Hoffmanns Büdchen #9 – Herr Hoffmann und die Gangster

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Das Türglöckchen läutet. Zwei Gangster natürlich mit G-Star T-Shirt, damit man auch Bescheid weiß, betreten den Kiosk. Herr Hoffmann kratzt sich am Kopf, er reibt sich das Ohr, er überlegt. Irgendwas stimmt hier nicht, denkt er. Dann weiß er es. Sie sind in Münster und hier in der Provinz gibt es gar keine Gangster. Herr Hoffmann lacht, weil er den Fehler gefunden hat. Die beiden Windbeutel dagegen rennen mit hochroten Kopf aus dem Büdchen. Sie dachten nicht, dass man ihnen so schnell auf die Schliche kommt. Aber einen Herr Hoffmann führt man nicht aufs Glatteis.

Hoffmanns Büdchen (8) – Platons Höhlengleichnis

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Er fühlt sich heute sehr philosophisch. Er liest Platon; das war ein Grieche, der ein Höhlengleichnis geschrieben hat („Das sollte man kennen, wenn man sich auskennt“, sagt Herr Hoffmann). Dort steht, dass wir nur Schatten erkennen, die wahre Erkenntnis dem Menschen verborgen bleibt. Herr Hoffmann weiß genau, was dieser Platon meint.

Das Türglöckchen läutet. Eine junge Frau mit Kind betritt den Kiosk. Herr Hoffmann guckt hoch. Hinter seiner Theke erkennt Herr Hoffmann nur Schattenbilder, Erscheinungen von den Kunden, die wahren Kunden, hier eine Frau und Kind, kann Herr Hoffmann nicht erkennen.

Die Schattenfrau scheint Zigaretten kaufen zu wollen. Das Kind scheint einen Cola Lutscher haben zu wollen. Herr Hoffmann fragt sich, was er erkennen würde, wenn er auf der anderen Seite der Theke stände. Sicher wäre das sehr unheimlich, denkt Herr Hoffmann. Er bedient die Schatten. Sie zahlen, lachen, gehen. Kurze Zeit später steht er wieder alleine im Kiosk. Hat er die Frau und das Kind nur geträumt? Er fragt sich manchmal, ob die Welt vor seiner Theke überhaupt existiert. Herr Hoffmann fühlt sich heute wirklich sehr philosophisch.

Hoffmanns Büdchen (7) – Der Zorn der Anderen

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Im Radio sagen sie, es ist immer noch „Corona“. Herr Hoffmann muss jetzt immer Maske tragen, wenn Kunden kommen. Lästig, aber Herr Hoffmann kann es sich nicht leisten, krank zu werden. Es kommen sowieso schon weniger Kunden, denkt Herr Hoffmann. Er macht sich Sorgen. Nicht nur um sich, aber vor allem um sich.

Das Glöckchen läutet. Ein Kunde betritt den Kiosk. „Hallo“, nuschelt der Mann hinter seiner Maske. Er geht zu den Spirituosen, nimmt sich eine Flasche Korn und drei Flaschen Bier. Gestern hat Herr Hoffmann noch gelesen, dass „Corona“ viele Menschen in den Alkohol treibt. Herr Hoffmann kann das bestätigen. An der Kasse zieht der Kunde seine Maske runter. „Ich kriege keine Luft mehr“, behauptet der Korntrinker. Herr Hoffmann überlegt kurz, ob er was sagen soll, sagt dann aber nichts. „Das hat die Merkel schön eingefädelt“, schimpft der Kunde. Herr Hoffmann schweigt. „Warten Sie mal ab. Das haben sich die da oben schön ausgedacht.“ Herr Hoffmann gibt dem Herrn sein Wechselgeld. „Und die Presse streichelt der Kanzlerin den Arsch“, sagt der Kunde. „Wiedersehen“, sagt Herr Hoffmann. Der Kunde verlässt den Laden. Herr Hoffmann guckt ihm noch einen Moment hinter her. Widerlich, denkt Herr Hoffmann. Manchmal fragt er sich, wo auf einmal die ganzen Idioten herkommen. Aber höchstwahrscheinlich gab es die auch schon vorher. Nur in der Krise fallen sie mehr auf.

