Hoffmanns Büdchen (53) – Und was hörst du so?

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke und sucht im Internet nach Musik von ZZ Top. Gestern hat er eine Doku über die Band aus Texas gesehen. Viele Songs hatte er gar nicht mit ZZ Top in Verbindung gebracht. Bärte hatte er mit ihnen in Verbindung gebracht, sonst nicht viel.

Heute sucht er umsonst die Genialität, die er gestern Nacht gesehen und gehört hatte. Nach ein paar für ihn langweilige Musikvideos klappt er sein Laptop zu und kommt wieder ins Grübeln. Noch nie war er besonders Musik begeistert. Seine Plattensammlung konnte er an zwei Händen abzählen, bei einem Umzug hatte er sie dann sogar vergessen. Auf die Frage, was er denn für Musik höre, ist seine Standard-Antwort „Ach, alles mögliche“. Interessanter macht die Antwort nicht.

„Aber wer will schon interessant sein, wenn er Büdchen Betreiber werden kann“, sagt Herr Hoffmann zu sich selber und lacht komisch. Komisch komisch. Verkehrt.

Manchmal könnte ich einfach drauf losheulen, denkt Herr Hoffmann, da geht das Türglöckchen und verhindert das Denken und ein Tränenmeer. Es ist Paket Paul.

Hoffmanns Büdchen (52) -Lukas erklärt die Welt: Fußball, wahre Liebe oder das Spiel ist aus

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Es ist Samstagsabend und vor der Hoffmannschen Auslage, den Schokoriegeln, Kaugummis, kleinen Chipstüten, Ü-Einern und und und … steht Lukas. Er war am Nachmittag im Station und erzählt begeistert vom Preußen Spiel.

„Lukas, mich interessiert Fußball nicht“, sagt Herr Hoffmann ehrlich. Er muss noch die Steuer machen und hatte gehofft, wenigstens am Abend anfangen zu können.

„Sollte dich aber interessieren“, fordert Stammkunde Lukas.

„Wieso?“, fragt der Büdchen-Betreiber. Vielleicht die falsche Frage, denkt Herr Hoffmann, womit er Recht behalten wird, Lukas beginnt die ganz große Erzählung auszupacken.

„Ach Herr Hoffmann“, startet er harmlos. „Nachmittags mit einem Bierchen und einer Bratwurst in der Kurve stehen, war, ist und wird immer etwas besonderes sein.“ Lukas zeigt mit dem Kopf seiner Bierflasche auf Herrn Hoffmann. „Was meinst du, wieviele Väter ihre kleinen Stupse mitbringen?“ Herr Hoffmann zuckt mit den Schultern, er war seit Jahren nicht beim Fußball.

„Mit leuchtenden Augen feuern die Kleinen mit Papa ihre Mannschaft an. Da möchte man auch Kinder kriegen“, lacht Lukas.

„Lukas, komm auf den Punkt,“ drängelt Herr Hoffmann.

„Und wenn die andere Mannschaft, der Gegner, der Gegenspieler, die Anderen ein Tor schießen, foulen oder nur zu schnell für unsere Jungs laufen, wird im Block gejammert, geheult geschrieen und böseste Beschimpfungen zum Gegner gebrüllt. Da stirbt auch mal die Mutter, die sowieso ne Hure ist und der Spieler ein Bastard. Ein schwuler Hurenbastard. Und da schreit dann auch das Kind: Ey, du schwuler Hurenbastard. Und Papa ist stolz auf den kleinen Bub“ Lukas grinst.

„Lukas, mach hin.“

Herr Hoffmann sieht immer noch nicht, was ihn daran interessieren sollte.

Lukas trinkt noch einen Schluck, dann erzählt er weiter.

„Herr Hoffmann, hör doch zu. Teilweise ist das ein Fußballkrieg und du, der Fan, bist Teil dieses Spiels, nur ein kleiner Bauer, aber du gehörst dazu, trägst die gleichen Farben wie deine Jungs, feuerst sie an, singst sie Richtung Tor, liebst, leidest mit ihnen, weinst und brichst vielleicht sogar kläglich zusammen.“

Lukas bückt sich, fällt spielerisch in sich zusammen und schaut hoch zu Herrn Hoffmann, zeigt mit einer jammervollen Fratze wie man guckt, wenn das Spiel verloren scheint.

„In den 90 Minuten, da ist alles anders.“ Lukas macht eine Kunstpause.

„Und dann ist das Spiel vorbei und vielleicht jammert der ein oder andere noch bis zum Ausgang und meinetwegen auch noch bis zum Stammkneipe. Aber weißt du was, Herr Hoffmann?“

Herr Hoffmann schüttelt den Kopf. Also er weiß, dass er gerne noch ein wenig Steuer machen möchte, das weiß er.

„Danach legst du das ab. Das Spiel ist aus. Ich bin wieder Lukas und du bist wieder Herr Hoffmann und nicht irgendein Avatar, der eine Woche durch die Stadt läuft, sich ärgert, jammert, weint, die gegnerische Mannschaft verflucht und ihre Fans jagt, wenn er sie sieht. Hörst du: Das Spiel ist aus.“ Lukas schaut jetzt ernster. Er nimmt seinen Fan-Schal ab, faltet ihn langsam zusammen. Achtung Stimmungsaufbau, denkt Herr Hoffmann. Das wird nichts mit der Steuer, befürchtet er langsam.

