Autor: Andreas

  • Hoffmanns Büdchen (5) – FinTech, Freunde! FinTech!

    Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Er liest Aktienkurse. Ein Stammkunde – Kettenraucher, Bier- und Korn- Trinker – hat ihm Aktien empfohlen. „Herr Hoffmann. Wir reden über passives Einkommen. FinTech“, sagte er. Herr Hoffmann weiß, was FinTech heißt. Herr Hoffmann ist nicht von gestern. „Ich bin nicht von gestern. FinTech kenn ich, aber diese Tabellen verstehe ich trotzdem nicht“, sagt Herr Hoffmann.

    Das Glöckchen seiner Tür läutet. Ein junger Student betritt den Kiosk. „Guten Tag, Herr Hoffmann“, grüßt der Student. Herr Hoffmann schaut von seinen Kursen hoch und greift hinter sich nach den Zigaretten. Der Student kommt fast jeden Tag. „Hallo Lukas“, sagt Herr Hoffmann. Der Student guckt rüber zu Herrn Hoffmann. Er sieht die Kurse. „Aktien. Super.“ Er hat sein Geld auch in Aktien angelegt. „FinTech, vor allem Nasdaq“, bemerkt der Student. Herr Hoffmann nickt, gibt dem Student sein Wechselgeld. Als der Student aus dem Laden ist, schreibt er Nasdaq auf eine Ecke der Zeitung und versucht sich noch mal an diesen Tabellen.

    Schon wieder das Glöckchen. Ein neuer Kunde. Ein Mann mittleren Alters in einem dunkelblauen, enganliegendem Anzug, dazu weißes Hemd, schwarze Schuhe steht vor seiner Theke. Eine laufende Schwanzverlängerung, sagt Herr Hoffmann zu sowas. Der Mann guckt zu den Zigaretten hinter der Theke, zur Beck Gold Werbeuhr und dann auf die Zeitung, die vor Herrn Hoffmann liegt. „Scheiß Aktien“, flüstert der Mann. Er hat alles gerade auf FinTech – Aktien gesetzt, erzählt er. „Alles verloren. Alles“, jammert er. „Ich weiß nicht weiter.“ Der Mann hält sich kurz an der Auslage fest. Eine Packung M&Ms reißen auf, Schokonüsschen kullern auf den Boden. Herr Hoffmann will gerade etwas sagen, da schaut der Mann hoch, verwirrt, panisch, er entschuldigt sich und verlässt schluchzend den Laden. Herr Hoffmann schüttelt verständnislos den Kopf. Dann wirft er die Zeitung unter sich in die Ablage, schnappt sich einen Besen, fegt die Nüsschen weg. Später hinter der Theke greift sich Herr Hoffmann sein Rätselheft. „Wertpapier. Fünf Buchstaben?“. „Weiß ich“, lächelt Herr Hoffmann. Erst zu später merkt er, dass FinTech sieben Buchstaben hat.

  • Hoffmanns Büdchen (4) – Lottoglück

    Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Er liest gerade Zeitung, als die Tür geöffnet wird, das Türglöckchen läutet. Ein Stammkunde rollt langsam mit seiner Gehhilfe in den Kiosk. Er kommt jeden Donnerstag, füllt seinen Lotto Schein aus, guckt, ob die alten Scheine ein paar Euro Gewinn gebracht haben. Meistens geht der Stammkunde aber leer aus. Wie der Stammkunde heißt, weiß Herr Hoffmann nicht. Vielleicht sollte er ihn nach den ganzen Jahren mal fragen, denkt Herr Hoffmann. Jeden Donnerstag denkt Herr Hoffmann, dass er den alten Mann mal nach seinem Namen fragen kann. Aber bisher bleibt es beim Denken.

    „Guten Morgen“, begrüßt Herr Hoffmann seinen Stammkunden.

    Guten Morgen, Herr Hoffmann.“ Der Stammkunde reicht ihm seine Lottoscheine. „Sechs Richtige. Das wäre mal was,“ sagt der Stammkunde. Herr Hoffmann nickt.

    Wie jede Woche überlegen beide einen Moment, wie es wäre, sechs Richtige zu haben.

