Hoffmanns Büdchen (57) – Ein großer Haufen für eine alte Dame

Meine Mutter brachte Zwillinge auf die Welt: mich und die Angst.“ (Thomas Hobbes)

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Draußen bringt die alte Dame von gegenüber ihren Müll raus. Jeden Morgen bringt sie ihren Müll heraus: Restmüll in einer kleinen Plastiktüte, Biomüll in Zeitungspapier eingewickelt.

Es regnet in Strömen und Herr Hoffmann beobachtet die alte Dame, wie sie zögerlich an der Haustür steht. Es sind nur ein paar Meter bis zu ihren Mülltonnen, aber bei dem Wetter wird sie die nicht trocken zurücklegen können, denkt Herr Hoffmann. Die alte Dame ist nicht mehr die Schnellste, aber auch wenn sie rennen könnte, würde sie die Strecke nicht trocken zurücklegen können.

Eine ganze Weile steht sie in der Tür und Herr Hoffmann sieht von seinem Büdchen, dass sie überlegt. Ob sie hofft, dass es aufhört zu regnen? Herr Hoffmann schaut auf die Tageszeitung vor ihm. Laut dem Wetterbericht wird sie lange warten müssen. Heute soll es durchregnen.

Das Kiosk -Türglöckchen läutet. Es ist Herr Ärmel, der für einen Kurzbesuch hereinschaut. Herr Ärmel ist langjähriger Kunde in Hoffmanns Büdchen. Anfangs kam er immer nur zum Lotto Spielen, ein kurzer Plausch über mögliche Lottogewinne schloss sich an. Später wurde er so etwas wie ein Freund oder sagen wir Stammkunde. Herr Ärmel ist wie Herr Hoffmann vorsichtig mit Begriffen wie Freundschaft. Also sagen wir Stammkunde. Ja, das ist besser: Stammkunde.

„Guten Morgen, Herr Hoffmann“, grüßt Herr Ärmel auf seine höfliche Herr Ärmel Art.

„Guten Morgen“, antwortet der Kiosk Betreiber, immer noch mit einem halben Auge bei der alten Dame. „So früh schon unterwegs?“ Herr Hoffmann wendet sich zu Herrn Ärmel, lächelt ihn freundlich an. Tatsächlich kommt Herr Ärmel meist erst später des Tages vorbei. Herr Ärmel ist mittlerweile in dem, wie er manchmal ironisch sagt, verdienten Ruhestand; da steht man nicht mehr so früh auf. „Arzttermin. Aber bei dem Wetter hätte ich besser mal absagen sollen. Ich bin nass bis auf die Unterhose“, klagt der Ruheständler und schüttelt seine Jacke im Laden aus.

„Und Sie, lieber Herr Hoffmann, genießen die Ruhe?“, fragt Herr Ärmel, der Herrn Hoffmann immer noch siezt, da das „Sie“ für ihn etwas mit Respekt zu tun hat.

Tatsächlich kann Herr Hoffmann heute den Tag etwas ruhiger angehen. Gegenüber in der Schule sind Projekttage und gestern haben ihm ein paar Schüler erzählt, dass heute die ganze Schule einen gemeinsamen Wald -Ausflug plant. Die Schulleitung hat beschlossen, dass man den Projekttag für den Umweltschutz nutzt. Die Schülerinnen dürfen alle in einem nahegelegen Wald Müll sammeln und sortieren. Am Abend werden die Schülerinnen, die am Meisten gesammelt haben, mit einer Urkunde und einem kleinen Preis, einen fünf Euro Gutschein des Naturkost-Ladens Urinella, geehrt.

„Ich beobachte die alte Dame“, sagt Herr Hoffmann und zeigt auf die alte Dame von Gegenüber. Sie steht immer noch in der Haustür und überlegt, ob sie es durch den Regen schafft. „Hören Sie mir bloß mit der Alten auf.“ Herr Ärmel hat jetzt auch die Frau gesehen. „Die tyrannisiert die ganze Nachbarschaft, schreibt Zettelchen, wenn man seinen Müll nicht richtig sortiert hat oder ruft gleich das Ordnungsamt, wenn mal jemand falsch in der Straße parkt. Die nette alte Dame, lieber Herr Hoffmann, ist ein wahrer Drachen. Letztens hat sie mir die Luft aus den Fahrradreifen gelassen, als mein Fahrrad zu weit auf dem Bürgersteig stand. Die Alte hat nicht mehr alle Latten im Zaun.“

Herr Hoffmann grinst. „Na, na. Das st doch nur eine alte Dame“, sagt er beschwichtigend.

„Ja, und weil sie so nett ist, habe ich ihr letztens auch vor die Tür gekackt“, sagt Herr Ärmel und schaut gar nicht mehr freundlich zu der Frau rüber.

„Was?“ Herr Hoffmann glaubt sich verhört zu haben.

„Vor die Tür. Ein großer Haufen, lieber Herr Hoffmann. Es war… Befreiend.“ „Befreiend?“, fragt Herr Hoffmann ungläubig.

„Ja, befreiend. Sollten Sie auch mal versuchen.“, sagt Herr Ärmel überzeugt.

„Ich schaue mal“, sagt Herr Hoffmann eher skeptisch. „Ich schaue mal.“

Hoffmanns Büdchen (56) – Hoffmanns Schuld

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Draußen tobt immer noch der November. Kalt, dunkel, ungemütlich. „Gut, wer jetzt ein warmes Büdchen hat“, sagt Herr Hoffmann zu sich selber. Er lächelt. Er hat ein warmes Büdchen.

Da geht sein Türglöckchen. Eine junge schwarze Frau kommt in seinen Kiosk. „Hallo, kannst Du dir vorstellen, dich für eine coole Menschenrechtsorganisation zu engagieren“, fragt sie, mit der Tür ins Büdchen fallend. Herr Hoffmann schüttelt den Kopf. Er muss nicht lange überlegen, er kann es sich nicht vorstellen. Herr Hoffmann steht von zehn bis zehn im Büdchen und hat trotzdem gerade genug für Pacht und Taschengeld. Nein, Herr Hoffmann kann sich nur schwer Engagement vorstellen. Freundlich aber bestimmt macht er der Studentin seine Situation klar.

