Hoffmanns Büdchen (43) – Schluss mit Denken

Herr Hoffmann steht hinter der Theke. Er denkt und er liest. Hanna Arendt. Er hat das Buch unter seiner Theke ein wenig versteckt, so dass die Kunden es nicht gleich sehen, wenn sie zum Bezahlen zur Theke kommen. Er möchte nicht als Spinner gelten. Wenn ein Büdchen Betreiber sich hinter seiner Theke solchem Zeugs hingibt, zählt er schnell als Spinner bei den Leuten. Das gilt natürlich nicht nur für Büdchen-Betreiber: Schon als Jugendlicher hat Herr Hoffmann gerne die Antiken gelesen. Er war immer fasziniert davon, dass vor zweieinhalb Jahrtausenden Gedanken aufgeschrieben wurden, die jetzt noch den Nagel auf den Kopf treffen. Einmal saß er mit seinem Platon vorm “HOT”, dem städtischen Jugendzentrum in seinem Viertel. Als eine Gruppe gelangweilter Vorstadt Krokodilchen ihn mit seinem Buch sah, gab es Prügel; er kam nicht aus dem besten Viertel. Bücher vorm HOT lesen, machten hier nur Spinner.

Auf Philosophie hatte er nach der Prügel jedenfalls keine Lust mehr. Doof gelaufen, denkt Herr Hoffmann manchmal, meistens verdrängt er aber nur die alten Geschichten.

Heute traut er sich wieder zu lesen, seinem Sokrates zuzuhören, seinen Fragen, seinen Ideen. Die ewigen Ideen, die hinter den Dingen liegen, die unsterlichen Götter und am Ende der Kette, der Mensch, der sich als einziges Wesen seiner Sterblichkeit bewusst ist.

Herr Hoffmann grübelt: Die Industrieware Mensch, das männliche Schredderkücken hat mit Ewigkeit und Unsterblichkeit wenig am Hut. Manche unter ihnen versuchen sich durch ihre Erfindungen, ihre Slebstgemachtes bisschen Unsterblichkeit zu geben. Die Meisten fristen ihr Dasein und versuchen so wenig wie möglich, über alles nachzudenken. Mit ihrer “Kauf dich glücklich” Philosophie plus Ficken, Fressen, Fernsehen kriegen sie den Tag schon rum, denkt Herr Hoffmann. Wenn uns tatsächlich eine andere Spezies aus den Tiefen des Alls belauscht, was wird sie zu diesen Menschen sagen, die Ü-Eier oder Plastikschweinchen sammeln und am Besten nicht über Morgen nachdenken?

Was? Herr Hoffmann mag es, seine Gedanken einfach treiben zu lassen, alleine in seinem Büdchen zu stehen und sich in seine Welten zu denken. Auch wenn sie ihn manchmal auch sehr traurig machen.

„Das, dieses Denken, ist eine gute Sache”, sagt er zu sich und legt ein alten Bierdeckel als Lesezeichen in sein. Er muss Schluss machen. Mit Denken. DasTürglöckchen läutet und er will nicht als Spinner zählen.

Hoffmanns Büdchen (42) – Über Bullshit Jobs, Paket Paul und der Wunsch nach Anerkennung

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke und unterhält sich mit Paket Paul, der gerade seine Mittagspause bei Herrn Hoffmann verbringt. Sie reden über die Wahlen zum Bundestag, die im September sind.

„Ich weiß dieses Jahr gar nicht, wen ich wählen soll“, sagt Paket Paul schwermütig. „Bei uns arbeiten meine Frau und ich Vollzeit und trotzdem reicht es gerade mal so. Das kann doch nicht sein, Herr Hoffmann? Was wählst du denn?“, jammert er und schaut hoch zum Büdchen Betreiber. Herr Hoffmann zieht seine Augenbrauen hoch. „Tja, ich weiß nicht“, sagt er ehrlich.

Früher hat der „Herr des Büdchens“ immer die Grünen gewählt, aber dieses Jahr ist er unsicher. Er findet die Kanzlerkandidatin der Grünen unsympathisch und neben dem Partei-Programm ist doch auch Sympathie wichtig. Vielleicht sogar noch wichtiger. Aber dieser Laschet geht für Herr Hoffmann gar nicht. Und der Scholz? Ja, den könnte er wählen, aber er befürchtet, dass seine Stimme wegschmissen ist, wenn er die Sozialdemokratie wählt.