„Aber für diese Spastis hört das Spiel nie auf. Die sind in jeder Sekunde Fan und sie schreien, jammern, weinen die ganze Woche weiter. Und zwischenzeitlich verhauen sich diese Hooligans gegenseitig, und wenn keine da sind, irgendeinen Unbeteiligten, der mit Fußball noch nicht mal, was am Hut hat.“

Jetzt regt Lukas sich richtig auf. Seine Stimme wird schneller und lauter und seine Ohren verfärben sich rosa.

„Und wenn dann wieder Weltmeisterschaften oder Europameisterschaften sind, kann sich der ganze Hass auf die anderen Länder übertragen und die Menschen dort. Dann darf man die ganze Welt verkloppen, weil das ja alles Gegner sind. Feinde. Diese Typen raffen es echt nicht. Sie merken nicht, dass das Spiel schon lange aus ist. Da funktioniert doch bei denen was nicht. Warum sagt den keiner mal…“ Lukas brüllt den letzten Satz raus: “Das Spiel ist aus, ihr Penner.“

Da läutet das Türglöckchen. Es ist Paket Paul (ein Stammkunde und eben der Paketbote. Herr Hoffmann hat eine DHL Paketstation im Kiosk. Lohnt nicht).

„Das Spiel ist aus? Alles in Ordnung“, fragt er, guckt neugierig auf Herrn Hoffmann und Lukas.

„Fußball“, sagt Herr Hoffmann.

„Nein, nicht Fußball, Herr Hoffmann. Alles. Wenn ich aus dem Station gehe, ist das Spiel aus. Und wenn so ein rechter Affe in der Fußgängerzone Ausländer jagt, weil Deutschland gerade gegen meinetwegen die Türkei verloren hat, dann rafft er nicht, dass das Spiel aus ist.“

Paket Paul mischt sich ein.

„Olé, olé, oje!“ Er grinst und geht an den beiden vorbei zu seinen Paketen.

„Das ist nicht witzig“, möffelt Lukas hinter ihm her.

„Oje“, sagt Paket Paul.

Er hantiert einen Augenblick zwischen seinen Paketen rum. Dann kommt er an die Theke und öffnet seinen DHL Windbreaker („Ein ganz hübsches Teilchen“, sagt Günter, ein anderer Stammkunde). Paket Paul steht im Trikot vor den beiden Anderen. Stolz dreht er sich um: „1 FC Gartenglück, meine Mannschaft. Nächste Woche geht’s gegen die Kleingärtnerinnen von Teutonia Münsterblick. Gemischte Mannschaft. Aber wenn ich die vorher sehe…“ Paket Paul droht spielerisch mit der Faust.

Herr Hofmann schmunzelt. Lukas ist noch unentschlossen, ob er es witzig findet.

Paket Paul haut Lukas freundschaftlich auf den Oberarm.

„Hast ja Recht“, sagt er. „Nur… Wahre Liebe hört nicht am Stadiontor auf.“

In Münster hat sich einmal ein Schwan in ein schwarzes Tretbott verliebt, unglücklich verliebt.

„Wahre Liebe ist manchmal sehr einseitig“, flüstert Herr Hoffmann leise. „Wohl war“, antworten seine beiden Stammkunden.

Hoffmanns Büdchen (51) – Liebe Schüler und Schülerinnen, fickt euch!

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Er dreht sich um, guckt auf die weiße Wanduhr, ein altes Werbegeschenk der Becks Brauerei. „Kack Bier“, flüstert Herr Hoffmann. Jedenfalls ist es 11:14 Uhr. Er hat noch Zeit, noch eine Minute. Auch wenn das Bier kacke ist, geht die Uhr seit Jahren genau. „Für so eine ausgefuchste, weiße Plastik-Wanduhr geht sie super“, flüstert Herr Hoffmann zu sich selber (Büdchen-Talk nennt er diese Art Selbstgespräche).

Noch eine Minute, dann haben die Schüler Pause, rennen ihm die Bude, also das Büdchen ein. Sie klauen, kaufen, lachen, rauchen, verarschen sich und ihn und entschuldigen sich dafür. Manchmal. Manchmal auch bei ihm. Und hier und da passieren Geschichten. Nicht immer die großen Aufreger, aber Geschichten.

Einmal hat ein Junge, Max hieß er, aus der Achten, ein Mädchen aus der Neunten gefragt, ob sie mit ihm gehen will. Herr Hoffmann war überrascht über den Mut. Er hätte sich das mit fünfzehn, sechzehn nicht getraut, aber der Büdchenbetreiber hatte auch erst mit Siebzehn seine erste Freundin, eben weil er sich nicht traute. Jedenfalls fand er diesen Max mit seiner Anmache sehr mutig.

„Und so klassisch“, flüsterte er damals, wusste aber auch nicht genau, was er mit „klassisch“ meinte. Die Neuntklässlerin fand Max aber nicht so klassisch oder zu klassisch. Sie wollte nicht. „Du bist in der Acht. Verpiss dich“, sagte sie und dann lachte sie doof, also Max doof aus.

Herr Hoffmann litt damals mit dem Jungen. Die blöde Pute, dachten beide. „Was ne Fotze“, sagte Max. Herr Hoffmann konnte ihm leider nur zustimmen, sagte aber, dass man keine Frau als Fotze beschimpfen sollte. „Fotze sagt man nicht“, sagte er zu Max, und dieser Max grinste. „Sie sind echt auch ne Fotze, Herr Hoffmann“, erwiderte er böse.

