Noam Chomskys „Requiem für den Amerikanischen Traum“ oder Schweineöhrchen für Mutter – ein Buchempfehlung

Schweineöhrchen in ihrer charakteristischen Herzgestalt

 

Noam Chomskys „Requiem für den Amerikanischen Traum“ oder Schweineöhrchen für Mutter – ein Buchempfehlung

Ich bin Schweineöhrchenprofi. Ein Schweineöhrchen ist ein süßes Kleingebäck aus Blätterteig. Zur Herstellung wird zunächst Blätterteig auf reichlich Streuzucker ausgerollt und gefaltet. Anschließend werden die Stücke gebacken, der Zucker karamellisiert. Durch eine regional unterschiedliche Schweineöhrchenfaltung entsteht die typische Herzform des süßen Kleingebäcks. Die Größe der Schweineöhrchen variiert. In manchen Regionen haben sie fast Tellergröße. Wichtig: Nach dem Backen Schweineöhrchen mit Puderzucker bestreuen oder mit dunkler Kuvertüre überziehen. Während der Backzeit kann man gerne ein gutes Buch lesen, zum Beispiel Chomskys „Requiem für einen amerikanischen Traum“. Aber Achtung: Vergessen Sie nicht das süßes Kleingebäck aus ihrem Ofen zu nehmen, sonst sehen sie wie auch dieser Chomsky irgendwann schwarz.

Sonntag, 15 Uhr. Mit Kleinkind und Kleingebäck bei Mutter. „Ach Junge, was haben wir bloß falsch gemacht?“, fragt Mutter und guckt ernst über mein selbstgebackenes Schweineöhrchen. „Wir haben dich doch auch nicht anders erzogen als den Jens-Peter. Und der Jens Peter arbeitet jetzt in der Wirtschaft. In England, weißt du?“ Ich nicke. „Ich weiß“, sage ich. „Und der hat sich jetzt schon sein zweites Haus gebaut. In England und eines Amerika. Mit Carport. Und drei Kinder hat der Jens-Peter. Den Jens-Kevin, den Jens-Kelvin und den Jens-Melvin. Ja, und am Wochenende ist der Jens-Peter trotzdem immer bei seinen Eltern und hilft im Garten. Ach Junge, wann hast du denn das letzte Mal im Garten geholfen?“, fragt Mutter,und knuspert dabei sichtlich ohne Appetit an ihrem Schweineöhrchen rum (dabei ist Schweineöhrchen eigentlich ihr Lieblings-Gebäck). Aber bei dem Jungen, so steht in ihrem Gesicht geschrieben, vergeht ihr sogar darauf der Appetit.

Mutter, du hast doch überhaupt keinen Garten“, sage ich trotzig. „Ach Junge“, sagt Mutter, zieht sich für alle hörbar die Rotze in der Nase hoch und guckt traurig zu ihrem Enkelkind, meiner Tochter, was neben mir sitzt. Wie hat der Junge so ein wundervolles, hübsches Kind bloß hingekriegt, sagt ihr Blick. Sie hat sich nichts vorzuwerfen, aber was soll aus dem Kind bloß mal werden, also bei dem Vater. Das Kind, ein zweijähriges Mädchen, grinst. Es weiß auch nicht, was es mal werden will und wie ich es hingekriegt habe, und ich werde es meiner Mutter und dem Kind auch nicht verraten. Ich möchte auch nicht wissen, wie mich meine Mutter hingekriegt hat. Ganz sicher nicht.

