Kategorie: Allgemein

  • Tag 7 – Skulptur Projekte. Über das Oho, als mich die Muse am Po knutschte

    Oho, oho. Es sind Skulptur Projekte. Der siebte Tag. Ich sitze in meinem Garten, trinke einen guten Tropfen Rotwein, oho, oho, einen Nord- Spanier, positiv im Abgang, fruchtig und erdig, mit feinem Bukett, lese die ART. Wie man eben in seinem Garten sitz die ART liest und einen guten fruchtig – erdigen Tropfen mit positiven Abgang trinkt. Oho. Oho.

    Die ART, die ich „ach“ viel zu selten lese, gibt Insidertipps über die Londoner Kunstszene, die ein spektakuläres Comeback (Stichwort: F:U:C:K:) oho, oho, feiert. Die spektakulärsten Kunstorte, die man besuchen sollte, wenn man sich für die englische Künstlerszene begeistert. „ Ja, ja“, denke ich lustiger ARTgenosse und, abgesehen davon, dass ich noch nie in London war, bin ich hin und weg und flöte ein „Oho“, so dass auch mein geschätzter Nachbar hinterm Gartenzaun mich, den Gelegenheitsboheme, Hipster und Somelier mitbekommt. Oho. Oho.

    Es sind tolle Kunsttage. Hundert Tage, in dessen Fahrtwasser auch mich die Muse am Po knutscht. Statt Zombiefilm und Blockbuster gerne eine japanisch – finnische Videoinstallation mit politischer Botschaft, statt Poetry Slam lieber ein linguistisches Dada Experiment, was die Grenzen zwischen Signifikant und Signifikat verschwimmen lässt. Oho, oho.

    Hundert Tage Skulptur Projekte und eine ganze Stadt wird Berlin. Exaltierte, kreative existentialistische Misanthropen. „Oho, oho.“

    DEFINITIONEN – STICHWORT F:U:C:K:

    Hipster ist ein im frühen 21. Jahrhundert in den Medien verbreiteter, zumeist etwas spöttisch gebrauchter Name für ein Milieu, dessen Angehörige ihrem Szenebewusstsein – bei Gleichgültigkeit dem Mainstream gegenüber – extravagant Ausdruck verleihen.

    Sommelier berät in einem Haus der gehobenen Gastronomie die Gäste bei der Auswahl der zu den einzelnen Speisen bzw. Gängen passenden Weine.

    Der Begriff Bohème oder Boheme bezeichnet eine Subkultur von intellektuellen Randgruppen mit vorwiegend schriftstellerischer, bildkünstlerischer und musikalischer Aktivität oder Ambition und mit betont un- oder gegenbürgerlichen Einstellungen und Verhaltensweisen. Oho. Oho.

  • Tag 6 – Skulptur Projekte. Über Zahnärzte und Kunsttouristen

    Beige Dreiviertelhose, Blumenshirt und Moossandale. Englische Kunstgucker auf der Suche.

    Es sind wieder Skulptur Projekte. Bis zum ersten Oktober strömen Kunsttouristen nach Münster, um Kunst zu gucken. Neben seinem Skulptur Projekte Logo Jutebeutel ist der Kunsttourist am Leihfahrrad zu erkennen, auf dem er ängstlich durch den Stadtraum wackelt. Unheimlich ist ihm diesen Art der Fortbewegung, die hier in der Provinz so typisch scheint.

    Nach hundert Tagen ist der Spuk wieder vorbei, die Ausstellung zu Ende. Doch auch nach dem ersten Oktober muss der Kunstgucker nicht zehn Jahre warten, um in Münster Kunst zu finden.

    In den letzten Jahren hat die Stadt eine Menge Arbeiten angekauft. Das gehört sich so, sagt die Stadt. Doch ähnlich dem hippen Zahnarzt, der die Malerei für das Praxiswartezimmer eher nach der Haarfarbe der Zahnarzthelferin auswählt oder schaut, ob das Bild mit dem Farbton seiner Eames Stühle korrespondiert, wählt die Stadt Kunst nach dem Gesichtspunkt aus, dass sie dem Bürger gut zu Gesicht steht und bloß nicht weh tut. Eine grüne Hecke von Rosemarie Trockel, ein paar Betonkugeln von Oldenburg oder ein nettes Holztor von Daniel Buren. Es darf eben nicht weh tun.

