Autor: Andreas

  • Hoffmanns Büdchen (39) – Die Erde ist mein Weltraum

    Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Er ist – für ihn ungewöhnlich – sehr. aufgebracht„Die Erde ist mein Weltraum“, sagt er zu Lukas und Paket Paul, die wie immer in seinem Büdchen ihre Freizeit verbringen. Die Beiden lachen. „Ach, Herr Hoffmann“, sagt Lukas und grinst zu Herrn Hoffmann rüber. „Wenn man so technikfeindlich ist, wundert mich das nicht.“

    Herr Hoffmann sagt nichts dazu. Er ist nicht technikfeindlich. Das ist Quatsch, denkt Herr Hoffmann. Aber sobald man die Kaffeemaschine nicht über seine Sprach-App steuert, zählt man als rückständiger Waldschrat.

    In einer Zeitung hat er jetzt gelesen, dass jeder Dritte die Sprachassistenten nutzt. Immer mehr Aufgaben lassen sich die Menschen von ihren kleinen digitalen Helferlein erledigen. Mit dem Mehr an Freizeit kaufen sich die guten Leute dann noch mehr an digitaler Technik, um sich noch mehr helfen zu lassen. Am Ende kommt dann der Pflegeroboter der neuesten Generation, der einem den Po abputzt und auch mal beim Sterben das Händchen halten kann.

    Spätestens dann merken sie, dass hier irgendwas an Menschlichkeit fehlt, denkt Herr Hoffmann immer noch aufgewühlt und schaut rüber zu seinen beiden lachenden Stammkunden.

    „Kennt ihr die Asimov’schen Robotergesetze?“, fragt er über die Theke. Die Beiden schütteln den Kopf. Herr Hoffmann dreht sich zum Zigarettenregal um. An einer Seite hängt ein ausgedruckter Zettel. Sowohl Paket Paul als auch Lukas ist der Zettel nie aufgefallen. Herr Hoffmann reißt den Ausdruck ab und reicht ihnen das Stück Papier.

    „Denkt mal drüber nach“, sagt Herr Hoffmann.

    1. Ein Roboter darf kein menschliches Wesen (wissentlich) verletzen oder durch Untätigkeit (wissentlich) zulassen, dass einem menschlichen Wesen Schaden zugefügt wird
    2. Ein Roboter muss den ihm von einem Menschen gegebenen Befehlen gehorchen – es sei denn, ein solcher Befehl würde mit Regel eins kollidieren.
    3. Ein Roboter muss seine Existenz beschützen, solange dieser Schutz nicht mit Regel eins oder zwei kollidiert.

    Die beiden Stammkunden studieren den Zettel. “Asimov’schen Robotergesetze? Du bist ein Typ, Herr Hoffmann”,sagt Lukas mit einem Lachen.

    “Denkt drüber nach”, wiederholt Herr Hoffmann ernst.

    Sie versprechen es.

  • Du gehst auf „nice“ Techno Parties und ich gehe wandern

    Heute war ich im Nordpark. Wandern. In Münster gibt es einen Nordpark und einen Südpark, aber keinen Ost- oder Westpark. Es gibt aber ein Ostbad und ein Südbad gab es mal. Im Süden. Einen Westpark oder ein Westbad gab es nie. Was schade für die Wessis ist, da in Münster der Westen sowie nicht so schön ist. Sie hatten mal eine Schlittenschuhbahn. Aber die war auch kacke. Im Westen geht die Sonne unter, das sagt alles.

    Wenn man ihm Nordpark wandert, merkt man gleich, wie riesig der Park ist. Im Vergleich zum Südpark, der sehr winzig ist, wirkt er noch größer. Der Südpark ist aber auch eher ein Park-chen oder Garten.

    Nordpark Münster
    Nordpark Münster – Wege, Wege, Wege

    Da ein Garten aber meistens privat und ein Park öffentlich genutzt wird, kann der Südpark natürlich kein Garten sein. Er ist öffentlich, sonst wäre es ein privater Südgarten, was schon widersprüchlich klingt.