Als Herr Hoffmann wieder alleine im Büdchen steht, beginnen jedoch die Schuldgefühle. Nicht wegen seinem fehlenden Engagement, das ist in seiner Situation wahrlich schwierig -laut Statistik zählt Herr Hoffmann zu den Ärmsten, aber es braucht eben nicht viel, wenn man den ganzen Tag hinter einer Theke steht. Nein, Schuldgefühle hat er wegen der „jungen schwarzen Frau“. Unbewusst hat er sie gleich wieder in eine Schublade gepackt. Aha, eine schwarze Studentin, die für eine Menschenrechtsorganisation sammelt. Sicher bekommt die mehr Spenden als eine weisse Studentin, das hat er gedacht. Er hat Schuldgefühle, weil er schwarz denkt und nicht einfach nicht denkt. Ja, das ist es wohl. Er schaut raus in den November. Kalt, dunkel, ungemütlich. Kann er nicht einfach gar nicht über die Hautfarbe nachdenken? Und wenn er über die Hautfarbe nachdenkt, macht er nicht alles nur noch schlimmer, weil er daraus erst ein Thema macht? „Man sollte einfach das Maul halten“, sagt Herr Hoffmann zu sich selber. „Warum hältst du nicht einfach die Fresse?“ Herr Hoffmann holt tief Luft. „Oder noch besser: Warum hörst du nicht einfach auf zu denken? Du bist schuldig“, sagt Herr Hoffmann jetzt lauter. „Schuldig, schuldig, schuldig“, schreit er.

Verlegen schaut er raus. Glücklicherweise hat niemand sein Gebrülle mitbekommen. „Oder?“

In der Soziologie spricht man von strukturellen Rassismus, wenn der Rassismus so tief im Alltag steckt, dass man ihm schon bewusst begegnen muss, um ihm zu entgehen. Und dann machst du es wieder zum Thema und fühlst dich schuldig, weil du wieder drüber nachdenkst. Ich bin schuldig.

Ich bin schuldig, weil ich hellhäutig bin und sogenannte Weisse, also andere Hellhäutige andere Dunkelhäutigere Jahrhunderte unterdrückt und ermordet haben. Und Rothaarige, Dicknaserige und Gelbhäutigere. Ich bin schuldig.. Ich bin schuldig, weil ich ein Mann bin und Männer jahrhundertelang Frauen unterdrückt und als ihr Eigentum behandelt haben. Ich bin schuldig, weil ich Deutscher bin und weil unter diesen Deutschen andere Religionen, Kulturen oder auch nur Kegelschwestern unterdrückt und ermordet wurden. Ich bin Schuldig, schuldig.“, jammert Herr Hoffmann theatralisch. „Und Messdiener war ich auch. Ich bin schuldig. Ohhohoho…“

„Alles gut, Herr Hoffmann?“, hört der Kiosk Verkäufer auf einmal eine besorgte Stimme vor sich.

Herr Hoffmann schreckt hoch. „Ich bin…“ Er hat das Türglöckchen nicht gehört. Er hat Herrn Ärmel (ein Stammkunde der ersten Stunde) nicht gehört. „Ach Mist, ich..also..“, stottert der Büdchen Pächter. Indes hebt Herr Ärmel seine Hand, bedeutet Herrn Hoffmann, dass er nichts sagen muss.

„Am Ende sind wir alle schuldig“, erklärt er feierlich, gibt seinen Lottoschein ab und fragt wie jede Woche, was der Büdchen Betreiber mit seinem Millionen Gewinn machen würde.

„Vielleicht einer Menschenrechtsorganisation spenden?“, überlegt Herr Hoffmann.

„Löblich, löblich“, lächelt Herr Ärmel.

„Schuldig, schuldig“, sagt Herr Hoffmann, schon nicht mehr ganz so ernst.

Hoffmanns Büdchen (55) – Hoffmanns Schulkamerad

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Das Türglöckchen läutet und ein Mann in ungefähr Herrn Hoffmanns Alter betritt den Kiosk.

„Herr Hoffmann. Hallo“, grüßt der Mann überschwänglich.

„Ja… guten Tag“, sagt Herr Hoffmann verhalten.

„Erkennst du mich nicht?“, fragt der Mann lachend.

Herr Hoffmann nickt. Er erkennt ihn nicht.

„Dein alter Schulkamerad. Albert“ Der Mann lacht immer noch.

„Ach, der Albert“, sagt der Büdchen Betreiber. Herr Hoffmann erinnert sich immer noch nicht.

Der Mann kauft ein paar Nüsschen und eine kleine Flasche Wasser. Beim Bezahlen zeigt er auf die Straße. Vor Hoffmanns Büdchen steht ein dicker, ein wirklich dicker BMW.

„Muss weiter. Ja, das Auto. Geht leider nicht ohne. Meine Partner erwarten das. Aber zu Hause bin ich, sind wir bio“, sagt der Mann, der Albert heißt. „Aber so ist das nun mal“, fügt er mit Lachen hinzu.

Herr Hoffmann nickt. „Ja, so ist das nun mal.“

„Du, ich muss weiter. Wir kriegen heute unser Solardach. Neu gebaut. Ökohaus. Aber du kennst das ja.“ Herr Hoffmann nickt. Ja, er kennt das ja.

„Herr Hoffmann. Bis dann“, sagt der Mann mit einem letzten Grinsen.

„Bis dann, Adolf“, sagt Herr Hoffmann.

„Albert“, sagt der Mann ernst. „Ich heiße Albert.“

„Ja, Albert genau“ , sagt Herr Hoffmann und endlich grinst Herr Hoffmann auch einmal.

Hoffmanns Büdchen (54) – Hoffmanns Elend, Mindestlohn Bürger oder die Dritte Klasse

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke, frühstückt. Es ist kurz nach zehn Uhr und Herr Hoffmann hat gerade seinen Kiosk aufgeschlossen und den Zeitungsaufsteller rausgestellt (BILD schreibt:“Automobilclub wettert gegen Grünzilla“, „Meine wilde Party Nacht mit Prinz Harry“).