„Und du wirst nie eine Frau abkriegen. Hörst du NIE!“, wollte Herr Hoffmann sagen, lächelte aber nur doof. Herr Hoffmann hätte sich am Liebsten selber ins Gesicht geschlagen. Erst diesem Schüler, diesem Max, und dann sich selber ins Gesicht schlagen, aber stattdessen grinste er, wie gesagt, doof. „Du auch Max“, sagte er. Der Schüler schüttelte nur den Kopf. „Echt, Herr Hoffmann, du bist echt ne Fotze“, sagte er noch einmal und ging mit einem fetten Grinsen raus.

Hoffmanns Büdchen (50) – Herr Ärmel muss Rauchen

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Draußen regnet es. Es ist früher Nachmittag und Herr Hoffmann überlegt, ob er in seinem im Büdchen das Licht anmachen soll. „Am Nachmittag“, flüstert Herr Hoffmann ein wenig Niedergeschlagen. Man spürt den Herbst in jeder Ecke. Der Büdchen Betreiber spürt ihn, den Herbst, in jeder Ecke.

Das Türglöckchen läutet. Es ist ein Stammkunde. „Der Herr Ärmel“, sagt Herr Hoffmann freundlich. Herr Ärmel ist für Herrn Hoffmann immer ein Sonnenschein und vor allem an Regentagen, an ersten Herbsttagen „Guten Tag, Herr Hoffmann“, grüßt Herr Ärmel wie immer höflich, und tritt mit seinem liebevollen Herr-Ärmel-Lächeln an die Theke. „Herr Hoffmann, verkaufen Sie eigentlich immer noch Zigaretten? Ich meine einzelne Zigaretten?“ Herr Hoffmann wird leicht rot. „Also…, äh…, das habe ich mal gemacht, aber…“ Herr Ärmel lächelt. „Keine Angst, ich will Sie deswegen ganz sicher nicht verurteilen. Ich brauche nur eine Zigarette. Eine.“

Herr Hoffmann guckt immer noch ertappt. An die Schülerinnen der Schule gegenüber verkauft er in den Pausen einzelne Zigaretten und macht dadurch ein paar Euro extra. „Herr Hoffmann, ihr kleines Extra Geschäft ist mir wirklich ganz egal, ich brauche einfach eine Zigarette. Verkaufen Sie mir eine, oder nicht?“

Herr Hoffmann greift unter die Theke. „Welche Marke?“, fragt er immer noch etwas unsicher. „Eine Starke“, antwortet Herr Ärmel ernst. „Ist was passiert?“ Herr Hoffmann sucht eine Zigarette raus und reicht sie Herrn Ärmeln. „Hier. Geschenkt.“ „Danke, Herr Hoffmann.“

Herr Hoffmann wartet, ob Herr Ärmel von selber beginnt, zu erzählen, aber, der für viele im Viertel seltsame Kauz lächelt nur, geht raus und raucht in Ruhe seine „eine“ Zigarette.

Erst als er fertig ist, kommt er wieder in den Kiosk und beginnt, zu erzählen. „Entschuldigen Sie, das musste jetzt sein. Ich liebe diesen leichten Schwindel, den man hat, wenn man raucht. Wissen Sie, früher habe ich genauso viel geraucht wie Günter.“ „Der nette Nazi?“, Herr Hoffmann lächelt. „Na, ob der nett ist? Jedenfalls habe ich genauso viel geraucht. Der Job, wissen Sie? Als Architekt stand ich immer unter Strom. Hier ein neues Projekt, dort eine Ausschreibung. Dann die Existenzangst, wenn keine Aufträge da waren. Erst beim Bauordnungsamt habe ich die Kurve gekriegt. Wissen Sie, auf einmal fing die Angst an. Die Bildchen auf den Schachteln haben ihr übriges getan.“

Herr Hoffmann nickt. Er kennt das Gefühl. Auch Herr Hoffmann hat jahrelang geraucht und dann Panik bekommen. Er war ein richtiger Hypochonder. Nach jeder Zigarette glaubte er, die Metastasen in sich blühen zu spüren. Jeder Stich in seiner Seite war Lungenkrebs, jedes Kribbeln in den Beinen, der Anfang eines Raucherbeins.

„Und wie haben Sie es geschafft? Einfach aufgehört?“, fragt Herr Hoffmann. Herr Ärmel winkt ab. „Ne, nicht einfach aufgehört. Das ging bei mir über zwei, drei Jahre. An guten Tagen: Aufhören. An schlechten Tagen: Wieder anfangen. Dann Schuldgefühle, Furcht vor Krankheiten, wieder aufhören und ein paar Tage später die nächste erste Zigarette. Es war furchtbar. Kennen Sie das Buch Endlich Nichtraucher?“ Herr Hoffmann kennt es. Zweimal hat er es gelesen. „Und hat es bei Ihnen geklappt?“ Herr Hoffmann schüttelt den Kopf. „Bei mir auch nicht. Ich habe nachher mehr geraucht als zuvor. Also für mich war das nichts.“

„Und dann?“ Jetzt ist Herr Hoffmann doch neugierig. Wie so viele hatte er auch seine Rauchervergangenheit. „Die harte Tour. Ich wurde krank. Herz. Glücklicherweise war es nur ein Warnschuss. Aber nach ein paar Tagen Krankenhaus und der Ansage einer Ärztin, dass ich mir jetzt überlegen dürfte, ob ich noch ein paar Jahre weiterleben oder ob ich mir schon den Grabstein aussuchen möchte, habe ich es geschafft.“ Herr Ärmel lacht bitter auf. „Später hörte ich, dass sie mit meinem Herz ganz schön übertrieben hat, also die Ärztin, aber da war ich über den Berg. Ich habe ihr sogar einen Blumenstrauß als Danke schön geschickt. So ein Quatsch“

