Über Montage, Handtrockner und die Bedeutung einer warmen Mahlzeit

Kalter Reis im Blechpott mit scharfem Huhn überm Teelicht

Münster. Montag, 8 Januar. Mittagspause. Ich sitze bei einem Chinesen oder Thailänder bestelle Reis mit Huhn. Manchmal bestelle ich auch Schwein mit Reis oder was anderes. Nur Fisch bestelle ich eigentlich nicht, weil ich nicht weiß, wo der Fisch herkommt und man den Leuten ja nicht unter den Rock gucken kann oder in die Küche.
Also ich bestelle Reis mit Huhn und gucke mich um. Hier und da sitzen ältere Herrschaften in dem Restaurant. Man unterhält leise über den Tisch hinweg; Einkaufstipps, Gerüchte über die Nachbarn, Besorgungen, die noch erledigt werden müssen. Über den Tisch hinweg wird getuschelt, geredet, geklärt.
„Einmal die Achtzehn. Bitte, der Herr. Guten Appetit wünsche ich.“ Der Tisch gegenüber bekommt sein Essen. Man konzentriert sich auf Reis mit Huhn oder Reis mit Ente. Genau lässt sich das von meinem Tisch nicht ausmachen.
„Geht es dir jetzt besser?“ Ein Mann nickt. „Bisschen besser.“ Seine Frau guckt erleichtert. Gott sein dank, es geht ihm besser, steht in ihrem Gesicht. Ja, Essen hilft, denke ich. Frei übersetzt,  sagten das schon die alten Ägypter. Und man braucht was Warmes im Bauch, das sagte schon meine Mutter. „Hast du heute was Warmes gehabt? Du weißt, wie wichtig es ist, was Warmes im Bauch zu haben?“, fragt sie immer. „Ja, Mutter“, sage ich dann, auch wenn ich gar nicht Warmes hatte. Ich weiß aber auch nicht, warum es wichtig ist, was Warmes im Bauch zu haben. Ich glaube, so einem Bauch ist es ganz egal, ob das Essen warm ist oder nicht.
Ich gehe mir kurz die Hände waschen, bevor der Reis mit Huhn, kommt. Ich habe das von Hause mitbekommen. Das sagt man so, dass man was von zu Hause mitbekommen hat. Ich habe mitbekommen, dass man sich vor dem Essen die Hände wäscht.
Tatsächlich kenne ich Restaurants und Gaststätten, wo man sich vorher nicht die Hände waschen möchte. Sie, die Händen, sind nachher gefühlt dreckiger als vorher, vom Gefühl dreckiger. Also wenn das Klo aussieht wie die WC Anlage auf der A1 Parkplatz Buddenkuhle, dann hat man so ein Gefühl von Dreck. Die Frau sagt immer, dass sie bestimmt wieder Herpes kriegt, nachdem sie auf solchen Klos war. Ich kriege kein Herpes auf solchen Klos. Ich kriege allerdings auch kein Herpes, habe ich noch nie bekommen. Man sagt, alle kriegen Herpes, aber bei manchen drückt sich das nicht äußerlich, über die Haut, aus. Bei mir drückt sich das Herpes nicht äußerlich aus.
Das Klo beim Thailänder oder beim Chinesen ist recht sauber. Hier kriegt auch die Frau kein Herpes, denke ich. Allerdings haben sie einen Fön für die Hände auf dem Klo. Ich lehne den Fön für die Hände ab. Seine Hände unter einen Fön zu halten, weil man Papiertücher sparen oder Stoffhandtücher nicht waschen möchte, empfinde ich als unangenehm. Ich nutze aber auch selten einen Haarfön. Föne sind keine Dinge, die ich vermissen würde, wenn es sie nicht gäbe. Ich würde auch den Erfinder des Föns nicht auf die Schulter klopfen und ihm für seine Erfindung danken. Der Fön ist für mich eine überschätzte Erfindung. Der Handfön sogar ein Unding. Der Handfön beim Chinesen oder Thailänder heißt Air Wolf, das soll wohl seine Stärke ausdrücken. Wegen dem Wolf im Namen. Ein Wolf ist ein starkes Tier. Der Air Wolf ist ein starker Hand Fön.
Als ich vom Händewaschen vor dem Essen zurückkommen, steht meine Bestellung schon auf dem Tisch. „Die Nummer Sechsundvierzig. Bitte, der Herr. Guten Appetit,“ ruft die chinesische oder thailändische Kellnerin. „Danke.“ Ich lasse es mir schmecken. Klappt aber nicht, weil es eben nicht schmeckt. Wenn sie mich nachher fragt, wie das Essen geschmeckt hat, werde ich sagen, dass das Huhn wenigstens dreimal getötet wurde, so zäh ist das. Und der Reis? Der ist kalt. Das werde ich nachher sagen, wenn man mich fragt. Und Trinkgeld gibt es auch nicht. „Trinkgeld? Niemals. Ich habe noch nicht mal etwas warmes im Bauch“, werde ich sagen, wenn man mich fragt. Ein Pluspunkt ist die Würze Man soll nicht nur schimpfen, sondern auch schauen, wo man loben kann. Das Essen ist scharf. Ein Extrapott scharfe Soße steht auf dem Tisch, um es noch schärfer zu machen.
Zu Hause habe ich auch eine scharfe Soße, mit der ich meine mißratenen Kochversuche zu retten versuche. Hier im chinesischen oder thailändischen Restaurant stehen die Pullen scharfe Soße auf jedem Tisch. Der Gast darf den kalten Reis gerne schärfen und das zweifellos tote Tier kann auch einen Schlag scharfe Soße vertragen. So geht es. Wenn es nicht schmeckt, mach es scharf. So kriege ich den Teller leer.
Ich winke nach der Rechnung, also der Kellnerin. Schwups steht eine Chinesin oder Thailänderin am Tisch.
„Hat es Ihnen geschmeckt, der Herr?“
„Sehr gut. Danke.“ Oh, ich verabscheue mich.
„12,40 Euro, bitte. Der Herr“
„Vierzehn, danke.“ Oh, wie ich mich verabscheue. Ich reiche ihr einen Zwanziger.
„Danke der Herr.“ Sie lacht, lacht mich aus und gibt mir auf Zwanzig heraus. Und ich? Ich schäme mich für meine Feigheit. Nicht in der Lage ihr die Wahrheit zu sagen. Auch noch die Lüge mit einem Trinkgeld unterstreichen. Ja, ich schäme mich. Und später gibt es auch noch Bauchschmerzen wegen der scharfen Soße. „Von so einer scharfen Soße hat man zweimal was“, sagt die Frau immer. Beim zweiten Mal werde ich mich daran wieder erinnern. Und schämen. Und der Reis war auch kalt. Noch nicht mal was Warmes im Bauch. Dabei ist das so Wichtig, was Warmes im Bauch zu haben, sagt Mutter immer. Gerade an einem Montag. Zu Beginn der langen Arbeitswoche braucht man was Warmes im Bauch. Ach Montag. Du …du Air Wolf.

