Tag 19 Skulptur Projekte – Über die Kaaba, Kunst und einen schwarzen Kubus

Bei meinem dritten Anlauf habe ich es endlich geschafft. Ich stehe in der ehemaligen Eishalle und existiere in der künstlichen Welt von Pierre Huyghe. Dabei ist auch heute die Situation wieder angespannt: Die Warteschlange vor dem Eingang lang, das Wetter stürmisch, die Aufsicht ein harter Hund, der trotz strömenden Regens niemanden Unterschlupf im Eingangsbereich gewährt. „Der Eingang muss frei bleiben. Bitte nicht die Kunst betreten. You destroy the art. You destroy the art“, schreit die Aufsicht und lässt auch die ältere, fußkranke Dame im Regen stehen, die ihn anfleht, sich unter das Regendach stellen zu dürfen. „Nein heißt nein“, seine Antwort auf ihr Flehen. Wie gesagt: Ein harter Hund. Ich denke, Student der sozialen Arbeit oder Primarstufe. Ein Sadist in Stoppersocken. „Tag 19 Skulptur Projekte – Über die Kaaba, Kunst und einen schwarzen Kubus“ weiterlesen

Tag 18 Skulptur Projekte – Über den Schlager, Kurzfilme und Videoinstallationen

Schlager gibt es in der Elephant Lounge. Der Club steht für ein gepflegtes Glas Whisky – Cola und leichte, aber korpulente Damen ab Vierzig mit Strasssteinen am Minirock. Hier zeigen die Barbara und der Benjamin eine 1-Kanal-Videoinstallation, also einen Kurzfilm, aber 1-Kanal-Videoinstallation klingt besser. In dem Kurzfilm geht es um die Liebe zum Schlager und der Flucht aus dem Alltag durch die Tagträumerei. Die Barbara und der Benjamin versuchen ironisch mit dem Thema umzugehen, deswegen auch die Wahl des bedeutungsschwangeren Clubs als Kurzfilm-Spielstätte. Die Clubbetreiber versuchen die Ironie mit Selbstironie zu begegnen, verkaufen Popkorn und bunte Getränke mit Strohhalm. Es wirkt alles sehr tragisch und kein bißchen ironisch. Außerdem riecht es furchtbar nach Klostein oder Urin. „Tag 18 Skulptur Projekte – Über den Schlager, Kurzfilme und Videoinstallationen“ weiterlesen

Tag 16 – Skulptur Projekte. Über Opa, Gold und die Kunst

Mein Opa sagte immer: „ Es ist nicht alles Gold, was glänzt.“ Er meinte damit, dass nicht nur Gold glänzt, sondern auch zum Beispiel gefrorene Kotze.

Ich bin ein Poetry Slammer. Das heißt, ich stelle mich ab und zu auf Offene Literaturbühnen und lese dort selbstgeschriebene Texte vor. Ich denke, dass ich damit ein Teil der Literaturszene bin, auch wenn es andere gibt, die Poetry Slammer niemals als Teil der Literaturszene ansehen werden. „Tag 16 – Skulptur Projekte. Über Opa, Gold und die Kunst“ weiterlesen

Skulptur Projekte. Über die Kunst, die etwas in einem bewegt und beliebte Stellen

Schlossparkbaumstamm und …

Im Schlosspark liegt ein alter knorriger Baumstamm auf der großen Wiese. Ein Hinweisschild erklärt, dass sich in dem alten Stamm viele Lebewesen ein zu Hause gesucht haben. Schön, denke ich und freue mich, dass man in Münster doch noch hier und da Wohnraum finden kann.

Gerade war ich noch in der Innenstadt am Erbdrostenhof und habe mir die Bronzearbeit von Nairy Baghramian angeschaut. Sie heißt „Beliebte Stellen“, weil der Erbdrostenhof bei den letzten Skulptur Projekten eine beliebte Stelle der Künstler war. „Skulptur Projekte. Über die Kunst, die etwas in einem bewegt und beliebte Stellen“ weiterlesen

Skulptur Projekte: Über Scream, Friedhöfe und den echten Grusel

Gruselstimmung hinterm Schloss. Zitate aus der Popkultur.

Die Masken von Hervé Youmbi hängen in den Bäumen auf einem alten Friedhof hinterm Schloss. Auf den ersten Blick erinnern sie, die Masken, an den Film Scream. In dem Klassiker „Scream“ trägt der Serienkiller auch eine Maske. Der Film war ein großer kommerzieller Erfolg, da man sich sehr gruselte, wenn man den Film sah. Ich konnte damals nicht gut schlafen, nachdem ich den Film gesehen hatte. Nach dem Erfolg gab es noch einen zweiten, dritten und vierten Teil von Scream. Sie waren auch noch erfolgreich, aber mit der Wiederholung sank auch der Grusel. „Skulptur Projekte: Über Scream, Friedhöfe und den echten Grusel“ weiterlesen

Skulptur Projekte. Über den Minnesang. Mailied, Sommerlied und Winterlied.