„Naja, welcher Politiker war einem vorher schon sympathisch?“, fragt Paket Paul und Herr Hoffmann fallen da schon ein paar Namen ein. „Wie auch immer.“ Paket Paul winkt ab. „Aber ich kann doch niemanden wählen, der mir als Paket Bote gar nichts anbietet, und vor allem mir das Gefühl gibt, dass ich nichts wert bin. Das ist es doch: Ich will doch nicht einfach mehr Geld, Urlaub, Rente mit 60zig. Das ist alles auch schön und klar nehme ich das mit. Aber…“ Paket Paul macht eine Kunstpause. „Aber was ich, Herr Hoffmann, was ich wirklich will, ist Anerkennung. Anerkennung für ihren blöden Paket Boten.“ Herr Hoffmann sieht, wie Paket Paul seine Hände zu Fäusten ballt, er ist aufgebrachter als Herr Hoffmann zuerst gedacht hat. So zornig kennt er seinen Boten gar nicht. Des Botens Zorn sieht man sogar, wenn man ihn nicht so gut kennt. „Ja, ich bin nur ein blöder Paket Bote, trotzdem sorge ich mit meiner Frau für unser Kind, für die Familie, gebe mir Mühe, und sie, meine Judith („Judith heißt sie also“, denkt Herr Hoffmann) arbeitet auch noch ehrenamtlich im Umweltschutz, ich engagiere mich innerhalb unserer Nachbarschaft. Wir machen was. Es ist uns wichtig.“ Kunstpause. „Aber am Ende bin ich doch nur wieder nur so ein Bullshit Jobber. Das sagen doch alle, sogar die Linken: Die Bullshit Jobber. Was für eine Arroganz ist das denn?“

Herr Hoffmann nickt. Er sieht das leider ganz ähnlich: Früher hat man seinen Job gemacht und egal, ob du Taxifahrer oder Müllmann warst, hat man dir trotzdem noch Respekt entgegengebracht. Gut, ein Scheiß Job war auch früher ein Scheiß Job. Aber man wurde nicht gleich in die Scheiß Job Schublade gesteckt. Aber heute? Sobald man einen dieser Billiglohn-Jobs macht, bekommt man gleichzeitig noch den Opfer Stempel von der Gesellschaft mitgeliefert. „Oh, ein Bullshit Jobber. Arme Sau.“ Sogar die Politik nennt einen arme Sau.

„Ich meine ja gar nicht, dass früher alles besser war. Aber mehr Respekt war schon, oder?“

„Ja, vielleicht.“ Auch Herr Hoffmann musste schon viele schlechte Jobs in seinem Leben machen. Er weiß genau, was Paket Paul meint: Anerkennung ist auch eine Art Lohn.

Das Glöckchen der Ladentür läutet. Es ist Schulschluss. Ein paar Schülerinnen decken sich vor ihrer Heimfahrt mit den Öffentlichen noch mit Süßigkeiten, Getränken und Zigaretten im Büdchen ein.

„Moin, Herr Kiosk-Fuzzi“, sagt eine viel zu aufgebrezelte Schülerin beim Eintreten. Ihre Freundinnen, nicht weniger geschmacklos gekleidet, lachen doof.

„Guten Tag“, lächelt Herr Hoffmann freundlich zurück. Natürlich ist es auch für ihn nicht immer leicht, höflich zu bleiben. Gerade die Schule gegenüber ist für Herrn Hoffmann jeden Tag aufs Neue Herausforderung. „Lächeln“, sagt sich Herr Hoffmann in solchen Momenten immer und immer wieder. „Ich muss lächeln.“

Er verkauft den Schülerinnen ein paar lose Zigaretten, Schokolade oder Cola. Dann stehen Herr Hoffmann und Paket Paul wieder alleine im Kiosk.

„Herr Kiosk Fuzzi?“ Paket Paul verzieht das Gesicht. „Das meine ich, Herr Hoffmann. Anerkennung. Respekt. Aber sag mal, verkaufst du wirklich immer noch lose Zigaretten?“ Herr Hoffmann nickt. Paket Paul lacht. „Alter, du bist echt ne Hupe.“ „Hup hup“, macht Herr Hoffmann und grinst.

