Hoffmanns Büdchen (63) – Hinz und Kunz

Hinz und Kunz 
Hinz Was doch die Großen alles essen!
Gar Vogelnester; eins, zehn Taler wert.
Kunz Was? Nester? Hab' ich doch gehört,
Daß manche Land und Leute fressen.
 Hinz Kann sein! kann sein, Gevattersmann!
 Bei Nestern fingen die denn an.   
 (Gotthold Ephraim Lessing) 

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Draußen vor seinem Kiosk hängen Hinz und Kunz ab. Herr Hoffmann verdreht die Augen. „Jetzt ist es also soweit“, flüstert er. Hoffmanns Büdchen ist Szene Treffpunkt. Bald werden Horden von Jugendlichen, Schüler_innen, Student_innen, Linksalternativen, Umwelt- und Klimaaktivistinnen vor seinem Büdchen rumhängen, Bier trinken, kiffen, Drogen nehmen, Demos planen. In den Zeitungen schreiben sie, Teile, der durch den Kohlebergbau radikalisierten, denken schon über eine grüne RAF nach. „Na, Prost Mahlzeit“, sagt Herr Hoffmann zu sich selber.

Das Türglöckchen läutet.

„Hallo Herr Hoffmann. Ich nehme mir mal zwei Bier für mich und Kunz“, grüßt Hinz und kommt mit einem kalten Windzug ins Büdchen.

Herr Hoffmann nickt. „Wenn erst einmal Hinz und Kunz bei dir im Kiosk Bier trinken, dann ist Schluß mit der Ruhe“, sagte letztens Herr Ärmel. „Dann ist ihr Büdchen kein Denkerstübchen mehr, sondern eine Disko“, drohte der pensionierte Angestellte des Bauordnungsamts.

„Herr Hoffmann, so ein bisschen Musik draußen wäre auch schön“, lächelt Hinz und nimmt sich das Bier aus dem Kühlschrank. „Bisschen Electro und vielleicht auch mal, was zum Sitzen.“

„Ich schau mal“, sagt Herr Hoffmann verkniffen.

Hinz lacht laut. „Denkerstübchen zu Electro Büdchen, Herr Hoffmann. Das ist die Parole.“

Herr Hoffmann kann gar nicht so viele Augen verdrehen, wie er eigentlich möchte. „Die Zeit der Ruhe ist vorbei“, flüstert der Büdchen Betreiber und seufzt. Er weiß, Hinz und Kunz sind nur der Anfang. Heute die Beiden und morgen Otto Normalverbraucher, Lieschen Müller und Markus Möglich.

Kalenderwoche 49 – Weisheit, Geschicklichkeit, Kraft

Langsames Denken. Weisheit 43%. Nun, wenn es kalt ist, ziehe ich Handschuhe an. Wenn es regnet, gucke ich, dass ich nicht nass werde, das sind 43 %. Weisheit heißt auf meinem Bildchen, dass man die Sachen nicht nur benennt, sondern auch benutzt. Wenn es regnet, nicht nur staunt, wie nass dieser Regen ist, sondern sich auch unterstellt, weil man sich sonst den “Tod” oder wenigstens eine Triefenase holt. 43 % sind nicht dolle. Da ist man schon nass, bevor man den Regenschirm aufspannt. Aber 43 % sind auch nicht ganz ohne Vernunft, eben langsames Denken.

Geschicklichkeit? 72%. Ich habe an meinem Fahrrad rumgeschraubt. Es ist nichts kaputtgegangen. Das sind vielleicht schon 72%? Ehrlich gesagt, habe ich mir einfach mit dem Hammer nicht (wie so oft) auf den Daumen gekloppt. 72% ist wohl doch etwas übertrieben.

