Hinter hohen Mauern (oder “Lass das Wandern deine Tanzmusik sein”)

Gegenüber meiner Scholle ist die Landesklinik für Psychiatrie, die LWL-Klinik. Früher hieß der Ort Kloster Marienthal, aber nur noch ein Straßenname im Viertel erinnert an die Zeit unterm drückenden katholischen Kreuz der Pflegeanstalt. Jedoch kennen noch viele Alte die Gruselgeschichten über das Kloster, das schon Ende des vorletzten Jahrhunderts zur „Irrenanstalt“ wurde.

Kasernenartige Klinikgebäude, herrschaftliche Wohnhäuser, das alte Klostermutterhaus, eine Kirche im Backstein-Look liegen u.a. in einer verzweigten Parklandschaft mit vielen knorrigen Bäumen und verwunschenen Sträuchern, die schon seit Jahrzehnten die meiste Liebe an diesem Ort abbekommen.

Früher war Marienthal Pflegeanstalt, heute ein Zentrum für innere Gesundheit.

Da kommen die Bekloppten hin. Nach Marienthal in die Irrenanstalt. Der Baumann hat dort entzogen.“

Entzogen? Heroin?“

Ne, Alkohol.“

Alkohol entziehen? So ein Blödsinn, Der will nur wieder nicht arbeiten.“

Aha!?“

Katholische Nonnen sollen hinter den Mauern ein Regime des Schreckens geführt haben. Doch es blieb bei den Gerüchten, nie drang etwas Handfestes nach draußen.

Dann gab man sich einen neuen Namen und noch nicht einmal die Gerüchte blieben. Am Ende erinnern nur die alten Mauern an das verborgene Früher der Anstalt, an das Kuckucksnest, über das nie jemand flog. Und natürlich die Kranken, die Patienten, Insassen und Anstalts-Bewohner: Sie sind auch geblieben. Auch wenn sie heute anders heißen, Kunden eben.

Aber die Gerüchte, die gingen.

Dachte man.

An viele alte Bäume haben die Gärtner Schilder angebracht, die was über die Arten erzählen. Zwischen den grünen Riesen große Wiesenflächen mit Wildblumen, ein Barfußpark, ein Springbrunnen und „hey“ wieder neue gelungene Arbeiten aus der Metal- und Holzwerkstatt.

Immer wieder trifft man auf Patientengruppen, die zusammen spazieren gehen (müssen). Viele Insassen sehen sehr müde aus. Man erkennt die Patientinnen, die Gesundheitskundinnen an den heruntergelassenen Augenlidern. Der tägliche Drogencocktail ist Therapie und Pflegenotstand. Ausgenommen sind die Suchtkranken: Sie müssen ohne Pillen spazieren gehen. Sie sind leicht zu erkennen: Sie gehen schneller als der durchschnittliche Patient und fallen durch ununterbrochenes Gequatsche auf.

Gestern hörte ich einen Patienten sagen, dass das ganze Gelände mit geheimen Katakomben durchzogen ist. Gänge, die heute niemand mehr kennt, die zuletzt im Krieg betreten wurden. „Da gingen Leute rein, aber wenige kamen raus, sagt man“, sagt der Patient. Da sind sie wieder: Die Gerüchte.

Natürlich schreit auch hier und da mal jemand. Man ist nicht in einem Streichelzoo, es bleibt eine psychiatrische Klinik. Der Park ein Kurgarten für die Patienten, Insassen, Suchtkranken, Aufsässigen, Verirrten, nicht Akzeptierten.

Ob für die Dauerhaften oder die Kurzzeitigen, für die Immer-Wiederkehrenden oder die Für-immer-Bleibenden oder einfach für Leute wie mich, die Anwohner, die hier spazieren gehen; vor allem wegen den schönen Bäumen, die an diesem Ort am Meisten Liebe erfahren, ist der Park mit seinen geheimen Ecken und geflüsterten Gerüchten ein Traumland, düster und schön.

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