Herr Hoffmann hat einen Kiosk, Hoffmanns Büdchen. Jeden Tag steht er in seinem Büdchen von zehn Uhr in der Frühe bis zehn Uhr abends. Glücklicherweise sind dort die Stammgäste und andere Kunden. Sie versorgen ihn mit Geschichten und füllen seine paar Quadratmeter mit Leben.
Episode 55:
Was eine Überraschung! Ein alter Schulfreund kauft durch Zufall bei Herrn Hoffmann ein. Doch schnell wird klar, der alte Schulkamerad ist ein Dummbatz geworden.
Kategorie: Allgemein
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Hoffmanns Büdchen (55) – Hoffmanns Schulkamerad (Audio)
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Hoffmanns Büdchen (55) – Hoffmanns Schulkamerad
Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Das Türglöckchen läutet und ein Mann in ungefähr Herrn Hoffmanns Alter betritt den Kiosk.
„Herr Hoffmann. Hallo“, grüßt der Mann überschwänglich.
„Ja… guten Tag“, sagt Herr Hoffmann verhalten.
„Erkennst du mich nicht?“, fragt der Mann lachend.
Herr Hoffmann nickt. Er erkennt ihn nicht.
„Dein alter Schulkamerad. Albert“ Der Mann lacht immer noch.
„Ach, der Albert“, sagt der Büdchen Betreiber. Herr Hoffmann erinnert sich immer noch nicht.
Der Mann kauft ein paar Nüsschen und eine kleine Flasche Wasser. Beim Bezahlen zeigt er auf die Straße. Vor Hoffmanns Büdchen steht ein dicker, ein wirklich dicker BMW.
„Muss weiter. Ja, das Auto. Geht leider nicht ohne. Meine Partner erwarten das. Aber zu Hause bin ich, sind wir bio“, sagt der Mann, der Albert heißt. „Aber so ist das nun mal“, fügt er mit Lachen hinzu.
Herr Hoffmann nickt. „Ja, so ist das nun mal.“
„Du, ich muss weiter. Wir kriegen heute unser Solardach. Neu gebaut. Ökohaus. Aber du kennst das ja.“ Herr Hoffmann nickt. Ja, er kennt das ja.
„Herr Hoffmann. Bis dann“, sagt der Mann mit einem letzten Grinsen.
„Bis dann, Adolf“, sagt Herr Hoffmann.
„Albert“, sagt der Mann ernst. „Ich heiße Albert.“
„Ja, Albert genau“ , sagt Herr Hoffmann und endlich grinst Herr Hoffmann auch einmal.
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Hoffmanns Büdchen (54) – Hoffmanns Elend, Mindestlohn Bürger oder die Dritte Klasse
Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke, frühstückt. Es ist kurz nach zehn Uhr und Herr Hoffmann hat gerade seinen Kiosk aufgeschlossen und den Zeitungsaufsteller rausgestellt (BILD schreibt:“Automobilclub wettert gegen Grünzilla“, „Meine wilde Party Nacht mit Prinz Harry“).
Vor dem Öffnen war er noch beim Billig-Bäcker, der erst letztes Jahr die Straße runter eine Filiale aufgemacht hat. Er hat sich einen großen Milchkaffee und eine Laugen-Ecke, wie so oft morgens, gekauft, und sich, wie so oft morgens, über die gute Laune der Verkäuferin gefreut.
Die Frau hinter der Kasse ist ein Sonnenschein. Sicher nicht nur für Herrn Hoffmann, denkt Herr Hoffmann. Sie grüßt immer freundlich, lächelt und Herr Hoffmann nimmt ihr das Lächeln sogar ab. „Und das ist nicht selbstverständlich“, weiß Herr Hoffmann. „Das ist ganz und gar nicht selbstverständlich“, sagt er zu sich selber.
Herr Hoffmann weiß nicht, ob die Frau glücklich mit ihrem Job ist. Wie auch? Er weiß auch nicht, ob sie mit dem Geld auskommt. Er weiß nicht, wieviele Mäuler sie mit ihrem Gehalt stopfen muss, und ob sie sich abends die Haare rauft, weil das Geld vorne und hinten nicht reicht. Er weiß ja noch nicht mal, wie sie heißt. Das Einzige, was er weiß, ist, dass sie immer freundlich zu ihm und auch zu den anderen Gästen ist. Und so fühlt man sich auch bei ihr in der Bäckerei – und das ist alles andere als Selbstverständlich – als willkommener Gast.
Dabei hat, laut der ganzen Zeitungen, so eine Bäckereiaushilfe wahrhaftig keinen Grund freundlich zu sein oder zu lachen. Paket Botinnen, Taxifahrerinnen, Verkäuferinnen, Lieferantinnen, sie alle haben wenige Gründe zu lachen. Worüber auch: Die Einkommensschere im Land geht immer weiter auseinander und sie, die Bullshit – Jobber (Der Begriff sagt alles“, flüstert Herrn Hoffmann) zählen als ihre Verlierer. „Moderne Sklaven, Opfer“ schreiben die Zeitungen, liest man in den Sozialen Medien.