Vor dem Öffnen war er noch beim Billig-Bäcker, der erst letztes Jahr die Straße runter eine Filiale aufgemacht hat. Er hat sich einen großen Milchkaffee und eine Laugen-Ecke, wie so oft morgens, gekauft, und sich, wie so oft morgens, über die gute Laune der Verkäuferin gefreut.

Die Frau hinter der Kasse ist ein Sonnenschein. Sicher nicht nur für Herrn Hoffmann, denkt Herr Hoffmann. Sie grüßt immer freundlich, lächelt und Herr Hoffmann nimmt ihr das Lächeln sogar ab. „Und das ist nicht selbstverständlich“, weiß Herr Hoffmann. „Das ist ganz und gar nicht selbstverständlich“, sagt er zu sich selber.

Herr Hoffmann weiß nicht, ob die Frau glücklich mit ihrem Job ist. Wie auch? Er weiß auch nicht, ob sie mit dem Geld auskommt. Er weiß nicht, wieviele Mäuler sie mit ihrem Gehalt stopfen muss, und ob sie sich abends die Haare rauft, weil das Geld vorne und hinten nicht reicht. Er weiß ja noch nicht mal, wie sie heißt. Das Einzige, was er weiß, ist, dass sie immer freundlich zu ihm und auch zu den anderen Gästen ist. Und so fühlt man sich auch bei ihr in der Bäckerei – und das ist alles andere als Selbstverständlich – als willkommener Gast.

Dabei hat, laut der ganzen Zeitungen, so eine Bäckereiaushilfe wahrhaftig keinen Grund freundlich zu sein oder zu lachen. Paket Botinnen, Taxifahrerinnen, Verkäuferinnen, Lieferantinnen, sie alle haben wenige Gründe zu lachen. Worüber auch: Die Einkommensschere im Land geht immer weiter auseinander und sie, die Bullshit – Jobber (Der Begriff sagt alles“, flüstert Herrn Hoffmann) zählen als ihre Verlierer. „Moderne Sklaven, Opfer“ schreiben die Zeitungen, liest man in den Sozialen Medien.

Und wenn einer dieser Opfer sagt, dass er glücklich ist, wird er auch noch angepöbelt. Mit Mindestlohn darf man nicht glücklich sein, schimpft es überall. Jedenfalls darf man es nicht sagen oder zeigen. Wer mit so einem Gehalt glücklich ist, verhindert, dass Milliarden von Menschen irgendwann einmal mehr Geld, mehr Respekt für ihre Arbeit kriegen.

„Lächeln verboten“, flüstert Herr Hoffmann und lächelt verboten. Alles moderne Arbeitssklaven laut Definition. Seine freundliche Verkäuferin müsste ihn eigentlich auch anschnauzen. Ja, ihm die Laugen-Ecke ins Gesicht spucken. „Alles Schweine“, müsste sie schreien.

Alles richtig, denkt Herr Hoffmann. Natürlich verdient sie zu wenig, die Verkäuferin, aber auch sein Stammkunde, der Paket Bote Paket Paul oder der LKW Fahrer der ihm die Waren einmal die Woche bringt. „Vielleicht“, so grübelt es im Büdchen Hirn, „vielleicht verdienen die Anderen aber auch einfach zu viel.“

Auch wenn es keiner hören will: Nicht alle mehr, sondern alle weniger ist für Herrn Hoffmann die Lösung.

„Aber manches darf man vielleicht wirklich nicht sagen, ohne es schlimmer zu machen“, grübelt Herr Hoffmann laut und traurig.

Da läutet sein Türglöckchen, Herr Hoffmann lächelt. Guten Tag, grüßt er freundlich hinter seiner Theke.

Hoffmanns Büdchen (53) – Und was hörst du so?

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke und sucht im Internet nach Musik von ZZ Top. Gestern hat er eine Doku über die Band aus Texas gesehen. Viele Songs hatte er gar nicht mit ZZ Top in Verbindung gebracht. Bärte hatte er mit ihnen in Verbindung gebracht, sonst nicht viel.

Heute sucht er umsonst die Genialität, die er gestern Nacht gesehen und gehört hatte. Nach ein paar für ihn langweilige Musikvideos klappt er sein Laptop zu und kommt wieder ins Grübeln. Noch nie war er besonders Musik begeistert. Seine Plattensammlung konnte er an zwei Händen abzählen, bei einem Umzug hatte er sie dann sogar vergessen. Auf die Frage, was er denn für Musik höre, ist seine Standard-Antwort „Ach, alles mögliche“. Interessanter macht die Antwort nicht.

„Aber wer will schon interessant sein, wenn er Büdchen Betreiber werden kann“, sagt Herr Hoffmann zu sich selber und lacht komisch. Komisch komisch. Verkehrt.

Manchmal könnte ich einfach drauf losheulen, denkt Herr Hoffmann, da geht das Türglöckchen und verhindert das Denken und ein Tränenmeer. Es ist Paket Paul.

Hoffmanns Büdchen (52) -Lukas erklärt die Welt: Fußball, wahre Liebe oder das Spiel ist aus

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Es ist Samstagsabend und vor der Hoffmannschen Auslage, den Schokoriegeln, Kaugummis, kleinen Chipstüten, Ü-Einern und und und … steht Lukas. Er war am Nachmittag im Station und erzählt begeistert vom Preußen Spiel.

„Lukas, mich interessiert Fußball nicht“, sagt Herr Hoffmann ehrlich. Er muss noch die Steuer machen und hatte gehofft, wenigstens am Abend anfangen zu können.

„Sollte dich aber interessieren“, fordert Stammkunde Lukas.

„Wieso?“, fragt der Büdchen-Betreiber. Vielleicht die falsche Frage, denkt Herr Hoffmann, womit er Recht behalten wird, Lukas beginnt die ganz große Erzählung auszupacken.