Kraft. 25 %. Naja, besser hieße es Energie oder Gesundheit. Kraft ist bekloppt und wenn schon Kraft, dann wäre 50 % ehrlicher gewesen. Ich war ein paar Mal diese Woche Laufen, sogar einmal bei meinem alten Sportverein. Daneben rauche ich aber auch sehr, sehr gerne. “Junge, kauf dir ein paar Nikotinpflaster und lass den Blödsinn”, sagt der Kleine Mann in mir. Er hat ja recht.

Hoffmanns Büdchen (62) – Die große Erzählung

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Das Türglöckchen läutet. Es ist Paket Paul. Stammkunde. Paket Bote.

„Tach, Herr Hoffmann“, grüßt der Stammkunde.

„Hallo Paul“, grüßt Herr Hoffmann freundlich zurück.

„Herr Hoffmann, warum reden wir eigentlich nie über Corona?“, fragt Paket Paul.

„Weil das übernächstes Jahr keinen mehr interessiert“, sagt Herr Hoffmann.

„Versteh ich nicht“, sagt Paket Paul.

Wie soll er auch?, denkt Herr Hoffmann.

Um ihn zu beruhigen, unterhält er sich ein paar Minuten mit Paket Paul über Corona, Masken und die Impflicht, dann muss Paket Paul weiter Pakete austragen.

Gestern. Heute. Morgen. Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Wir sind alle nur Marionetten einer großen Erzählung, seufzt er.

Wie recht Du doch hast, Herr Hoffmann.

Hoffmanns Büdchen (61) – Hoffmanns Opa

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Gegenüber bringt gerade die alte Dame wie jeden Morgen ihren Müll heraus und über der Schule auf der anderen Straßenseite liegt eine nervöse Ruhe. Eine Lehrerin erzählte ihm gestern, es seien Klausuren, und heute spürt Herr Hoffmann den Prüfungsdruck in der Luft liegen – die schaurige Lateinklausur, die sich wie das Sofakissen auf des Schülers Gesicht legt, ihm langsam die Luft nimmt.

Herr Hoffmann holt leicht theatralisch Luft. Er erinnert sich noch genau an seine Schulzeit. Die Angst, wenn wieder Klausuren anstanden. Herr Hoffmann war kein schlechter Schüler. Aber dieser Druck, das erwischte irgendwann jeden. „Das gehörte leider dazu“, flüstert Herr Hoffmann.

Draußen vor dem Büdchen spielen ein paar Kinder auf dem Bürgersteig Verstecken, das vielleicht älteste Spiel der Menschheit. „Ach, Kinder“, flüstert Herr Hoffmann und schämt sich ein wenig für sein „Ach Kinder“, weil es sich nach seinem eigenen Opa anhört und Herr Hoffmann nun wirklich nicht nach seinem eigenen Opa klingen will. „Ach Kinder. Wie bescheuert ist das denn“, sagt Herr Hoffmann zu sich selber. „Was sollen die denn sonst machen? Saufen? Oder…“ Herr Hoffmann kann seinen Gedanken nicht mehr beenden. Das Türglöckchen läutet.

„Hallo Herr Hoffmann.“

Es ist Michael. Stammkunde. Schnapstrinker, BILD Leser, notorisches Pleite.

„Michael“, kürzt Herr Hoffmann die Begrüßung ab. Er mag Michael, aber der Anfang Vierzigjährige wird für den Büdchen Besitzer mittlerweile teuer.

Michael geht zum Schnapsregal, nimmt sich einen Westfälischen Korn, er geht an der Theke vorbei, schnappt sich eine BILD und geht wieder Richtung Kiosk Tür.

„Schreibste an, Herr Hoffmann?“

So unverschämt war er noch nie, denkt Herr Hoffmann.

„Herr Hoffmann?“

„Mhhh?“

„Schreibste an?“ Michael steht schon in der Tür. Draußen rennt eines Kinder am Büdchen vorbei. Herr Hoffmann nickt leicht.

Tschüüüüßß, flötet Michael noch.

„Ja, tschüß“, sagt Herr Hoffmann. Noch.