Hoffmanns Büdchen (41) – Denkerstübchen mit Hannah Arendt Zeugs

Ein merkliches Abnehmen des gesunden Menschenverstands und ein merkliches Zunehmen von Aberglauben und Leichtgläubigkeit deuten daher immer darauf hin, dass die Gemeinsamkeit der Welt innerhalb einer bestimmten Menschengruppe abbröckelt, dass der Wirklichkeitssinn gestört ist, mit dem wir uns in der Welt orientieren, und dass daher die Menschen sich der Welt entfremden und begonnen haben, sich auf ihre Subjektivität zurückzuziehen.“ (Hannah Arendt, Vita activa, S. 265)

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke und sortiert Briefmarken. Schon länger ist sein Kiosk auch Poststelle, was Herrn Hoffmann das Recht gibt, Briefmarken zu verkaufen und Pakete annehmen. Paket Paul, Stammkunden und sowas wie ein Freund, holt dann im Laufe des Tages die Pakete ab. Paket Paul hat auch erst dafür gesorgt, dass das Büdchen Poststelle wird. „Da kannst du noch eine Mark extra machen, Herr Hoffmann“, erklärte ihm damals Paket Paul.

Vor der Theke steht Herr Ärmel und redet mit Händen und Füßen auf den Kiosk Betreiber ein. Früher kam Herr Ärmel immer donnerstags zum Lottospielen, aber mittlerweile steht auch Herr Ärmel wenigstes einmal pro Tag im Büdchen, um zu quatschen. Gerade regt sich Herr Ärmel über die Wahlen im September auf. Er weiß nicht mehr, was er wählen soll, sagt er. Das erste Mal ist er wirklich ratlos.

„Ich fühle mich ohnmächtig. Es gibt auch keinen Raum mehr, wo man miteinander redet, diskutiert, zusammen handelt. Eine echte Öffentlichkeit. Natürlich informiere ich mich, aber es gibt kein Austausch, Herr Hoffmann.“

„Das Internet?“, schlägt Herr Hoffmann vor. „Ist das Internet kein Raum, wo man sich einmischen kann? Das wurde doch immer gesagt.“

Herr Ärmel verzieht das Gesicht. „Das Internet?“ Er lacht. „Im Internet kriegst du das zu hören, was du hören willst. Wenn man sich für die Monarchie ausspricht oder für Sex mit Tieren, bieten dir die Algos Monarchie oder Sex mit Tieren an.“

„Algos?“

„Also, Herr Hoffmann, wirklich?“ Herr Ärmel guckt belustigt. „Algos sind Algorithmen. Aber ich rede von echter Öffentlichkeit und von Gemeinsinn. Ich habe das Gefühl, dass die letzten Monate den letzten Funken Gemeinsinn kaputt gemacht haben.“

Herr Hoffmann schiebt die Briefmarkenbögen, 80 Cent Marken mit 250 Jahre Ludwig van Beethoven, zur Seite. Er hatte eigentlich das Gefühl, dass gerade momentan viel über Solidarität und Gemeinsinn in den Zeitungen geschrieben wird. Erst gerade gab es noch eine große Flutkatastrophe und viele Menschen haben gespendet und geholfen.

„Ja, weil sich die Menschen gut fühlen, wenn sie helfen, Aber das hat doch nichts mit Gemeinsinn zu tun. Das ist Mitleid,“ verbessert Herr Ärmel. „Gemeinsinn, zusammenkommen und zusammen handeln, heißt doch nicht, dass man abends zusammen einen Trinken geht oder ins Kino. Wir sind doch mehr als kluge Ameisen, die nach getaner Arbeit, ihre Kräfte beim Essen, auf dem Sofa oder beim Feiern wieder sammeln, um am nächsten Tag weiter zu schuften. Wirklich-sein ist nicht das Gleiche wie Lebendig-sein, Herr Hoffmann.“

„Wirklich-sein?“, fragt Herr Hoffmann.

„Wirklich-sein heißt zu wirken, Spuren zu hinterlassen. Wenn du nur zu Hause rumsitzt, kannst du noch so klasse Ideen oder Gedanken haben, du wirst nichts hinterlassen, keine Geschichte. Hinter deiner Wohnungstür sieht dich keiner.“

„Das ist Hannah Arendt -Zeugs, oder?“, fragt Herr Hoffmann vorsichtig.

Herr Ärmel nickt. „Ja, gut geraten Herr Hoffmann. Aber vor allem ist es richtig. Wir brauchen wieder einen öffentlichen Raum, wo wir zusammenkommen und miteinander reden, und ich rede nicht von Geschwafel, sondern wirklich miteinander reden. Zum Beispiel über die nächsten Wahlen und den Zustand unserer Demokratie.“

Herr Hoffmann guckt auf die immer gleichen Briefmarken. Herr Ärmel hat sicher Recht mit seiner Kritik, aber auch der Kiosk Betreiber ist kein großer Redner. Meistens lässt er die anderen reden und hört lieber zu.