„Ach Herr Hoffmann“, startet er harmlos. „Nachmittags mit einem Bierchen und einer Bratwurst in der Kurve stehen, war, ist und wird immer etwas besonderes sein.“ Lukas zeigt mit dem Kopf seiner Bierflasche auf Herrn Hoffmann. „Was meinst du, wieviele Väter ihre kleinen Stupse mitbringen?“ Herr Hoffmann zuckt mit den Schultern, er war seit Jahren nicht beim Fußball.

„Mit leuchtenden Augen feuern die Kleinen mit Papa ihre Mannschaft an. Da möchte man auch Kinder kriegen“, lacht Lukas.

„Lukas, komm auf den Punkt,“ drängelt Herr Hoffmann.

„Und wenn die andere Mannschaft, der Gegner, der Gegenspieler, die Anderen ein Tor schießen, foulen oder nur zu schnell für unsere Jungs laufen, wird im Block gejammert, geheult geschrieen und böseste Beschimpfungen zum Gegner gebrüllt. Da stirbt auch mal die Mutter, die sowieso ne Hure ist und der Spieler ein Bastard. Ein schwuler Hurenbastard. Und da schreit dann auch das Kind: Ey, du schwuler Hurenbastard. Und Papa ist stolz auf den kleinen Bub“ Lukas grinst.

„Lukas, mach hin.“

Herr Hoffmann sieht immer noch nicht, was ihn daran interessieren sollte.

Lukas trinkt noch einen Schluck, dann erzählt er weiter.

„Herr Hoffmann, hör doch zu. Teilweise ist das ein Fußballkrieg und du, der Fan, bist Teil dieses Spiels, nur ein kleiner Bauer, aber du gehörst dazu, trägst die gleichen Farben wie deine Jungs, feuerst sie an, singst sie Richtung Tor, liebst, leidest mit ihnen, weinst und brichst vielleicht sogar kläglich zusammen.“

Lukas bückt sich, fällt spielerisch in sich zusammen und schaut hoch zu Herrn Hoffmann, zeigt mit einer jammervollen Fratze wie man guckt, wenn das Spiel verloren scheint.

„In den 90 Minuten, da ist alles anders.“ Lukas macht eine Kunstpause.

„Und dann ist das Spiel vorbei und vielleicht jammert der ein oder andere noch bis zum Ausgang und meinetwegen auch noch bis zum Stammkneipe. Aber weißt du was, Herr Hoffmann?“

Herr Hoffmann schüttelt den Kopf. Also er weiß, dass er gerne noch ein wenig Steuer machen möchte, das weiß er.

„Danach legst du das ab. Das Spiel ist aus. Ich bin wieder Lukas und du bist wieder Herr Hoffmann und nicht irgendein Avatar, der eine Woche durch die Stadt läuft, sich ärgert, jammert, weint, die gegnerische Mannschaft verflucht und ihre Fans jagt, wenn er sie sieht. Hörst du: Das Spiel ist aus.“ Lukas schaut jetzt ernster. Er nimmt seinen Fan-Schal ab, faltet ihn langsam zusammen. Achtung Stimmungsaufbau, denkt Herr Hoffmann. Das wird nichts mit der Steuer, befürchtet er langsam.

„Aber für diese Spastis hört das Spiel nie auf. Die sind in jeder Sekunde Fan und sie schreien, jammern, weinen die ganze Woche weiter. Und zwischenzeitlich verhauen sich diese Hooligans gegenseitig, und wenn keine da sind, irgendeinen Unbeteiligten, der mit Fußball noch nicht mal, was am Hut hat.“

Jetzt regt Lukas sich richtig auf. Seine Stimme wird schneller und lauter und seine Ohren verfärben sich rosa.

„Und wenn dann wieder Weltmeisterschaften oder Europameisterschaften sind, kann sich der ganze Hass auf die anderen Länder übertragen und die Menschen dort. Dann darf man die ganze Welt verkloppen, weil das ja alles Gegner sind. Feinde. Diese Typen raffen es echt nicht. Sie merken nicht, dass das Spiel schon lange aus ist. Da funktioniert doch bei denen was nicht. Warum sagt den keiner mal…“ Lukas brüllt den letzten Satz raus: “Das Spiel ist aus, ihr Penner.“

Da läutet das Türglöckchen. Es ist Paket Paul (ein Stammkunde und eben der Paketbote. Herr Hoffmann hat eine DHL Paketstation im Kiosk. Lohnt nicht).

„Das Spiel ist aus? Alles in Ordnung“, fragt er, guckt neugierig auf Herrn Hoffmann und Lukas.

„Fußball“, sagt Herr Hoffmann.

„Nein, nicht Fußball, Herr Hoffmann. Alles. Wenn ich aus dem Station gehe, ist das Spiel aus. Und wenn so ein rechter Affe in der Fußgängerzone Ausländer jagt, weil Deutschland gerade gegen meinetwegen die Türkei verloren hat, dann rafft er nicht, dass das Spiel aus ist.“

Paket Paul mischt sich ein.

„Olé, olé, oje!“ Er grinst und geht an den beiden vorbei zu seinen Paketen.

„Das ist nicht witzig“, möffelt Lukas hinter ihm her.

„Oje“, sagt Paket Paul.

Er hantiert einen Augenblick zwischen seinen Paketen rum. Dann kommt er an die Theke und öffnet seinen DHL Windbreaker („Ein ganz hübsches Teilchen“, sagt Günter, ein anderer Stammkunde). Paket Paul steht im Trikot vor den beiden Anderen. Stolz dreht er sich um: „1 FC Gartenglück, meine Mannschaft. Nächste Woche geht’s gegen die Kleingärtnerinnen von Teutonia Münsterblick. Gemischte Mannschaft. Aber wenn ich die vorher sehe…“ Paket Paul droht spielerisch mit der Faust.

Herr Hofmann schmunzelt. Lukas ist noch unentschlossen, ob er es witzig findet.

Paket Paul haut Lukas freundschaftlich auf den Oberarm.