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Er schämt sich gerade. Weil er den Mund nicht aufkriegt. Er schämt sich richtig.

„Ach Herr Hoffmann“, sagt er aufrichtig niedergeschlagen. Er ist wirklich…

…wie sein Opa.

Hoffmanns Büdchen (60) – Hoffmanns Traurigkeit

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Er ist traurig. Der Büdchen Betreiber ist traurig, weil sein Stammkunde und Freund Paket Paul traurig ist. „Ach komm…“, sagt Herr Hoffmann ungeschickt. „Wie, ach komm? Wohin sollen ich kommen, Herr Hoffmann? Was soll das denn für ein Tipp sein?“, fragt Paket Paul und guckt traurig über die Theke. Herr Hoffmann weiß auch nicht, was das für ein Tipp sein soll und so guckt er noch viel trauriger.

„Weißt du, Herr Hoffmann, am Meisten ärgert mich, dass mich alle für ein armes Opfer halten.“

Herr Hoffmann nickt. Er weiß.

„Die Schauen mich an und in ihrem Blick steht: Du armes Opfer.“

„Das denken sie wohl“, bestätigt Herr Hoffmann. Er kennt den Blick.

„Manchmal stecken Sie mir sogar was zu. Eine hat mal gesagt: „Braucht der Chef nicht zu sehen. Für das Bierchen zum Feierabend.“ Dann griff sie mir an die Hose und wollte mir ein Schein zustecken. Die halten einen echt für einen Penner“, sagt Paket Paul müde.

„Du bist einer für sie“, sagt Herr Hoffmann noch viel müder.

Der Kiosk Verkäufer schaut raus. Draußen gehen zwei Männer an seinem Kiosk vorbei. Einer guckt durchs Fenster rein, kurz treffen sich ihre Blicke. Der Mann grinst Herrn Hoffmann blöde an. Glücklicherweise gehen die Beiden am Kiosk vorbei.

„Das ich glücklich sein könnte, mit allem, das können die sich gar nicht denken.“

„Ne, das können sie nicht. Wenn du glücklich bist, hast du noch zu viel.“

„Deswegen sage ich auch nichts“, sagt Paket Paul. Er ist wirklich sehr traurig.

„Ja“, sagt Herr Hoffmann. Er ist noch viel trauriger.

Hoffmanns Büdchen (59) – Herr Hoffmann und das kleine Abenteuer

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Das Türglöckchen läutet und Herr Ärmel und eine Prise kalte Luft kommen in den Kiosk. „Guten Tag, Herr Hoffmann,“, sagt Herr Ärmel wie immer freundlich.

„Herr Ärmel“, grüßt Herr Hoffmann kurz und knapp, aber nicht mit weniger Freundlichkeit zurück.

„Und Herr Hoffmann? Haben Sie mal wieder ein kleines Abenteuer in ihrem Denkerstübchen erlebt“, fragt Herr Ärmel neugierig. Und tatsächlich: Herr Hoffmann hat ein kleines Abenteuer erlebt.

Heute morgen guckte er, es war kurz nach halb elf, hinter seiner Theke aus dem Fenster und sah eine junge Frau, die draußen an der Straße auf die „15“ wartete. Sie guckte immer wieder auf ihre Uhr, und Herr Hoffmann sah aus seinem Büdchen, dass sie es wohl sehr eilig hatte.

Plötzlich sprang aus einer dunklen Ecke ein schwarzgekleideter Mann oder eine Frau – Herr Hoffmann glaubt, die Gestalt war hinter den Mülltonnen des Mietshauses gegenüber versteckt. Die schwarzgekleidete Gestalt hatte sich als Ninja verkleidet, so dass sie – Herr Hoffmann gab ihr den Namen „Schattenblitz“ – fast unsichtbar war. Schattenblitz entriss der Frau die Handtasche. Die junge Frau schrie. „Hilfe. Zu Hilfe. Ein Überfall“. Doch Schattenblitz sprang schon wieder zurück in den Schatten.

