Über einen Kunstraub, kleine Aufreger und Benz, Bonin, Burr.

Benz, Bonin, Burr (2017)
Vorne: Benz, Bonin, Burr. Die Arbeit von Bonin und Burr ist mit das Beste auf unseren Skultur Projekten. Hinten: Moore; Museum, Menschen

„Unsere Henry“, sagen die Münsteraner zum englischen Bildhauer Moore, weil er mit Vornamen Henry heißt und letztes Jahr eine große Ausstellung im Landesmuseum war, wo seine Skulpturen gezeigt wurden. Und die Münsteraner haben gestaunt über soviel Bildhauerei. Denn das konnte unsere Henry: Große Skulpturen. Und wenn etwas so groß und schwer ist, muss es auch gut sein, denkt der Münsteraner und streichelt seinen Moore. „Über einen Kunstraub, kleine Aufreger und Benz, Bonin, Burr.“ weiterlesen

Tag 19 Skulptur Projekte – Über die Kaaba, Kunst und einen schwarzen Kubus

Bei meinem dritten Anlauf habe ich es endlich geschafft. Ich stehe in der ehemaligen Eishalle und existiere in der künstlichen Welt von Pierre Huyghe. Dabei ist auch heute die Situation wieder angespannt: Die Warteschlange vor dem Eingang lang, das Wetter stürmisch, die Aufsicht ein harter Hund, der trotz strömenden Regens niemanden Unterschlupf im Eingangsbereich gewährt. „Der Eingang muss frei bleiben. Bitte nicht die Kunst betreten. You destroy the art. You destroy the art“, schreit die Aufsicht und lässt auch die ältere, fußkranke Dame im Regen stehen, die ihn anfleht, sich unter das Regendach stellen zu dürfen. „Nein heißt nein“, seine Antwort auf ihr Flehen. Wie gesagt: Ein harter Hund. Ich denke, Student der sozialen Arbeit oder Primarstufe. Ein Sadist in Stoppersocken. „Tag 19 Skulptur Projekte – Über die Kaaba, Kunst und einen schwarzen Kubus“ weiterlesen

Skulptur Projekte. Über die Kunst, die etwas in einem bewegt und beliebte Stellen

Schlossparkbaumstamm und …

Im Schlosspark liegt ein alter knorriger Baumstamm auf der großen Wiese. Ein Hinweisschild erklärt, dass sich in dem alten Stamm viele Lebewesen ein zu Hause gesucht haben. Schön, denke ich und freue mich, dass man in Münster doch noch hier und da Wohnraum finden kann.

Gerade war ich noch in der Innenstadt am Erbdrostenhof und habe mir die Bronzearbeit von Nairy Baghramian angeschaut. Sie heißt „Beliebte Stellen“, weil der Erbdrostenhof bei den letzten Skulptur Projekten eine beliebte Stelle der Künstler war. „Skulptur Projekte. Über die Kunst, die etwas in einem bewegt und beliebte Stellen“ weiterlesen

Skulptur Projekte: Über Scream, Friedhöfe und den echten Grusel

Gruselstimmung hinterm Schloss. Zitate aus der Popkultur.

Die Masken von Hervé Youmbi hängen in den Bäumen auf einem alten Friedhof hinterm Schloss. Auf den ersten Blick erinnern sie, die Masken, an den Film Scream. In dem Klassiker „Scream“ trägt der Serienkiller auch eine Maske. Der Film war ein großer kommerzieller Erfolg, da man sich sehr gruselte, wenn man den Film sah. Ich konnte damals nicht gut schlafen, nachdem ich den Film gesehen hatte. Nach dem Erfolg gab es noch einen zweiten, dritten und vierten Teil von Scream. Sie waren auch noch erfolgreich, aber mit der Wiederholung sank auch der Grusel. „Skulptur Projekte: Über Scream, Friedhöfe und den echten Grusel“ weiterlesen

Tag 10- Skulptur Projekte. Über Kirchengeläut, Kunst und Kuchen

Für das geschulte Ohr. Evans hat das Geläut der Kirchenglocke mit einer Klimaanlage verändert.