Und wenn einer dieser Opfer sagt, dass er glücklich ist, wird er auch noch angepöbelt. Mit Mindestlohn darf man nicht glücklich sein, schimpft es überall. Jedenfalls darf man es nicht sagen oder zeigen. Wer mit so einem Gehalt glücklich ist, verhindert, dass Milliarden von Menschen irgendwann einmal mehr Geld, mehr Respekt für ihre Arbeit kriegen.
„Lächeln verboten“, flüstert Herr Hoffmann und lächelt verboten. Alles moderne Arbeitssklaven laut Definition. Seine freundliche Verkäuferin müsste ihn eigentlich auch anschnauzen. Ja, ihm die Laugen-Ecke ins Gesicht spucken. „Alles Schweine“, müsste sie schreien.
Alles richtig, denkt Herr Hoffmann. Natürlich verdient sie zu wenig, die Verkäuferin, aber auch sein Stammkunde, der Paket Bote Paket Paul oder der LKW Fahrer der ihm die Waren einmal die Woche bringt. „Vielleicht“, so grübelt es im Büdchen Hirn, „vielleicht verdienen die Anderen aber auch einfach zu viel.“
Auch wenn es keiner hören will: Nicht alle mehr, sondern alle weniger ist für Herrn Hoffmann die Lösung.
„Aber manches darf man vielleicht wirklich nicht sagen, ohne es schlimmer zu machen“, grübelt Herr Hoffmann laut und traurig.
Da läutet sein Türglöckchen, Herr Hoffmann lächelt. Guten Tag, grüßt er freundlich hinter seiner Theke.
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Sitzt Gott im Gehirn, oder wie ist es wirklich, einen großen Haufen auf den Klimawandel zu machen?“
In meiner Wochenzeitung gibt es eine Kolumne „Wie es wirklich ist.“ Hier dürfen Leser*innen zu Wort kommen und über ihre tragischen, komischen und absurden Erlebnisse mit unserer Republik und ihren Strukturen berichten.
So heißt es aktuell: Wie es wirklich ist, in den Herbstferien vom BER zu fliegen.
Ein, laut Eigenaussage, angesehenerArchitekt berichtet: Er hatte Wartezeit beim Check In. Ja, viele Menschen hatten Wartezeit beim Check In. Anderthalb Stunden (in Zahlen 90 Minuten) musste man warten.
Und das, wo man in den Urlaub fliegen wollte, den man sich so verdient hat (er ist ein vielbeschäftigter, angesehener Architekt, der Herr Baumeister). Die schönste Zeit des Jahres und dann 90 Minuten Verspätung! Geht doch nicht, sagt er.
Eine ältere Dame ist dann auch noch wegen des medizinischen Mund-Nase Schutzes und der unverhältnismäßigen langen Wartezeit umkippt. 90 Minuten warten. Das erträgt doch keiner, sagt er.
Glücklicherweise half die Frau des Architekten als Ersthelferin – und das vor dem Urlaub, dem Verdienten. Mit einem Stück Schokolade konnte sie der armen, alten Frau, die nur den Wunsch hatte, ein letztes Mal in den Urlaub fliegen zu können, helfen. Aber was, wenn sie das nächste Mal nicht vor Ort ist? Wird die alte Dame überhaupt noch einmal fliegen können? Sicher nicht vom BER, sagt der Herr Architekt.
Nein, es war furchtbar, in den Urlaub zu fliegen, berichtet er. Mit 90 Minuten Verspätung hob man ab. Da wäre man mit dem SVU schon fast in Frankreich gewesen.
Aber am Ziel wartete der Mietwagen. Gott sei dank. Noch kann man sich einen Verbrenner ausleihen. Noch kann man überhaupt mit den Kindern in den Urlaub fliegen. Noch darf man Kurzstrecke fliegen.
Aber wie lange noch? Der Architekt weiß es nicht. Aber er weiß: Alle unfähig.
Und ich, der Leser, weiß jetzt, wie es wirklich ist, mitten im Klimawandel zu stecken, und drauf zu scheißen.
Also flieg weiter, kleiner Architekt.
Flieg weiter und singe das Lied, das “Mir ist die Welt scheiß egal – Lied”.
Tina – ist das nicht prima
Was für ein Klima;
Haben wir hier schlechtes Klima
Fahren wir sofort nach Lima. -
Hoffmanns Büdchen (53) – Und was hörst du so?
Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke und sucht im Internet nach Musik von ZZ Top. Gestern hat er eine Doku über die Band aus Texas gesehen. Viele Songs hatte er gar nicht mit ZZ Top in Verbindung gebracht. Bärte hatte er mit ihnen in Verbindung gebracht, sonst nicht viel.
