Kind im Kopf und Sand im Schuh

Lieber Rabauke oder lass mich dich Hodentroll schimpfen, heute mal etwas Privates im ganzen Öffentlichen. Ich bin fünfundvierzig Jahre alt und Vater. Seit zwei Jahren wohne ich in einem Reihenhaus, man sagt, es ist sehr klein. Ich habe einen Ehevertrag, man sagt, ich unterschrieb ihn aus romantischen Gründen, und ich bin Vater geworden, man sagt, weil ich es noch konnte.

Nun… es ist eine Tochter und als Zeichen meiner Liebe zu ihr habe ich zwei Apfelbäume gepflanzt. Mit ein bisschen Glück werde ich in ein paar Jahrzehnten eine Hängematte zwischen ihnen spannen. Vielleicht wird aber auch meine Tochter zwischen den Bäumchen eine Hängematte spannen oder ihre Tochter. Keine Ahnung wie schnell die Dinger wachsen. Irgendwann wird man eine Hängematte zwischen ihnen spannen.
Jedenfalls bin ich jetzt erwachsen: Ich habe ein Reihenhaus, eine Ehe, eine Tochter und zwei Apfelbäume.
„Andreas! Junge! Mein Leben habe ich für dich geopfert. Seit du da bist, habe ich alles nur dafür getan, dass es dir einmal besser geht“, hat mal meine Mutter zu mir gesagt. Da steht man schon ein wenig unter Druck, weil man gar nicht will, dass die Mutter alles für einen opfert. Ein bisschen opfern ist in Ordnung. Aber bitte nicht alles, nicht das ganze Leben.
Viele meiner Freunde sind kinderlos, manche von ihnen auch noch arbeitslos, und manche sogar beziehungslos. Diese sehr verpflichtungslosen Menschen glauben, dass – wenn man ein Reihenhaus, eine Ehe, eine Tochter und ein Apfelbaum hat – sich das Leben in einem Korsett befindet, in dem es kaum Platz zum Atmen gibt. Sie glauben, dass man nur noch wenig schläft, nicht mehr feiert, nur noch Kinder im Kopf hat und Spielplatz-Sand in den Schuhen. Sie glauben, dass meine Mutter Recht hatte und man sein Leben der Ehe, dem Reihenhaus, dem Kind und dem Apfelbaum geopfert hat und dort wenig Platz für anderes ist. Nun… das ist richtig.
Nein, das ist nicht richtig. Sie haben vielleicht zu oft von ihren Müttern gehört, dass sie für das Kind alles geopfert haben. Ich habe sicherlich nicht alles für das Kind geopfert. Ich bin fünfundvierzig, da geht man sowieso nicht mehr so oft feiern. Ich habe mich bewusst für Kind, Ehe, Reihenhaus und Apfelbäume entschieden und das war eine gute Entscheidung. Natürlich würde ich manchmal gerne länger schlafen und ja, es gibt Momente, an denen ich daran zurückdenke, wie es war, kein Apfelbaum, Reihenhaus, Kind und Ehe zu haben. Aber nach einer harten durchzechten Nacht denke ich auch manchmal, dass ich mir das letzte Bier hätte sparen können. Trotzdem war es eine schöne harte durchzechte Nacht.
Meine Mutter sagt immer: „Junge, ich habe immer nur dafür gearbeitet, damit es dir einmal besser geht.“
Ich sage ihr darauf: „Mutter, selber schuld. Ich arbeite, damit es mir besser geht und ich habe eine Tochter, eine Reihenhaus, ein Apfelbaum und eine Ehe, weil es mir auch mit ihnen besser geht.“
So, es ist jetzt halb acht. Das Kind schläft und ich mache mir ein Bier auf, vielleicht auch zwei oder drei, weil es mir damit besser geht.

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