„Hast ja Recht“, sagt er. „Nur… Wahre Liebe hört nicht am Stadiontor auf.“

In Münster hat sich einmal ein Schwan in ein schwarzes Tretbott verliebt, unglücklich verliebt.

„Wahre Liebe ist manchmal sehr einseitig“, flüstert Herr Hoffmann leise. „Wohl war“, antworten seine beiden Stammkunden.

Hoffmanns Büdchen (49) – Wahlen 2021: Der Tag, an dem Günter schreit

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Vor ein paar Minuten hat er seinen Kiosk aufgeschlossen, den BILD Aufsteller rausgestellt und die Tageszeitungen in den Zeitschriftenständer neben der Ladentür sortiert. Gestern war Bundestagswahl und die Zeitungen sind voll mit Hochrechnungen, Analysen und Meinungen. Herr Hoffmann geht, wie so oft nach einer Wahl, die einzelnen Zeitungen durch, guckt, liest, wie die Stimmung im Land sich aufdröselt und welche Möglichkeiten sich für eine Regierung ergeben. „Ahh… wird schwer“, flüstert er. „Aber eine große Koalition? Nein. Jamaika oder eine Ampel vielleicht“, sagt er zu sich selber. „Ohne Kompromisse wird das alles nicht gehen“, grübelt Herr Hoffmann zwischen den Schlagzeilen, da geht sein Türglöckchen und ein Kunde betritt das Büdchen.

Na ja, ein Kunde? Es ist einer seiner Stammkunden. Der rechte Günter. Laut keuchend betritt er den Kiosk. „Immer langsam“, lächelt Herr Hoffmann und begrüßt den Stammkunden freundlich mit einem Kopfnicken. Günter grummelt. „Immer langsam? Nichts da immer langsam. Das ist dieses Raucherei. Schlimm. Aber soll ich mit Mitte Siebzig aufhören, zu qualmen? Das ist doch auch Quatsch. Aber bald werden uns die Grünen, sowieso alles was Spaß macht, verbieten. Wirst schon sehen, Herr Hoffmann.“ Günter zeigt einmal um sich herum. „Den Kiosk kannst du dann auch dicht machen, wenn die erst mal die Zügel in der Hand halten, lieber Herr Hoffmann. Aber ich sage besser mal nichts zu dieser großen Zügelei , die da abläuft.“

Niemals ist der erst Mitte Siebzig, denkt Herr Hoffmann und lächelt immer noch. Was soll er machen, außer lächeln. Günter ist stockkonservativ und Herr Hoffmann ahnt, dass Günter zu den paar Gestalten gehört, die in Münster ganz Rechts gewählt haben, was der Starkraucher auch schon im nächsten Satz bestätigt.

„Mein lieber Herr Hoffmann, ich habe die AFD gewählt. Nicht das ich diese Lesbe an der Spitze gut finde, hier, diese Alice Weidel, aber man muss denen da oben mit ihren Spinnereien mal einen auf den Deckel geben. Und das ist untertrieben. Eigentlich musst du die gleich an die nächste Laterne hängen. Klimawandel, wenn ich das schon höre. Warte mal ab, Herr Hoffmann, bald kannst du deinen alten Benziner verschrotten. Dann dürfen wir nur noch mit dem Lastenrad in die Stadt zum Einkaufen. Das keiner mehr in der Innenstadt einkaufen will, wundert mich nicht. Sollen die älteren Herrschaften mit dem Skateboard in die Stadt rollen, oder was? Mit dieser Baerbock oder … hier dieser linke Juso Socke, Kühnert, spielen wir bald wieder Planwirtschaft. So sieht das doch aus“, schimpft Günter, während er den, von Herr Hoffmann gerade sortierten Zeitschriftenständer auseinander pflückt und nach seinem Schachmagazin sucht.

„Ich habe kein Auto“, erwidert Herr Hoffmann. „Ich brauche auch keins“, fügt er noch hinzu.

Günter schaut kurz vom Zeitschriftenständer hoch, verzieht das Gesicht. „Heißt? Unterstützt du den Mist auch noch?“, fragt er und Herr Hoffmann merkt, dass er eine Diskussion mit Günter heute wohl nicht vermeiden kann. Schon öfters war er kurz davor, Günter mal seine Meinung zu sagen. Einmal, als Günter wieder gegen die Identitätspolitik der Grünen – dem Gender-Wahnsinn, wie er sagte – wetterte, wollte Herr Hoffmann endlich einmal auf den Tisch hauen, sogar über ein Hausverbot dachte er kurz nach. Im letzten Moment kam ein anderer Kunde ins Büdchen, und Herr Hoffmann hielt sich zurück. Und auch heute kommt Herr Hoffmann nicht dazu, mit Günter zu diskutieren, denn gerade als er antworten will, geht wieder das Türglöckchen und ein weiterer Stammkunde, Lukas, betritt den Laden.

„Mooooiiinnn“, schreit der Student, noch in der Tür stehend, gut gelaunt. Herr Hoffmann grüßt seinen besten Kunden kurz, aber trotzdem freundlich, zurück. Auch Günter nickt dem Studenten zu -auch wenn weniger begeistert. Man kennt sich aus dem Büdchen. „Ach, dein Nazi ist auch hier“, sagt Lukas, verächtlich schaut er auf Günter. Günter nimmt sich ein Schachmagazin aus dem Zeitungsständer und geht die zwei Schritte zur Theke, ohne was zu erwidern.

„In Münster haben diese Drecksfaschos wenigstens richtig eins aufs Maul bekommen“, versucht Lukas den alten Herren, also Günter, weiter zu provozieren.

Herr Hoffmann überlegt, ob er was sagen soll. Auch wenn Lukas irgendwie Recht hat, mag Herr Hoffmann es gar nicht, wenn der Student seine Kunden beleidigt.

Doch Günter braucht keine Unterstützung. Auch wenn der alte Mann seine besten Jahre schon hinter sich hat, muss er sich nicht verstecken. Günter ist auch im hohen Alter noch ein ziemlicher Schrank von Mann. Aber Günter ist nicht nur eine ziemliche Kante, er ist leider auch bei weitem Klüger und Schlagfertiger als so mancher linksalternative Student und als die meisten rechten Gesinnungskameraden sowieso.

