäcker und möchte sich ein paar Brötchen kaufen, bevor er wieder von zehn Uhr bis zehn Uhr im Kiosk steht.

    [Herr Hoffmann wird folgend zur Vereinfachung „er“, die Bäckereifachverkäuferin „Sie“, ihre Kollegin „Sie2“ genannt.]

    Er: Guten Morgen. Zwei normale Brötchen bitte.

    Sie: Guten Morgen, unsere Brötchen sind alle normal.

    Er: Äh… ja, ich meine diese normalen Brötchen.

    [Herr Hoffmann zeigt auf die Weizenbrötchen]

    Sie: Das sind Weizenbrötchen.

    Er: Ja, meinetwegen. Zwei Stück, bitte.

    Sie2: Die Weizenbrötchen sind wirklich nicht normal.

    [Sie und Sie2 lachen. Herr Hoffmann guckt bescheiden.]

    Er: Ja, lustig,

    Sie: Ein Euro.

    Er: Mit Karte, bitte.

    Sie2: Zwei Brötchen mit Karte? Es wird immer schlimmer.

    Sie: [Zu ihrer Kollegin] Ich sag es dir. [Zu Herr Hoffmann] Kartenzahlung erst ab drei Weizenbrötchen.

    Er: Ich habe aber kein Bargeld dabei.

    Sie und Sie2 grinsen.

    Er: Ja, dann geben sie mir noch ein Normales.

    Sie: Ein was? Ein normales Weizenbrötchen?

    Er: Ja, natürlich.

    Sie2: Weizenbrötchen sind aus.

    Sie: Weizenbrötchen sind aus. Sie können noch ein Schweineohr haben.

    Er [verzieht das Gesicht]: Ich will aber kein Schweineohr.

    Sie und sie2 grinsen.

    Er: Sie sind doch wirklich nicht normal. Wiedersehen.

    Sie2: Tschau mit V.

    Sie und sie2 lachen.

  • Hoffmanns Büdchen #Episode70 #SchmunzelSchmunzel

    Hoffmanns Büdchen #Episode70 #SchmunzelSchmunzel

    [Die Folge, in der Herr Hoffmann nach ein paar Monaten wieder sein Büdchen aufmacht und Herr Ärmel den Büdchen Betreiber ehrlich glücklich begrüßt.]

    Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Ein paar Wochen hatte nun sein Kiosk geschlossen und heute, nach drei Stunden Kiosk, ist es, als ob er nie weg gewesen wäre.

    Herr Hoffmann ist wieder der Büdchen Mensch. Er war immer der Büdchen Mensch. Er wird immer der Büdchen Mensch sein.

    „Hoffmanns Büdchen, Denkerstübchen“, schmunzelt Herr Hoffmann und ist froh, wieder Schmunzeln zu können. Ihm war das Schmunzeln vergangen und noch vor ein paar Tage hätten er nicht gedacht, so bald wieder Schmunzeln zu können. Vor ein paar Tagen war es noch sein persönlicher Albtraum, der Büdchen Mensch zu sein.

    Das Türglöckchen läutet.

    „Ja, aber hallo“, ruft Herr Ärmel ins Büdchen.

    „Guten Tag, Herr Ärmel. Ja, auch hallo. Trotzdem machen Sie doch erst einmal die Tür zu, ich will nicht für die ganze Straße heizen“, meckert Herr Hoffmann seinen Kunden an.

    Herr Ärmel lacht.

    „Ganz der Alte“, sagt er und schließt hinter sich die Kiosk Tür.

    „So. Geschlossen…. Herr Hoffmann, ich, ach was… wir haben sie vermisst“, sagt der Stammkunde und tritt immer noch mit einem Grinsen an die Theke. „Herr Hoffmann, erst einmal, wie geht es Ihnen denn jetzt?“, fragt der Ruheständler und Hobby Philosoph, aufrichtig interessiert.

    Herr Hoffmann nickt nur. Was soll er sagen? Er konnte nie besonders gut mit Komplimenten umgehen. Und was heißt überhaupt, sie haben ihn vermisst? Haben sie ihn vermisst oder seinen Kiosk? Haben sie die Gespräche mit ihm vermisst oder den warmen Ort, wo die Nachbarschaft abhängen kann? Herr Hoffmann merkt, wie ihn wieder sein Selbstmitleid überrollt, seine Jammerei, die dazu führte, dass er eine längere Pause brauchte.