    „Nichts“, sagt Herr Hoffmann, nachdem er die Scheine des Kunden durch die Lotto Maschine geschoben hat. „Schade“, sagt der Kunde. „Also nur wieder Glück in der Liebe“ Er bezahlt mit einem Lächeln seinen neuen Schein, verabschiedet sich. Herr Hoffmann hat noch nie Lotto gespielt. Er hat kein Glück im Spiel, auch nicht in der Liebe. „Das ist doch alles Blödsinn“, sagt Herr Hoffmann. Sechs Richtige? Als erstes würde er diesen Kiosk abfackeln. Herr Hoffmann nimmt sich wieder seine Zeitung. „Sozialhilfeempfänger aus Bayern gewinnt Jackpot“. Vielleicht sollte er doch spielen?

  • Hoffmanns Büdchen (3) – Der Fall Nüsslein

    Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Er liest Zeitung. Ein Herr Nüsslein aus der CSU hat sich an der Corona Pandemie unmoralisch bereichert. Herr Hoffmann möchte gerade ansetzen, los zu schimpfen, da reißt ihn das Türglöckchen aus seinen Gedanken. Ein ältere Herr in Wander Outfit betritt den Kiosk. „Guten Tag“, sagt der Mann und deckt sich an den Hoffmannschen Regalen mit Kaltgetränken, Nüsschen und Schokoriegel ein. Dabei berichtet er, dass er eine Städtetour macht. „Münster, ich habe viel von ihrer schönen Stadt gehört“, sagt er. Herr Hoffmann knurrt kurz. „Die schönen Kirchen, die schöne Kunst. Ihre Fahrradfahrer“, der Wanderer lacht, als ob er einen Witz gemacht hätte. Herr Hoffmann guckt fragend. Er hat den Witz nicht verstanden. Dann quält er sich aber doch noch sowas wie ein Grinsen raus. „Ja, wirklich lustig, diese Fahrradfahrer“, sagt er gequält. „Aber die Menschen sollen hier etwas verschlossen sein, im schönen Münster. Also, das schreiben sie hier“, sagt der Wanderer mit einem Augenzwinkern und zeigt auf seinen Marco Polo Reiseführer (mit Insider Tipps. Fahrradrouten und einem handlichen Stadtplan). „Oder ist es Einfalt?“ Ein letzter Versuch des Touristen. Beleidigungen der Eingeborenen. Herr Hoffmann nickt und lächelt. Er hat den Wanderer verstanden.

    Mit einem „Idiot“ verabschiedet sich der Mann. Herr Hoffmann widmet sich wieder seiner Zeitung. Der Herr Nüsslein ist ein Netzwerker, der mit jedem in seinem Wahlkreis gut kann, mit allen ein Pläuschchen hält. Herr Hoffmann kommt wieder der Wanderer in den Sinn. Das war auch so ein Nüsslein, denkt er, und kurz überlegt Herr Hoffmann, ob der Wanderer nicht wirklich das Nüsslein war? Ein abtrünniger CSU Politiker im Münsterschen? Verkleidet als Wanderer auf der Flucht vor der Staatsanwaltschaft München 1? “Ach Blödsinn”, flüstert Herr Hoffmann, wieder ganz realistischer Münsteraner, und liest weiter seine Zeitung.

  • Hoffmann Büdchen (Teil 2 – Sport ist Mord)

    Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Er macht Kniebeuge. Sein Arzt hat ihm gesagt, er muss was tun. “Was tun?“ Herr Hoffmann tat so, als ob er nicht verstand. „Sport, Herr Hoffmann. Sport“, lachte der Arzt. Herr Hoffmann kann darüber nicht lachen. Er steht jeden Tag zehn Stunden hinter der Theke, wie soll er da auch noch Sport machen? Herr Hoffmann sagt immer: „Sport ist Mord.“ Das hat mal ein amerikanischer Präsident, der Churchill, gesagt, weiß Herr Hoffmann und ist ganz seiner Meinung.