Die Frau, das Kind und ich machen einen Sonntagsausflug. Ich habe den Anhänger an mein Fahrrad geschnallt und wir wollen die Installtion von Cerith Wyn Evans sehen. Ein ganze Weile suchen wir die Arbeit, laut Plan versteckt sie sich auf einem Kirchplatz, doch wir finden weder Kirchplatz noch Kunst. Dann hat die Frau Glück und findet die besagte Adresse und zwei Mädchen, in Skultur Projekte Shirts, die Aufsicht führen und Verantwortung für die Kunst haben. „Ne, das ist eine Klangarbeit, die sieht man nicht“, erklärt das eine Mädchen der Frau und die andere guckt hinter unserer Kind her, was gerade die Blumen aus einem Beet herausreißt – sie hasst Blumen – und sagt, dass unsere Tochter aber ein süßer Bursche ist. Ich gucke in meine Kunst App und lese, dass Cerith Wyn Evans anhand einer Klimaanlage das Geläut der Glocken verändert hat. Außerdem sollen auf dem Platz zwei Neonröhren stehen, die den Gegenpart zur Klangkunst bilden. Um 16 Uhr und um 19 Uhr kann man das Spektakel erleben. Ich gucke auf die Uhr. „Es ist sechs“, sage ich zur Frau und den beiden Aufsichtsmädchen. „Ja, doof. Und die Neonröhren wollte der Künstler dann auch nicht“, sagen die Mädchen und fragen, fast entschuldigend ob sie uns ein Stückchen Kuchen anbieten können. Sie haben extra Kuchen gebacken, erklären sie. Wenn es hier schon nichts an Kunst gibt, soll man wenigstens etwas in den Magen kriegen. Wir kaufen drei Stücke – sicherlich auch ein wenig aus Mitleid – und fahren nach Hause. „Das war aber eher enttäuschend. Ich glaube, den Mädchen war das sogar peinlich“, sagt später die Frau. Ich nicke. „Muss es nicht“, sage ich. Mir fällt auch nichts kluges darauf ein.

Tag 7 – Skulptur Projekte. Über das Oho, als mich die Muse am Po knutschte

Oho, oho. Es sind Skulptur Projekte. Der siebte Tag. Ich sitze in meinem Garten, trinke einen guten Tropfen Rotwein, oho, oho, einen Nord- Spanier, positiv im Abgang, fruchtig und erdig, mit feinem Bukett, lese die ART. Wie man eben in seinem Garten sitz die ART liest und einen guten fruchtig – erdigen Tropfen mit positiven Abgang trinkt. Oho. Oho.

Die ART, die ich „ach“ viel zu selten lese, gibt Insidertipps über die Londoner Kunstszene, die ein spektakuläres Comeback (Stichwort: F:U:C:K:) oho, oho, feiert. Die spektakulärsten Kunstorte, die man besuchen sollte, wenn man sich für die englische Künstlerszene begeistert. „ Ja, ja“, denke ich lustiger ARTgenosse und, abgesehen davon, dass ich noch nie in London war, bin ich hin und weg und flöte ein „Oho“, so dass auch mein geschätzter Nachbar hinterm Gartenzaun mich, den Gelegenheitsboheme, Hipster und Somelier mitbekommt. Oho. Oho.

Es sind tolle Kunsttage. Hundert Tage, in dessen Fahrtwasser auch mich die Muse am Po knutscht. Statt Zombiefilm und Blockbuster gerne eine japanisch – finnische Videoinstallation mit politischer Botschaft, statt Poetry Slam lieber ein linguistisches Dada Experiment, was die Grenzen zwischen Signifikant und Signifikat verschwimmen lässt. Oho, oho.

Hundert Tage Skulptur Projekte und eine ganze Stadt wird Berlin. Exaltierte, kreative existentialistische Misanthropen. „Oho, oho.“

DEFINITIONEN – STICHWORT F:U:C:K:

Hipster ist ein im frühen 21. Jahrhundert in den Medien verbreiteter, zumeist etwas spöttisch gebrauchter Name für ein Milieu, dessen Angehörige ihrem Szenebewusstsein – bei Gleichgültigkeit dem Mainstream gegenüber – extravagant Ausdruck verleihen.

Sommelier berät in einem Haus der gehobenen Gastronomie die Gäste bei der Auswahl der zu den einzelnen Speisen bzw. Gängen passenden Weine.

Der Begriff Bohème oder Boheme bezeichnet eine Subkultur von intellektuellen Randgruppen mit vorwiegend schriftstellerischer, bildkünstlerischer und musikalischer Aktivität oder Ambition und mit betont un- oder gegenbürgerlichen Einstellungen und Verhaltensweisen. Oho. Oho.

Tag 6 – Skulptur Projekte. Über Zahnärzte und Kunsttouristen

Beige Dreiviertelhose, Blumenshirt und Moossandale. Englische Kunstgucker auf der Suche.

Es sind wieder Skulptur Projekte. Bis zum ersten Oktober strömen Kunsttouristen nach Münster, um Kunst zu gucken. Neben seinem Skulptur Projekte Logo Jutebeutel ist der Kunsttourist am Leihfahrrad zu erkennen, auf dem er ängstlich durch den Stadtraum wackelt. Unheimlich ist ihm diesen Art der Fortbewegung, die hier in der Provinz so typisch scheint.

Nach hundert Tagen ist der Spuk wieder vorbei, die Ausstellung zu Ende. Doch auch nach dem ersten Oktober muss der Kunstgucker nicht zehn Jahre warten, um in Münster Kunst zu finden.