„Herr Hoffmann, ich weiß, was du gerade denkst. Bei dem meisten Unsinn höre ich auch weg. Zum großen Teil labern die Menschen nur, und daran muss ich mich auch nicht beteiligen.“

Herr Hoffmann will noch einmal in Ruhe über Herrn Ärmels Worte nachdenken. Außerhalb der Öffentlichkeit hinterlässt man nichts. Hinter den eigenen vier Wänden bleiben die Worte und Taten ohne Folgen. Es bleiben keine Geschichten zurück. Aber bleiben sie in der Öffentlichkeit zurück? Werden die Taten, die Reden des Einzelnen in der Öffentlichkeit unsterblich? Ist der öffentliche Raum immer noch der Ort, der Unsterblichkeit produziert? Was heißt das überhaupt: Unsterblichkeit? Öffentlichkeit? Geschichte?

Es dreht sich wieder alles in Herrn Hoffmanns Köpfchen, in seinem Denkerstübchen. Er mag das Gefühl. Und vielleicht sollte er auch noch mal die Arendt lesen. Sie hat viel Spannendes vor fünfzig Jahren niedergeschrieben und gerne würde er sich mit Herrn Ärmel weiter über Hannah Arendts Theorien austauschen. Leider geht genau in diesem Moment das Türglöckchen und Herr Hoffmann muss sich wieder seiner Notwendigkeit, seiner Arbeit widmen.

Hoffmanns Büdchen (40) – Denkerstübchen

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Lukas, Herr Ärmel und Paket Paul sind im Kiosk und es wird angeregt diskutiert. Student Lukas erzählt gerade eine Geschichte, die ihm auf dem Weg passiert ist.

„… dann stehen dort diese dicken Karren und alle lassen ohne Grund den Motor laufen. Ich denke noch: Was sind das für Idioten? Da biegt plötzlich ein Elektro Biker natürlich mit Helm und Warnweste um die Ecke und kackt die Fahrer an. „Ey, macht mal den Motor aus. Idioten. Denkt ihr auch mal nach?“, schrie der. Und als die nicht hören, fährt er genervt weiter, aber nicht ohne noch einmal „Scheiß Türken“ zu brüllen, was natürlich gar nicht geht, also das „Scheiß Türken“-Brüllen. Jedenfalls kriegen das auch zwei Mädchen, vielleicht Anfang Zwanzig, bißchen alternativer, mit. Und was machen die?“

Lukas guckt zwischen Herrn Hoffmann, Herrn Ärmel und Paket Paul hin und her, als ob die drei wüssten, was die Mädchen gemacht haben.

„Erzähl schon“, drängelt Paket Paul mit Blick auf die Uhr. Draußen erwartet den Paket Boten noch ein ganzer Wagen Pakete. Paket Paul zieht der vielen Arbeit wegen die Luft ein. Er hat es wirklich nicht leicht. Lukas erzählt weiter.

„Die beschimpfen den alten weißen Mann lautstark als Nazi . Und was macht dieser rechte Sack?“ Lukas legt eine Kunstpause ein. „Der zieht nicht Leine. Ne, der zeigt ihnen auch noch einen Vogel.“ Lukas zeigt allen einen Vogel, um zu veranschaulichen, wie „Vogel zeigen“ geht.

„Aber dann die Ladys: Die schubsen den Sack vom Rad und – so schnell konnte ich gar nicht schauen – prügeln ihn grün und blau. Später erzählen sie „Demoerfahrung Schwarzer Block“.

Lukas guckt hoch. Er hat seine Geschichte beendet. „Soll das witzig sein?“, fragt Paket Paul.

„Nein.“ Lukas schüttelt den Kopf. „Eher nicht.“

Herr Ärmel fragt, ob Lukas die Polizei gerufen hat.

„Nein. Natürlich nicht.“ Lukas lacht. Es kommt ihm absurd vor, die Polizei zu rufen.

„Waren das denn „Scheiß Türken?“, möchte Paket Paul noch wissen.

„Ob das „Scheiß Türken“ waren?“

„ Ja.“

„Weiß nicht. Also man beschimpft doch nicht einfach Leute als „Scheiß Türken“. Dieser Alte hat ja „Scheiß Türke“ gesagt, weil er die beleidigen wollte. Er hat doch damit gesagt: Klar sind das wieder die Türken, die den Motor laufen lassen.“

„Und dafür wurde er verprügelt?“, fragt Herr Ärmel skeptisch.