Nur sprang Schattenblitz zu langsam. Er hatte nicht mit den zwei weiteren Fahrgästen gerechnet, die mit der jungen Frau auf die „15“ warteten. Die beiden Männer – Herr Hoffmann gab ihnen die Arbeitsnamen Muskel und Knöchelknacker – erwischten Schattenblitz noch im Flug. Muskel riss Schattenblitz die Beine weg. Knöchelknacker sprang auf seinen Rücken, wollte Schattenblitz gerade mit einem Spezialgriff unschädlich machen, da sah er Muskel, der auf einmal die Handtasche an sich riss und mit der Beute weglaufen wollte. „Du Hund“, rief Knöchelknacker hinter Muskel her.

Hingegen hatten beide nicht mit der Frau gerechnet. Schnell hatte sie sich gefangen und nun sprang sie auf Muskel, um sich selber die Tasche wiederzuholen. Mit einem Spray in der Hosentaschen ging sie auf die menschliche Maschine zu, der schon nach wenigen Sekunden jammernd am Boden hing.

Nun war es Knöchelknacker, der nicht begreifen konnte, wie die Frau mit ihrer Hilfe umging. Denn auch Muskel hatte es nicht verdient, besprüht zu werden. Immerhin hatte er gerade Schattenblitz niedergeworfen.

Laut schimpfend ging Knöchelknacker mit der Frau auf dem Bürgersteg zu Gericht. Am Ende stand sogar Schattenblitz, also der diebische (oder die diebische) Ninja, dabei und lauschte den Tiraden des Knöchelknackers.

„Es war wirklich absurd. Die junge Frau hat sich nachher sogar entschuldigt“, sagt Herr Hoffmann über die Theke. „Aber sonst war nicht viel los.“

Herr Ärmel lächelt und blättert eine Illustrierte durch.

„Sagt eigentlich noch jemand Illustrierte, Herr Hoffmann?“, fragt er den Büdchen Betreiber.

„Sie, Herr Ärmel. Sie.“

„Das ist richtig.“

„Und die Geschichte?“, fragt Herr Ärmel.

„Erfunden“, antwortet Herr Hoffmann

„Wusste ich“, sagt Herr Ärmel und macht sich auf zu gehen.

„Okay“, sagt Herr Hoffmann. So sicher ist er sich nicht.

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Hoffmanns Büdchen (58) – Hoffmanns Kunst oder Sieben Tage Büdchen

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke.

„Nächstes Jahr ist wieder Documenta. Fährst du hin, Herr Hoffmann?“, fragt Lukas, Langzeitstudent und Kiosk – Stammkunde.

„Nein“, sagt Herr Hoffmann kurz und knapp.

„Das ist die größte Kunstschau der Welt. Also…“

„Ich weiß, was die Documenta ist. Aber ich muss arbeiten.“

„Du kannst doch mal für einen Tag zumachen,“ meint Lukas.

„Nein, kann ich nicht. Sieben Tage, sonst rechnet sich das Büdchen nicht“, sagt Herr Hoffmann.

„Das ist ja eine ziemlich blöde Arbeit“, sagt Lukas, verzieht das Gesicht.

Auch Herr Hoffmann verzieht das Gesicht, will antworten, aber da läutet das Türglöckchen.

Es ist Herr Ärmel.

„Hallo zusammen.“

„Hallo Herr Ärmel“, sagt Lukas.

„Hallo“, grüßt auch Herr Hoffmann.

„Was gucken Sie denn alle so komisch?“, will Herr Ärmel wissen.

„Herr Hoffmann kann nicht zur Documenta, weil er arbeiten muss. Sieben Tage die Woche. Nie Urlaub. Jeder Lohnsklave führt ein besseres Leben“, jammert Lukas ironisch. Herr Hoffmann guckt böse zu ihm rüber.