  • Tag 5 – Skulptur Projekte. Über das Stümperhafte in der Kunst

    Hito Steyerl zeigt Videokunst in der LBS

    In der LBS am alten Zoo zeigt eine deutsch-japanische Medienkünstlerin (Hito Steyerl) eine Videoinstallation. Es geht um Roboter, Kriege, menschenfeindliche Umgebungen. Die Installation heißt „HellYeahWeFuckDie“, weil das die häufigsten Wörter in englischsprachigen Pop Songs sind. Ein Kunstmagazin hat die Künstlerin gerade zu einer der zehn bedeutendsten Künstler der Gegenwart gewählt, was einem die Arbeit ganz anders sehen lässt. Ach, wenn das so ist…, denke ich, aber ich schweife ab. Die Frau sagt, dass die Animationen stümperhaft aussehen. Ich sage, dass das sicher gewollt ist. Warum das gewollt ist, weiß ich aber auch nicht.

    Grobes & Klotziges gibt es von Justin Matherly

    An der Promenade steht eine Installation des Bildhauers Justin Matherly. Sie heißt Nietzsches Felsen, weil sie Bezug auf Nietzsche nimmt und von Weitem aussieht wie ein Felsen. Von Nahen sieht der Felsen aber auch stümperhaft aus. Und Nietzsche sehe ich in ihm auch nicht. Das Art Magazin schrieb einmal eine Lobbuddelei über den Bildhauer (wunderbar grob und klotzig, sagten sie). Auch hier scheint das Stümperhafte gewollt. Das Stümperhafte zieht sich also gewollt durch die Ausstellung“, sagt die Frau und reibt sich am Ohr, was ein Zeichen tiefen Nachdenkens darstellt. „Ja, die Kunst“, sage ich. „Die Eulen sind nicht das, was sie scheinen“, sagt die Frau, die mal wieder das letzte Wort haben will.

  • Tag 4 – Skulptur Projekte. Über ein Augenzwinkern und wieder den Steg

    Hundert Tage Skulptur Projekte. Hundert Tage Tagebuch. Eindrücke. Die Lokalzeit Münsterland berichtet ausführlich über die tollen Kunsttage. Ist das Kunst oder kann das weg, sagt der Fersehmoderator am Anfang des Beitrags mit einem Augenzwinkern. Dann wird über den Steg von Ayşe Erkmen berichtet. Eine Hundefrauchen ist jetzt schon traurig, wenn der Steg weg ist, Ihr Jazz, ein Dackel mit Mischling,  läuft jeden Morgen über den Steg und findet es richtig gut. Ein Kunstkenner, sagt das Hundefrauchen mit einem Augenzwinkern. Sie selber fällt lieber kein Urteil. Das überlassen wir mal den Profis, lacht der Fersehmoderator mit einem Augenzwinkern. Ja, das ist schon traurig, denke ich ganz ohne Augenzwinkern.

  • Tag 3 – Skulptur Projekte. Über Zahlenspiele und Wartezeiten

    Nicole Eisenman, Sketch for a Fountain

    600 000 Gäste werden zu den Skultur Projekten erwartet. Gregor Schneiders Installation “N. Schmidt” darf immer nur von einer Person betreten werden. Die Öffnungszeiten sind von 10 Uhr bis 20 Uhr. Die Ausstellung endet am 1. Oktober 2017. Durchschnittlich hat jeder Kunstbetrachter weniger als eine Sekunde für seine Installation. Das reicht. Wir warten.

    Wir warten. Gut lässt sich am Brunnen von Nicole Eisman warten oder heißt sie Eisenman? Sie hat an der Promenade einen Brunnen bauen lassen. Fünf Figuren hängen darum herum, zwei aus Bronze, drei aus Gips. Die Frau sagt: “Die Gipsfiguren lösen sich mit der Zeit durch das Wetter auf.” Auch sonst hängen viele Figuren um den Brunnen herum. Kinder baden. Mütter wickeln. Väter fotografieren. Japaner fotografieren. Mütter lesen Kunstkataloge. Väter rauchen. Man wartet, hängt ab. Die Frau sagt: “Das gefällt mir bisher am Besten.” Ich nicke. “Brunnen finde ich auch super”, sage ich und hänge mit ihr noch ein wenig ab.

  • Was ist ein Poetry Slam – Teil Drei

    „Und kann man davon leben?“ Diese existenzielle Frage verfolgt mich nun mein Leben lang. Früher, als ich ein Studium noch mit dem Taxi finanzierte, fragten mich die Fahrgäste, ob man vom Taxifahren leben kann. Heute, wo ich mit meinen Slam Texten auf Bühnen stehe, fragt das Publikum, ob man vom Geschichtchen schreiben leben kann.