„Und heute fangen Sie wieder an?“, fragt Herr Hoffmann ironisch. „Nein“, Herr Ärmel lächelt. „Nur…es gibt so Tage, wissen Sie, da will man ausbrechen. Irgendwie raus aus seinem Körper. Kennen Sie das?“ Herr Hoffmann überlegt, aber Herr Ärmel wartet gar nicht auf seine Antwort. „Am Liebsten würde ich mir heute Opium in die Halsschlagader spritzen, aber ich habe Angst vor Spritzen und eigentlich auch vor Opium.“ „Das ist ja blöd“, sagt Herr Herr Hoffmann. „Ja, das ist ja blöd“, sagt Herr Ärmel nur. „Auf Wiedersehen, Herr Hoffmann.“ „Herr Ärmel.“ Herr Hoffmann bleibt ohne eine richtige Antwort zurück. Opium spritzen? Ein seltsamer Geselle, der Herr Ärmel. Oder hat Herr Hoffmann irgendwas im Viertel verpasst?

Hoffmanns Büdchen (47) – Günter, der nette Nazi

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. „Die Theke ist auch antifaschistischer Schutzwall“, denkt er gerade und hört Günter, soweit es geht, zu. Günter: Ende fünfzig, Anfang sechzig, starker Raucher, Zigarillos, nicht dumm, aber politisch sehr weit rechtsaußen.

„Herr Hoffmann, weißt du eigentlich, was ich damals gemacht habe? So beruflich in deinem Alter oder noch früher?“ Günter lacht auf. Er gehört schon zu der Gattung Mensch, die am Meisten über ihre eigenen Witze lachen können. Dann schaut aber sofort wieder ernst, sehr ernst zu Herrn Hoffmann über die Theke. „Wie ist eigentlich die männliche Form von Politesse“, überlegt Herr Hoffmann. Er kommt nicht drauf. „Ich weiß es nicht, Günter“, sagt er.

Noch einen kurzen Moment lässt Günter die selbstaufgebaute Spannung steigen. Vielleicht doch noch eine Werbepause? Nein.

„Taxifahrer“, sagt Günter.

„Es ist raus. Taxifahrer“, denkt Herr Hoffmann. „Lustig“, sagt der Büdchen Betreiber nach einer Weile. „Taxifahrer also.“ Was anderes fällt ihm auf Günter tolles Beruferaten nicht ein.

„Abgeschlossenes Politikstudium, danach Taxischein, zwanzig Jahre Nachtschicht, zwanzig Jahre Single, lieber Herr Hoffmann.“

Herr Hoffmann nickt. Taxifahrer also. Immer alleine, irgendwann an der falschen Stelle abgebogen. Heute ist Günter für das Viertel nur noch der rechte Giftzwerg.

Herr Hoffmann weiß genau, wie sich „allein sein“ anfühlt und an was für schräge Orte einen die Fantasie tragen kann.

„Ich weiß wohl, dass mich alle für einen rechten Giftzwerg halten. Hier, dein Stammkunde, dieser Student, Lukas, der hat mich doch letztens sogar bei dir im Büdchen als Nazi bezeichnet.“

Herr Hoffmann starrt auf Günter, ohne dazu etwas zu sagen. Er erinnert sich noch genau an das Gespräch, den Streit. Schön war das nicht. Herr Hoffmann fragt sich allerdings, warum Günter ihm das alles erzählt. Gefragt hat er nicht danach.

„Und weißt du was, Herr Hoffmann?“ Günter kommt einen Schritt näher zur Theke. Herr Hoffmann weiß nicht.

„Was?“, fragt der „Herr des Kiosk“, dreht sich dabei zur Wanduhr um, die hinter ihm neben dem Zigarettenregal hängt. Ein Becks Gold Vertreter hat sie ihm geschenkt. Herr Hoffmann wollte sie immer mal wieder austauschen, aber sie läuft noch. Herr Hoffmann mag keine Verschwendung. Das Werbegeschenkt jedenfalls zeigt, dass bald gegenüber an der Schule Große Pause ist. Dann stürmen die Schüler und Schülerinnen wieder in seinen Kiosk und die Zeit zum Plauschen ist vorbei.

„Zu Recht, lieber Herr Hoffmann. Zu Recht.“ Günter lehnt sich über die Theke. Herr Hoffmann muss einen Moment überlegen, was Günter meint. Er geht einen Schritt zurück und prallt leicht gegen das Zigarettenregal.

„Herr Hoffmann, wir müssen wieder lernen, die eigenen Hütte sauber zu halten. Das geht nicht, wenn hier jeder reinkommt und macht, was er will. Ich weiß, dass darf man nicht mehr sagen, aber…“

Jetzt weiß Herr Hoffmann wieder, worum es geht.

„…aber wir brauchen Strukturen, Ordnung, eine starke Hand, Persönlichkeiten, die wissen, wie man der Jugend wieder Tugenden und Ideale mitgibt. Lieber Herr Hoffmann, Friede, hörst du, Friede ist nur der Zustand zwischen zwei Kriegen“, sagt Günter, am Ende seines Vortrags angekommen. Günter schaut Herrn Hoffmann durchdringend, auch neugierig an, als ob er auf seine Sätze eine Antwort haben will. „Eine Bestätigung vielleicht noch“, denkt Herr Hoffmann.

Doch dazu kommt es glücklicherweise nicht mehr. Das Türglöckchen des Kiosk läutet und eine Scharr junger Schülerinnen und Schüler überfällt seinen Laden.