Noam Chomskys „Requiem für den Amerikanischen Traum“ oder Schweineöhrchen für Mutter – ein Buchempfehlung

Schweineöhrchen in ihrer charakteristischen Herzgestalt

 

Noam Chomskys „Requiem für den Amerikanischen Traum“ oder Schweineöhrchen für Mutter – ein Buchempfehlung

Ich bin Schweineöhrchenprofi. Ein Schweineöhrchen ist ein süßes Kleingebäck aus Blätterteig. Zur Herstellung wird zunächst Blätterteig auf reichlich Streuzucker ausgerollt und gefaltet. Anschließend werden die Stücke gebacken, der Zucker karamellisiert. Durch eine regional unterschiedliche Schweineöhrchenfaltung entsteht die typische Herzform des süßen Kleingebäcks. Die Größe der Schweineöhrchen variiert. In manchen Regionen haben sie fast Tellergröße. Wichtig: Nach dem Backen Schweineöhrchen mit Puderzucker bestreuen oder mit dunkler Kuvertüre überziehen. Während der Backzeit kann man gerne ein gutes Buch lesen, zum Beispiel Chomskys „Requiem für einen amerikanischen Traum“. Aber Achtung: Vergessen Sie nicht das süßes Kleingebäck aus ihrem Ofen zu nehmen, sonst sehen sie wie auch dieser Chomsky irgendwann schwarz.