    Auf Poetry Slams, diesen Fast Food Literaturbühnen, bekommt man Fahrkosten erstattet, eine Unterkunft gestellt und ein paar belegte Brötchen geschmiert. Früher gab es Bier statt belegte Brötchen, aber heute nehmen sich die Slam Poeten sehr wichtig, so dass nicht mehr vor und während der Veranstaltung getrunken wird und man sich mit einem Smoothie und vielleicht noch einem Avocado Brötchen zufrieden gibt. Honorare gibt es eigentlich auf Slams nicht, aber bei der Fahrkostenerstattung kann man tricksen.

    So gibt es Halunken, die es schaffen, umsonst durch Deutschland zu reisen, ohne einen Cent für eine Fahrkarten auszugeben. Diese Sparfüchse schließen sich während der Zugfahrt auf dem Klo ein und hoffen, nicht erwischt zu werden. Schwarzfahren nennt man diese Ninja Technik umgangssprachlich. Beförderungserschleichung ist der juristische Fachausdruck. Wie alle Ninja Techniken ist auch das Schwarzfahren eine hohe Kunst. Sie kommt aus Japan und es die Kunst der Unsichtbarkeit.

    Hier ein paar Kniffe für den schwarzfahrenden Slam Poet. Es ist schwierig, in den Regionalbahnen schwarz zu fahren. Erstens wird in der Regionalbahn, also im Nahverkehr, schärfer kontrolliert. Zweitens ist der Schaffner im Nahverkehr oft kein geselliger Bursche, mit dem sich reden lässt. Horden betrunkener Fußballfans und ausgelassene Kegeldamen haben den Nahverkehrs-Schaffner zu einem Misanthropen werden lassen. Ein erbärmlicher Stundenlohn tut sein übrigens. Drittens sind die Zugklos oft kaputt, verschlossen oder in einem fäkalem Endstadium, so dass man kaum eine Möglichkeit hat, sich dort vor dem Schaffner zu verstecken.

    In ICs oder ICEs ist es schon leichter, ohne Fahrkarten ans Ziel zu kommen. Hier wird nicht regelmäßig kontrolliert, die Zugklos sind bequem und bieten auch auf langen Strecken Gemütlichkeit. Sie sind wahre „Stille Örtchen“.

    Der wichtigste Grund, warum der Fernverkehr dem Schwarzfahrer die Hand reicht, ist aber, dass man nachlösen kann. Wenn man also tatsächlich erwischt wird, hat man noch die Möglichkeit, zu sagen, dass keine Zeit mehr bestand, eine Karte am Bahnhof zu ziehen. Neben einer kleinen Bearbeitungsgebühr ist das nachgelöste Ticket noch nicht mal vieler teurer.

    So mancher Slam Poet verdient sich also sein Lebensunterhalt mit der Schwarzfahrerei, einem Leben auf Zugklos und im ständigen Versteckspiel mit dem Schaffner.

    Eine weitere Möglichkeit, sich seinen Lebensunterhalt durch Slams zu verdienen, besteht im Verkauf von Büchern, Jutebeuteln, Stickern oder kleinen Heften, die der Slam Poet für die „Bühne der lyrischen Lust“ kreativ angelegt hat.

    Für zehn Euro verkauft so mancher Slam Poet Jutebeutel, auf denen zum Beispiel ein Mikrofon abgebildet ist, gerne noch mit einer kleinen Unterzeile, welche die Liebe zur Slam Poesie, unterstreicht. „The points are not the point; the point is poetry.“ Aha!

    Schwarzfahren und Jutebeutel verkaufen. Zwei Wege als Bühnenliterat zu überleben, über die Runden zu kommen.

    Daneben bieten sich noch Möglichkeiten wie Flaschensammeln, ein Griff in die Abendkasse des Veranstalters oder Nachts den Kollegen die erhaltenen Fahrkosten aus der Brieftasche klauen. Das sind aber Wege der Lebensunterhaltung, die auch Nicht – Slammern zu Verfügung stehen, die also nicht primär der schreibenden Zunft vorbehalten sind (und auch nicht aus Japan kommen).

    Man sieht also, man kann von der Bühnenliteratur leben. Und ansonsten: Mutti fragen.