Hoffmanns Büdchen (6) – Hoffmanns Inventur

Herr Hoffmann steht hinter der Theke. Einmal im Monat macht Herr Hoffmann Inventur. Dann schließt er eine Stunde früher den Laden, um neun Uhr, zählt seine Ware. Herr Hoffmann dreht sich zu seiner Uhr um: Eine runde Plastikuhr, Becks Gold Werbebeilage, Geschenk bei der letzten Getränke-Lieferung. Herr Hoffmann kann schlecht wegschmeißen. „Wenn etwas noch läuft, soll man es laufen lassen,“ sagt Herr Hoffmann immer. Es ist kurz vor neun Uhr, sieht Herr Hoffmann auf seinem Werbegeschenk. Also schließt er seinen Laden und macht Inventur. Wie jeden Monat.

Wie jeden Monat ist Herr Hoffmann um zehn Uhr mit der Inventur fertig. Wieder fehlen Waren. Er hat zweimal nachgezählt, er ist sich leider sicher. Jeden Monat fehlen Waren. Mal eine Packung Gummibärchen und ein paar Nüsschen, mal ein Paar Flaschen Bier oder eine Zeitung. Vor zwei Monaten Zigaretten. Herr Hoffmann steht doch hinter der Theke. Immer. „Wie können da Zigaretten fehlen?“, dachte Herr Hoffmann und zählte in jenem Monat dreimal die Waren. Sie fehlten. Heute fehlen keine Zigaretten, aber andere Dinge. Herr Hoffmann macht das sehr sauer und wütend. Herr Hoffmann hat sich geschworen, dass er was macht, wenn wieder was fehlt. „Jetzt mache ich was“, sagt er entschlossen. Aber für heute macht erst mal das Licht aus.

Hoffmanns Büdchen (5) – FinTech, Freunde! FinTech!

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Er liest Aktienkurse. Ein Stammkunde – Kettenraucher, Bier- und Korn- Trinker – hat ihm Aktien empfohlen. „Herr Hoffmann. Wir reden über passives Einkommen. FinTech“, sagte er. Herr Hoffmann weiß, was FinTech heißt. Herr Hoffmann ist nicht von gestern. „Ich bin nicht von gestern. FinTech kenn ich, aber diese Tabellen verstehe ich trotzdem nicht“, sagt Herr Hoffmann.

Das Glöckchen seiner Tür läutet. Ein junger Student betritt den Kiosk. „Guten Tag, Herr Hoffmann“, grüßt der Student. Herr Hoffmann schaut von seinen Kursen hoch und greift hinter sich nach den Zigaretten. Der Student kommt fast jeden Tag. „Hallo Lukas“, sagt Herr Hoffmann. Der Student guckt rüber zu Herrn Hoffmann. Er sieht die Kurse. „Aktien. Super.“ Er hat sein Geld auch in Aktien angelegt. „FinTech, vor allem Nasdaq“, bemerkt der Student. Herr Hoffmann nickt, gibt dem Student sein Wechselgeld. Als der Student aus dem Laden ist, schreibt er Nasdaq auf eine Ecke der Zeitung und versucht sich noch mal an diesen Tabellen.

Schon wieder das Glöckchen. Ein neuer Kunde. Ein Mann mittleren Alters in einem dunkelblauen, enganliegendem Anzug, dazu weißes Hemd, schwarze Schuhe steht vor seiner Theke. Eine laufende Schwanzverlängerung, sagt Herr Hoffmann zu sowas. Der Mann guckt zu den Zigaretten hinter der Theke, zur Beck Gold Werbeuhr und dann auf die Zeitung, die vor Herrn Hoffmann liegt. „Scheiß Aktien“, flüstert der Mann. Er hat alles gerade auf FinTech – Aktien gesetzt, erzählt er. „Alles verloren. Alles“, jammert er. „Ich weiß nicht weiter.“ Der Mann hält sich kurz an der Auslage fest. Eine Packung M&Ms reißen auf, Schokonüsschen kullern auf den Boden. Herr Hoffmann will gerade etwas sagen, da schaut der Mann hoch, verwirrt, panisch, er entschuldigt sich und verlässt schluchzend den Laden. Herr Hoffmann schüttelt verständnislos den Kopf. Dann wirft er die Zeitung unter sich in die Ablage, schnappt sich einen Besen, fegt die Nüsschen weg. Später hinter der Theke greift sich Herr Hoffmann sein Rätselheft. „Wertpapier. Fünf Buchstaben?“. „Weiß ich“, lächelt Herr Hoffmann. Erst zu später merkt er, dass FinTech sieben Buchstaben hat.