    Herr Ärmel lacht.

    „Herr Hoffmann, Herr Hoffmann. Ich sehe ihnen an der Nasenspitze an, was Sie denken.“ Herr Ärmel stützt sich auf der Theke ab, guckt Herr Hoffmann ernst an. „Wir haben Sie, Sie als Mensch vermisst, Sie, den alten Stinkstiefel, Sie, den Herr Hoffmann.“

    Herr Hoffmann guckt Herrn Ärmel fest in die Augen. Der Stammkunde grinst immer noch freundlich. Wirklich freundlich. Herr Hoffmann glaubt ihm und jetzt kann er ehrlich schmunzeln.

    „Schmunzel, schmunzel“, lacht Herr Ärmel. „So gefallen Sie mir besser, Herr Hoffmann.“

    Ja, so gefällt sich auch der Büdchen Mensch besser.

  • Wenn die Jungs nach dem Brot von gestern schnuppern.

    Wenn die Jungs nach dem Brot von gestern schnuppern.

    #Freitag. 9. Dez. Vor mir an der Kasse im Supermarkt vier Verbindungsstudenten. Ich glaube schlagend. Einer trägt Schärpe unter seinem Jacket. Trotz teurem, teilweise sogar geschmackvollen Zwirn haben die Jungs etwas altbackenes, trotz der jungen Jahre schnuppern sie nach dem Brot von gestern.

    Aber natürlich alles Klischee. Die Jungs in ihren Verbindungshäusern, mit ihren Trink- und Kleiderordnungen, Ahnengalerien und Haustraditionen. Alles Vorurteile. Dazwischen die Alten, welche mittlerweile selber die Strippen in Wirtschaft und Stadtpolitik ziehen. Nur Stereotype. Sabbernde Säufer, die den Jungs ans Knie und der Kellnerin an den Po greifen. Nur Gerüchte. Man verspricht sich Vorteile durch die Banden, erträgt dafür dämliche Witze der Ehemaligen.

    Und immer saufen. Saufen, Trinkspruch, saufen, kotzen, saufen. Saufen. Saufen, Trinkspruch, kotzen, schlafen, saufen.

    Nur Vorurteile?

    Die vier kaufen Schnaps, sind schnell weg.

    Alles Klischee.

  • Lesebühne, Poetry Slam, Moderation…

    Lesebühne, Poetry Slam, Moderation…

    Di 27.12 Lesebühne Die2

    Di 24.1 Lesebühne Die2

    Di. 28.02 Lesebühne Die2

    Di. 28.03 Lesebühne Die2

    Di. 25.04 Lesebühne Die2

  • Französich frühstücken im ICE

    Weihnachtszeit. ICE Münster – Koblenz. Frühstück im Bord Bistro. Croissants sind alle. Der Kaffee wird in Pappbechern serviert, da das Geschirr dreckig, die Spülmaschine kaputt ist. Mein bestelltes „Französisches Frühstück“ ist am Ende nur wenig französisch. Statt Croissants gibt es Mehrkorn-Aufbackbrötchen, statt Cappuccino einen Filterkaffee aus der Druckkanne im Pappbecher. Aber: „Mein Glas ist heute halbvoll“, jubel ich der Bahn Mitarbeiterin zu, die mir den To- Go- Becher vor die Nase stellt. „Ich lasse mir den Tag und mein Frühstück nicht verderben.“ Sie lächelt gequält. Ihr Glas war schon lange nicht mehr halbvoll. Eigentlich hat sie noch nicht mal Gläser.

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  • #Du gehst nice auf Techno Party und ich gehe wandern. #ERICH

    Statt Ortschild ein kaputter Condomat. Coerde wächst überproportional im Vergleich zu den anderen Stadtvierteln.

    Du gehst nice auf Techno Party und ich gehe wandern. Heute in Coerde. Ein Stadtteil im Norden Münsters. Meine Mutter wohnt in Coerde, braucht ihre Medikamente. Bei Doktor Anzeichener soll ich das Rezept abholen, in der Stadtteil -Apotheke gleich einlösen.