„Wenn der Laden so wenig abwirft, macht ein Tag den Braten aber auch nicht fett“, sagt Herr Ärmel.

„Genau“, bestätigt Lukas. „Mein Reden, sehr richtig, Herr Ärmel.“

Herr Hoffmann will gerade antworten, da geht erneut das Türglöckchen. Und es ist wieder ein Stammkunde. Was ist denn heute los? Es ist Michael. Schnorrer Michael.

„Hallo zusammen“, sagt Michael und winkt leicht schüchtern. Michael ist nicht besonders selbstbewusst.

„Hallo Michael.“

„Michael.“

„Hallo.“ Die Anderen grüßen freundlich, aber ohne Winken.

„Was guckt ihr denn so?“, fragt Michael. Auch er hat gleich bemerkt, dass in dem Büdchen etwas in der Luft liegt.

„Herr Hoffmann kann nächstes Jahr nicht zur Documenta. Er geht bankrott, wenn er sich mal frei macht“, erklärt Herr Ärmel dem Schnorrer.

„Soll ich dir das Geld leihen, Herr Hoffmann?“, fragt Michael, aufrichtig betroffen.

„Jetzt reicht es aber“, sagt Herr Hoffmann aufgebracht. „Du bezahl erst einmal deinen Deckel“, sagt er zu dem ewigen Schnorrer.

„Einverstanden“, sagt Michael für alle überraschend. „Ich bezahl den Deckel und du, Herr Hoffmann, nimmst einen Tag Urlaub und fährst Kunst gucken.“

„Wisst ihr was?“ Jetzt mischt sich wieder Herr Ärmel ein. „Ich bezahle Michaels Deckel und Herr Hoffmann sagt hier und heute fest zu. Wir fahren alle zusammen nach Kassel.“ In seiner Euphorie bemerkt Herr Ärmel gar nicht, dass er sich gerade selber eingeladen hat. Doch Lukas, und ja auch Schnorrer Michael feiern den Entschluss.

„Ich…“ Herr Hoffmann will noch was sagen.

„Jetzt wird der Mund gehalten, Herr Hoffmann“, lacht Michael.

Herr Hoffmann fühlt sich überrumpelt. Echt, jetzt wirklich, er weiß nicht, ob das jetzt gut war.

Vor der Theke stehen Michael, Herr Ärmel und Lukas und freuen sich auf den gemeinsamen Ausflug. Für sie war, ja, ist es gut.

Hoffmanns Büdchen (57) – Ein großer Haufen für eine alte Dame

Meine Mutter brachte Zwillinge auf die Welt: mich und die Angst.“ (Thomas Hobbes)

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Draußen bringt die alte Dame von gegenüber ihren Müll raus. Jeden Morgen bringt sie ihren Müll heraus: Restmüll in einer kleinen Plastiktüte, Biomüll in Zeitungspapier eingewickelt.

Es regnet in Strömen und Herr Hoffmann beobachtet die alte Dame, wie sie zögerlich an der Haustür steht. Es sind nur ein paar Meter bis zu ihren Mülltonnen, aber bei dem Wetter wird sie die nicht trocken zurücklegen können, denkt Herr Hoffmann. Die alte Dame ist nicht mehr die Schnellste, aber auch wenn sie rennen könnte, würde sie die Strecke nicht trocken zurücklegen können.

Eine ganze Weile steht sie in der Tür und Herr Hoffmann sieht von seinem Büdchen, dass sie überlegt. Ob sie hofft, dass es aufhört zu regnen? Herr Hoffmann schaut auf die Tageszeitung vor ihm. Laut dem Wetterbericht wird sie lange warten müssen. Heute soll es durchregnen.

