Hoffmanns Büdchen (56) – Hoffmanns Schuld

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Draußen tobt immer noch der November. Kalt, dunkel, ungemütlich. „Gut, wer jetzt ein warmes Büdchen hat“, sagt Herr Hoffmann zu sich selber. Er lächelt. Er hat ein warmes Büdchen.

Da geht sein Türglöckchen. Eine junge schwarze Frau kommt in seinen Kiosk. „Hallo, kannst Du dir vorstellen, dich für eine coole Menschenrechtsorganisation zu engagieren“, fragt sie, mit der Tür ins Büdchen fallend. Herr Hoffmann schüttelt den Kopf. Er muss nicht lange überlegen, er kann es sich nicht vorstellen. Herr Hoffmann steht von zehn bis zehn im Büdchen und hat trotzdem gerade genug für Pacht und Taschengeld. Nein, Herr Hoffmann kann sich nur schwer Engagement vorstellen. Freundlich aber bestimmt macht er der Studentin seine Situation klar.

Als Herr Hoffmann wieder alleine im Büdchen steht, beginnen jedoch die Schuldgefühle. Nicht wegen seinem fehlenden Engagement, das ist in seiner Situation wahrlich schwierig -laut Statistik zählt Herr Hoffmann zu den Ärmsten, aber es braucht eben nicht viel, wenn man den ganzen Tag hinter einer Theke steht. Nein, Schuldgefühle hat er wegen der „jungen schwarzen Frau“. Unbewusst hat er sie gleich wieder in eine Schublade gepackt. Aha, eine schwarze Studentin, die für eine Menschenrechtsorganisation sammelt. Sicher bekommt die mehr Spenden als eine weisse Studentin, das hat er gedacht. Er hat Schuldgefühle, weil er schwarz denkt und nicht einfach nicht denkt. Ja, das ist es wohl. Er schaut raus in den November. Kalt, dunkel, ungemütlich. Kann er nicht einfach gar nicht über die Hautfarbe nachdenken? Und wenn er über die Hautfarbe nachdenkt, macht er nicht alles nur noch schlimmer, weil er daraus erst ein Thema macht? „Man sollte einfach das Maul halten“, sagt Herr Hoffmann zu sich selber. „Warum hältst du nicht einfach die Fresse?“ Herr Hoffmann holt tief Luft. „Oder noch besser: Warum hörst du nicht einfach auf zu denken? Du bist schuldig“, sagt Herr Hoffmann jetzt lauter. „Schuldig, schuldig, schuldig“, schreit er.

Verlegen schaut er raus. Glücklicherweise hat niemand sein Gebrülle mitbekommen. „Oder?“

In der Soziologie spricht man von strukturellen Rassismus, wenn der Rassismus so tief im Alltag steckt, dass man ihm schon bewusst begegnen muss, um ihm zu entgehen. Und dann machst du es wieder zum Thema und fühlst dich schuldig, weil du wieder drüber nachdenkst. Ich bin schuldig.

Ich bin schuldig, weil ich hellhäutig bin und sogenannte Weisse, also andere Hellhäutige andere Dunkelhäutigere Jahrhunderte unterdrückt und ermordet haben. Und Rothaarige, Dicknaserige und Gelbhäutigere. Ich bin schuldig.. Ich bin schuldig, weil ich ein Mann bin und Männer jahrhundertelang Frauen unterdrückt und als ihr Eigentum behandelt haben. Ich bin schuldig, weil ich Deutscher bin und weil unter diesen Deutschen andere Religionen, Kulturen oder auch nur Kegelschwestern unterdrückt und ermordet wurden. Ich bin Schuldig, schuldig.“, jammert Herr Hoffmann theatralisch. „Und Messdiener war ich auch. Ich bin schuldig. Ohhohoho…“

„Alles gut, Herr Hoffmann?“, hört der Kiosk Verkäufer auf einmal eine besorgte Stimme vor sich.

Herr Hoffmann schreckt hoch. „Ich bin…“ Er hat das Türglöckchen nicht gehört. Er hat Herrn Ärmel (ein Stammkunde der ersten Stunde) nicht gehört. „Ach Mist, ich..also..“, stottert der Büdchen Pächter. Indes hebt Herr Ärmel seine Hand, bedeutet Herrn Hoffmann, dass er nichts sagen muss.

„Am Ende sind wir alle schuldig“, erklärt er feierlich, gibt seinen Lottoschein ab und fragt wie jede Woche, was der Büdchen Betreiber mit seinem Millionen Gewinn machen würde.

„Vielleicht einer Menschenrechtsorganisation spenden?“, überlegt Herr Hoffmann.

„Löblich, löblich“, lächelt Herr Ärmel.

„Schuldig, schuldig“, sagt Herr Hoffmann, schon nicht mehr ganz so ernst.

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