    Eine Ausnahme ist übrigens der Botanische Garten. Er ist öffentlich, weil man stolz auf den Garten mit all die seltenen Heil- und Nutzpflanzen, fleischfressenden Gewächsen, südländischen Kakteen und raren Ostbäumen ist. Der Botanische Garten befindet sich übrigens in der Mitte der Stadt und ist damit auch in Bezug auf die Himmelsrichtungen eher eine Ausnahme. Und groß ist er auch nicht. Eben ein Garten.

    Im Südpark kann man im Sommer eigentlich gar nicht wandern. Zum Einen ist der Südpark zu winzig, zum Anderen nutzt das ganze Viertel den Park im Sommer zum Grillen. Man grillt sich, Fleisch und auch Gemüse und vieles brennt an, da der Sommer in Münster wohl nicht lang, aber neuerdings sehr heftig ist.

    In der Hochsaison liegt eine eine dichte Grillwolke über dem Südpark. In Zeiten des vom Menschen gemachten Klimawandels ist das natürlich ein Problem, so dass schon hinter verschlossenen Rathaustüren leise über ein Südpark- Grillverbot nachgedacht wurde. Kritiker sagen, wäre der Südpark ein Gletscher, wäre er schon geschmolzen. Stimmen fängt man mit solchen Gletscher Äußerungen nicht, weswegen solche Vorhaben erst nach den Wahlen im Herbst laut ausgesprochen werden. Da man im Herbst seltener grillt und der Münsteraner nicht sehr weit zu blicken scheint, ist ein Grillverbot nach den Wahlen kein Denkverbot.

    Der Westen der Stadt ist auf jeden Fall dafür. Das hat aber auch was mit Neid zu tun, da sie dort ja nichts haben. Noch nicht mal einen Park.

    Aber ich schweife ab.

    Heute war ich im Nordpark. Wandern. Neben verschiedenen Wegen, auf denen man wandern kann (oder auch einen Hund spazieren führen. Geht alles), bietet der Nordpark verschiedene andere Attraktionen.

    Kinderspielplatz, Basketballfeld, Beach Volleyball-Sandkiste, Boule Ecke, Grillhäuschen, Grillhütte, Grillplatz mit Findlingen als Sitzobjekte und einen 70ziger Jahre Trimm Dich Pfad (https://trimmy.dosb.de/die-geschichte/)

    Während des ersten LockDowns der Corona Pandemie haben verschiedene Amateursportler, Bewegungsfetischisten, Lauffreunde, Gesundheitsenthusiasten und dicke Menschen den Trimm dich Pfad für sich entdeckt. Unter dem Maskottchen Trimmy, wurde hier am Gerät geschwitzt und gelitten und das Elend der Fitnessstudios nach draußen in den Park getragen.

    Amateursportler, Bewegungsfetischisten, Gesundheits-enthusiasten und dicke Menschen genießen den Trimm dich Pfad

    Teilweise stand man sonntags morgens an den einzelnen Stationen des Trimm Dich Pfads länger an als an der Ferien Minigolfanlage oder als am Paket-Schalter der Post kurz vor Heiligabend.

    Die spielenden Gören, die am Gerät mit dem Hobbysportler konkurrierten, machten es nicht besser. Für sie war der Trimm dich Pfand (wie für den Fitnessjunkie) einer wenigen Orte, wo sie sein durften.

    Heute, bei meiner Wanderung, war es aber ruhig an den kühlen Stahl des Fitnessgeräts. Die Studios haben wieder auf. Man quält sich wieder unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

    Viele Stars haben über das Wandern ein Buch geschrieben. Hape Kerkling und dieser Star z.B., der immer in dem kostenlosen Bahnmagazin wirbt und beworben wird. Ich halte mir das aber offen. Also mit dem Buch über das Wandern, meine ich. Das halte ich mir offen.