    Das Ladentürglöckchen läutet. Ein junges Pärchen betritt seinen Kiosk. „Moin“, sagt der junge Mann. „Hallo“, sagt die junge Frau. Herr Hoffmann nickt nur, da er noch ziemlich außer Atem ist. Die Frau fragt nach Zigaretten. Ihr Freund steht hinter ihr. Während sie nach ihrem Geld sucht, versucht der Mann die Frau zu liebkosen. Er berührt ihren Po, ihre Brüste und was er noch zu fassen bekommt. „Jonas, lass das“, lacht die Frau. Der junge Mann grinst. Er hält sich für unwiderstehlich. Wie viele in seinem Alter, denkt Herr Hoffmann und reibt sich hinter der Theke seine schmerzenden Knie. „Jonas, ich habe gesagt, lass das“, wiederholt die junge Frau ihre Bitte. Als der junge Mann nicht ablässt, mischt sich Herr Hoffmann ein. „Hey, ihre Freundin sagte, Sie sollen das lassen“, kommt er hinter der Theke zur Hilfe. Die Frau lacht. „Ey, Süßer, ich kann mir schon selber helfen.“ Herr Hoffmann legt ihr die Zigaretten und das Wechselgeld auf das Geldschälchen und schwört sich wieder einmal, sich nicht mehr in die Angelegenheiten anderer einzumischen. Als die Beiden blöde gackernd seinen Laden verlassen haben, macht er wieder seine Kniebeuge. Noch zehn Stück, dann hat er heute sein Tagwerk getan. „Sport ist Mord.“ Dieser Churchill hatte gut reden. Der stand sicher auch nicht zehn Stunden hinter der Theke.

  • Hoffmanns Büdchen – Die Geschichte beginnt

    Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Eigentlich alles wie immer. Plötzlich wird die Tür aufgerissen, das Glöckchen über der Tür klingelt schneller als sonst. Man merkt sofort, da stimmt etwas nicht. Eine Frau kommt in den Laden. Sie drückt die Tür hinter sich zu, guckt ängstlich raus. Herr Hoffmann weiß auch nicht, was er jetzt sagen soll und sagt erst Mal „Guten Tag“. Die Frau dreht sich zu ihm um, lächelt, sagt „Guten Tag“, dann stirbt sie. Herr Hoffmann ruft die Polizei und sie finden ihn kurze Zeit später immer noch an der Stelle, von der er alles gesehen hat. Die Presse will am nächsten Tag wissen, ob er Angst hatte. Herr Hoffmann hatte keine Angst.

  • Notizen aus dem Reihenhäuschen – Schnee Blues

    Eine Januarnacht. Es schneit. Der Schnee bleibt als dünner Flaum auf der Straße, dem Rasen, den Dächern liegen. Wie sehr hat sich das Kind in den letzten Wochen nach Schnee gesehnt? Jetzt schläft es. Morgen wird nichts von dem bisschen Weiß übrig sein.

    Der Mann steht am offenen Fenster, raucht. Er hat die Lampen ausgemacht, guckt in die Nacht. Er friert. Seine Tochter ist jetzt fünf. Als sie zwei war, hatten sie mal genug Schnee, um Schlitten zu fahren, aber daran erinnert sich das Kind nicht mehr. Ein Bekannter, heute bekennender Corona Leugner, erzählte, dass alles vor dem dritten Lebensjahr in einem dunklen Babynebel verschwimmt. Da wissen die später nichts mehr von, sagte er auf einem Grillabend vor Corona. Ihr einziges Schneeerlebnis steckt in einem dunklen Babynebel, denkt der Mann am Fenster, raucht, friert.

    Früher war mehr Schnee, da ist er sich ziemlich sicher. Er erinnert sich gut an die Schneemänner, Iglus, die Schneeballschlachten und die Schlittenfahrten auf dem Müllberg. Früher war ganz sicher mehr Schnee, flüstert er in die Nacht. Als Antwort weht ein eisiger Wind in sein Zimmer. Er zittert, drückt die Zigarette auf dem Fensterbrett aus, verriegelt das Fenster. Scheiß Klimawandel, sagt er und macht sich Licht und schließt die Augen.