Die Skulptur Projekte schafft Arbeitsplätze. Zum Beispiel das Amt der Aufsicht. Münster, 16 Uhr, 29 Grad im Schatten. Eine schwitzden Aufsicht sitzt in seinem Picknickstuhl, den er sich für das letzte Rock am Ring Festival gekauft hat, vor der Installation und liest. Nächste Woche muss er ein Referat über die Naturlieder des mittelalterlichen Minnesangs halten, die ihn ähnlich berühren wie die Installation, vor der er hundert Tage fünfmal die Woche vier Stunden sitzen muss. „Skulptur Projekte. Über den Minnesang. Mailied, Sommerlied und Winterlied.“ weiterlesen

Tag 10- Skulptur Projekte. Über Kirchengeläut, Kunst und Kuchen

Für das geschulte Ohr. Evans hat das Geläut der Kirchenglocke mit einer Klimaanlage verändert.

Die Frau, das Kind und ich machen einen Sonntagsausflug. Ich habe den Anhänger an mein Fahrrad geschnallt und wir wollen die Installtion von Cerith Wyn Evans sehen. Ein ganze Weile suchen wir die Arbeit, laut Plan versteckt sie sich auf einem Kirchplatz, doch wir finden weder Kirchplatz noch Kunst. Dann hat die Frau Glück und findet die besagte Adresse und zwei Mädchen, in Skultur Projekte Shirts, die Aufsicht führen und Verantwortung für die Kunst haben. „Ne, das ist eine Klangarbeit, die sieht man nicht“, erklärt das eine Mädchen der Frau und die andere guckt hinter unserer Kind her, was gerade die Blumen aus einem Beet herausreißt – sie hasst Blumen – und sagt, dass unsere Tochter aber ein süßer Bursche ist. Ich gucke in meine Kunst App und lese, dass Cerith Wyn Evans anhand einer Klimaanlage das Geläut der Glocken verändert hat. Außerdem sollen auf dem Platz zwei Neonröhren stehen, die den Gegenpart zur Klangkunst bilden. Um 16 Uhr und um 19 Uhr kann man das Spektakel erleben. Ich gucke auf die Uhr. „Es ist sechs“, sage ich zur Frau und den beiden Aufsichtsmädchen. „Ja, doof. Und die Neonröhren wollte der Künstler dann auch nicht“, sagen die Mädchen und fragen, fast entschuldigend ob sie uns ein Stückchen Kuchen anbieten können. Sie haben extra Kuchen gebacken, erklären sie. Wenn es hier schon nichts an Kunst gibt, soll man wenigstens etwas in den Magen kriegen. Wir kaufen drei Stücke – sicherlich auch ein wenig aus Mitleid – und fahren nach Hause. „Das war aber eher enttäuschend. Ich glaube, den Mädchen war das sogar peinlich“, sagt später die Frau. Ich nicke. „Muss es nicht“, sage ich. Mir fällt auch nichts kluges darauf ein.

Tag 7 – Skulptur Projekte. Über das Oho, als mich die Muse am Po knutschte

Oho, oho. Es sind Skulptur Projekte. Der siebte Tag. Ich sitze in meinem Garten, trinke einen guten Tropfen Rotwein, oho, oho, einen Nord- Spanier, positiv im Abgang, fruchtig und erdig, mit feinem Bukett, lese die ART. Wie man eben in seinem Garten sitz die ART liest und einen guten fruchtig – erdigen Tropfen mit positiven Abgang trinkt. Oho. Oho.

Die ART, die ich „ach“ viel zu selten lese, gibt Insidertipps über die Londoner Kunstszene, die ein spektakuläres Comeback (Stichwort: F:U:C:K:) oho, oho, feiert. Die spektakulärsten Kunstorte, die man besuchen sollte, wenn man sich für die englische Künstlerszene begeistert. „ Ja, ja“, denke ich lustiger ARTgenosse und, abgesehen davon, dass ich noch nie in London war, bin ich hin und weg und flöte ein „Oho“, so dass auch mein geschätzter Nachbar hinterm Gartenzaun mich, den Gelegenheitsboheme, Hipster und Somelier mitbekommt. Oho. Oho.

Es sind tolle Kunsttage. Hundert Tage, in dessen Fahrtwasser auch mich die Muse am Po knutscht. Statt Zombiefilm und Blockbuster gerne eine japanisch – finnische Videoinstallation mit politischer Botschaft, statt Poetry Slam lieber ein linguistisches Dada Experiment, was die Grenzen zwischen Signifikant und Signifikat verschwimmen lässt. Oho, oho.