„Ja.“

„Scheiß Deutsche“, mischt sich Herr Hoffmann ein.

„Scheiß Deutsche“, wiederholen die anderen.

„Aber Motor laufen lassen ist auch scheiße. Ob Türke oder Deutscher“, sagt Lukas.

„Waren es denn Türken?“, möchte Paket Paul wissen.

„Westfälische Jungbäuerinnen.“

„Was?“ Paket Paul guckt erstaunt.

Lukas grinst.

Alle grinsen.

Dann geht das Türglöckchen. Drüben an der Schule ist Pause. Die nächste halbe Stunde hat Herr Hoffmann zu tun und seine Stammkunden müssen sich woanders rumtreiben.

Hoffmanns Büdchen (39) – Die Erde ist mein Weltraum

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Er ist – für ihn ungewöhnlich – sehr. aufgebracht„Die Erde ist mein Weltraum“, sagt er zu Lukas und Paket Paul, die wie immer in seinem Büdchen ihre Freizeit verbringen. Die Beiden lachen. „Ach, Herr Hoffmann“, sagt Lukas und grinst zu Herrn Hoffmann rüber. „Wenn man so technikfeindlich ist, wundert mich das nicht.“

Herr Hoffmann sagt nichts dazu. Er ist nicht technikfeindlich. Das ist Quatsch, denkt Herr Hoffmann. Aber sobald man die Kaffeemaschine nicht über seine Sprach-App steuert, zählt man als rückständiger Waldschrat.

In einer Zeitung hat er jetzt gelesen, dass jeder Dritte die Sprachassistenten nutzt. Immer mehr Aufgaben lassen sich die Menschen von ihren kleinen digitalen Helferlein erledigen. Mit dem Mehr an Freizeit kaufen sich die guten Leute dann noch mehr an digitaler Technik, um sich noch mehr helfen zu lassen. Am Ende kommt dann der Pflegeroboter der neuesten Generation, der einem den Po abputzt und auch mal beim Sterben das Händchen halten kann.

Spätestens dann merken sie, dass hier irgendwas an Menschlichkeit fehlt, denkt Herr Hoffmann immer noch aufgewühlt und schaut rüber zu seinen beiden lachenden Stammkunden.

„Kennt ihr die Asimov’schen Robotergesetze?“, fragt er über die Theke. Die Beiden schütteln den Kopf. Herr Hoffmann dreht sich zum Zigarettenregal um. An einer Seite hängt ein ausgedruckter Zettel. Sowohl Paket Paul als auch Lukas ist der Zettel nie aufgefallen. Herr Hoffmann reißt den Ausdruck ab und reicht ihnen das Stück Papier.

„Denkt mal drüber nach“, sagt Herr Hoffmann.

  1. Ein Roboter darf kein menschliches Wesen (wissentlich) verletzen oder durch Untätigkeit (wissentlich) zulassen, dass einem menschlichen Wesen Schaden zugefügt wird
  2. Ein Roboter muss den ihm von einem Menschen gegebenen Befehlen gehorchen – es sei denn, ein solcher Befehl würde mit Regel eins kollidieren.
  3. Ein Roboter muss seine Existenz beschützen, solange dieser Schutz nicht mit Regel eins oder zwei kollidiert.

Die beiden Stammkunden studieren den Zettel. “Asimov’schen Robotergesetze? Du bist ein Typ, Herr Hoffmann”,sagt Lukas mit einem Lachen.

“Denkt drüber nach”, wiederholt Herr Hoffmann ernst.

Sie versprechen es.

Du gehst auf „nice“ Techno Parties und ich gehe wandern

Heute war ich im Nordpark. Wandern. In Münster gibt es einen Nordpark und einen Südpark, aber keinen Ost- oder Westpark. Es gibt aber ein Ostbad und ein Südbad gab es mal. Im Süden. Einen Westpark oder ein Westbad gab es nie. Was schade für die Wessis ist, da in Münster der Westen sowie nicht so schön ist. Sie hatten mal eine Schlittenschuhbahn. Aber die war auch kacke. Im Westen geht die Sonne unter, das sagt alles.

Wenn man ihm Nordpark wandert, merkt man gleich, wie riesig der Park ist. Im Vergleich zum Südpark, der sehr winzig ist, wirkt er noch größer. Der Südpark ist aber auch eher ein Park-chen oder Garten.

