Deutschlandreise Berlin: Über das Schmatzen, den Schnodder, eine Zugreise und Karl Marx

Kekse und Süßwaren gibt es in Berlin

Münster, Hauptbahnhof. 15:34 Uhr. Regionalbahn Richtung Hamm. Gerüchte sagen, dass die Bahn langfristig versucht das Flexticket aus ihrem Angebot zu nehmen. Reisende sollen sich auf Zug und Zeit festlegen. So lassen sich Kapazitäten besser planen. Man ist den Aktionären nicht den Reisenden verpflichtet. Spontanität und Flexibilität sind gesellschafts-politisch erwünscht, aber werden von der Bahn blockiert. „Junge, alles geht den Bach runter“, sagte letztens Mutter, als ich über die Bahn schimpfte. Meine Mutter ist schon eine weise Dame, dachte ich da, was Blödsinn ist. Aber über die Bahn zu schimpfen, ist auch Blödsinn oder einfach langweilig.

Hamm, Hauptbahnhof. 15:57 Uhr. Weiter mit dem ICE nach Berlin. Im Bordbistro: Kaffee, Kaffee, Bier. Vor mir sitzt ein Herr, der zu seinem Salat mit Hähnchenbrustfilet ein Gläschen Wein nimmt. Seine feingeistigen Gesten lösen sich in Luft auf, als ich die Augen schließe und ihn schmatzen höre. Aus Respekt wird Ekel. Ich muss die Augen öffnen und mich auf anderes konzentrieren. Eine Freundin erzählte mir unlängst, dass sie nur noch die Fehler ihres Mannes wahrnimmt. Sein Schmatzen, Schlürfen, Schnarchen machen sie wahnsinnig. Früher hat sie das nie gehört. Jetzt nimmt sie nichts anderes mehr an ihm wahr. Letztens hat sie geträumt, dass sie ihm im Schlaf einen schweren Vorschlaghammer über den Schädel gezogen hat. „Ist das nicht schrecklich, so etwas zu träumen?“, fragte sie mich. Am Schlimmsten sei gewesen, dass danach endlich Ruhe war und sie schlafen konnte. „Ich habe meinen Mann erschlagen und mich danach neben ihm ins Bett gelegt und endlich ruhig geschlafen“, sagte sie. Ich muss daran denken, dass ich auch manchmal schnarche. Ich sollte den Vorschlaghammer wegräumen, wenn ich wieder in Münster bin.

Berlin, Hauptbahnhof, 19:11. Zwei Zigaretten vor dem Eingang, zweimal werde ich angesprochen und um eine kleine Geldspende gebeten, Zweimal lehne ich ab. Kaltfront Berlin. Es ist spürbar kälter in dieser Stadt. Nicht nur die Luft, auch das Miteinander. Ich habe Berlin noch nie gemocht. Das liegt aber an einer verkorksten Beziehung, die ich hier hatte, nicht an der Stadt. Doch die alte Liebelei hat mir die Stadt madig gemacht, Ich gönne mir für zwei Euro einen Kaffee, nehme zwei Milch und zwei Zucker und warte auf die S-Bahn. Straußberg Nord bis Ostkreuz. Ich schließe die Augen. Überall zieht man Rotze hoch, schnupft, hustet und röchelt. Im Radio sprachen sie heute von der Grippewelle, die Deutschland erfasst hat. Auch mich und viele S-Bahn Reisende hat sie erfasst. Ich bin Teil einer Welle.

24h Hostel. Neuköln. 19:40. Der Veranstalter des Poetry Slams hat mir ein Einzelzimmer reserviert. Das ist nicht selbstverständlich auf einem Slam. Aber ich bin ein Urgestein dieser Szene, da hat man hier und da Vorteile. Zum Beispiel ein Einzelzimmer. Ich werfe die Tasche aufs Bett, gucke mich kurz um. „Rauchen verboten. Fünfzig Euro Strafe.“ steht auf einem Schild an der Tür. Das ist billig. Ich habe auch schon Hotelzimmer gesehen, wo man bis zu 150 Euro Strafe fürs Rauchen bezahlen musste. Ich rauche trotzdem heimlich in den Zimmern. Wenn man aus dem Fenster raucht, riecht das niemand. Im 24h Hostel kennt man solche Tricks. Die Fenster lassen sich nicht öffnen, so dass ich aufs Rauchen im Zimmer verzichten muss. Ein Grund mit dem Rauchen aufzuhören, ist für mich, den Demütigungen zu entkommen, denen Raucher täglich ausgesetzt sind.

U Bahnhof Neuköln. 19:55. U7 Richtung Rathaus Spandau. Eine Station bis zum Heimathafen, eine große Theater- und Konzertbühne, wo heute ein Poetry Slam stattfindet, ein Dichterwettstreit, bei dem das Publikum entscheidet, was gut und was schlecht ist.

U-Bahn Station Karl Marx Straße und am Ziel. Karl

Saalslam Berlin. Große Bühne für kleine Autoren

Marx feiert dieses Jahr seinen zweihundertsten Geburtstag. Im Mai 1818 wurde er geboren, hundert Jahre später die Oktoberrevolution und der Versuch seine Ideen in die Realität umzusetzen. Seine Anhänger im fanatischen Glauben, dass die Geschichte automatisch in den Sozialismus und später Kommunismus mündet. Die Geschichte vorherbestimmt. Das ist Fakt, sagen sie. Spinner sind das, sagt unter anderem Mutter.  Ich nehme mir fest vor, dieses Jahr mal was von dem Karl Marx zu lesen. Aus Respekt.

Der Slam selber eine Offenen Bühne mit eher schwachen Texten. Ich werde als Sieger gefeiert, kann mich aber nicht wirklich drüber freuen, da ich nur ein paar alte Texte vortrage und die Konkurrenz eher bescheiden ist. Warum macht man das bloß?, frage ich mich und nehme mir vor, dass es das letzte Mal war. Solche Vorsätze machen aber gar keinen Sinn.

Neuköln, 24h Hostel. 23: 30 Uhr. Später im Hostel sitze ich mit Döner und Fernbedienung auf dem Bett und gucke „Good bye Deutschland“. Zu Hause habe ich kein Privatfernsehen und so bin ich schnell gefesselt. Während mir Zwiebeln, Dönerfleisch, Soße und Rotkohl aus dem Brot aufs Bett fallen, versucht ein Auswanderer -Pärchen sein Glück in Thailand. Als sie schwanger wird, brechen sie das Projekt Auswanderung ab.  „Die medizinische Versorgung in Deutschland ist doch besser“, sagen sie. Vielleicht werden sie noch einmal auswandern, wenn ihre Tochter aus dem Haus ist. Vielleicht werden sie auch einer christlich- fundamentalistischen Sekte beitreten, denke ich und schlafe mit Socken und dicken Pullover auf dem großen Bett mit der kleinen Decke ein. Alles ist gut. Morgen fahre ich wieder nach Münster. Ich freue mich.