Heute sucht er umsonst die Genialität, die er gestern Nacht gesehen und gehört hatte. Nach ein paar für ihn langweilige Musikvideos klappt er sein Laptop zu und kommt wieder ins Grübeln. Noch nie war er besonders Musik begeistert. Seine Plattensammlung konnte er an zwei Händen abzählen, bei einem Umzug hatte er sie dann sogar vergessen. Auf die Frage, was er denn für Musik höre, ist seine Standard-Antwort „Ach, alles mögliche“. Interessanter macht die Antwort nicht.
„Aber wer will schon interessant sein, wenn er Büdchen Betreiber werden kann“, sagt Herr Hoffmann zu sich selber und lacht komisch. Komisch komisch. Verkehrt.
Manchmal könnte ich einfach drauf losheulen, denkt Herr Hoffmann, da geht das Türglöckchen und verhindert das Denken und ein Tränenmeer. Es ist Paket Paul.
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Hoffmanns Büdchen (52) -Lukas erklärt die Welt: Fußball, wahre Liebe oder das Spiel ist aus
Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Es ist Samstagsabend und vor der Hoffmannschen Auslage, den Schokoriegeln, Kaugummis, kleinen Chipstüten, Ü-Einern und und und … steht Lukas. Er war am Nachmittag im Station und erzählt begeistert vom Preußen Spiel.
„Lukas, mich interessiert Fußball nicht“, sagt Herr Hoffmann ehrlich. Er muss noch die Steuer machen und hatte gehofft, wenigstens am Abend anfangen zu können.
„Sollte dich aber interessieren“, fordert Stammkunde Lukas.
„Wieso?“, fragt der Büdchen-Betreiber. Vielleicht die falsche Frage, denkt Herr Hoffmann, womit er Recht behalten wird, Lukas beginnt die ganz große Erzählung auszupacken.
„Ach Herr Hoffmann“, startet er harmlos. „Nachmittags mit einem Bierchen und einer Bratwurst in der Kurve stehen, war, ist und wird immer etwas besonderes sein.“ Lukas zeigt mit dem Kopf seiner Bierflasche auf Herrn Hoffmann. „Was meinst du, wieviele Väter ihre kleinen Stupse mitbringen?“ Herr Hoffmann zuckt mit den Schultern, er war seit Jahren nicht beim Fußball.
„Mit leuchtenden Augen feuern die Kleinen mit Papa ihre Mannschaft an. Da möchte man auch Kinder kriegen“, lacht Lukas.
„Lukas, komm auf den Punkt,“ drängelt Herr Hoffmann.
„Und wenn die andere Mannschaft, der Gegner, der Gegenspieler, die Anderen ein Tor schießen, foulen oder nur zu schnell für unsere Jungs laufen, wird im Block gejammert, geheult geschrieen und böseste Beschimpfungen zum Gegner gebrüllt. Da stirbt auch mal die Mutter, die sowieso ne Hure ist und der Spieler ein Bastard. Ein schwuler Hurenbastard. Und da schreit dann auch das Kind: Ey, du schwuler Hurenbastard. Und Papa ist stolz auf den kleinen Bub“ Lukas grinst.
„Lukas, mach hin.“
Herr Hoffmann sieht immer noch nicht, was ihn daran interessieren sollte.
Lukas trinkt noch einen Schluck, dann erzählt er weiter.
„Herr Hoffmann, hör doch zu. Teilweise ist das ein Fußballkrieg und du, der Fan, bist Teil dieses Spiels, nur ein kleiner Bauer, aber du gehörst dazu, trägst die gleichen Farben wie deine Jungs, feuerst sie an, singst sie Richtung Tor, liebst, leidest mit ihnen, weinst und brichst vielleicht sogar kläglich zusammen.“
Lukas bückt sich, fällt spielerisch in sich zusammen und schaut hoch zu Herrn Hoffmann, zeigt mit einer jammervollen Fratze wie man guckt, wenn das Spiel verloren scheint.
„In den 90 Minuten, da ist alles anders.“ Lukas macht eine Kunstpause.
„Und dann ist das Spiel vorbei und vielleicht jammert der ein oder andere noch bis zum Ausgang und meinetwegen auch noch bis zum Stammkneipe. Aber weißt du was, Herr Hoffmann?“
Herr Hoffmann schüttelt den Kopf. Also er weiß, dass er gerne noch ein wenig Steuer machen möchte, das weiß er.
„Danach legst du das ab. Das Spiel ist aus. Ich bin wieder Lukas und du bist wieder Herr Hoffmann und nicht irgendein Avatar, der eine Woche durch die Stadt läuft, sich ärgert, jammert, weint, die gegnerische Mannschaft verflucht und ihre Fans jagt, wenn er sie sieht. Hörst du: Das Spiel ist aus.“ Lukas schaut jetzt ernster. Er nimmt seinen Fan-Schal ab, faltet ihn langsam zusammen. Achtung Stimmungsaufbau, denkt Herr Hoffmann. Das wird nichts mit der Steuer, befürchtet er langsam.