    Womit ich auch wieder beim Wandern bin. Nordpark. Im Nordpark hat es viele Wege, Verzweigungen, Gabelungen und Kreuzungen. Als Wanderer steht man immer wieder vor der Wahl, ob man noch Osten, Süden oder Norden gehen will. Ich bin da offen. Nur nach Westen, da gehe ich nicht. Das ist nichts. Da geht nur die Sonne unter.

  • Hinter hohen Mauern (oder “Lass das Wandern deine  Tanzmusik sein”)

    Hinter hohen Mauern (oder “Lass das Wandern deine Tanzmusik sein”)

    Gegenüber meiner Scholle ist die Landesklinik für Psychiatrie, die LWL-Klinik. Früher hieß der Ort Kloster Marienthal, aber nur noch ein Straßenname im Viertel erinnert an die Zeit unterm drückenden katholischen Kreuz der Pflegeanstalt. Jedoch kennen noch viele Alte die Gruselgeschichten über das Kloster, das schon Ende des vorletzten Jahrhunderts zur „Irrenanstalt“ wurde.

    Kasernenartige Klinikgebäude, herrschaftliche Wohnhäuser, das alte Klostermutterhaus, eine Kirche im Backstein-Look liegen u.a. in einer verzweigten Parklandschaft mit vielen knorrigen Bäumen und verwunschenen Sträuchern, die schon seit Jahrzehnten die meiste Liebe an diesem Ort abbekommen.

    Früher war Marienthal Pflegeanstalt, heute ein Zentrum für innere Gesundheit.

    Da kommen die Bekloppten hin. Nach Marienthal in die Irrenanstalt. Der Baumann hat dort entzogen.“

    Entzogen? Heroin?“

    Ne, Alkohol.“

    Alkohol entziehen? So ein Blödsinn, Der will nur wieder nicht arbeiten.“

    Aha!?“

    Katholische Nonnen sollen hinter den Mauern ein Regime des Schreckens geführt haben. Doch es blieb bei den Gerüchten, nie drang etwas Handfestes nach draußen.

    Dann gab man sich einen neuen Namen und noch nicht einmal die Gerüchte blieben. Am Ende erinnern nur die alten Mauern an das verborgene Früher der Anstalt, an das Kuckucksnest, über das nie jemand flog. Und natürlich die Kranken, die Patienten, Insassen und Anstalts-Bewohner: Sie sind auch geblieben. Auch wenn sie heute anders heißen, Kunden eben.

    Aber die Gerüchte, die gingen.

    Dachte man.

    An viele alte Bäume haben die Gärtner Schilder angebracht, die was über die Arten erzählen. Zwischen den grünen Riesen große Wiesenflächen mit Wildblumen, ein Barfußpark, ein Springbrunnen und „hey“ wieder neue gelungene Arbeiten aus der Metal- und Holzwerkstatt.

    Immer wieder trifft man auf Patientengruppen, die zusammen spazieren gehen (müssen). Viele Insassen sehen sehr müde aus. Man erkennt die Patientinnen, die Gesundheitskundinnen an den heruntergelassenen Augenlidern. Der tägliche Drogencocktail ist Therapie und Pflegenotstand. Ausgenommen sind die Suchtkranken: Sie müssen ohne Pillen spazieren gehen. Sie sind leicht zu erkennen: Sie gehen schneller als der durchschnittliche Patient und fallen durch ununterbrochenes Gequatsche auf.

    Gestern hörte ich einen Patienten sagen, dass das ganze Gelände mit geheimen Katakomben durchzogen ist. Gänge, die heute niemand mehr kennt, die zuletzt im Krieg betreten wurden. „Da gingen Leute rein, aber wenige kamen raus, sagt man“, sagt der Patient. Da sind sie wieder: Die Gerüchte.