Das Kind und ich sitzen bei meiner Mutter wie jede Woche in der Küche und wie jede Woche ich höre mir an, was ich alles in meinem Leben falsch gemacht habe. Eigentlich alles, so der Tenor. Sie liebt mich natürlich trotzdem, schon weil ich ihr Sohn bin und damit eben Familie. Familie ist wichtig, das Wichtigste. „ Da könntest du sogar bei diesen Grünen sein, dann würde ich dich auch noch lieben, Junge“, sagt sie gerade. Das sagt sie auch jede Woche, diese Sache mit den Grünen. Die Grünen sind der Mutter rotes Tuch, denke ich, putze mit einem weißen Tuch die Sahne von der Tapete, die das Kind gerade dahin geschmiert hat. Die Grünen, sie meint die neue Mitte, die gerade mit der FDP und CSU koalieren will, sind für meine Mutter immer noch Bombenleger, die ihre Rente streichen und uns in die Arbeitslosigkeit treiben wollen. Die gucken nur, dass alles teurer wird, sagt Mutter immer. Die gucken, dass alles teurer wird, sagt sie auch mit einem halben Schweineöhrchen zwischen den Mundwinkel heute wieder. Wenn am Montag die Milch oder die Kartoffeln wieder teurer sind, waren das, laut meiner Mutter, die Grünen. Und mit dem Geld pflanzen sie dann wieder einen Baum oder stellen dem Onkel Bernd ein Windrad vor die Haustür. Das haben die Grünen nämlich gemacht, dem Onkel Bernd ein Windrad vor die Nase gestellt. Onkel Bernd kann gar nicht mehr ruhig schlafen, weil das Windrad sich so laut dreht. Schon ganz krank ist der Onkel Bernd geworden. Und Tante Helga, die Frau von Onkel Bernd, muss sogar Medikamente nehmen, weil sie ganz bekloppt geworden ist. Wegen dem Windrad. „Und wie sieht das denn aus? Überall diese Windräder. Einsperren sollte man die, diese Grünen“, sagt Mutter, also heute beim Schweineöhrchen, ihrem Lieblingsgebäck und ihren Geschichten, ihren Geschichten über den Jens – Peter.

Ach Junge, was haben wir bloß falsch gemacht?“, fragt Mutter wieder. Dabei haben sie auf den ersten Blick gar nichts falsch gemacht. Ich habe eine Arbeit, sogar eine, die mir Spaß macht. Ich habe auch ein Kind, eine Frau und ein Geheinrezept für Schweineöhrchen. Aber mit dem Jens Peter kann ich nicht mithalten. Der Jens Peter hat nämlich Wirtschaft studiert. In England. Und jetzt arbeitet dieser Jens Peter bei einem Reifenkonzern im Büro und ist Chef und verdient sich den Arsch wund. Deswegen hat er auch Häuser. Eines in England und eines mit Carport in Amerika.

Das kann ich tatsächlich nicht sagen, dass ich mir den Arsch wund verdiene. Und Häuser habe. Ne, ein Fahrrad habe ich und einen Schrebergarten. Schrebergarten, die Villa des kleines Mannes.. Das ist eben der Unterschied zwischen dem Jens Peter und mir. Ich habe Philosophie studiert und einen Taxischein gemacht. Auch nett, aber nichts zum Arsch wund verdienen. Der Jens Peter hat Betriebswirtschaft studiert und ist jetzt Chef. Jetzt verdient der Jens Peter sich den Arsch wund – das macht Mutter immer, Artikel vor die Vornamen setzen. Ich hasse das – jetzt verdient der Jens Peter sich den Arsch wund, damit er sich noch ein drittes Haus kaufen kann. Mit Carport und Garten und sicher kriegt er auch noch ein biertes Kind. Mal ein Mädchen. Weil so einer hat genug Saft im Luststengel, der kriegt auch vier Kinder hin.

Mutter, ich arbeite auch nicht weniger als Jens Peter. Die Einkommensschere, die ist Schuld. “, sage ich in einer Lautstärke, die sogar der Tochter missfällt. Statt Sahne zu malen, fängt sie an zu heulen. „Sprich nicht so über den Jens Peter“, sagt Mutter. „Guck, dass Kind weint auch schon, weil du so schlecht über den Jens Peter redest.“ „Ach Mutter. Lass mich doch endlich mit diesem Jens Peter zufrieden.“ „Ach Junge. Bald wählst du auch noch die Grünen, was?“ Ach Mutter, denke ich und spreche wirklich lieber nicht.

Letztens habe ich von Noam Chomsky „Requiem für den Amerikanischen Traum“ gelesen. Da beschreibt Chomsky die Lächerlichkeit des Amerikanischen Traums. Vom Tellerwäscher zum Millionär, das gab es vielleicht mal. Jetzt gibt es das ganz sicher nicht mehr, sagt er. Er spricht über Amerika. Also dem Land, wo der Jens Peter sein zweites Haus mit Carport hat. Aber er könnte auch über Europa reden. Die Reichen und Mächtigen haben vor allem ein Ziel, nämlich noch reicher und mächtiger zu werden. Die Demokratie dient ihnen nur als Werkzeug, die Massen ruhig zu halten, ihnen das Gefühl zu geben, dass jeder den Aufstieg schaffen kann. Schweineöhrchen für alle. Ne, das ist laut Chomsky eine Blödsinn. Den gesellschaftlichen Aufstieg kann nicht jeder schaffen. Arm bleibt meistens arm. Die Klassen bleiben unter sich. Das war so, das ist so, das wird so bleiben.