„Aber für diese Spastis hört das Spiel nie auf. Die sind in jeder Sekunde Fan und sie schreien, jammern, weinen die ganze Woche weiter. Und zwischenzeitlich verhauen sich diese Hooligans gegenseitig, und wenn keine da sind, irgendeinen Unbeteiligten, der mit Fußball noch nicht mal, was am Hut hat.“
Jetzt regt Lukas sich richtig auf. Seine Stimme wird schneller und lauter und seine Ohren verfärben sich rosa.
„Und wenn dann wieder Weltmeisterschaften oder Europameisterschaften sind, kann sich der ganze Hass auf die anderen Länder übertragen und die Menschen dort. Dann darf man die ganze Welt verkloppen, weil das ja alles Gegner sind. Feinde. Diese Typen raffen es echt nicht. Sie merken nicht, dass das Spiel schon lange aus ist. Da funktioniert doch bei denen was nicht. Warum sagt den keiner mal…“ Lukas brüllt den letzten Satz raus: “Das Spiel ist aus, ihr Penner.“
Da läutet das Türglöckchen. Es ist Paket Paul (ein Stammkunde und eben der Paketbote. Herr Hoffmann hat eine DHL Paketstation im Kiosk. Lohnt nicht).
„Das Spiel ist aus? Alles in Ordnung“, fragt er, guckt neugierig auf Herrn Hoffmann und Lukas.
„Fußball“, sagt Herr Hoffmann.
„Nein, nicht Fußball, Herr Hoffmann. Alles. Wenn ich aus dem Station gehe, ist das Spiel aus. Und wenn so ein rechter Affe in der Fußgängerzone Ausländer jagt, weil Deutschland gerade gegen meinetwegen die Türkei verloren hat, dann rafft er nicht, dass das Spiel aus ist.“
Paket Paul mischt sich ein.
„Olé, olé, oje!“ Er grinst und geht an den beiden vorbei zu seinen Paketen.
„Das ist nicht witzig“, möffelt Lukas hinter ihm her.
„Oje“, sagt Paket Paul.
Er hantiert einen Augenblick zwischen seinen Paketen rum. Dann kommt er an die Theke und öffnet seinen DHL Windbreaker („Ein ganz hübsches Teilchen“, sagt Günter, ein anderer Stammkunde). Paket Paul steht im Trikot vor den beiden Anderen. Stolz dreht er sich um: „1 FC Gartenglück, meine Mannschaft. Nächste Woche geht’s gegen die Kleingärtnerinnen von Teutonia Münsterblick. Gemischte Mannschaft. Aber wenn ich die vorher sehe…“ Paket Paul droht spielerisch mit der Faust.
Herr Hofmann schmunzelt. Lukas ist noch unentschlossen, ob er es witzig findet.
Paket Paul haut Lukas freundschaftlich auf den Oberarm.
„Hast ja Recht“, sagt er. „Nur… Wahre Liebe hört nicht am Stadiontor auf.“
In Münster hat sich einmal ein Schwan in ein schwarzes Tretbott verliebt, unglücklich verliebt.
„Wahre Liebe ist manchmal sehr einseitig“, flüstert Herr Hoffmann leise. „Wohl war“, antworten seine beiden Stammkunden.
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Hoffmanns Büdchen (51) – Liebe Schüler und Schülerinnen, fickt euch!
Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Er dreht sich um, guckt auf die weiße Wanduhr, ein altes Werbegeschenk der Becks Brauerei. „Kack Bier“, flüstert Herr Hoffmann. Jedenfalls ist es 11:14 Uhr. Er hat noch Zeit, noch eine Minute. Auch wenn das Bier kacke ist, geht die Uhr seit Jahren genau. „Für so eine ausgefuchste, weiße Plastik-Wanduhr geht sie super“, flüstert Herr Hoffmann zu sich selber (Büdchen-Talk nennt er diese Art Selbstgespräche).
Noch eine Minute, dann haben die Schüler Pause, rennen ihm die Bude, also das Büdchen ein. Sie klauen, kaufen, lachen, rauchen, verarschen sich und ihn und entschuldigen sich dafür. Manchmal. Manchmal auch bei ihm. Und hier und da passieren Geschichten. Nicht immer die großen Aufreger, aber Geschichten.
Einmal hat ein Junge, Max hieß er, aus der Achten, ein Mädchen aus der Neunten gefragt, ob sie mit ihm gehen will. Herr Hoffmann war überrascht über den Mut. Er hätte sich das mit fünfzehn, sechzehn nicht getraut, aber der Büdchenbetreiber hatte auch erst mit Siebzehn seine erste Freundin, eben weil er sich nicht traute. Jedenfalls fand er diesen Max mit seiner Anmache sehr mutig.