„Maske auf. Nur zwei Kunden gleichzeitig. Wenn du das Heft lesen willst, musst du es kaufen,“ schreit der Büdchen Betreiber zwischen den Heranwachsenden. Günter lächelt. Er grüßt noch einmal über die Theke und verabschiedet sich.

Ein paar Minuten später steht auch Herr Hoffmann wieder alleine in seinem Büdchen. Hätte er Günter seine Meinung sagen sollen? War es richtig, einfach die Klappe zu halten? Wohl kaum. Aber, das muss sich Herr Hofmann eingestehen, er mag Günter. Kein Freund, aber ein Stammkunde, den er gerne im Büdchen hat.

„Der nette Nazi“, lächelt Herr Hoffmann und ahnt, dass das eigentlich gar nicht möglich ist.

Hoffmanns Büdchen (46) – Pimmelgate oder „Herr Ärmel, du bist wirklich ein Pimmel“

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. In seinem Büdchen ist ein großes Tohuwabohu. Man unterhält sich über Politik und die baldigen Wahlen. Günter ist mal wieder da, Lukas natürlich und auch Herr Ärmel. Es wird, um mal eine Metapher zu verwenden, bis aufs Blut diskutiert.

„Herr Ärmel, du bist wirklich ein Pimmel“, sagt gerade Lukas und Herr Hoffmann sieht, wie bei Herrn Ärmel das Blut in den Adern zu kochen beginnt. „Lieber junger Mann,“ wehrt sich der Ruheständler, „zum Einen bin ich für Sie immer noch „Sie, Herr Ärmel“, soviel Zeit muss sein, zum Anderen finde ich es ziemlich daneben, mich Pimmel zu nennen, nur weil ich eine andere Meinung habe.“

Jetzt lacht Günter. Der Zigarillo Raucher steht an dem einzigen Tisch im Büdchen und rührt sich aggressiv Milch und Zucker in seinem Kaffee – der Kaffee schwappt über den Tassenrand. „Herr Ärmel, ich denke, er hat dich Pimmel genannt, weil du ein Pimmel bist und nicht wegen deiner politischen Meinung, “ duzt der offensichtliche Rechtsaußen-Wähler den armen Herr Ärmel. Lukas nickt heftig. „Genau. Oder haben Sie keinen Pimmel, Herr Ärmel?“, fragt Lukas rhetorisch.

Jetzt mischt sich Herr Hoffmann in das Gespräch ein. „Leute, ich möchte nicht, dass hier in meinem Kiosk irgendwer Pimmel genannt wird. Und schon gar nicht Herr Ärmel. Ich schätze Herrn Ärmel und unsere Gespräche und ich will nicht, dass meine Kunden hier beleidigt werden.“

„Kann sich der Pimmel nicht selber wehren“, sagt Günter, der ganz offensichtlich auf Krawall aus ist. „Also…“ Gerade will Herr Ärmel ansetzen und sich, wie gewünscht, wehren, da fährt ihm aber schon wieder Herr Hoffmann ins Wort.

„Günter, wenn Sie nur mit Pimmel um sich werfen können, gehen Sie besser“, sagt Herr Hoffmann so gerade noch freundlich.

„Ich kann mich auch selber wehren, Herr Hoffmann“, sagt nun Herr Ärmel wütend. Er mag es gar nicht, wenn man für ihn redet. Noch nicht einmal ein Herr Hoffmann.

„Pimmel“, sagt Günter und grinst. Lukas lacht laut auf.

Herr Hoffmann zieht für alle hörbar die Luft ein und will gerade etwas erwidern, doch Günter ist schneller. Der Starkraucher erklärt den Anwesenden die Welt, seine Günter-Welt.

„Also, Pimmel ist für mich kein Schimpfwort. Pimmel ist doch nett. Wenn der junge Mann (Günter zeigt auf Lukas) jetzt Schwanz oder Fickrakete oder Bumsstengel gesagt hätte. Gut, das wäre schon beleidigender gewesen. Aber Pimmel? Herr Hoffmann, ich bitte sie“, sagt Günter, zieht eine Augenbraue hoch und führt weiter aus. „In Hamburg wurde jetzt der Innensenator von linken Zecken Pimmel genannt. Der hat dann gleich eine Hausdurchsuchung in diesem autonomen Sumpf in Auftrag gegeben“

„Was ein Pimmel“, sagt Lukas.

„Aha“, sagt Herr Ärmel. „Ich dachte, Pimmel wäre so neutral. Aber jetzt haben sie ja selber Pimmel als Beleidigung gebraucht.

„Weil er sich pimmelig aufgeführt hat“, erklärt der Student.

„Der Innensenator wurde von linken Zecken als Pimmel bezeichnet, weil er sich gegen illegale Corona Partys gewendet hat“, weiß Günter zu berichten.

„Linke Zecken darf man also als Pimmel beschimpfen, oder was?“, fragt Herr Ärmel an Günter gewandt

„Linke Zecken darf man auch gegen die Wand stellen“, sagt Günter böse.

„So, jetzt reicht es. Sowas will ich hier nicht hören. Raus. Sofort. Alle. Hier wird niemand an irgendeine Wand gestellt. Wenn ich so ein Mist höre, kommt mir die Galle hoch“, schimpft Herr Hoffmann. „Lukas, von dir hätte ich da wirklich etwas anderes erwartet.“

Seine Kunden schauen ihn erstaunt, aber auch erschrocken an. Sie haben Herrn Hoffmann selten so sauer gesehen. „Da sehen Sie es, Günter“, was Sie angerichtet haben. Scheiß Nazi“, greift Lukas jetzt Günter an. „Ich? Wer hat denn mit Pimmel angefangen? Du oder ich“, wehrt sich der rechtskonservative Kettenraucher. „Du“, sagt Lukas und schaut grimmig zu Günter. Offensichtlich verschieben sich gerade erneut die Fronten.