    In Coerde ist es immer ein wenig kälter als in den anderen Stadtteilen. Das ist die soziale Kälte, sagen die Münsteraner:innen, die sich eine Bleibe in der Innenstadt durch richtige Berufswahl, Erbschaft oder einfach Glück erschleichen konnten.

    Ich bin sogar in Coerde zur Schule gegangen. Nicht selten war die Tupperdose leer, bevor ich die sichere Schule erreichte. Das waren dann die Kinder aus Alt Coerde. Die schlimmsten, die miesesten Kinder kamen aus einer Familie. Die Familie war so berüchtigt, dass unsere Eltern sogar vor ihnen zitterten. Mein Papa wäre nie im Dunkeln nach Alt Coerde gegangen. Einmal bat ich ihn, mich frühabends vom Spielen abzuholen. Ich war bei einem anderen Schüler aus meiner Grundschule, Michael aus der Igel Klasse, auf den Geburtstag eingeladen. Aber mein Papa meinte, ich würde schon alleine nach Hause finden, er sei doch nicht lebensmüde und Kindern tun die nicht so schnell was. “Ach Papa”, dachte ich damals, “Du Schisser.”

    Ich dagegen hatte sogar einen aus dieser krassen Familie in meiner Klasse. Den Erich.

    Erich lernte ich allerdings erst in der Vierten kennen. Erich war nämlich sitzengeblieben. Schon zweimal. Als ich nach der Vierten die Grundschule verließ, hatte Erich das Schuljahr wieder verkackt. Aber die Schule wollte ihn auch nicht mehr, und so ließ man ihn ziehen.

    Erich. Er soll es bei der Bundeswehr versucht haben. Oder noch Härteres. Pazifist war er jedenfalls nicht. Ich aber. Soweit man in Coerde Pazifist sein kann (damals lernte ich, dass es verschiedene Arten von Pazisfismus gibt). Jedenfalls wollte ich so jemandem wie Erich nicht als Feind haben und prügeln wollte ich mich sowieso nicht, und so habe ich Erich Schutzgeld bezahlt. Nicht viel. Er sagte, es wären kleine Freundschaftsgeschenke, aber es war Schutzgeld. Hier man eine Ernte 23 vom Opa. Hier eine Reval von der Oma oder HB von Mama. Meistens brachte ich ihm Zigaretten mit. Andere Alkohol. Einer soll ihm sogar ein Mädchen gebracht haben, von der Hauptschule gegenüber. Sie hat Erich auf dem Mund geküsst. Erich.

    In den Pause kümmerte sich Erich um seine Freunde. Niemand sollte seine Freunde anrühren. Erich nahm seine Aufgabne serhr ernst. Nur die anderen Schüler:innen schikanierte er. Nur meine Mitschüler:innen quälte, beleidigte, haute er. Nur ihnen fügte er Schmerzen zu oder drohte damit, sie oder ihn nachts zu holen, in den Wald zu zerren und sie an einem Baum zu fesseln. Erich. Ach Erich.

    Wir glaubten ihm alle. Ohne Zweifel würde er das machten. Wir waren in Coerde. Das war Erich. Sogar mein Vater meinte, ich sollte jetzt mal nicht extra Streit suchen. Häh, extra Streit suchen. Papa?

    Ein paar Jahre später lese ich in der WN einen Artikel über durchschnittliche Schulabschlüsse in den einzelnen Stadtvierteln Münsters. Wer in Coerde aufwächst, hat es am Schwersten, steht da.

    Ich bin schon ein wenig stolz. Ich hab es geschafft. Ich bin aus dem Viertel rausgekommen. Aber heute, wenn ich zu Besuch bin, drehe ich mich immer noch vorsichtig um, horche, schwitze. Habe Angst. Vor Erich.

  • Es ist der Mensch.

    In meiner liebsten Wochenzeitung, der einzigen, die ich lese, Briefe zwischen Max Frisch und Ingeborg Bachmann (die in ihrem Nachhemd verbrannte).

    Eine Sensation, schreibt das Blatt.

    Widerlich, denke ich. Briefe, angelegt, um später, nach dem Tod, veröffentlicht zu werden. Zeilen, die von Liebe, Leidenschaft, den großen Dingen sprechen sollen, und nach den Leser:innen schielen, und dem späteren Denkmal.