Nordpark Münster
Nordpark Münster – Wege, Wege, Wege

Da ein Garten aber meistens privat und ein Park öffentlich genutzt wird, kann der Südpark natürlich kein Garten sein. Er ist öffentlich, sonst wäre es ein privater Südgarten, was schon widersprüchlich klingt.

Eine Ausnahme ist übrigens der Botanische Garten. Er ist öffentlich, weil man stolz auf den Garten mit all die seltenen Heil- und Nutzpflanzen, fleischfressenden Gewächsen, südländischen Kakteen und raren Ostbäumen ist. Der Botanische Garten befindet sich übrigens in der Mitte der Stadt und ist damit auch in Bezug auf die Himmelsrichtungen eher eine Ausnahme. Und groß ist er auch nicht. Eben ein Garten.

Im Südpark kann man im Sommer eigentlich gar nicht wandern. Zum Einen ist der Südpark zu winzig, zum Anderen nutzt das ganze Viertel den Park im Sommer zum Grillen. Man grillt sich, Fleisch und auch Gemüse und vieles brennt an, da der Sommer in Münster wohl nicht lang, aber neuerdings sehr heftig ist.

In der Hochsaison liegt eine eine dichte Grillwolke über dem Südpark. In Zeiten des vom Menschen gemachten Klimawandels ist das natürlich ein Problem, so dass schon hinter verschlossenen Rathaustüren leise über ein Südpark- Grillverbot nachgedacht wurde. Kritiker sagen, wäre der Südpark ein Gletscher, wäre er schon geschmolzen. Stimmen fängt man mit solchen Gletscher Äußerungen nicht, weswegen solche Vorhaben erst nach den Wahlen im Herbst laut ausgesprochen werden. Da man im Herbst seltener grillt und der Münsteraner nicht sehr weit zu blicken scheint, ist ein Grillverbot nach den Wahlen kein Denkverbot.

Der Westen der Stadt ist auf jeden Fall dafür. Das hat aber auch was mit Neid zu tun, da sie dort ja nichts haben. Noch nicht mal einen Park.

Aber ich schweife ab.

Heute war ich im Nordpark. Wandern. Neben verschiedenen Wegen, auf denen man wandern kann (oder auch einen Hund spazieren führen. Geht alles), bietet der Nordpark verschiedene andere Attraktionen.

Kinderspielplatz, Basketballfeld, Beach Volleyball-Sandkiste, Boule Ecke, Grillhäuschen, Grillhütte, Grillplatz mit Findlingen als Sitzobjekte und einen 70ziger Jahre Trimm Dich Pfad (https://trimmy.dosb.de/die-geschichte/)

Während des ersten LockDowns der Corona Pandemie haben verschiedene Amateursportler, Bewegungsfetischisten, Lauffreunde, Gesundheitsenthusiasten und dicke Menschen den Trimm dich Pfad für sich entdeckt. Unter dem Maskottchen Trimmy, wurde hier am Gerät geschwitzt und gelitten und das Elend der Fitnessstudios nach draußen in den Park getragen.

Amateursportler, Bewegungsfetischisten, Gesundheits-enthusiasten und dicke Menschen genießen den Trimm dich Pfad

Teilweise stand man sonntags morgens an den einzelnen Stationen des Trimm Dich Pfads länger an als an der Ferien Minigolfanlage oder als am Paket-Schalter der Post kurz vor Heiligabend.

Die spielenden Gören, die am Gerät mit dem Hobbysportler konkurrierten, machten es nicht besser. Für sie war der Trimm dich Pfand (wie für den Fitnessjunkie) einer wenigen Orte, wo sie sein durften.

Heute, bei meiner Wanderung, war es aber ruhig an den kühlen Stahl des Fitnessgeräts. Die Studios haben wieder auf. Man quält sich wieder unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Viele Stars haben über das Wandern ein Buch geschrieben. Hape Kerkling und dieser Star z.B., der immer in dem kostenlosen Bahnmagazin wirbt und beworben wird. Ich halte mir das aber offen. Also mit dem Buch über das Wandern, meine ich. Das halte ich mir offen.

Womit ich auch wieder beim Wandern bin. Nordpark. Im Nordpark hat es viele Wege, Verzweigungen, Gabelungen und Kreuzungen. Als Wanderer steht man immer wieder vor der Wahl, ob man noch Osten, Süden oder Norden gehen will. Ich bin da offen. Nur nach Westen, da gehe ich nicht. Das ist nichts. Da geht nur die Sonne unter.