Hoffmanns Büdchen (4) – Lottoglück

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Er liest gerade Zeitung, als die Tür geöffnet wird, das Türglöckchen läutet. Ein Stammkunde rollt langsam mit seiner Gehhilfe in den Kiosk. Er kommt jeden Donnerstag, füllt seinen Lotto Schein aus, guckt, ob die alten Scheine ein paar Euro Gewinn gebracht haben. Meistens geht der Stammkunde aber leer aus. Wie der Stammkunde heißt, weiß Herr Hoffmann nicht. Vielleicht sollte er ihn nach den ganzen Jahren mal fragen, denkt Herr Hoffmann. Jeden Donnerstag denkt Herr Hoffmann, dass er den alten Mann mal nach seinem Namen fragen kann. Aber bisher bleibt es beim Denken.

„Guten Morgen“, begrüßt Herr Hoffmann seinen Stammkunden.

Guten Morgen, Herr Hoffmann.“ Der Stammkunde reicht ihm seine Lottoscheine. „Sechs Richtige. Das wäre mal was,“ sagt der Stammkunde. Herr Hoffmann nickt.

Wie jede Woche überlegen beide einen Moment, wie es wäre, sechs Richtige zu haben.

„Nichts“, sagt Herr Hoffmann, nachdem er die Scheine des Kunden durch die Lotto Maschine geschoben hat. „Schade“, sagt der Kunde. „Also nur wieder Glück in der Liebe“ Er bezahlt mit einem Lächeln seinen neuen Schein, verabschiedet sich. Herr Hoffmann hat noch nie Lotto gespielt. Er hat kein Glück im Spiel, auch nicht in der Liebe. „Das ist doch alles Blödsinn“, sagt Herr Hoffmann. Sechs Richtige? Als erstes würde er diesen Kiosk abfackeln. Herr Hoffmann nimmt sich wieder seine Zeitung. „Sozialhilfeempfänger aus Bayern gewinnt Jackpot“. Vielleicht sollte er doch spielen?

Hoffmanns Büdchen (3) – Der Fall Nüsslein

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Er liest Zeitung. Ein Herr Nüsslein aus der CSU hat sich an der Corona Pandemie unmoralisch bereichert. Herr Hoffmann möchte gerade ansetzen, los zu schimpfen, da reißt ihn das Türglöckchen aus seinen Gedanken. Ein ältere Herr in Wander Outfit betritt den Kiosk. „Guten Tag“, sagt der Mann und deckt sich an den Hoffmannschen Regalen mit Kaltgetränken, Nüsschen und Schokoriegel ein. Dabei berichtet er, dass er eine Städtetour macht. „Münster, ich habe viel von ihrer schönen Stadt gehört“, sagt er. Herr Hoffmann knurrt kurz. „Die schönen Kirchen, die schöne Kunst. Ihre Fahrradfahrer“, der Wanderer lacht, als ob er einen Witz gemacht hätte. Herr Hoffmann guckt fragend. Er hat den Witz nicht verstanden. Dann quält er sich aber doch noch sowas wie ein Grinsen raus. „Ja, wirklich lustig, diese Fahrradfahrer“, sagt er gequält. „Aber die Menschen sollen hier etwas verschlossen sein, im schönen Münster. Also, das schreiben sie hier“, sagt der Wanderer mit einem Augenzwinkern und zeigt auf seinen Marco Polo Reiseführer (mit Insider Tipps. Fahrradrouten und einem handlichen Stadtplan). „Oder ist es Einfalt?“ Ein letzter Versuch des Touristen. Beleidigungen der Eingeborenen. Herr Hoffmann nickt und lächelt. Er hat den Wanderer verstanden.