  • Kind im Kopf und Sand im Schuh

    Lieber Rabauke oder lass mich dich Hodentroll schimpfen, heute mal etwas Privates im ganzen Öffentlichen. Ich bin fünfundvierzig Jahre alt und Vater. Seit zwei Jahren wohne ich in einem Reihenhaus, man sagt, es ist sehr klein. Ich habe einen Ehevertrag, man sagt, ich unterschrieb ihn aus romantischen Gründen, und ich bin Vater geworden, man sagt, weil ich es noch konnte.

    Nun… es ist eine Tochter und als Zeichen meiner Liebe zu ihr habe ich zwei Apfelbäume gepflanzt. Mit ein bisschen Glück werde ich in ein paar Jahrzehnten eine Hängematte zwischen ihnen spannen. Vielleicht wird aber auch meine Tochter zwischen den Bäumchen eine Hängematte spannen oder ihre Tochter. Keine Ahnung wie schnell die Dinger wachsen. Irgendwann wird man eine Hängematte zwischen ihnen spannen.
    Jedenfalls bin ich jetzt erwachsen: Ich habe ein Reihenhaus, eine Ehe, eine Tochter und zwei Apfelbäume.
    “Andreas! Junge! Mein Leben habe ich für dich geopfert. Seit du da bist, habe ich alles nur dafür getan, dass es dir einmal besser geht”, hat mal meine Mutter zu mir gesagt. Da steht man schon ein wenig unter Druck, weil man gar nicht will, dass die Mutter alles für einen opfert. Ein bisschen opfern ist in Ordnung. Aber bitte nicht alles, nicht das ganze Leben.
    Viele meiner Freunde sind kinderlos, manche von ihnen auch noch arbeitslos, und manche sogar beziehungslos. Diese sehr verpflichtungslosen Menschen glauben, dass – wenn man ein Reihenhaus, eine Ehe, eine Tochter und ein Apfelbaum hat – sich das Leben in einem Korsett befindet, in dem es kaum Platz zum Atmen gibt. Sie glauben, dass man nur noch wenig schläft, nicht mehr feiert, nur noch Kinder im Kopf hat und Spielplatz-Sand in den Schuhen. Sie glauben, dass meine Mutter Recht hatte und man sein Leben der Ehe, dem Reihenhaus, dem Kind und dem Apfelbaum geopfert hat und dort wenig Platz für anderes ist. Nun… das ist richtig.
    Nein, das ist nicht richtig. Sie haben vielleicht zu oft von ihren Müttern gehört, dass sie für das Kind alles geopfert haben. Ich habe sicherlich nicht alles für das Kind geopfert. Ich bin fünfundvierzig, da geht man sowieso nicht mehr so oft feiern. Ich habe mich bewusst für Kind, Ehe, Reihenhaus und Apfelbäume entschieden und das war eine gute Entscheidung. Natürlich würde ich manchmal gerne länger schlafen und ja, es gibt Momente, an denen ich daran zurückdenke, wie es war, kein Apfelbaum, Reihenhaus, Kind und Ehe zu haben. Aber nach einer harten durchzechten Nacht denke ich auch manchmal, dass ich mir das letzte Bier hätte sparen können. Trotzdem war es eine schöne harte durchzechte Nacht.
    Meine Mutter sagt immer: “Junge, ich habe immer nur dafür gearbeitet, damit es dir einmal besser geht.”
    Ich sage ihr darauf: “Mutter, selber schuld. Ich arbeite, damit es mir besser geht und ich habe eine Tochter, eine Reihenhaus, ein Apfelbaum und eine Ehe, weil es mir auch mit ihnen besser geht.”
    So, es ist jetzt halb acht. Das Kind schläft und ich mache mir ein Bier auf, vielleicht auch zwei oder drei, weil es mir damit besser geht.

  • Über illuminierte Elephanten, Sünden in Beton, Eventpark Zoo

    Münsters Allwetterzoo ist zu zweifelhaften Ruhm gekommen. Er findet Erwähnung in Richard David Prechts Buch „Tiere denken“. Der Allwetterzoo wird als Zementsünde beschrieben, in der Tiere zwischen grauen Beton und Käfigstangen zur Begaffung freigegeben werden.

    Vor den Hängebauchschweinen ist der Currywurst Stand, im Bistro gibt es Schnitzel Wiener Art und das Steak XXL. Tiere denken beschreibt unser Verhältnis zum Tier und guckt, wann wir angefangen haben, uns nicht mehr als Teil des Tierreichs zu sehen, wann wir Krone der Schöpfung wurden und uns die Natur Untertan machten. Das Tier ist Ressource, Sache, Eigentum und trotz einem langsamen Umdenken in kleinen Teilen der Bevölkerung sind wir noch weit davon entfernt, Tieren Würde oder sogar Rechte zu geben.