„Und so klassisch“, flüsterte er damals, wusste aber auch nicht genau, was er mit „klassisch“ meinte. Die Neuntklässlerin fand Max aber nicht so klassisch oder zu klassisch. Sie wollte nicht. „Du bist in der Acht. Verpiss dich“, sagte sie und dann lachte sie doof, also Max doof aus.
Herr Hoffmann litt damals mit dem Jungen. Die blöde Pute, dachten beide. „Was ne Fotze“, sagte Max. Herr Hoffmann konnte ihm leider nur zustimmen, sagte aber, dass man keine Frau als Fotze beschimpfen sollte. „Fotze sagt man nicht“, sagte er zu Max, und dieser Max grinste. „Sie sind echt auch ne Fotze, Herr Hoffmann“, erwiderte er böse.
„Und du wirst nie eine Frau abkriegen. Hörst du NIE!“, wollte Herr Hoffmann sagen, lächelte aber nur doof. Herr Hoffmann hätte sich am Liebsten selber ins Gesicht geschlagen. Erst diesem Schüler, diesem Max, und dann sich selber ins Gesicht schlagen, aber stattdessen grinste er, wie gesagt, doof. „Du auch Max“, sagte er. Der Schüler schüttelte nur den Kopf. „Echt, Herr Hoffmann, du bist echt ne Fotze“, sagte er noch einmal und ging mit einem fetten Grinsen raus.
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Hoffmanns Büdchen (50) – Herr Ärmel muss Rauchen
Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Draußen regnet es. Es ist früher Nachmittag und Herr Hoffmann überlegt, ob er in seinem im Büdchen das Licht anmachen soll. „Am Nachmittag“, flüstert Herr Hoffmann ein wenig Niedergeschlagen. Man spürt den Herbst in jeder Ecke. Der Büdchen Betreiber spürt ihn, den Herbst, in jeder Ecke.
Das Türglöckchen läutet. Es ist ein Stammkunde. „Der Herr Ärmel“, sagt Herr Hoffmann freundlich. Herr Ärmel ist für Herrn Hoffmann immer ein Sonnenschein und vor allem an Regentagen, an ersten Herbsttagen „Guten Tag, Herr Hoffmann“, grüßt Herr Ärmel wie immer höflich, und tritt mit seinem liebevollen Herr-Ärmel-Lächeln an die Theke. „Herr Hoffmann, verkaufen Sie eigentlich immer noch Zigaretten? Ich meine einzelne Zigaretten?“ Herr Hoffmann wird leicht rot. „Also…, äh…, das habe ich mal gemacht, aber…“ Herr Ärmel lächelt. „Keine Angst, ich will Sie deswegen ganz sicher nicht verurteilen. Ich brauche nur eine Zigarette. Eine.“
Herr Hoffmann guckt immer noch ertappt. An die Schülerinnen der Schule gegenüber verkauft er in den Pausen einzelne Zigaretten und macht dadurch ein paar Euro extra. „Herr Hoffmann, ihr kleines Extra Geschäft ist mir wirklich ganz egal, ich brauche einfach eine Zigarette. Verkaufen Sie mir eine, oder nicht?“
Herr Hoffmann greift unter die Theke. „Welche Marke?“, fragt er immer noch etwas unsicher. „Eine Starke“, antwortet Herr Ärmel ernst. „Ist was passiert?“ Herr Hoffmann sucht eine Zigarette raus und reicht sie Herrn Ärmeln. „Hier. Geschenkt.“ „Danke, Herr Hoffmann.“
Herr Hoffmann wartet, ob Herr Ärmel von selber beginnt, zu erzählen, aber, der für viele im Viertel seltsame Kauz lächelt nur, geht raus und raucht in Ruhe seine „eine“ Zigarette.
Erst als er fertig ist, kommt er wieder in den Kiosk und beginnt, zu erzählen. „Entschuldigen Sie, das musste jetzt sein. Ich liebe diesen leichten Schwindel, den man hat, wenn man raucht. Wissen Sie, früher habe ich genauso viel geraucht wie Günter.“ „Der nette Nazi?“, Herr Hoffmann lächelt. „Na, ob der nett ist? Jedenfalls habe ich genauso viel geraucht. Der Job, wissen Sie? Als Architekt stand ich immer unter Strom. Hier ein neues Projekt, dort eine Ausschreibung. Dann die Existenzangst, wenn keine Aufträge da waren. Erst beim Bauordnungsamt habe ich die Kurve gekriegt. Wissen Sie, auf einmal fing die Angst an. Die Bildchen auf den Schachteln haben ihr übriges getan.“
Herr Hoffmann nickt. Er kennt das Gefühl. Auch Herr Hoffmann hat jahrelang geraucht und dann Panik bekommen. Er war ein richtiger Hypochonder. Nach jeder Zigarette glaubte er, die Metastasen in sich blühen zu spüren. Jeder Stich in seiner Seite war Lungenkrebs, jedes Kribbeln in den Beinen, der Anfang eines Raucherbeins.