  • Notizen aus dem Reihenhäuschen – Vergeben und verzeihen

    Wir werden uns viel zu verzeihen haben, sagte am Anfang der Pandemie Jens Spahn. Fast ein Jahr später höre ich in der WDR Mediathek einen Podcast zum Thema Verzeihen. Die Expertin, eine echte Philosophie Professorin, erklärt, dass wir immer ein Unrecht zu verzeihen haben, ein Unrecht, was uns persönlich zugefügt wurde. „Verzeihen heißt, ein erlebtes Unrecht vergeben“, sagt sie mit einem im Radio nicht zu sehenden erhobenen Zeigefinger. Das hat sie an kleinen Unrechtsverstößen im Alltag untersucht, ein Buch sogar darüber geschrieben.

    Auch der Radiomoderator, MC Jürgen Wiebicke, will was sagen. Er weiß von Situationen, wo das Opfer dem Täter vergeben will, dieser aber sich gar keiner Schuld bewusst ist. Manchmal ist es nur die Hafermilch, die man vom Supermarkt mitbringen sollte und vergessen hat. Ein anderes Mal ist es vielleicht der geheimnisvolle, neue Nachbar, der wirklich jedwedes Geschlecht und auch Tier den Kopf verdreht. Sogar die räudigste Katze der Straße schnurrt sich den Bart zottelig, wenn des Nachbars Schatten über den Asphalt fällt.

    Wir werden uns viel zu verzeihen haben, dachten damals alle. „Aber war es denn wirklich Unrecht?“, säuselte der Eine, mauzte eine Andere. Und sie dachten jeder kurz an den Keller des geheimnisvollen Gegenüber. Das hatten sie alle nicht unter dem Haus vermutet. Stundenlang quälte er hier, quiekten sie dort. Zuckerbrot und Peitsche. Wenn das der Partner, die Frau, die Kita Mütter oder die Nachbarn wüssten? Sie hätte sich alle viel zu verzeihen. Aber Unrecht?

  • Notizen aus dem Reihenhäuschen – Das Kind glotzt TV

    Mein Kind guckt kein Fernsehen“, sagt Jana, die Mutter von den Löwenmäulchen Juno und Jano . „Respekt“, sage ich. „Meins schon.“ Glücklicherweise ja eher die Regel als die Ausnahme, sich mit einer Netflix-Staffel Bibi und Tina ein bisschen eigenes Leben zwischen Bastelsternen und dem „für Kinder so wichtigem“ Einkaufsladen-Rollenspiel zu verschaffen.

    Auf den Spielplätzen hängen Dutzende Elternzeit-Papas herum, die sich über die neuesten Staffeln Biene Maya, Eselchen Troto oder Patterson und Findus unterhalten.

    Was? Du kennst „Mia and me“ nicht? Also… das ist so schön. Ein junges Mädchen, was mit ihrem Zauberamulett ins Elfenreich reisen kann und dort auf Einhörner reitend Abenteuer erlebt. Ach, meine kleine Edda liebt es. Und wir auch. “ (*blödes Lachen*)

    Du, das merke ich mir.“ (*blödes Lachen 2*) „Da ist das Wochenende ja wieder gerettet. (…) Anna! Anna! Nimm deinen Finger aus dem Popo. Wenn es juckt, müssen wir das noch mal ordentlich sauber machen.“ (*blödes Lachen 3*)

    Nicht selten sieht man die Leidenschaften auch auf dem T-Shirt gedruckt. Früher noch ein flottes Nirwana oder Metallica Shirt. Heute ein Bibi & Tina Männer-Shirt. Laut Zalando ein Muss für Ihn. „Mit Bibi & Tina & Amadeus & Sabrina solidarisiert Man(n) sich auf ganz besondere Art mit seinen Kids“, betont der Online Katalog.

    Und hier auf dem Spielplatz trägt Man(n) gerne dick auf, denke ich. Vor allem wenn es mit der Alten zu Hause eigentlich gar nicht mehr läuft und man sich zwischen Kita und Spielplatz schon längst auf neue Entdeckungsreisen durchs Mutter-Land aufgemacht hat.