    Natürlich schreit auch hier und da mal jemand. Man ist nicht in einem Streichelzoo, es bleibt eine psychiatrische Klinik. Der Park ein Kurgarten für die Patienten, Insassen, Suchtkranken, Aufsässigen, Verirrten, nicht Akzeptierten.

    Ob für die Dauerhaften oder die Kurzzeitigen, für die Immer-Wiederkehrenden oder die Für-immer-Bleibenden oder einfach für Leute wie mich, die Anwohner, die hier spazieren gehen; vor allem wegen den schönen Bäumen, die an diesem Ort am Meisten Liebe erfahren, ist der Park mit seinen geheimen Ecken und geflüsterten Gerüchten ein Traumland, düster und schön.

  • Hoffmanns Büdchen (37)- Herr Hoffmann und die guten Leute

    Herr Hoffman steht hinter seiner Theke. „Mach das aus“, sagt er gerade zu Lukas, der an seiner mitgebrachten Bluetooth Box rumdrückt. „Ich dachte so als Hintergrund-Beschallung. So leichten, anspruchslosen Techno.“ Lukas grinst hinter seiner Box. „Mach das aus“, wiederholt Herr Hoffmann, doch der Student tut so, als ob er nicht hört.„Du willst doch Kunden binden?“, erklärt Lukas weiter. „Mach das aus.“ Herr Hoffmann verlässt seine Theke. Es reicht ihm. Jeden Tag diese blöden Ideen, denkt er. Jetzt ist Schluß. Da merkt endlich auch Lukas, dass er zu weit gegangen ist. Mit einem Griff hat er die Box eingepackt und ist, schwups, aus dem Laden. Herr Hoffmann steht vor der Theke. VOR der Theke. Wenn Lukas ihm egal wäre, stände er noch immer hinter seiner Theke. So ist das wohl, denkt er und geht zurück. Auch wenn er wütend war, seine Theke verlässt Herr Hoffmann nur für seinen guten Leute. „Lukas ist gute Leute“, sagt er. Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Es ist still. Es ist alles gut.

  • Hoffmanns Büdchen (38) – Hoffmanns Kunden „Ein seltsamer Mann“

    Herr Hoffmann steht hinter der Theke und liest ein Buch über zwei Kinder, die in ihren Sommerferien von zu Hause abhauen. Eine Kundin hat es ihm empfohlen. Es ist spannend. Herr Hoffmann wäre als Kind gerne so frei, so mutig gewesen, einfach abzuhauen. „Und es wird nicht leichter mit dem Abhauen“, denkt Herr Hoffmann beim Lesen. Wenn nicht gerade Kunden im Büdchen sind, kann sich Herr Hoffmann kaum von der mittlerweile als Taschenbuch herausgegebenen Ausgabe losreißen.

    Was würde er wohl sagen, wenn er wüsste, dass vor seinem Laden ein Stammkunde steht und ihn beobachtet?

    Nichts würde er sagen. Vielleicht würde er sich ein wenig wundern, aber ansonsten weiter lesen, da das Buch mit Sicherheit spannender ist, als jede Überraschung, die hinter dem Spanner steckt.

    Ja, und tatsächlich ist es auch gar kein Spanner. Es ist Herr Ärmel. Der Herr Ärmel, der wöchentlich bei Herrn Hoffmann seinen Lotto Schein abgibt und kurz mit dem Büdchen-Verkäufer von der Lotto-Millionen träumt.

    Herr Ärmel hat sich gerade festgeschaut. Er schaut durch das Fenster von Herrn Hoffmann auf eine Flasche Orangensaft. Aber höchstwahrscheinlich sieht Herr Ärmel auch die Flasche Saft gerade gar nicht. Herr Ärmel hat einen Gedanken, eine Idee, eine Eingebung und wenn er so einen geistigen Höhenflug erlebt, genießt er ihn an Ort und Stelle.