    Jedes schmachtende Wort nur ein beschissener Schachzug.

    Man kann gar nicht soviel fressen, wie man fressen möchte.

  • Du gehst nice auf Techno Party und ich gehe wandern. #Petting statt Pershing.

    Heute war ich wandern. Ohne Ziel. Das ist doch gerade das Schöne beim Wandern: Kein Ziel haben. Heute bin ich ohne Ziel durch Münster gewandert.

    Münster zeigt gerade Solidarität. In Münster-Sprech: Münster zeigt Farbe. Überall wehen ukrainische Flaggen. Blau & gelb wohin man schaut. Aufkleber auf Windschutzscheiben, mit Fingerfarbe auf Kinderzimmerfenstern, auf Bettlacken mit Botschaft: Putin go Home. No War. Kein Krieg, No more war. Nie wieder Krieg. Je suis Ukraine. Wir sind Ukraine. Solidarität mit der Ukraine. Frieden. Dazwischen immer wieder gezeichnete Friedenstauben und Plakate, die auf Soli-Konzerte hinweisen. Wir spenden für die Ukraine. Wir sammeln. Wir helfen. Wir spielen. Wir musizieren.

    Einen kurzen Moment sehe ich nur noch blau-gelb. Wie das Sternchen Sternchen, wenn ich morgens zu schnell aufstehe. Aber das geht immer schnell wieder weg .

    Trotz meiner Sternchen: Hat da nicht jemand die blaue Papiertonne extra neben die gelbe Tonne gestellt? Oder hier: Die Osterblumen und diese blau-grünen Knospen. Das ist doch kein Zufall? Wer denkt dort nicht an den Krieg? Oder auch gesehen: Viel mehr Menschen tragen gerade blau- gelb. Das ist doch nicht alles Mode? Der Schal, die blau-gelben Socken. Das bilde ich mir doch nicht ein. Ne, ne. morgens im Halbschlaf entscheiden sich die Menschen für Solidarität mit dem Nachbarn.

    „Entschuldigen Sie, junger Mann. Entschuldigung.“

    Ich bin in den Achtzigern sozialisiert worden. Die Friedensbewegung mit ihren Ostermärschen und den Demos gegen die Atomkraft habe ich noch von der Seitenlinie miterlebt. Aber immerhin schon miterlebt. Petting statt Pershing fand ich super. Später habe ich verweigert und anderthalb Jahre Zivildienst geleistet. Das war eine wertvolle Zeit. Ich brauchte allerdings, um das zu erkennen. Das mit der wertvollen Zeit. Anfangs fand ich den Zwangsdienst vor allem anstrengend. Aber es war wertvoll. Rückblickend. Eine wertvolle Anstrengung.

    „Junger Mann! Entschuldigung.“

    Über ein paar weitere Banden und Ecken bin ich Pazifist geworden. So ein Echter, der lieber erst mal, über hundert Milliarden Euro reden möchte, und dann auch nur vielleicht aufrüsten oder meinetwegen ausrüsten.

    Pazifismus hat viele Gesichter. Mein Pazifismus schließt Gewalt nicht aus, da Selbstverteidigung oft kein bewusstes Handeln ist. Eher ein Reflex. Wenn Flucht nicht mehr möglich ist, greift das in die Ecke gedrängte Tier an. Mein Pazifismus schließt Krieg als Mittel der Politik aus. Nicht ultima ratio. Ultima irratio. Das ist von Willy Brandt. Zwei Monate nach meiner Geburt hat er den rausgelassen.

    Ansonsten: Reden. Labbern. Zeichen setzen. Nicht provozieren. Deeskalieren. Nicht drohen. Wer die ganze Zeit den Mund auf hat, schießt nicht. Na, ob das wahr ist? Vielleicht weil er am futtern ist. Wer futtert schießt schief. Oder?

    Es ist nicht leicht, auf das Leid des direkten Nachbarn zu schauen und ruhig zu bleiben, nicht zu drohen. Syrien empfanden wir durch die Bilder und Videos auf Facebook, Instagram und Co schon als sehr nah. Ein Aufschrei, echte Tränen, echtes Mitleid kam mit den ertrunkenen Flüchtlingskinder an griechischen Stränden. Heute: Die Einkaufsstraßen in Kiew sehen nicht anders aus als die in Münster. Gestern habe ich mir über Google maps Touristenziele in Charkiw angeschaut, später die in den Zeitungen die gleichen Gebäude nur zerstört. Bei einer Rosinenschnecke und Filterkaffee bastelte ich nachmittags Vorher- Nachher Bilder.