Da geht das Türglöckchen. Es ist Michael – BILD Leser, Schnorrer, Alkoholiker.

„Na, ihr Pimmel. Alles klar?“, fragt er unbedarft.

Herr Hoffmann schlägt sich mit der offenen Hand an die Stirn.

„Autsch, der hat mir noch gefehlt“, sagt er halb zu sich selber, halb zu den Kunden. „Seine Kundschaft kann man sich nicht aussuchen“, sagte mal eine Kollege“. Das ist wohl Blödsinn, denkt Herr Hoffmann, aber man kann als Büdchen Besitzer wenigstens entscheiden, wann man die Kunden vor die Tür setzt.

„Nämlich jetzt“, flüstert Herr Hoffmann zu sich selber und drängt die vier Männer aus seinem Büdchen. Michael versucht noch schnell Schnaps und eine Zeitung anschreiben zu lassen. Aber sogar hierfür hat der Büdchen Betreiber gerade keine Nerven. „Heute nicht“, brüllt er den Schnorrer an.

„Ist ja gut“, sagt Michael geknickt.

„War doch nicht so gemeint“, meint auch Lukas, der jetzt auch endlich merkt, dass er zu weit gegangen ist.

„Herr Hoffmann, war doch nur Spaß“, wirft jetzt auch noch einmal Günter ein.

„Also. Herr Hoffmann. Ich auch?“, fragt Herr Ärmel naiv. Herr Hoffmann antwortet noch nicht mal mehr da drauf.

„Alles Pimmel“, flüstert er, als er sie endlich auf der Straße hat. Am Liebsten würde er abschließen und Feierabend machen. In zwei Wochen sind Wahlen, danach wird sich die Stimmung wieder beruhigen. Glaubt er. Oder es wird noch schlimmer, weiß er.

Hoffmanns Büdchen (45) – Ein Brief an Herrn Ärmel

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. „Was schreibst du da, Herr Hoffmann“, fragt Paket Paul und beobachtet den Büdchen Betreiber interessiert, wie er scheinbar einen Brief schreibt.

„Einen Brief“, sagt Herr Hoffmann.

„Ah“, sagt Paket Paul. Er hätte wissen müssen, dass die Kiosk Größe nicht mehr Worte als nötig verliert.

„Und?“, fragt Paket Paul weiter. Er weiß Herrn Hoffmann mittlerweile richtig zu nehmen.

„An Herrn Ärmel. Wegen unserem Missverständnis vor ein paar Tagen“, sagt Herr Hoffmann, während er konzentriert weiter auf sein Briefpapier schaut.

„Ah“, sagt Paket Paul. Herr Hoffmann guckt zu seinem Stammkunden, also Paket Boten hoch. Ihm ist nie aufgefallen, wie oft Paket Paul „Ah“ sagt.

„Darf ich dir den Brief mal vorlesen?“, fragt Herr Hoffmann.

Er weiß seinen Paket Boten mittlerweile richtig zu nehmen.

Paket Paul nickt. „Gerne.“ Er geht rüber zum Stehtisch, dem einzigen Möbel für die Kunden in Hoffmanns Büdchen, lehnt sich auf die Tischplatte.

„Na, dann mal los“, sagt er.

Und Herr Hoffmann legt los.

Lieber Herr Ärmel,

ich möchte mich bei Ihnen für mein Fehlverhalten vor drei Tagen entschuldigen.

Sie haben mir ihre tiefsten Gedanken über die Kunst eröffnet und ich habe nicht zugehört.

Stattdessen habe ich mich an einem Schwitzfleck auf ihrem Hemd festgeguckt. Die feuchten Achseln vorm Ärmel. Verstehen Sie die Doppeldeutigkeit? Mich amüsierten die Achseln vom Ärmel so sehr, dass ich Ihnen nicht zu hören konnte. Es tut mir wirklich leid und ich hoffe, Sie verstehen meinen Schalk und können bald wieder mit mir lachen.

Ihr,

Herr Hoffmann

„Und?“, fragt Herr Hoffmann.

„Ja“, sagt Paket Paul, wobei er sein „ja“ absichtlich lang zieht.

„Das heißt?“, fragt Herr Hoffmann vorsichtig.

„So bist du eben, Herr Hoffmann. Und Herr Ärmel ist auch schräg genug für so einen Brief.“

Herr Hoffmann zieht seine Augenbrauen hoch, Paket Paul ist noch nie aufgefallen, wie oft Herr Hoffmann seine Augenbrauen hochzieht, dann gibt er Paket Paul seinen Brief und widmet sich ohne ein weiteres Wort über den Brief wieder seinen Kiosk Geschäften. Drüben an der Schule hat gerade die Glocke zur Großen Pause geläutet. Gleich werden wieder Schüler (und natürlich auch Schülerinnen) seinen Kiosk stürmen, da braucht er seine ganze Kraft. Noch einmal durchatmen, da geht schon sein Türglöckchen. Es geht los.

Hoffmann Büdchen (44) – Probleme mit Herrn Ärmel

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Vor der Theke brodelt es – nicht viel, aber genug für den kleinen Kiosk.

„Herr Hoffmann! Und die Kunst?“, sagt Herr Ärmel erregt.