    Herr Ärmel ist kein seltsamer Mann. Herr Ärmel ist nur viel alleine und da gewöhnt man sich Sachen an, die in Gesellschaft nicht unbedingt angebracht sind, dort seltsam wirken. „Herr Ärmel ist auf jeden Fall ein seltsamer Mann“, sagen manche seiner Nachbarn. Frau Jacob hat es ihm erzählt. Sie ist auch eine Nachbarin, aber auch eine Freundin. Sie helfen sich gegenseitig mit dem Garten.

    Herr Ärmel hat früher mal als Architekt gearbeitet. Später hat er dann in die Öffentliche Verwaltung gewechselt, Bauordnungsamt. Er nahm sich immer dicke Bücher mit ins Büro und meistens hatte er Zeit, sie zu lesen. Und wenn er nicht las, grübelte er. Das Amt hat ihn dazu gemacht, denkt er manchmal. Aber eigentlich hält er nichts von Schuldzuschreibungen. Eigentlich ist Herr Ärmel ein glücklicher Mann. Einsam, aber glücklich.

    Und manchmal denkt er, Herr Hoffmann ist auch so einer, so ein Seelenverwandter. Und wenn er das denkt, fragt er sich, was das denn überhaupt ist, so eine Seele und verfällt wieder ins Grübeln.

    „Hallo Herr Ärmel“, sagt Student Lukas, der gerade um die Ecke kommt und klopft Herrn Ärmel auf die Schulter. Herr Ärmel schreckt hoch. „Ah, Lukas. Hast du mich erschreckt“, sagt er zum Büdchen Stammkunden und studentischen Besserwisser. Lukas grinst. „Entschuldigung.“ „Alles gut“, sagt Herr Ärmel, dreht sich um und geht seiner Wege.

    Lukas schaut ihm hinterher. „Ein seltsamer Mann. Fast wie unser Herr Hoffmann “, denkt er und betritt das Büdchen.

  • Hoffmanns Büdchen (35) – Ein Streit unter Kollegen

    Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Er guckt auf sein Handy. Schon eine ganze Weile schaut er auf sein Handy und auf die Nachricht, die er erhalten hat.

    Das Türglöckchen läutet. Ein gut gelaunter Lukas, Stammkunde in Hoffmanns Büdchen, stürmt herein. „Tag, Herr Hoffmann“, ruft Lukas zur Theke rüber. Doch jetzt bemerkt auch der Student, dass Herr Hoffmann traurig ist. „Herr Hoffmann, bist du traurig?“, fragt Lukas. Herr Hoffmann guckt hoch. „Ne, ne“, sagt er leise und greift hinter sich ins Regal zu Lukas Stammzigarettenmarke. „Sag schon, was ist los?“, drängelt Lukas weiter. Er ist jeden Tag im Büdchen. Herr Hoffmann ist Familie.

    Der Kiosk Verkäufer winkt mit seinem Handy. „Habe gerade eine unangenehme Nachricht bekommen“, sagt er zerknirscht. Er erzählt Lukas, dass er letztens einem anderen Kiosk Besitzer schriebt, ob man mal zusammen über die Krise nachdenken möchte, zusammenhalten in solchen Zeiten. Die Antwort des Kollegen eine einzige Beleidigung. Er sitzt doch auf seinem Geld, betrügt seine Stammgäste, zieht sogar die Kollegen ab, wirft er Herrn Hoffmann vor.

    „Oh, der mag dich aber nicht,“ stellt Lukas nach der Geschichte fest. Herr Hoffmann nickt. „Wenn du antwortest, macht er weiter. Wenn nicht, macht er nicht weiter, hält dich aber für ne Wurst.“ Lukas holt sich ein Bier aus dem Kühlschrank und setzt sich auf den einzigen Hocker, den Herr Hoffmann vor der Theke für seine Kunden bereitstellt. „Und? Was würdest du machen?“, fragt Herr Hoffmann. „Nicht antworten“, rät Lukas. „Wieso schreibst du so einen Typen überhaupt?“, fragt er und nimmt er kräftigen Schluck aus seiner Flasche. Herr Hoffmann überlegt. Er dachte wirklich, dass es eine gute Idee sei. Gerade jetzt, wo durch die Corona Pandemie das Leben und die Geschäfte brach liegen, muss man doch zusammenhalten, dachte er. Der ehemalige Streit? Für ihn Geschichte. Ein blöder Witz. Doch für den Anderen? Schlimmer geht immer. „Seine Wut scheint sogar gewachsen“, sagt er bedrückt zu Lukas.