„So, junger Mann…“, will der „nette“ Nazi, wie in Herr Hoffmann in seiner Abwesenheit manchmal nennt, gerade ansetzen, da geht aber glücklicherweise das Türglöckchen und eine Horde Schülerinnen stürmt den Kiosk und erstickt mit ihrem Lärm jedes Gespräch „Da hast du aber Glück gehabt“, sagt Günter noch zu Lukas und verabschiedet sich. Lukas grinst. Herr Hoffmann seufzt. Er weiß, dass das noch nicht ausgestanden ist. „Und das ist auch gut so“, sagt er zu sich. Anders als Lukas glaubt Herr Hoffmann, dass man miteinander reden muss. Das einfach nur hassen, schneiden, schreien, zu wenig ist.

Herr Hoffmann hat durch die Schülerinnen ein bisschen Zeit gewonnen. Vorbereitungszeit. Beim nächsten Besuch des netten Nazis muss Herr Hoffmann das Gespräch, den Streit suchen. Ansonsten kann er sich selber nicht mehr im Spiegel ansehen, denkt er und seufzt wieder.

Wie so oft heute. Ein Seufzer-Tag. Ein Tag nach der Wahl.

Hoffmanns Büdchen (48) – Lukas einfache Welt oder die Asozialen Grippe

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. „Dienstag, der 21. September 2021, 11 Uhr. Hier sind die Nachrichten“, sagt eine Nachrichtensprecherin gerade im Radio, als die Ladentür aufgeht. Es ist Lukas, Student und Stammkunde in Hoffmanns Büdchen. „Moin, Herr Hoffmann“, sagt der angehende Geisteswissenschaftler oder baldige Studienabbrecher, so ganz ist Herr Hoffmann da noch nicht hintergekommen.

Noch bevor der Kiosk Mann zurückgrüßen kann, fängt Lukas an zu reden. „Herr Hoffmann, unser Nachbar hat Corona. Und weißt du was?“ Lukas zeigt mit dem Finger auf Herrn Hoffmann. Jetzt hat der Büdchen Betreiber die Möglichkeit die richtige Lösung zu sagen, vielleicht sogar einen Preis zu gewinnen. „1, 2 oder 3… du weißt es nicht?“, Lukas grinst, „Zu Recht, Herr Hoffmann. Zu Recht hat der Corona. Der hat schon vor Wochen ein Impfangebot bekommen. Aber wer nicht hören will, der bekommt eben die asozialen, die Assi-Grippe.“ Lukas lacht blöd. Er geht zum Kühlschrank und will sich ein Bier holen.

„Ist nicht dein ernst?“, fragt Herr Hoffmann.

„Was?“ Lukas nimmt sich eine 0,5 Flasche, guckt kurz, ob sie kalt genug ist und öffnet sie mit dem Flaschenöffner, der am Kühlschrank an einer Stück Angelschnur baumelt. „Bier um 11 Uhr? Doch das ist mein ernst. Hab heute frei?“ Lukas grinst.

„Ne, deine Sauferei ist mir egal. Ich meine deine blöden Sprüche. Assi-Grippe? Was soll das? Stell dir vor, du hättest dich jetzt angesteckt und dein Nachbar würde so ein Mist über dich erzählen. Finde ich wirklich das Letzte.“, sagt Herr Hoffmann und verzieht das Gesicht. Nicht nur Lukas Bierkonsum, der Herrn Hoffmann wirklich nichts angeht, er ist nicht Lukas Papa (zum Glück), sondern auch dieses Draufschlagen auf Andersdenkende, geht Herrn Hoffmann wirklich auf den Geist. Wobei Herr Hoffmann noch nicht mal weiß, ob dieser Nachbar wirklich anders über die Sache denkt (vielleicht hat er einen anderen vernünftigen Grund).

„Herr Hoffmann, komm schon. Echt? Solche Leute gefährden uns alle, wenn sie sich nicht impfen lassen. Hörst du keine Nachrichten? Es ist Corona.“ Immer noch hat Lukas sein blödes Grinsen im Gesicht. Herr Hoffmann schüttelt den Kopf und macht einen kurzen abfälligen Laut. „Und sobald jemand anders als der verehrte Herr Langzeitstudent denkt, ist er ein Assi“, sagt Herr Hoffmann. „Oder sie“, verbessert Lukas. „Auch bei den Assis nehme ich alle mit.“ Das Grinsen scheint dem Studenten ins Gesicht genagelt worden zu sein.

„Ganz ehrlich, Lukas, mit so einer Meinung bist du der Assi für mich“, sagt Herr Hoffmann und widmet sich einem Aktenordner auf seiner Theke. Er hat sich heute vorgenommen, endlich mal ein paar Unterlagen zu sortieren und dieses Gespräch möchte der Büdchen Betreiber wirklich nicht weiterführen.

„Was?“ Grinse-Lukas versucht noch einmal zu Herrn Hoffmann durchzudringen.

„Ich habe zu tun, Lukas. Du kannst gerne noch dein Bier austrinken. Um …“ Herr Hoffmann schaut hinter sich auf die Becks Gold Werbegeschenk Wanduhr. „Um Viertel nach elf. Aber ich muss jetzt hier weitermachen“, sagt Herr Hoffmann und beginnt seine Papiere zu sortieren.

„Ich dachte, wir wären bei dem Thema auf einer Seite“, sagt Lukas, aber Herr Hoffmann hat keine Lust mehr, darauf zu antworten.

Einen Moment hört man nur das Rascheln von Papier. Lukas trinkt noch einen Schluck, dann stellt er das angetrunkene Bier auf den Stehtisch und geht ohne ein Wort.