„Was denkt er sich jetzt wieder aus“, denkt Herr Hoffmann. Herr Ärmel ist im Büdchen für seine Geschichten bekannt.

„Wenn die Kunst da draußen vor allem die Aufgabe hat, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Wenn die Kunst nur ein netter Treffpunkt ist, dann ist das sicherlich eine gute Sache, und das da draußen ein gutgemeinter Ort, aber Kunst… (Kunstpause) Kunst ist das dann noch lange nicht, Herr Hoffmann“, regt sich Herr Ärmel auf. Er schwitzt leicht auf der Stirn und wenn man genau hinschaut, sieht man sogar einen kleinen Schwitzefleck unter Herr Ärmels Achseln.

Ja, sein hellblaues Hemd changiert sogar leicht ins dunkelblaue. Unter den Achseln.

Herr Hoffmann muss grinsen: „Ärmels Achseln. Achsel Ärmel. Zwei Ärmel, zwei Achsen“

„Ach lustig, des Ärmels Achsel“, denkt Herr Hoffmann und kann gar nicht anders, als kurz auflachen.

„Herr Hoffmann?“

„Herr Ärmel?“

„Herr Hoffmann, hören sie mir überhaupt zu?“, fragt Herr Ärmel.

Lukas und Paket Paul, die natürlich auch beide wieder im Kiosk rumstehen, grinsen ebenfalls. Beide ahnen, dass der Herr des Kiosk gerade mit seinen Gedanken ganz woanders war.

Herr Ärmel guckt hoch zu Lukas, Paket Paul und dann zu Herrn Hoffmann.

Herr Ärmel kann darüber gar nicht lachen.

„Herr Hoffmann, ich habe mich sehr in ihnen getäuscht“, sagt er ernst. Dann schnappt er sich seinen Lottoschein und geht ohne ein weitere Wort. Lukas, der die Situation nicht gleich durchschaut, ruft ihm noch ein „Tschüß, Herr Ärmel“ hinterher und ahnt nicht, dass er es dadurch eher schlimmer macht.

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. „Autsch“, denkt er.

„Autsch“, sagt auch Paket Paul, packt seine kleine Tasche und die Pakete und geht. Er muss heute noch viele Pakete abliefern. Lukas verabschiedet sich ebenfalls, er muss heute noch Lukas sein und nichts machen.

Und so steht der Büdchen Betreiber plötzlich alleine mit seinen Gedanken im Kiosk und kann sich viele Gedanken machen, wie er sich bei Herrn Ärmel entschuldigen kann.

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Er macht sich Gedanken. Viele Gedanken.

Hoffmanns Büdchen (43) – Schluss mit Denken

Herr Hoffmann steht hinter der Theke. Er denkt und er liest. Hanna Arendt. Er hat das Buch unter seiner Theke ein wenig versteckt, so dass die Kunden es nicht gleich sehen, wenn sie zum Bezahlen zur Theke kommen. Er möchte nicht als Spinner gelten. Wenn ein Büdchen Betreiber sich hinter seiner Theke solchem Zeugs hingibt, zählt er schnell als Spinner bei den Leuten. Das gilt natürlich nicht nur für Büdchen-Betreiber: Schon als Jugendlicher hat Herr Hoffmann gerne die Antiken gelesen. Er war immer fasziniert davon, dass vor zweieinhalb Jahrtausenden Gedanken aufgeschrieben wurden, die jetzt noch den Nagel auf den Kopf treffen. Einmal saß er mit seinem Platon vorm “HOT”, dem städtischen Jugendzentrum in seinem Viertel. Als eine Gruppe gelangweilter Vorstadt Krokodilchen ihn mit seinem Buch sah, gab es Prügel; er kam nicht aus dem besten Viertel. Bücher vorm HOT lesen, machten hier nur Spinner.

Auf Philosophie hatte er nach der Prügel jedenfalls keine Lust mehr. Doof gelaufen, denkt Herr Hoffmann manchmal, meistens verdrängt er aber nur die alten Geschichten.

Heute traut er sich wieder zu lesen, seinem Sokrates zuzuhören, seinen Fragen, seinen Ideen. Die ewigen Ideen, die hinter den Dingen liegen, die unsterlichen Götter und am Ende der Kette, der Mensch, der sich als einziges Wesen seiner Sterblichkeit bewusst ist.

Herr Hoffmann grübelt: Die Industrieware Mensch, das männliche Schredderkücken hat mit Ewigkeit und Unsterblichkeit wenig am Hut. Manche unter ihnen versuchen sich durch ihre Erfindungen, ihre Slebstgemachtes bisschen Unsterblichkeit zu geben. Die Meisten fristen ihr Dasein und versuchen so wenig wie möglich, über alles nachzudenken. Mit ihrer “Kauf dich glücklich” Philosophie plus Ficken, Fressen, Fernsehen kriegen sie den Tag schon rum, denkt Herr Hoffmann. Wenn uns tatsächlich eine andere Spezies aus den Tiefen des Alls belauscht, was wird sie zu diesen Menschen sagen, die Ü-Eier oder Plastikschweinchen sammeln und am Besten nicht über Morgen nachdenken?

Was? Herr Hoffmann mag es, seine Gedanken einfach treiben zu lassen, alleine in seinem Büdchen zu stehen und sich in seine Welten zu denken. Auch wenn sie ihn manchmal auch sehr traurig machen.

„Das, dieses Denken, ist eine gute Sache”, sagt er zu sich und legt ein alten Bierdeckel als Lesezeichen in sein. Er muss Schluss machen. Mit Denken. DasTürglöckchen läutet und er will nicht als Spinner zählen.