Mit einem „Idiot“ verabschiedet sich der Mann. Herr Hoffmann widmet sich wieder seiner Zeitung. Der Herr Nüsslein ist ein Netzwerker, der mit jedem in seinem Wahlkreis gut kann, mit allen ein Pläuschchen hält. Herr Hoffmann kommt wieder der Wanderer in den Sinn. Das war auch so ein Nüsslein, denkt er, und kurz überlegt Herr Hoffmann, ob der Wanderer nicht wirklich das Nüsslein war? Ein abtrünniger CSU Politiker im Münsterschen? Verkleidet als Wanderer auf der Flucht vor der Staatsanwaltschaft München 1? “Ach Blödsinn”, flüstert Herr Hoffmann, wieder ganz realistischer Münsteraner, und liest weiter seine Zeitung.

Hoffmann Büdchen (Teil 2 – Sport ist Mord)

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Er macht Kniebeuge. Sein Arzt hat ihm gesagt, er muss was tun. “Was tun?“ Herr Hoffmann tat so, als ob er nicht verstand. „Sport, Herr Hoffmann. Sport“, lachte der Arzt. Herr Hoffmann kann darüber nicht lachen. Er steht jeden Tag zehn Stunden hinter der Theke, wie soll er da auch noch Sport machen? Herr Hoffmann sagt immer: „Sport ist Mord.“ Das hat mal ein amerikanischer Präsident, der Churchill, gesagt, weiß Herr Hoffmann und ist ganz seiner Meinung.

Das Ladentürglöckchen läutet. Ein junges Pärchen betritt seinen Kiosk. „Moin“, sagt der junge Mann. „Hallo“, sagt die junge Frau. Herr Hoffmann nickt nur, da er noch ziemlich außer Atem ist. Die Frau fragt nach Zigaretten. Ihr Freund steht hinter ihr. Während sie nach ihrem Geld sucht, versucht der Mann die Frau zu liebkosen. Er berührt ihren Po, ihre Brüste und was er noch zu fassen bekommt. „Jonas, lass das“, lacht die Frau. Der junge Mann grinst. Er hält sich für unwiderstehlich. Wie viele in seinem Alter, denkt Herr Hoffmann und reibt sich hinter der Theke seine schmerzenden Knie. „Jonas, ich habe gesagt, lass das“, wiederholt die junge Frau ihre Bitte. Als der junge Mann nicht ablässt, mischt sich Herr Hoffmann ein. „Hey, ihre Freundin sagte, Sie sollen das lassen“, kommt er hinter der Theke zur Hilfe. Die Frau lacht. „Ey, Süßer, ich kann mir schon selber helfen.“ Herr Hoffmann legt ihr die Zigaretten und das Wechselgeld auf das Geldschälchen und schwört sich wieder einmal, sich nicht mehr in die Angelegenheiten anderer einzumischen. Als die Beiden blöde gackernd seinen Laden verlassen haben, macht er wieder seine Kniebeuge. Noch zehn Stück, dann hat er heute sein Tagwerk getan. „Sport ist Mord.“ Dieser Churchill hatte gut reden. Der stand sicher auch nicht zehn Stunden hinter der Theke.

Hoffmanns Büdchen – Die Geschichte beginnt

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Eigentlich alles wie immer. Plötzlich wird die Tür aufgerissen, das Glöckchen über der Tür klingelt schneller als sonst. Man merkt sofort, da stimmt etwas nicht. Eine Frau kommt in den Laden. Sie drückt die Tür hinter sich zu, guckt ängstlich raus. Herr Hoffmann weiß auch nicht, was er jetzt sagen soll und sagt erst Mal „Guten Tag“. Die Frau dreht sich zu ihm um, lächelt, sagt „Guten Tag“, dann stirbt sie. Herr Hoffmann ruft die Polizei und sie finden ihn kurze Zeit später immer noch an der Stelle, von der er alles gesehen hat. Die Presse will am nächsten Tag wissen, ob er Angst hatte. Herr Hoffmann hatte keine Angst.