In den letzten Jahren hat die Stadt eine Menge Arbeiten angekauft. Das gehört sich so, sagt die Stadt. Doch ähnlich dem hippen Zahnarzt, der die Malerei für das Praxiswartezimmer eher nach der Haarfarbe der Zahnarzthelferin auswählt oder schaut, ob das Bild mit dem Farbton seiner Eames Stühle korrespondiert, wählt die Stadt Kunst nach dem Gesichtspunkt aus, dass sie dem Bürger gut zu Gesicht steht und bloß nicht weh tut. Eine grüne Hecke von Rosemarie Trockel, ein paar Betonkugeln von Oldenburg oder ein nettes Holztor von Daniel Buren. Es darf eben nicht weh tun.

Tag 5 – Skulptur Projekte. Über das Stümperhafte in der Kunst

Hito Steyerl zeigt Videokunst in der LBS

In der LBS am alten Zoo zeigt eine deutsch-japanische Medienkünstlerin (Hito Steyerl) eine Videoinstallation. Es geht um Roboter, Kriege, menschenfeindliche Umgebungen. Die Installation heißt „HellYeahWeFuckDie“, weil das die häufigsten Wörter in englischsprachigen Pop Songs sind. Ein Kunstmagazin hat die Künstlerin gerade zu einer der zehn bedeutendsten Künstler der Gegenwart gewählt, was einem die Arbeit ganz anders sehen lässt. Ach, wenn das so ist…, denke ich, aber ich schweife ab. Die Frau sagt, dass die Animationen stümperhaft aussehen. Ich sage, dass das sicher gewollt ist. Warum das gewollt ist, weiß ich aber auch nicht.

Grobes & Klotziges gibt es von Justin Matherly

An der Promenade steht eine Installation des Bildhauers Justin Matherly. Sie heißt Nietzsches Felsen, weil sie Bezug auf Nietzsche nimmt und von Weitem aussieht wie ein Felsen. Von Nahen sieht der Felsen aber auch stümperhaft aus. Und Nietzsche sehe ich in ihm auch nicht. Das Art Magazin schrieb einmal eine Lobbuddelei über den Bildhauer (wunderbar grob und klotzig, sagten sie). Auch hier scheint das Stümperhafte gewollt. Das Stümperhafte zieht sich also gewollt durch die Ausstellung“, sagt die Frau und reibt sich am Ohr, was ein Zeichen tiefen Nachdenkens darstellt. „Ja, die Kunst“, sage ich. „Die Eulen sind nicht das, was sie scheinen“, sagt die Frau, die mal wieder das letzte Wort haben will.

Tag 4 – Skulptur Projekte. Über ein Augenzwinkern und wieder den Steg

Hundert Tage Skulptur Projekte. Hundert Tage Tagebuch. Eindrücke. Die Lokalzeit Münsterland berichtet ausführlich über die tollen Kunsttage. Ist das Kunst oder kann das weg, sagt der Fersehmoderator am Anfang des Beitrags mit einem Augenzwinkern. Dann wird über den Steg von Ayşe Erkmen berichtet. Eine Hundefrauchen ist jetzt schon traurig, wenn der Steg weg ist, Ihr Jazz, ein Dackel mit Mischling,  läuft jeden Morgen über den Steg und findet es richtig gut. Ein Kunstkenner, sagt das Hundefrauchen mit einem Augenzwinkern. Sie selber fällt lieber kein Urteil. Das überlassen wir mal den Profis, lacht der Fersehmoderator mit einem Augenzwinkern. Ja, das ist schon traurig, denke ich ganz ohne Augenzwinkern.

Tag 3 – Skulptur Projekte. Über Zahlenspiele und Wartezeiten

Nicole Eisenman, Sketch for a Fountain

600 000 Gäste werden zu den Skultur Projekten erwartet. Gregor Schneiders Installation „N. Schmidt“ darf immer nur von einer Person betreten werden. Die Öffnungszeiten sind von 10 Uhr bis 20 Uhr. Die Ausstellung endet am 1. Oktober 2017. Durchschnittlich hat jeder Kunstbetrachter weniger als eine Sekunde für seine Installation. Das reicht. Wir warten.

Wir warten. Gut lässt sich am Brunnen von Nicole Eisman warten oder heißt sie Eisenman? Sie hat an der Promenade einen Brunnen bauen lassen. Fünf Figuren hängen darum herum, zwei aus Bronze, drei aus Gips. Die Frau sagt: „Die Gipsfiguren lösen sich mit der Zeit durch das Wetter auf.“ Auch sonst hängen viele Figuren um den Brunnen herum. Kinder baden. Mütter wickeln. Väter fotografieren. Japaner fotografieren. Mütter lesen Kunstkataloge. Väter rauchen. Man wartet, hängt ab. Die Frau sagt: „Das gefällt mir bisher am Besten.“ Ich nicke. „Brunnen finde ich auch super“, sage ich und hänge mit ihr noch ein wenig ab.