Hinter hohen Mauern (oder “Lass das Wandern deine Tanzmusik sein”)

Gegenüber meiner Scholle ist die Landesklinik für Psychiatrie, die LWL-Klinik. Früher hieß der Ort Kloster Marienthal, aber nur noch ein Straßenname im Viertel erinnert an die Zeit unterm drückenden katholischen Kreuz der Pflegeanstalt. Jedoch kennen noch viele Alte die Gruselgeschichten über das Kloster, das schon Ende des vorletzten Jahrhunderts zur „Irrenanstalt“ wurde.

Kasernenartige Klinikgebäude, herrschaftliche Wohnhäuser, das alte Klostermutterhaus, eine Kirche im Backstein-Look liegen u.a. in einer verzweigten Parklandschaft mit vielen knorrigen Bäumen und verwunschenen Sträuchern, die schon seit Jahrzehnten die meiste Liebe an diesem Ort abbekommen.

Früher war Marienthal Pflegeanstalt, heute ein Zentrum für innere Gesundheit.

Da kommen die Bekloppten hin. Nach Marienthal in die Irrenanstalt. Der Baumann hat dort entzogen.“

Entzogen? Heroin?“

Ne, Alkohol.“

Alkohol entziehen? So ein Blödsinn, Der will nur wieder nicht arbeiten.“

Aha!?“

Katholische Nonnen sollen hinter den Mauern ein Regime des Schreckens geführt haben. Doch es blieb bei den Gerüchten, nie drang etwas Handfestes nach draußen.

Dann gab man sich einen neuen Namen und noch nicht einmal die Gerüchte blieben. Am Ende erinnern nur die alten Mauern an das verborgene Früher der Anstalt, an das Kuckucksnest, über das nie jemand flog. Und natürlich die Kranken, die Patienten, Insassen und Anstalts-Bewohner: Sie sind auch geblieben. Auch wenn sie heute anders heißen, Kunden eben.

Aber die Gerüchte, die gingen.

Dachte man.

An viele alte Bäume haben die Gärtner Schilder angebracht, die was über die Arten erzählen. Zwischen den grünen Riesen große Wiesenflächen mit Wildblumen, ein Barfußpark, ein Springbrunnen und „hey“ wieder neue gelungene Arbeiten aus der Metal- und Holzwerkstatt.

Immer wieder trifft man auf Patientengruppen, die zusammen spazieren gehen (müssen). Viele Insassen sehen sehr müde aus. Man erkennt die Patientinnen, die Gesundheitskundinnen an den heruntergelassenen Augenlidern. Der tägliche Drogencocktail ist Therapie und Pflegenotstand. Ausgenommen sind die Suchtkranken: Sie müssen ohne Pillen spazieren gehen. Sie sind leicht zu erkennen: Sie gehen schneller als der durchschnittliche Patient und fallen durch ununterbrochenes Gequatsche auf.

Gestern hörte ich einen Patienten sagen, dass das ganze Gelände mit geheimen Katakomben durchzogen ist. Gänge, die heute niemand mehr kennt, die zuletzt im Krieg betreten wurden. „Da gingen Leute rein, aber wenige kamen raus, sagt man“, sagt der Patient. Da sind sie wieder: Die Gerüchte.

Natürlich schreit auch hier und da mal jemand. Man ist nicht in einem Streichelzoo, es bleibt eine psychiatrische Klinik. Der Park ein Kurgarten für die Patienten, Insassen, Suchtkranken, Aufsässigen, Verirrten, nicht Akzeptierten.

Ob für die Dauerhaften oder die Kurzzeitigen, für die Immer-Wiederkehrenden oder die Für-immer-Bleibenden oder einfach für Leute wie mich, die Anwohner, die hier spazieren gehen; vor allem wegen den schönen Bäumen, die an diesem Ort am Meisten Liebe erfahren, ist der Park mit seinen geheimen Ecken und geflüsterten Gerüchten ein Traumland, düster und schön.