    Das Türglöckchen läutet. Es ist Paket Paul. „Na, die ganze Bande da“, grüßt er. Paket Paul ist auch Familie. „Was guckt ihr denn, wie sieben Tage Regenwetter?“ Lukas weiht Paket Paul ein, erzählt ihm von der Nachricht, den Beleidigungen. Paket Paul überlegt. „Nicht antworten“, rät er. „Wieso?“, fragt Herr Hoffmann. „Weil für solche Menschen Nichtbeachtung das Schlimmste ist“, erklärt Paket Paul. „Mein Reden“, sagt Lukas und stellt sein leeres Bier auf die Theke. „“Tschüß, Herr Hoffmann. Mach gut, Paket Paul“, sagt er und macht sich auf.

    Kurze Zeit später hat auch Paket Paul seine Pakete abgeholt und Herr Hoffmann steht alleine hinter seiner Theke. Herr Hoffmann guckt hinter sich auf seine Becks Gold Wanduhr. Es ist 14 Uhr. Herr Hoffmann beginnt, zu antworten. Er will kein Wurst sein, denkt er. Manche Fehler hätte man vermeiden können, denken später seine Stammkunden.

  • Hoffmanns Büdchen (36) – Hoffmanns Spinnen

    Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Auf seinen Kassenschälchen krabbelt eine Spinne. Herr Hoffmann greift nach der BILD. Er braucht nur einen Schlag.

    Herr Hoffmann wischt mit einem Feuchttuch das tote Insekt weg. Die Feuchttücher liegen direkt neben der BILD. Herr Hoffmann mag keine Natur in seinem Laden: Keine Spinnen, keine Käfer und auch keine Yucca Palmen, Kakteen oder kleine Orchideen, sogar Haustiere versucht er aus seinem Büdchen fern zuhalten. An der Tür hat er ein Aufkleber mit einem durchgestrichenen Hund. Versteht trotzdem nicht jeder.

    Als Kind war Herr Hoffmann da noch anderes, erinnert sich Herr Hoffmann. Da hieß er aber auch noch nicht Herr Hoffmann. Als Kind war er jeden Tag im Wald und nicht selten krabbelten ihm später kleine Käfer, Spinnen, Ameisen aus der Hose. Mutter schrie dann immer und sprang auf einen Stuhl. „Heinz – Gerd, mach das weg“, quietschte das elterliche Vorbild und sein Vater holte eine BILD und klatschte das Problem tot. Heute klatscht Herr Hoffmann tot. Mutter sagt: „Alles wiederholt sich.“ „Ach Mutter“, flüstert Herr Hoffmann und will gerade einen gepflegten Büdchentalk mit sich selber führen, da läutet sein Türglöckchen und ein Stammkunde, der Michael, Schnapstrinker, BILD Leser stolpert herein. Michael fragt, ob Herr Hoffmann noch Schnaps hat. Herr Hoffmann hat. Michael fragt, ob Herr Hoffmann erlaubt, noch einmal anzuschreiben. Herr Hoffmann verzieht das Gesicht, schreibt Zeitung und Schnaps zu den andern Flaschen und Zeitungen auf Michaels Deckel. Michael grinst doof, dankt und verzieht sich schnell. Ich bin einfach zu gutmütig, denkt der Kiosk Betreiber. Er steht hinter seiner Theke. Neben seiner Kasse sitzt ein Weberknecht. Herr Hoffmann grinst. Er greift nach der BILD. Er braucht nur einen Schlag.