Das Kiosk -Türglöckchen läutet. Es ist Herr Ärmel, der für einen Kurzbesuch hereinschaut. Herr Ärmel ist langjähriger Kunde in Hoffmanns Büdchen. Anfangs kam er immer nur zum Lotto Spielen, ein kurzer Plausch über mögliche Lottogewinne schloss sich an. Später wurde er so etwas wie ein Freund oder sagen wir Stammkunde. Herr Ärmel ist wie Herr Hoffmann vorsichtig mit Begriffen wie Freundschaft. Also sagen wir Stammkunde. Ja, das ist besser: Stammkunde.

„Guten Morgen, Herr Hoffmann“, grüßt Herr Ärmel auf seine höfliche Herr Ärmel Art.

„Guten Morgen“, antwortet der Kiosk Betreiber, immer noch mit einem halben Auge bei der alten Dame. „So früh schon unterwegs?“ Herr Hoffmann wendet sich zu Herrn Ärmel, lächelt ihn freundlich an. Tatsächlich kommt Herr Ärmel meist erst später des Tages vorbei. Herr Ärmel ist mittlerweile in dem, wie er manchmal ironisch sagt, verdienten Ruhestand; da steht man nicht mehr so früh auf. „Arzttermin. Aber bei dem Wetter hätte ich besser mal absagen sollen. Ich bin nass bis auf die Unterhose“, klagt der Ruheständler und schüttelt seine Jacke im Laden aus.

„Und Sie, lieber Herr Hoffmann, genießen die Ruhe?“, fragt Herr Ärmel, der Herrn Hoffmann immer noch siezt, da das „Sie“ für ihn etwas mit Respekt zu tun hat.

Tatsächlich kann Herr Hoffmann heute den Tag etwas ruhiger angehen. Gegenüber in der Schule sind Projekttage und gestern haben ihm ein paar Schüler erzählt, dass heute die ganze Schule einen gemeinsamen Wald -Ausflug plant. Die Schulleitung hat beschlossen, dass man den Projekttag für den Umweltschutz nutzt. Die Schülerinnen dürfen alle in einem nahegelegen Wald Müll sammeln und sortieren. Am Abend werden die Schülerinnen, die am Meisten gesammelt haben, mit einer Urkunde und einem kleinen Preis, einen fünf Euro Gutschein des Naturkost-Ladens Urinella, geehrt.

„Ich beobachte die alte Dame“, sagt Herr Hoffmann und zeigt auf die alte Dame von Gegenüber. Sie steht immer noch in der Haustür und überlegt, ob sie es durch den Regen schafft. „Hören Sie mir bloß mit der Alten auf.“ Herr Ärmel hat jetzt auch die Frau gesehen. „Die tyrannisiert die ganze Nachbarschaft, schreibt Zettelchen, wenn man seinen Müll nicht richtig sortiert hat oder ruft gleich das Ordnungsamt, wenn mal jemand falsch in der Straße parkt. Die nette alte Dame, lieber Herr Hoffmann, ist ein wahrer Drachen. Letztens hat sie mir die Luft aus den Fahrradreifen gelassen, als mein Fahrrad zu weit auf dem Bürgersteig stand. Die Alte hat nicht mehr alle Latten im Zaun.“

Herr Hoffmann grinst. „Na, na. Das st doch nur eine alte Dame“, sagt er beschwichtigend.

„Ja, und weil sie so nett ist, habe ich ihr letztens auch vor die Tür gekackt“, sagt Herr Ärmel und schaut gar nicht mehr freundlich zu der Frau rüber.

„Was?“ Herr Hoffmann glaubt sich verhört zu haben.

„Vor die Tür. Ein großer Haufen, lieber Herr Hoffmann. Es war… Befreiend.“ „Befreiend?“, fragt Herr Hoffmann ungläubig.

„Ja, befreiend. Sollten Sie auch mal versuchen.“, sagt Herr Ärmel überzeugt.

„Ich schaue mal“, sagt Herr Hoffmann eher skeptisch. „Ich schaue mal.“