Hundert Tage Skulptur Projekte und eine ganze Stadt wird Berlin. Exaltierte, kreative existentialistische Misanthropen. „Oho, oho.“

DEFINITIONEN – STICHWORT F:U:C:K:

Hipster ist ein im frühen 21. Jahrhundert in den Medien verbreiteter, zumeist etwas spöttisch gebrauchter Name für ein Milieu, dessen Angehörige ihrem Szenebewusstsein – bei Gleichgültigkeit dem Mainstream gegenüber – extravagant Ausdruck verleihen.

Sommelier berät in einem Haus der gehobenen Gastronomie die Gäste bei der Auswahl der zu den einzelnen Speisen bzw. Gängen passenden Weine.

Der Begriff Bohème oder Boheme bezeichnet eine Subkultur von intellektuellen Randgruppen mit vorwiegend schriftstellerischer, bildkünstlerischer und musikalischer Aktivität oder Ambition und mit betont un- oder gegenbürgerlichen Einstellungen und Verhaltensweisen. Oho. Oho.

Tag 6 – Skulptur Projekte. Über Zahnärzte und Kunsttouristen

Beige Dreiviertelhose, Blumenshirt und Moossandale. Englische Kunstgucker auf der Suche.

Es sind wieder Skulptur Projekte. Bis zum ersten Oktober strömen Kunsttouristen nach Münster, um Kunst zu gucken. Neben seinem Skulptur Projekte Logo Jutebeutel ist der Kunsttourist am Leihfahrrad zu erkennen, auf dem er ängstlich durch den Stadtraum wackelt. Unheimlich ist ihm diesen Art der Fortbewegung, die hier in der Provinz so typisch scheint.

Nach hundert Tagen ist der Spuk wieder vorbei, die Ausstellung zu Ende. Doch auch nach dem ersten Oktober muss der Kunstgucker nicht zehn Jahre warten, um in Münster Kunst zu finden.

In den letzten Jahren hat die Stadt eine Menge Arbeiten angekauft. Das gehört sich so, sagt die Stadt. Doch ähnlich dem hippen Zahnarzt, der die Malerei für das Praxiswartezimmer eher nach der Haarfarbe der Zahnarzthelferin auswählt oder schaut, ob das Bild mit dem Farbton seiner Eames Stühle korrespondiert, wählt die Stadt Kunst nach dem Gesichtspunkt aus, dass sie dem Bürger gut zu Gesicht steht und bloß nicht weh tut. Eine grüne Hecke von Rosemarie Trockel, ein paar Betonkugeln von Oldenburg oder ein nettes Holztor von Daniel Buren. Es darf eben nicht weh tun.

Tag 5 – Skulptur Projekte. Über das Stümperhafte in der Kunst

Hito Steyerl zeigt Videokunst in der LBS

In der LBS am alten Zoo zeigt eine deutsch-japanische Medienkünstlerin (Hito Steyerl) eine Videoinstallation. Es geht um Roboter, Kriege, menschenfeindliche Umgebungen. Die Installation heißt „HellYeahWeFuckDie“, weil das die häufigsten Wörter in englischsprachigen Pop Songs sind. Ein Kunstmagazin hat die Künstlerin gerade zu einer der zehn bedeutendsten Künstler der Gegenwart gewählt, was einem die Arbeit ganz anders sehen lässt. Ach, wenn das so ist…, denke ich, aber ich schweife ab. Die Frau sagt, dass die Animationen stümperhaft aussehen. Ich sage, dass das sicher gewollt ist. Warum das gewollt ist, weiß ich aber auch nicht.

Grobes & Klotziges gibt es von Justin Matherly

An der Promenade steht eine Installation des Bildhauers Justin Matherly. Sie heißt Nietzsches Felsen, weil sie Bezug auf Nietzsche nimmt und von Weitem aussieht wie ein Felsen. Von Nahen sieht der Felsen aber auch stümperhaft aus. Und Nietzsche sehe ich in ihm auch nicht. Das Art Magazin schrieb einmal eine Lobbuddelei über den Bildhauer (wunderbar grob und klotzig, sagten sie). Auch hier scheint das Stümperhafte gewollt. Das Stümperhafte zieht sich also gewollt durch die Ausstellung“, sagt die Frau und reibt sich am Ohr, was ein Zeichen tiefen Nachdenkens darstellt. „Ja, die Kunst“, sage ich. „Die Eulen sind nicht das, was sie scheinen“, sagt die Frau, die mal wieder das letzte Wort haben will.