  • Schämt euch!

    Eine rasende Reporterin soll sich im Flutgebiet mit Schlamm beschmiert haben. Glücklicherweise gibt es genug Augen hinter jeder Ecke, die sie nun ans virtuelle Kreuz geschlagen haben.

    Jetzt schämt sie sich öffentlich.

    Auch dieser Mann auf dem Foto wurde beobachtet. Sein Schmerzen sollen gespielt sein, der Sturz nur blödes Theater, um Aufmerksamkeit zu generieren.

    Traurig ist das alles. Sehr traurig.

  • Hoffmanns Büdchen (34) – Pimpern, Podcast & Palaver

    Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Er hat ein paar Kopfhörer im Ohr und hört über sein neues Handy einen Podcast. Zwei Frauen erzählen Herrn Hoffmann, wie oft sie in der Woche Sex haben.

    „Also wir waren sehr aktiv, bevor das Baby da war“, erzählt die Eine. „Wir sind immer noch sehr aktiv. Trotz Baby!“, weiß die andere zu berichten. Die Eine lacht komisch. „Wir sind auch sehr aktiv, nur nicht mehr so aktiv wie früher“, rechtfertigt sie sich vor ihrer Freundin, wieder komisch lachend. „Vielleicht seid ihr zu alt?“, fragt die Freundin gespielt besorgt. „Also wir haben ja täglich Sex“, ergänzt sie ihren Einwurf. Wobei ihr Freund sie ja manchmal eher an einen Zuchtochsen erinnert, führt sie weiter aus. “Ich stehe ja auch meine Frau, aber so eine Standfestigkeit ist mir noch nie unter gekommen.” Sie lacht. “Du meinst drunter gekommen.” Jetzt lachen beide Frauen über ihre Männer und die ganze, tolle Potenz, die dort draußen rumläuft. “Ochsen ochsen”, kreischt eine. Noch mehr Gelächter.

    Herr Hoffmann lacht nicht. Er ist beeindruckt. Er ist ganz sicher kein Zuchtochse. Nein, Herr Hoffmann ist nicht sehr aktiv. Herr Hoffmann hat einen Kiosk, denkt Herr Hoffmann. Da hat man keine Zeit für so was.

    „Und mit wem auch?“, fragt sich Herr Hoffmann gerade, da geht das Türglöckchen. Es ist Herr Ärmel, der seinen Lottoschein abgeben will und gerne mit Herrn Hoffmann über eine großen Lottogewinn sinniert. Kurz fragt sich Herr Hoffmann, ob Herr Ärmel auch eine Intim-Partnerin hat, bei der er zum Zuchtochsen wird. Doch glücklicherweise verschwinden diese Gedanken wieder. Herr Hoffmann möchte sich Herrn Ärmel nicht als Zuchtochsen vorstellen.

    „Guten Tag, Herr Hoffmann“, sagt Herr Ärmel, der nichts von diesen Gedanken ahnt. „Guten Tag, Herr Ärmel“, antwortet Herr Hoffmann und nimmt sich Herrn Ärmels Lottoscheinen an. Sie unterhalten sich kurz über einen möglichen Sechser im Lotto, dann verabschiedet sich der Herr Ärmel und Herr Hoffmann hört weiter seinen Podcast. Die Frauen erzählen, dass sie nächste Woche einen Studiogast haben. Lasso Louis kommt vorbei, der in den Siebzigern mit der neuen Lust auf schlüpfrige Filmchen groß geworden ist.

    “Jetzt ist Lasso Louis selber 70zig und, liebe Hörerinnen, er ist immer noch ein Ochse”, erklärt die Eine und die letzte Minute des Podcasts hört Herr Hoffmann nur noch Gelächter.

    Herr Hoffmann ist beieindruckt. Sehr beeindruckt.