„Ach Lukas, das hat nichts mit irgendeiner Seite zu tun“, sagt Herr Hoffmann kurze Zeit später, alleine im Büdchen stehend. Er dreht das Radio wieder lauter. „Und jetzt das Wetter“, sagt gerade die Nachrichtensprecherin. „Es bleibt unbeständig.“

Hoffmanns Büdchen (47) – Günter, der nette Nazi

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. „Die Theke ist auch antifaschistischer Schutzwall“, denkt er gerade und hört Günter, soweit es geht, zu. Günter: Ende fünfzig, Anfang sechzig, starker Raucher, Zigarillos, nicht dumm, aber politisch sehr weit rechtsaußen.

„Herr Hoffmann, weißt du eigentlich, was ich damals gemacht habe? So beruflich in deinem Alter oder noch früher?“ Günter lacht auf. Er gehört schon zu der Gattung Mensch, die am Meisten über ihre eigenen Witze lachen können. Dann schaut aber sofort wieder ernst, sehr ernst zu Herrn Hoffmann über die Theke. „Wie ist eigentlich die männliche Form von Politesse“, überlegt Herr Hoffmann. Er kommt nicht drauf. „Ich weiß es nicht, Günter“, sagt er.

Noch einen kurzen Moment lässt Günter die selbstaufgebaute Spannung steigen. Vielleicht doch noch eine Werbepause? Nein.

„Taxifahrer“, sagt Günter.

„Es ist raus. Taxifahrer“, denkt Herr Hoffmann. „Lustig“, sagt der Büdchen Betreiber nach einer Weile. „Taxifahrer also.“ Was anderes fällt ihm auf Günter tolles Beruferaten nicht ein.

„Abgeschlossenes Politikstudium, danach Taxischein, zwanzig Jahre Nachtschicht, zwanzig Jahre Single, lieber Herr Hoffmann.“

Herr Hoffmann nickt. Taxifahrer also. Immer alleine, irgendwann an der falschen Stelle abgebogen. Heute ist Günter für das Viertel nur noch der rechte Giftzwerg.

Herr Hoffmann weiß genau, wie sich „allein sein“ anfühlt und an was für schräge Orte einen die Fantasie tragen kann.

„Ich weiß wohl, dass mich alle für einen rechten Giftzwerg halten. Hier, dein Stammkunde, dieser Student, Lukas, der hat mich doch letztens sogar bei dir im Büdchen als Nazi bezeichnet.“

Herr Hoffmann starrt auf Günter, ohne dazu etwas zu sagen. Er erinnert sich noch genau an das Gespräch, den Streit. Schön war das nicht. Herr Hoffmann fragt sich allerdings, warum Günter ihm das alles erzählt. Gefragt hat er nicht danach.

„Und weißt du was, Herr Hoffmann?“ Günter kommt einen Schritt näher zur Theke. Herr Hoffmann weiß nicht.

„Was?“, fragt der „Herr des Kiosk“, dreht sich dabei zur Wanduhr um, die hinter ihm neben dem Zigarettenregal hängt. Ein Becks Gold Vertreter hat sie ihm geschenkt. Herr Hoffmann wollte sie immer mal wieder austauschen, aber sie läuft noch. Herr Hoffmann mag keine Verschwendung. Das Werbegeschenkt jedenfalls zeigt, dass bald gegenüber an der Schule Große Pause ist. Dann stürmen die Schüler und Schülerinnen wieder in seinen Kiosk und die Zeit zum Plauschen ist vorbei.

„Zu Recht, lieber Herr Hoffmann. Zu Recht.“ Günter lehnt sich über die Theke. Herr Hoffmann muss einen Moment überlegen, was Günter meint. Er geht einen Schritt zurück und prallt leicht gegen das Zigarettenregal.

„Herr Hoffmann, wir müssen wieder lernen, die eigenen Hütte sauber zu halten. Das geht nicht, wenn hier jeder reinkommt und macht, was er will. Ich weiß, dass darf man nicht mehr sagen, aber…“

Jetzt weiß Herr Hoffmann wieder, worum es geht.

„…aber wir brauchen Strukturen, Ordnung, eine starke Hand, Persönlichkeiten, die wissen, wie man der Jugend wieder Tugenden und Ideale mitgibt. Lieber Herr Hoffmann, Friede, hörst du, Friede ist nur der Zustand zwischen zwei Kriegen“, sagt Günter, am Ende seines Vortrags angekommen. Günter schaut Herrn Hoffmann durchdringend, auch neugierig an, als ob er auf seine Sätze eine Antwort haben will. „Eine Bestätigung vielleicht noch“, denkt Herr Hoffmann.

Doch dazu kommt es glücklicherweise nicht mehr. Das Türglöckchen des Kiosk läutet und eine Scharr junger Schülerinnen und Schüler überfällt seinen Laden.

„Maske auf. Nur zwei Kunden gleichzeitig. Wenn du das Heft lesen willst, musst du es kaufen,“ schreit der Büdchen Betreiber zwischen den Heranwachsenden. Günter lächelt. Er grüßt noch einmal über die Theke und verabschiedet sich.

Ein paar Minuten später steht auch Herr Hoffmann wieder alleine in seinem Büdchen. Hätte er Günter seine Meinung sagen sollen? War es richtig, einfach die Klappe zu halten? Wohl kaum. Aber, das muss sich Herr Hofmann eingestehen, er mag Günter. Kein Freund, aber ein Stammkunde, den er gerne im Büdchen hat.

„Der nette Nazi“, lächelt Herr Hoffmann und ahnt, dass das eigentlich gar nicht möglich ist.

Hoffmanns Büdchen (46) – Pimmelgate oder „Herr Ärmel, du bist wirklich ein Pimmel“

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. In seinem Büdchen ist ein großes Tohuwabohu. Man unterhält sich über Politik und die baldigen Wahlen. Günter ist mal wieder da, Lukas natürlich und auch Herr Ärmel. Es wird, um mal eine Metapher zu verwenden, bis aufs Blut diskutiert.