Hoffmanns Büdchen (37)- Herr Hoffmann und die guten Leute

Herr Hoffman steht hinter seiner Theke. „Mach das aus“, sagt er gerade zu Lukas, der an seiner mitgebrachten Bluetooth Box rumdrückt. „Ich dachte so als Hintergrund-Beschallung. So leichten, anspruchslosen Techno.“ Lukas grinst hinter seiner Box. „Mach das aus“, wiederholt Herr Hoffmann, doch der Student tut so, als ob er nicht hört.„Du willst doch Kunden binden?“, erklärt Lukas weiter. „Mach das aus.“ Herr Hoffmann verlässt seine Theke. Es reicht ihm. Jeden Tag diese blöden Ideen, denkt er. Jetzt ist Schluß. Da merkt endlich auch Lukas, dass er zu weit gegangen ist. Mit einem Griff hat er die Box eingepackt und ist, schwups, aus dem Laden. Herr Hoffmann steht vor der Theke. VOR der Theke. Wenn Lukas ihm egal wäre, stände er noch immer hinter seiner Theke. So ist das wohl, denkt er und geht zurück. Auch wenn er wütend war, seine Theke verlässt Herr Hoffmann nur für seinen guten Leute. „Lukas ist gute Leute“, sagt er. Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Es ist still. Es ist alles gut.

Hoffmanns Büdchen (38) – Hoffmanns Kunden „Ein seltsamer Mann“

Herr Hoffmann steht hinter der Theke und liest ein Buch über zwei Kinder, die in ihren Sommerferien von zu Hause abhauen. Eine Kundin hat es ihm empfohlen. Es ist spannend. Herr Hoffmann wäre als Kind gerne so frei, so mutig gewesen, einfach abzuhauen. „Und es wird nicht leichter mit dem Abhauen“, denkt Herr Hoffmann beim Lesen. Wenn nicht gerade Kunden im Büdchen sind, kann sich Herr Hoffmann kaum von der mittlerweile als Taschenbuch herausgegebenen Ausgabe losreißen.

Was würde er wohl sagen, wenn er wüsste, dass vor seinem Laden ein Stammkunde steht und ihn beobachtet?

Nichts würde er sagen. Vielleicht würde er sich ein wenig wundern, aber ansonsten weiter lesen, da das Buch mit Sicherheit spannender ist, als jede Überraschung, die hinter dem Spanner steckt.

Ja, und tatsächlich ist es auch gar kein Spanner. Es ist Herr Ärmel. Der Herr Ärmel, der wöchentlich bei Herrn Hoffmann seinen Lotto Schein abgibt und kurz mit dem Büdchen-Verkäufer von der Lotto-Millionen träumt.

Herr Ärmel hat sich gerade festgeschaut. Er schaut durch das Fenster von Herrn Hoffmann auf eine Flasche Orangensaft. Aber höchstwahrscheinlich sieht Herr Ärmel auch die Flasche Saft gerade gar nicht. Herr Ärmel hat einen Gedanken, eine Idee, eine Eingebung und wenn er so einen geistigen Höhenflug erlebt, genießt er ihn an Ort und Stelle.

Herr Ärmel ist kein seltsamer Mann. Herr Ärmel ist nur viel alleine und da gewöhnt man sich Sachen an, die in Gesellschaft nicht unbedingt angebracht sind, dort seltsam wirken. „Herr Ärmel ist auf jeden Fall ein seltsamer Mann“, sagen manche seiner Nachbarn. Frau Jacob hat es ihm erzählt. Sie ist auch eine Nachbarin, aber auch eine Freundin. Sie helfen sich gegenseitig mit dem Garten.

Herr Ärmel hat früher mal als Architekt gearbeitet. Später hat er dann in die Öffentliche Verwaltung gewechselt, Bauordnungsamt. Er nahm sich immer dicke Bücher mit ins Büro und meistens hatte er Zeit, sie zu lesen. Und wenn er nicht las, grübelte er. Das Amt hat ihn dazu gemacht, denkt er manchmal. Aber eigentlich hält er nichts von Schuldzuschreibungen. Eigentlich ist Herr Ärmel ein glücklicher Mann. Einsam, aber glücklich.

Und manchmal denkt er, Herr Hoffmann ist auch so einer, so ein Seelenverwandter. Und wenn er das denkt, fragt er sich, was das denn überhaupt ist, so eine Seele und verfällt wieder ins Grübeln.

„Hallo Herr Ärmel“, sagt Student Lukas, der gerade um die Ecke kommt und klopft Herrn Ärmel auf die Schulter. Herr Ärmel schreckt hoch. „Ah, Lukas. Hast du mich erschreckt“, sagt er zum Büdchen Stammkunden und studentischen Besserwisser. Lukas grinst. „Entschuldigung.“ „Alles gut“, sagt Herr Ärmel, dreht sich um und geht seiner Wege.

Lukas schaut ihm hinterher. „Ein seltsamer Mann. Fast wie unser Herr Hoffmann “, denkt er und betritt das Büdchen.