Hoffmanns Büdchen (42) – Über Bullshit Jobs, Paket Paul und der Wunsch nach Anerkennung

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke und unterhält sich mit Paket Paul, der gerade seine Mittagspause bei Herrn Hoffmann verbringt. Sie reden über die Wahlen zum Bundestag, die im September sind.

„Ich weiß dieses Jahr gar nicht, wen ich wählen soll“, sagt Paket Paul schwermütig. „Bei uns arbeiten meine Frau und ich Vollzeit und trotzdem reicht es gerade mal so. Das kann doch nicht sein, Herr Hoffmann? Was wählst du denn?“, jammert er und schaut hoch zum Büdchen Betreiber. Herr Hoffmann zieht seine Augenbrauen hoch. „Tja, ich weiß nicht“, sagt er ehrlich.

Früher hat der „Herr des Büdchens“ immer die Grünen gewählt, aber dieses Jahr ist er unsicher. Er findet die Kanzlerkandidatin der Grünen unsympathisch und neben dem Partei-Programm ist doch auch Sympathie wichtig. Vielleicht sogar noch wichtiger. Aber dieser Laschet geht für Herr Hoffmann gar nicht. Und der Scholz? Ja, den könnte er wählen, aber er befürchtet, dass seine Stimme wegschmissen ist, wenn er die Sozialdemokratie wählt.

„Naja, welcher Politiker war einem vorher schon sympathisch?“, fragt Paket Paul und Herr Hoffmann fallen da schon ein paar Namen ein. „Wie auch immer.“ Paket Paul winkt ab. „Aber ich kann doch niemanden wählen, der mir als Paket Bote gar nichts anbietet, und vor allem mir das Gefühl gibt, dass ich nichts wert bin. Das ist es doch: Ich will doch nicht einfach mehr Geld, Urlaub, Rente mit 60zig. Das ist alles auch schön und klar nehme ich das mit. Aber…“ Paket Paul macht eine Kunstpause. „Aber was ich, Herr Hoffmann, was ich wirklich will, ist Anerkennung. Anerkennung für ihren blöden Paket Boten.“ Herr Hoffmann sieht, wie Paket Paul seine Hände zu Fäusten ballt, er ist aufgebrachter als Herr Hoffmann zuerst gedacht hat. So zornig kennt er seinen Boten gar nicht. Des Botens Zorn sieht man sogar, wenn man ihn nicht so gut kennt. „Ja, ich bin nur ein blöder Paket Bote, trotzdem sorge ich mit meiner Frau für unser Kind, für die Familie, gebe mir Mühe, und sie, meine Judith („Judith heißt sie also“, denkt Herr Hoffmann) arbeitet auch noch ehrenamtlich im Umweltschutz, ich engagiere mich innerhalb unserer Nachbarschaft. Wir machen was. Es ist uns wichtig.“ Kunstpause. „Aber am Ende bin ich doch nur wieder nur so ein Bullshit Jobber. Das sagen doch alle, sogar die Linken: Die Bullshit Jobber. Was für eine Arroganz ist das denn?“

Herr Hoffmann nickt. Er sieht das leider ganz ähnlich: Früher hat man seinen Job gemacht und egal, ob du Taxifahrer oder Müllmann warst, hat man dir trotzdem noch Respekt entgegengebracht. Gut, ein Scheiß Job war auch früher ein Scheiß Job. Aber man wurde nicht gleich in die Scheiß Job Schublade gesteckt. Aber heute? Sobald man einen dieser Billiglohn-Jobs macht, bekommt man gleichzeitig noch den Opfer Stempel von der Gesellschaft mitgeliefert. „Oh, ein Bullshit Jobber. Arme Sau.“ Sogar die Politik nennt einen arme Sau.

„Ich meine ja gar nicht, dass früher alles besser war. Aber mehr Respekt war schon, oder?“

„Ja, vielleicht.“ Auch Herr Hoffmann musste schon viele schlechte Jobs in seinem Leben machen. Er weiß genau, was Paket Paul meint: Anerkennung ist auch eine Art Lohn.

Das Glöckchen der Ladentür läutet. Es ist Schulschluss. Ein paar Schülerinnen decken sich vor ihrer Heimfahrt mit den Öffentlichen noch mit Süßigkeiten, Getränken und Zigaretten im Büdchen ein.

„Moin, Herr Kiosk-Fuzzi“, sagt eine viel zu aufgebrezelte Schülerin beim Eintreten. Ihre Freundinnen, nicht weniger geschmacklos gekleidet, lachen doof.

„Guten Tag“, lächelt Herr Hoffmann freundlich zurück. Natürlich ist es auch für ihn nicht immer leicht, höflich zu bleiben. Gerade die Schule gegenüber ist für Herrn Hoffmann jeden Tag aufs Neue Herausforderung. „Lächeln“, sagt sich Herr Hoffmann in solchen Momenten immer und immer wieder. „Ich muss lächeln.“

Er verkauft den Schülerinnen ein paar lose Zigaretten, Schokolade oder Cola. Dann stehen Herr Hoffmann und Paket Paul wieder alleine im Kiosk.

„Herr Kiosk Fuzzi?“ Paket Paul verzieht das Gesicht. „Das meine ich, Herr Hoffmann. Anerkennung. Respekt. Aber sag mal, verkaufst du wirklich immer noch lose Zigaretten?“ Herr Hoffmann nickt. Paket Paul lacht. „Alter, du bist echt ne Hupe.“ „Hup hup“, macht Herr Hoffmann und grinst.