Wenn man Philosophie studiert, kann man das ganz sicher nicht schaffen, sagt Mutter und da hat sie und der Jens Peter leider recht. Mit den Grünen hat das nichts zu tun. Die wollen leider auch schon lange keine gerechtere Welt mehr. Das Windrad ist hier nur noch Symbol. Aber den Traum einer besseren Welt, vielleicht sogar den alten amerikanischen Traum, das wir alle gleich sind, und es alle schaffen können, dass der Fahrstuhl durch die sozialen Schichten für alle offen ist, diesen Traum haben auch die Grünen begraben. Und Chomsky singt das Totenlied, den Abgesang auf den amerikanischen Traum. Ich glaube, dass ist die Botschaft des Buchs, denke ich und gucke traurig zu Kind und Mutter. Schweineöhrchen bleibt Schweineöhrchen. Arm bleibt arm und Schuster bleib bei deinen Leisten, sage ich und streichle der Tochter das Köpfchen.

Ach Junge“, sagt Mutter, streichelt mir das Köpfchen. „Ja, Mutter?“, frage ich, verwundert über so viel Zärtlichkeit. „Aber Schweineöhrchen, das muss ich dir lassen, Schweineöhrchen kannst du.“ Na, immerhin etwas, denke ich und beiße selber noch einmal in mein süßes Kleingebäck.

Noam Chomsky, Requiem für den amerikanischen Traum, Kunstmann Verlag, 2017

Über Eichhörnchen, TV Duelle und historische Momente

Europäisches Eichhörnchen vor zwei Restmülltonnen in Münster

Sonntag, 21 Uhr. Eichhörnchen sind Einzelgänger. Politik spielt für das Europäische Eichhörnchen keine Rolle. Wir schaffen das, sagte vor zwei Jahren die Kanzlerin. Heute ist der Satz ein historischer Moment. Für uns waren die Bilder bewegend, dem Eichhörnchen waren sie egal: Tausende machten sich in Ungarn auf und spazierten Richtung Deutschland. Kurz vor der Wahl gibt es jetzt ein letztes TV Duel zwischen Merkel und Schulz, den beiden Spitzenkandidaten der großen Volksparteien. Schulz erinnert an den Finanzwart oder Ordnungshüter der Schrebergarten-Anlage Gartenglück. „Ich danke Ihnen für dieses Frage. Wir müssen dem Europäischen Eichhörnchen seine Schranken zeigen.“ War dieser Mann wirklich einmal an der Spitze der EU oder kam er direkt aus Würselen mit dem Wochenendticket ins Willy Brandt Haus gefahren? Also wieder vier Jahre Raute und Mutter Beimer. Aber es gibt schlimmeres, denkt man und schaut ängstlich in die Türken, nach Ungarn, Polen, den USA, Nordkorea, halb Afrika, Jemen, Irak, Syrien, Saudi Arabien und und und… da bahnen sich gerade viele historische Momente an. Nur dem Eichhörnchen ist das egal. Es ist ein Einzelgänger. Nur zur Paarungszeit verfolgen die Männchen die Weibchen innerhalb der Baumkronen. Ansonsten streift der pelzige Freund alleine Wald und Flur. Für das Eichhörnchen gibt es keine historischen Momente.

Ein sehr wichtiges Interview mit zwei Stadtführer über die Skulptur Projekte

Münster, Montag, 16 Uhr. In einem unglaublich hippen Café in Münster treffe ich auf meinen alten Kumpel Klaus Vöstmann. Früher Slam Poet, heute nur noch Poet. „Die schreien immer soviel auf Slams“, sagt Klaus. „Nicht alle“, sage ich. „Aber viele.“ Ich nicke.

Er sitzt mit seiner Kollegin Julia zusammen bei Kaffee und Keksen. Beide machen seit Jahren Stadtführungen. Gerade machen sie Pause, da störe ich mit einem blöden Interview. „Hey!“, sage ich. „Was?“, fragt Klaus. „Wollen wir ein Interview machen?“ „Unbedingt.“ Und los geht es.

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