    In der Betonwüste des Allwetterzoos offenbart sich Verhältnis zum Tier. Überall werden Zoos zu Eventparks umgebaut. Neben der Tierschau sollen Konzerte, Open Air Kino und Artistennächte die Zoos mit Publikum füllen. Da passt es gut, dass der Allwetterzoo in diesem Sommer Chinesische Lichter erleuchten lässt. Der Zoo wird illuminiert, man verspricht viele Überraschungen. Da ist der Elefant nur noch Projektionsfläche für Visuell Artists.

  • Was ist ein Poetry Slam – Der zweite Teil (2/199)

    Guten Tag, ich bin seit dreizehn Jahren Poetry Slammer. Ein Poetry Slammer oder Slam Poet liest für Schnaps, Bier und Büchergutscheine Texte auf Bühnen vor. Poetry Slammer zu werden ist nicht schwer, kann jeder werden, der sich dazu berufen fühlt. Man muss sich nur mit einem Text auf eine Bühne stellen und ihn, den Text vortragen (oder performen wie man in der Szene sagt). Mit ein bißchen Glück kann man dann einen Büchergutschein gewinnen oder sogar eine Flasche Schnaps. Das Bier ist meistens für alle kostenlos, weswegen an einem Slam auch viele Hobbyautoren teilnehmen, die gar nicht schreiben können, aber gerne Bier trinken.

    Einen Rat möchte ich aber zukünftigen Poetry Slammern mitgeben. Der Text auf dem Zettel, der sogenannte Bühnentext sollte selbstgeschrieben sein. Er muss aber nicht selbstgeschrieben sein. Wenn der Text nicht aus der eigenen Feder stammt, sollte niemand im Publikum den wahren Autor kennen. Wenn herauskommt, dass der Text fremdgeschrieben ist, wird man vom Poetry Slam ausgeschlossen und darf nie wieder in seinem Leben an einem Poetry Slam teilnehmen. Da ist die Szene rigoros. Auf einem jährlich stattfinden Slam Master Meeting werden solche Fälle besprochen, schwarze Schafe ermittelt und neue Regeln aufgestellt.

    Das Slam Master Metting ist sowas wie die UNO Vollversammlung. Hier haben alle eine Stimme, aber manche haben eine lautere Stimme und mehr zu sagen. Ansonsten sind aber alle Slammer ganz locker in der Poetry Slam Szene. Selber nennt man sich auch Slammily, was zum Ausdruck bringen soll, wie lieb sich alle haben. Slammily ist ein Kunstwort und bildet sich aus den beiden englischen Wörtern „slam“ und „family“.

    Meistens werden Poetry Slammer nicht zu einem Poetry Slams eingeladen, sondern sie laden sich selber ein. Manche Slam Poeten fahren hunderte von Kilometern, um einem Dichterwettstreit teilzunehmen, auf dem sie sich selber eingeladen haben. Das hört sich genauso an, wie es ist.

    In ihren Blogs und auf ihren Facebookseiten schreiben diese Lustknaben der Literatur dann, dass sie heute einen Auftritt in einem Autonomen Jugendzentrum am Kartenrand von Google Maps haben und sich riesig auf den Slam freuen. Noch mehr freuen sie sich, wenn ihre Fans auch alle vorbeischauen und ihnen eine Menge Punkte auf diesem Hüpfburg Abend der Literatur geben.

    Oft gefällt das zwei Leuten. Meistens haben sie aber leider an diesem Abend keine Zeit.

    Eine Frage, die immer wieder gestellt wird, ist, ob auf einem Poetry Slam oder Dichterwettstreit Literatur feilgeboten wird. Ich möchte hier auf den Kurs für musikalische Früherziehung eingehen, den meine einjährige Tochter momentan besucht. In den Wörtern „Kurs für musikalische Früherziehung“ versteckt sich auch das Wort Musik. Weiter möchte ich gar nicht auf die Frage nach der Literatur aufs Slam eingehen.

    In meinem letzten Blog Eintrag habe ich versprochen, mich mit Frage auseinandersetzen, ob man von Slams leben kann. Ich möchte diese Frage aber nach hinten stellen und es heute mal gut sein lassen. Als Hausaufgabe gebe ich allen die Schreibaufgabe mit, eine Kurzgeschichte über den schönsten Tag in eurem Leben zu schreiben. Gerne dürft ihr diese Geschichte auf einem Slam vorlesen. Ihr seid dann Poetry Slammer und vielleicht schon bald im Besitz eines Büchergutscheins oder einer Flasche Schnaps. Das ist doch klasse. In diesem Sinne: Lasst uns träumen und carpe diem.