„Und wie haben Sie es geschafft? Einfach aufgehört?“, fragt Herr Hoffmann. Herr Ärmel winkt ab. „Ne, nicht einfach aufgehört. Das ging bei mir über zwei, drei Jahre. An guten Tagen: Aufhören. An schlechten Tagen: Wieder anfangen. Dann Schuldgefühle, Furcht vor Krankheiten, wieder aufhören und ein paar Tage später die nächste erste Zigarette. Es war furchtbar. Kennen Sie das Buch Endlich Nichtraucher?“ Herr Hoffmann kennt es. Zweimal hat er es gelesen. „Und hat es bei Ihnen geklappt?“ Herr Hoffmann schüttelt den Kopf. „Bei mir auch nicht. Ich habe nachher mehr geraucht als zuvor. Also für mich war das nichts.“
„Und dann?“ Jetzt ist Herr Hoffmann doch neugierig. Wie so viele hatte er auch seine Rauchervergangenheit. „Die harte Tour. Ich wurde krank. Herz. Glücklicherweise war es nur ein Warnschuss. Aber nach ein paar Tagen Krankenhaus und der Ansage einer Ärztin, dass ich mir jetzt überlegen dürfte, ob ich noch ein paar Jahre weiterleben oder ob ich mir schon den Grabstein aussuchen möchte, habe ich es geschafft.“ Herr Ärmel lacht bitter auf. „Später hörte ich, dass sie mit meinem Herz ganz schön übertrieben hat, also die Ärztin, aber da war ich über den Berg. Ich habe ihr sogar einen Blumenstrauß als Danke schön geschickt. So ein Quatsch“
„Und heute fangen Sie wieder an?“, fragt Herr Hoffmann ironisch. „Nein“, Herr Ärmel lächelt. „Nur…es gibt so Tage, wissen Sie, da will man ausbrechen. Irgendwie raus aus seinem Körper. Kennen Sie das?“ Herr Hoffmann überlegt, aber Herr Ärmel wartet gar nicht auf seine Antwort. „Am Liebsten würde ich mir heute Opium in die Halsschlagader spritzen, aber ich habe Angst vor Spritzen und eigentlich auch vor Opium.“ „Das ist ja blöd“, sagt Herr Herr Hoffmann. „Ja, das ist ja blöd“, sagt Herr Ärmel nur. „Auf Wiedersehen, Herr Hoffmann.“ „Herr Ärmel.“ Herr Hoffmann bleibt ohne eine richtige Antwort zurück. Opium spritzen? Ein seltsamer Geselle, der Herr Ärmel. Oder hat Herr Hoffmann irgendwas im Viertel verpasst?
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Hoffmanns Büdchen (47) – Günter, der nette Nazi
Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. „Die Theke ist auch antifaschistischer Schutzwall“, denkt er gerade und hört Günter, soweit es geht, zu. Günter: Ende fünfzig, Anfang sechzig, starker Raucher, Zigarillos, nicht dumm, aber politisch sehr weit rechtsaußen.
„Herr Hoffmann, weißt du eigentlich, was ich damals gemacht habe? So beruflich in deinem Alter oder noch früher?“ Günter lacht auf. Er gehört schon zu der Gattung Mensch, die am Meisten über ihre eigenen Witze lachen können. Dann schaut aber sofort wieder ernst, sehr ernst zu Herrn Hoffmann über die Theke. „Wie ist eigentlich die männliche Form von Politesse“, überlegt Herr Hoffmann. Er kommt nicht drauf. „Ich weiß es nicht, Günter“, sagt er.
Noch einen kurzen Moment lässt Günter die selbstaufgebaute Spannung steigen. Vielleicht doch noch eine Werbepause? Nein.
„Taxifahrer“, sagt Günter.
„Es ist raus. Taxifahrer“, denkt Herr Hoffmann. „Lustig“, sagt der Büdchen Betreiber nach einer Weile. „Taxifahrer also.“ Was anderes fällt ihm auf Günter tolles Beruferaten nicht ein.
„Abgeschlossenes Politikstudium, danach Taxischein, zwanzig Jahre Nachtschicht, zwanzig Jahre Single, lieber Herr Hoffmann.“
Herr Hoffmann nickt. Taxifahrer also. Immer alleine, irgendwann an der falschen Stelle abgebogen. Heute ist Günter für das Viertel nur noch der rechte Giftzwerg.
Herr Hoffmann weiß genau, wie sich „allein sein“ anfühlt und an was für schräge Orte einen die Fantasie tragen kann.
„Ich weiß wohl, dass mich alle für einen rechten Giftzwerg halten. Hier, dein Stammkunde, dieser Student, Lukas, der hat mich doch letztens sogar bei dir im Büdchen als Nazi bezeichnet.“
Herr Hoffmann starrt auf Günter, ohne dazu etwas zu sagen. Er erinnert sich noch genau an das Gespräch, den Streit. Schön war das nicht. Herr Hoffmann fragt sich allerdings, warum Günter ihm das alles erzählt. Gefragt hat er nicht danach.