„Herr Ärmel, du bist wirklich ein Pimmel“, sagt gerade Lukas und Herr Hoffmann sieht, wie bei Herrn Ärmel das Blut in den Adern zu kochen beginnt. „Lieber junger Mann,“ wehrt sich der Ruheständler, „zum Einen bin ich für Sie immer noch „Sie, Herr Ärmel“, soviel Zeit muss sein, zum Anderen finde ich es ziemlich daneben, mich Pimmel zu nennen, nur weil ich eine andere Meinung habe.“

Jetzt lacht Günter. Der Zigarillo Raucher steht an dem einzigen Tisch im Büdchen und rührt sich aggressiv Milch und Zucker in seinem Kaffee – der Kaffee schwappt über den Tassenrand. „Herr Ärmel, ich denke, er hat dich Pimmel genannt, weil du ein Pimmel bist und nicht wegen deiner politischen Meinung, “ duzt der offensichtliche Rechtsaußen-Wähler den armen Herr Ärmel. Lukas nickt heftig. „Genau. Oder haben Sie keinen Pimmel, Herr Ärmel?“, fragt Lukas rhetorisch.

Jetzt mischt sich Herr Hoffmann in das Gespräch ein. „Leute, ich möchte nicht, dass hier in meinem Kiosk irgendwer Pimmel genannt wird. Und schon gar nicht Herr Ärmel. Ich schätze Herrn Ärmel und unsere Gespräche und ich will nicht, dass meine Kunden hier beleidigt werden.“

„Kann sich der Pimmel nicht selber wehren“, sagt Günter, der ganz offensichtlich auf Krawall aus ist. „Also…“ Gerade will Herr Ärmel ansetzen und sich, wie gewünscht, wehren, da fährt ihm aber schon wieder Herr Hoffmann ins Wort.

„Günter, wenn Sie nur mit Pimmel um sich werfen können, gehen Sie besser“, sagt Herr Hoffmann so gerade noch freundlich.

„Ich kann mich auch selber wehren, Herr Hoffmann“, sagt nun Herr Ärmel wütend. Er mag es gar nicht, wenn man für ihn redet. Noch nicht einmal ein Herr Hoffmann.

„Pimmel“, sagt Günter und grinst. Lukas lacht laut auf.

Herr Hoffmann zieht für alle hörbar die Luft ein und will gerade etwas erwidern, doch Günter ist schneller. Der Starkraucher erklärt den Anwesenden die Welt, seine Günter-Welt.

„Also, Pimmel ist für mich kein Schimpfwort. Pimmel ist doch nett. Wenn der junge Mann (Günter zeigt auf Lukas) jetzt Schwanz oder Fickrakete oder Bumsstengel gesagt hätte. Gut, das wäre schon beleidigender gewesen. Aber Pimmel? Herr Hoffmann, ich bitte sie“, sagt Günter, zieht eine Augenbraue hoch und führt weiter aus. „In Hamburg wurde jetzt der Innensenator von linken Zecken Pimmel genannt. Der hat dann gleich eine Hausdurchsuchung in diesem autonomen Sumpf in Auftrag gegeben“

„Was ein Pimmel“, sagt Lukas.

„Aha“, sagt Herr Ärmel. „Ich dachte, Pimmel wäre so neutral. Aber jetzt haben sie ja selber Pimmel als Beleidigung gebraucht.

„Weil er sich pimmelig aufgeführt hat“, erklärt der Student.

„Der Innensenator wurde von linken Zecken als Pimmel bezeichnet, weil er sich gegen illegale Corona Partys gewendet hat“, weiß Günter zu berichten.

„Linke Zecken darf man also als Pimmel beschimpfen, oder was?“, fragt Herr Ärmel an Günter gewandt

„Linke Zecken darf man auch gegen die Wand stellen“, sagt Günter böse.

„So, jetzt reicht es. Sowas will ich hier nicht hören. Raus. Sofort. Alle. Hier wird niemand an irgendeine Wand gestellt. Wenn ich so ein Mist höre, kommt mir die Galle hoch“, schimpft Herr Hoffmann. „Lukas, von dir hätte ich da wirklich etwas anderes erwartet.“

Seine Kunden schauen ihn erstaunt, aber auch erschrocken an. Sie haben Herrn Hoffmann selten so sauer gesehen. „Da sehen Sie es, Günter“, was Sie angerichtet haben. Scheiß Nazi“, greift Lukas jetzt Günter an. „Ich? Wer hat denn mit Pimmel angefangen? Du oder ich“, wehrt sich der rechtskonservative Kettenraucher. „Du“, sagt Lukas und schaut grimmig zu Günter. Offensichtlich verschieben sich gerade erneut die Fronten.

Da geht das Türglöckchen. Es ist Michael – BILD Leser, Schnorrer, Alkoholiker.

„Na, ihr Pimmel. Alles klar?“, fragt er unbedarft.

Herr Hoffmann schlägt sich mit der offenen Hand an die Stirn.

„Autsch, der hat mir noch gefehlt“, sagt er halb zu sich selber, halb zu den Kunden. „Seine Kundschaft kann man sich nicht aussuchen“, sagte mal eine Kollege“. Das ist wohl Blödsinn, denkt Herr Hoffmann, aber man kann als Büdchen Besitzer wenigstens entscheiden, wann man die Kunden vor die Tür setzt.

„Nämlich jetzt“, flüstert Herr Hoffmann zu sich selber und drängt die vier Männer aus seinem Büdchen. Michael versucht noch schnell Schnaps und eine Zeitung anschreiben zu lassen. Aber sogar hierfür hat der Büdchen Betreiber gerade keine Nerven. „Heute nicht“, brüllt er den Schnorrer an.

„Ist ja gut“, sagt Michael geknickt.

„War doch nicht so gemeint“, meint auch Lukas, der jetzt auch endlich merkt, dass er zu weit gegangen ist.

„Herr Hoffmann, war doch nur Spaß“, wirft jetzt auch noch einmal Günter ein.

„Also. Herr Hoffmann. Ich auch?“, fragt Herr Ärmel naiv. Herr Hoffmann antwortet noch nicht mal mehr da drauf.

„Alles Pimmel“, flüstert er, als er sie endlich auf der Straße hat. Am Liebsten würde er abschließen und Feierabend machen. In zwei Wochen sind Wahlen, danach wird sich die Stimmung wieder beruhigen. Glaubt er. Oder es wird noch schlimmer, weiß er.