  • Was ist ein Poetry Slam? Teil 1

    Ich bin Poetry Slammer. Auf jeden Fall sagen das die Leute, dass ich Poetry Slammer bin. Seit knapp dreizehn Jahren stehe ich auf Slam Bühnen, lese Kurzgeschichten und kriege dafür Schnaps, Büchergutscheine und manchmal einen Pokal. Meistens bekomme ich aber gar nichts, manchmal vielleicht ein paar Euro Fahrkostenerstattung und eine Luftmatratze zum Schlafen.

    Ein Poetry Slammer ist vor allem ein Hobbyautor, der vorgibt ein richtiger Autor zu sein, weil er vor vielen Leuten selbstgeschriebene Texte vorträgt. Ein Poetry Slammer oder Slam Poet hat einen seltsamen Blick auf die Welt. So glaubt er oder sie gerne, dass die hundert Leute, denen er oder sie seinen Text vorträgt, wegen ihm oder ihr gekommen sind. Ein Poetry Slammer sagt zum Beispiel gerne, dass er gestern vor fünfhundert Leuten gelesen hat und alle hart begeistert waren. Er erwähnt dabei nicht, dass sich niemand eine Spur für ihn interessiert. Das Publikum kommt zum Poetry Slam, weil sie einen Poetry Slam besuchen möchten und nicht, weil sie den einen Autor sehen wollen. Diese Sicht der Dinge macht einen Slam Poeten zu einem sehr kreativen, aber auch schizophrenen Menschen.

    Poetry Slams sind offene Bühnen, wo man Schnaps, Büchergutscheine und manchmal einen Pokal gewinnen kann. Auf Poetry Slams lesen und performen anerkennungssüchtige Menschen selbstgeschriebene Texte, die vom Publikum bewertet werden. Das Publikum ist also die kritische Jury oder Masse. Der Slam Poet hat ein sehr ambivalentes Verhältnis zum Publikum. Geben sie ihm Punkte, bestenfalls so viele Punkte, dass er Schnaps, einen Büchergutschein oder einen Pokal bekommt, findet er das Publikum heute richtig knorke, ansonsten findet er aber das Publikum dumm und müde.

    Das müde und dumme Publikum bekommt Stimmtafeln, Stimmzettel, mit denen sie die Hobbydichter bewerten können. Sie sind also Teil der Show und können sich nicht einfach die ganze Zeit betrinken und in den Ausschnitt ihrer Sitznachbarin starren. Hier liegt einer der Gründe, warum der Poetry Slam als eine kluge Veranstaltung gesehen wird. Das ist auch schon der ganze Spaß an einem Poetry Slam, einem Dichterwettstreit.

    Kritiker sagen, dass auf Poetry Slams kurze Texte gelesen werden, die auf die verkümmerte Aufnahmefähigkeit der Generation „Instagram“ eingehen. Meistens gewinnt der junge Spaßmacher oder der Hobbyautor, der am häufigsten die Wörter Ficken, Sperma oder Donald Trump in seinen Text verwendet hat. Das ist richtig.

    Ich erzähle in meinen erfolgreichsten Texten zum Beispiel gerne über meinen Penis. Penistexte kommen immer gut an. Das weiß ich. Ich habe eine Menge Pokale und Schnapsflaschen, die auf einen Penistext zurückzuführen sind.

    Außerdem läuft es recht gut auf einem Dichterwettstreit für Slam – Randgruppen, also Personen, die eine Ausnahme auf Slams darstellen. Slam Randgruppen sind zum Beispiel sehr junge Hobbyautoren, Frauen, Behinderte und junge behinderte Hobbyautorinnen oder sehr alte behinderte Hobbyautoren (aber weniger). Männer Mitte Zwanzig mit Bart müssen dagegen durch ihren Text und den Vortrag punkten, heißt sie müssen öfters über ihren Penis oder ihr nächtliches Geschlechtsverkehrverhalten in der Großstadt berichten. Das ist natürlich schwieriger.

    Worauf will ich hinaus? Eine gute Frage. Hierauf werde ich in meinem nächsten Text eingehen, der sich mit dem der wundervollen Frage beschäftigt, ob man vom Slam leben kann.