„Und weißt du was, Herr Hoffmann?“ Günter kommt einen Schritt näher zur Theke. Herr Hoffmann weiß nicht.
„Was?“, fragt der „Herr des Kiosk“, dreht sich dabei zur Wanduhr um, die hinter ihm neben dem Zigarettenregal hängt. Ein Becks Gold Vertreter hat sie ihm geschenkt. Herr Hoffmann wollte sie immer mal wieder austauschen, aber sie läuft noch. Herr Hoffmann mag keine Verschwendung. Das Werbegeschenkt jedenfalls zeigt, dass bald gegenüber an der Schule Große Pause ist. Dann stürmen die Schüler und Schülerinnen wieder in seinen Kiosk und die Zeit zum Plauschen ist vorbei.
„Zu Recht, lieber Herr Hoffmann. Zu Recht.“ Günter lehnt sich über die Theke. Herr Hoffmann muss einen Moment überlegen, was Günter meint. Er geht einen Schritt zurück und prallt leicht gegen das Zigarettenregal.
„Herr Hoffmann, wir müssen wieder lernen, die eigenen Hütte sauber zu halten. Das geht nicht, wenn hier jeder reinkommt und macht, was er will. Ich weiß, dass darf man nicht mehr sagen, aber…“
Jetzt weiß Herr Hoffmann wieder, worum es geht.
„…aber wir brauchen Strukturen, Ordnung, eine starke Hand, Persönlichkeiten, die wissen, wie man der Jugend wieder Tugenden und Ideale mitgibt. Lieber Herr Hoffmann, Friede, hörst du, Friede ist nur der Zustand zwischen zwei Kriegen“, sagt Günter, am Ende seines Vortrags angekommen. Günter schaut Herrn Hoffmann durchdringend, auch neugierig an, als ob er auf seine Sätze eine Antwort haben will. „Eine Bestätigung vielleicht noch“, denkt Herr Hoffmann.
Doch dazu kommt es glücklicherweise nicht mehr. Das Türglöckchen des Kiosk läutet und eine Scharr junger Schülerinnen und Schüler überfällt seinen Laden.
„Maske auf. Nur zwei Kunden gleichzeitig. Wenn du das Heft lesen willst, musst du es kaufen,“ schreit der Büdchen Betreiber zwischen den Heranwachsenden. Günter lächelt. Er grüßt noch einmal über die Theke und verabschiedet sich.
Ein paar Minuten später steht auch Herr Hoffmann wieder alleine in seinem Büdchen. Hätte er Günter seine Meinung sagen sollen? War es richtig, einfach die Klappe zu halten? Wohl kaum. Aber, das muss sich Herr Hofmann eingestehen, er mag Günter. Kein Freund, aber ein Stammkunde, den er gerne im Büdchen hat.
„Der nette Nazi“, lächelt Herr Hoffmann und ahnt, dass das eigentlich gar nicht möglich ist.
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Hoffmanns Büdchen (46) – Pimmelgate oder „Herr Ärmel, du bist wirklich ein Pimmel“
Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. In seinem Büdchen ist ein großes Tohuwabohu. Man unterhält sich über Politik und die baldigen Wahlen. Günter ist mal wieder da, Lukas natürlich und auch Herr Ärmel. Es wird, um mal eine Metapher zu verwenden, bis aufs Blut diskutiert.
„Herr Ärmel, du bist wirklich ein Pimmel“, sagt gerade Lukas und Herr Hoffmann sieht, wie bei Herrn Ärmel das Blut in den Adern zu kochen beginnt. „Lieber junger Mann,“ wehrt sich der Ruheständler, „zum Einen bin ich für Sie immer noch „Sie, Herr Ärmel“, soviel Zeit muss sein, zum Anderen finde ich es ziemlich daneben, mich Pimmel zu nennen, nur weil ich eine andere Meinung habe.“
Jetzt lacht Günter. Der Zigarillo Raucher steht an dem einzigen Tisch im Büdchen und rührt sich aggressiv Milch und Zucker in seinem Kaffee – der Kaffee schwappt über den Tassenrand. „Herr Ärmel, ich denke, er hat dich Pimmel genannt, weil du ein Pimmel bist und nicht wegen deiner politischen Meinung, “ duzt der offensichtliche Rechtsaußen-Wähler den armen Herr Ärmel. Lukas nickt heftig. „Genau. Oder haben Sie keinen Pimmel, Herr Ärmel?“, fragt Lukas rhetorisch.
Jetzt mischt sich Herr Hoffmann in das Gespräch ein. „Leute, ich möchte nicht, dass hier in meinem Kiosk irgendwer Pimmel genannt wird. Und schon gar nicht Herr Ärmel. Ich schätze Herrn Ärmel und unsere Gespräche und ich will nicht, dass meine Kunden hier beleidigt werden.“
„Kann sich der Pimmel nicht selber wehren“, sagt Günter, der ganz offensichtlich auf Krawall aus ist. „Also…“ Gerade will Herr Ärmel ansetzen und sich, wie gewünscht, wehren, da fährt ihm aber schon wieder Herr Hoffmann ins Wort.