    Junger Mann! Wenn Sie nicht sofort…“

    Ich drehe mich um. „Entschuldigung?“ Hinter mir steht eine ältere Dame. Sie guckt mich mit hochroten Kopf an, zeigt vor mir auf den Bürgersteig.

    Ihre alte Kippe“, schreit sie, wedelt hektisch mit ihrem Zeigefinger am Boden herum. Da, eine Kippe.

    Aber das ist nicht meine“, sage ich. „Ich bin nicht schuld. Nie. Ich bin Pazifist. Wir wollen nicht schuldig werden.“ Die Frau zeigt mir einen Vogel, geht weiter. Meine Begründung scheint für sie bescheuert. Sie hat ja recht.

    Aber wenn wir so miteinander umgehen, flüstere ich und wandere ebenfalls weiter.

    In meiner blau-gelben Stadt.

  • Hoffmanns Büdchen (Episode 69) – Herr Hoffmann und der Rotzlöffel

    Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke.

    Das Türglöckchen läutet. Ein vorlautes Kind kommt in den Kiosk (Er kennt das Kind, daher weiß er Bescheid).

    „Hallo Herr Hoffmann“, sagt das vorlaute Kind.

    „Hallo, was darf es sein, junger Mann?“, sagt Herr Hoffmann freundlich. Auch ein Rotzlöffel ist Kunde, also König.

    „Hallo, was darf es sein, junger Mann?“, sagt nun auch der Junge.

    Herr Hoffmann guckt fragend.

    Der Junge guckt auch fragend.

    „Was?“, fragt Herr Hoffmann.

    „Was?“, fragt der Junge.

    Herr Hoffmann guckt leicht genervt zum Jungen runter.

    Der Junge guckt leicht genervt zu Herrn Hoffmann rauf.

    „Soll das witzig sein?“, fragt Herr Hoffmann.

    „Soll das witzig sein?“, fragt der Junge.

    „Sehr lustig. Haha“, meckert Herr Hoffmann.

    „Sehr lustig. Haha“, meckert der Junge.

    Gerade will der Geduldsfaden von Herrn Hoffmann reißen, da geht erneut das Türglöckchen.

    Herr Hoffmann guckt zur Tür. Der Junge dreht sich um, guckt zur Tür.

    Eine Schwangere betritt den Kiosk. Schnell zeigt sich: Es ist die Mutter.

    „Mutter?!“, sagt der Junge.

    „Junge“, sagt die Mutter.

    „Endlich“, flüstert Herr Hoffmann.

    Die Mutter kauft zwei Flaschen Klaren, eine Stange Tabak.

    Herr Hoffmann guckt auf die junge Mutter, wie man auf eine junge, schwangere Mutter schaut, die gerade Tabak und zwei Flaschen Klaren gekauft hat.

    „Und? Vorurteile?“, fragt die Schwangere, also Mutter des Kindes.

    „Ich?“, fragt Herr Hoffmann. Er ahnt, wie blöde dieses „Ich“ klingen muss.

    „Sie“, sagt auch nur die Frau. Sie findet, Herr Hoffmann klingt sehr blöde.

    „Du“, sagt auch der Junge. Beide gucken zu Herrn Hoffmann. Die Mutter anklagend, der Junge belustigt.

    „Für meinen Mann.“, erklärt die Mutter.

    „Für Papa“, sagt der Junge. „Sonst schlägt er wieder, sagt er noch. Die Mutter nickt. Dann verlassen sie den Kiosk.

    Herr Hoffmann bleibt alleine zurück.

    „Schlagen?“, flüstert er. „Meinen die das ernst?“

    „Nein“, hört er draußen das Kind rufen. Herr Hoffmann erschrickt.

    „Scheiß Kinder“, rutscht es ihm raus.

    „Scheiß Herr Hoffmann“, schreit draußen ein Kind.

    Vielleicht sollte Herr Hoffmann heute tatsächlich mal früher schließen.