„Günter, wenn Sie nur mit Pimmel um sich werfen können, gehen Sie besser“, sagt Herr Hoffmann so gerade noch freundlich.
„Ich kann mich auch selber wehren, Herr Hoffmann“, sagt nun Herr Ärmel wütend. Er mag es gar nicht, wenn man für ihn redet. Noch nicht einmal ein Herr Hoffmann.
„Pimmel“, sagt Günter und grinst. Lukas lacht laut auf.
Herr Hoffmann zieht für alle hörbar die Luft ein und will gerade etwas erwidern, doch Günter ist schneller. Der Starkraucher erklärt den Anwesenden die Welt, seine Günter-Welt.
„Also, Pimmel ist für mich kein Schimpfwort. Pimmel ist doch nett. Wenn der junge Mann (Günter zeigt auf Lukas) jetzt Schwanz oder Fickrakete oder Bumsstengel gesagt hätte. Gut, das wäre schon beleidigender gewesen. Aber Pimmel? Herr Hoffmann, ich bitte sie“, sagt Günter, zieht eine Augenbraue hoch und führt weiter aus. „In Hamburg wurde jetzt der Innensenator von linken Zecken Pimmel genannt. Der hat dann gleich eine Hausdurchsuchung in diesem autonomen Sumpf in Auftrag gegeben“
„Was ein Pimmel“, sagt Lukas.
„Aha“, sagt Herr Ärmel. „Ich dachte, Pimmel wäre so neutral. Aber jetzt haben sie ja selber Pimmel als Beleidigung gebraucht.
„Weil er sich pimmelig aufgeführt hat“, erklärt der Student.
„Der Innensenator wurde von linken Zecken als Pimmel bezeichnet, weil er sich gegen illegale Corona Partys gewendet hat“, weiß Günter zu berichten.
„Linke Zecken darf man also als Pimmel beschimpfen, oder was?“, fragt Herr Ärmel an Günter gewandt
„Linke Zecken darf man auch gegen die Wand stellen“, sagt Günter böse.
„So, jetzt reicht es. Sowas will ich hier nicht hören. Raus. Sofort. Alle. Hier wird niemand an irgendeine Wand gestellt. Wenn ich so ein Mist höre, kommt mir die Galle hoch“, schimpft Herr Hoffmann. „Lukas, von dir hätte ich da wirklich etwas anderes erwartet.“
Seine Kunden schauen ihn erstaunt, aber auch erschrocken an. Sie haben Herrn Hoffmann selten so sauer gesehen. „Da sehen Sie es, Günter“, was Sie angerichtet haben. Scheiß Nazi“, greift Lukas jetzt Günter an. „Ich? Wer hat denn mit Pimmel angefangen? Du oder ich“, wehrt sich der rechtskonservative Kettenraucher. „Du“, sagt Lukas und schaut grimmig zu Günter. Offensichtlich verschieben sich gerade erneut die Fronten.
Da geht das Türglöckchen. Es ist Michael – BILD Leser, Schnorrer, Alkoholiker.
„Na, ihr Pimmel. Alles klar?“, fragt er unbedarft.
Herr Hoffmann schlägt sich mit der offenen Hand an die Stirn.
„Autsch, der hat mir noch gefehlt“, sagt er halb zu sich selber, halb zu den Kunden. „Seine Kundschaft kann man sich nicht aussuchen“, sagte mal eine Kollege“. Das ist wohl Blödsinn, denkt Herr Hoffmann, aber man kann als Büdchen Besitzer wenigstens entscheiden, wann man die Kunden vor die Tür setzt.
„Nämlich jetzt“, flüstert Herr Hoffmann zu sich selber und drängt die vier Männer aus seinem Büdchen. Michael versucht noch schnell Schnaps und eine Zeitung anschreiben zu lassen. Aber sogar hierfür hat der Büdchen Betreiber gerade keine Nerven. „Heute nicht“, brüllt er den Schnorrer an.
„Ist ja gut“, sagt Michael geknickt.
„War doch nicht so gemeint“, meint auch Lukas, der jetzt auch endlich merkt, dass er zu weit gegangen ist.
„Herr Hoffmann, war doch nur Spaß“, wirft jetzt auch noch einmal Günter ein.
„Also. Herr Hoffmann. Ich auch?“, fragt Herr Ärmel naiv. Herr Hoffmann antwortet noch nicht mal mehr da drauf.
„Alles Pimmel“, flüstert er, als er sie endlich auf der Straße hat. Am Liebsten würde er abschließen und Feierabend machen. In zwei Wochen sind Wahlen, danach wird sich die Stimmung wieder beruhigen. Glaubt er. Oder es wird noch schlimmer, weiß er.