Sonntag, 15 Uhr. Mit Kleinkind und Kleingebäck bei Mutter. „Ach Junge, was haben wir bloß falsch gemacht?“, fragt Mutter und guckt ernst über mein selbstgebackenes Schweineöhrchen. „Wir haben dich doch auch nicht anders erzogen als den Jens-Peter. Und der Jens Peter arbeitet jetzt in der Wirtschaft. In England, weißt du?“ Ich nicke. „Ich weiß“, sage ich. „Und der hat sich jetzt schon sein zweites Haus gebaut. In England und eines Amerika. Mit Carport. Und drei Kinder hat der Jens-Peter. Den Jens-Kevin, den Jens-Kelvin und den Jens-Melvin. Ja, und am Wochenende ist der Jens-Peter trotzdem immer bei seinen Eltern und hilft im Garten. Ach Junge, wann hast du denn das letzte Mal im Garten geholfen?“, fragt Mutter,und knuspert dabei sichtlich ohne Appetit an ihrem Schweineöhrchen rum (dabei ist Schweineöhrchen eigentlich ihr Lieblings-Gebäck). Aber bei dem Jungen, so steht in ihrem Gesicht geschrieben, vergeht ihr sogar darauf der Appetit.

Mutter, du hast doch überhaupt keinen Garten“, sage ich trotzig. „Ach Junge“, sagt Mutter, zieht sich für alle hörbar die Rotze in der Nase hoch und guckt traurig zu ihrem Enkelkind, meiner Tochter, was neben mir sitzt. Wie hat der Junge so ein wundervolles, hübsches Kind bloß hingekriegt, sagt ihr Blick. Sie hat sich nichts vorzuwerfen, aber was soll aus dem Kind bloß mal werden, also bei dem Vater. Das Kind, ein zweijähriges Mädchen, grinst. Es weiß auch nicht, was es mal werden will und wie ich es hingekriegt habe, und ich werde es meiner Mutter und dem Kind auch nicht verraten. Ich möchte auch nicht wissen, wie mich meine Mutter hingekriegt hat. Ganz sicher nicht.

Das Kind und ich sitzen bei meiner Mutter wie jede Woche in der Küche und wie jede Woche ich höre mir an, was ich alles in meinem Leben falsch gemacht habe. Eigentlich alles, so der Tenor. Sie liebt mich natürlich trotzdem, schon weil ich ihr Sohn bin und damit eben Familie. Familie ist wichtig, das Wichtigste. „ Da könntest du sogar bei diesen Grünen sein, dann würde ich dich auch noch lieben, Junge“, sagt sie gerade. Das sagt sie auch jede Woche, diese Sache mit den Grünen. Die Grünen sind der Mutter rotes Tuch, denke ich, putze mit einem weißen Tuch die Sahne von der Tapete, die das Kind gerade dahin geschmiert hat. Die Grünen, sie meint die neue Mitte, die gerade mit der FDP und CSU koalieren will, sind für meine Mutter immer noch Bombenleger, die ihre Rente streichen und uns in die Arbeitslosigkeit treiben wollen. Die gucken nur, dass alles teurer wird, sagt Mutter immer. Die gucken, dass alles teurer wird, sagt sie auch mit einem halben Schweineöhrchen zwischen den Mundwinkel heute wieder. Wenn am Montag die Milch oder die Kartoffeln wieder teurer sind, waren das, laut meiner Mutter, die Grünen. Und mit dem Geld pflanzen sie dann wieder einen Baum oder stellen dem Onkel Bernd ein Windrad vor die Haustür. Das haben die Grünen nämlich gemacht, dem Onkel Bernd ein Windrad vor die Nase gestellt. Onkel Bernd kann gar nicht mehr ruhig schlafen, weil das Windrad sich so laut dreht. Schon ganz krank ist der Onkel Bernd geworden. Und Tante Helga, die Frau von Onkel Bernd, muss sogar Medikamente nehmen, weil sie ganz bekloppt geworden ist. Wegen dem Windrad. „Und wie sieht das denn aus? Überall diese Windräder. Einsperren sollte man die, diese Grünen“, sagt Mutter, also heute beim Schweineöhrchen, ihrem Lieblingsgebäck und ihren Geschichten, ihren Geschichten über den Jens – Peter.

Ach Junge, was haben wir bloß falsch gemacht?“, fragt Mutter wieder. Dabei haben sie auf den ersten Blick gar nichts falsch gemacht. Ich habe eine Arbeit, sogar eine, die mir Spaß macht. Ich habe auch ein Kind, eine Frau und ein Geheinrezept für Schweineöhrchen. Aber mit dem Jens Peter kann ich nicht mithalten. Der Jens Peter hat nämlich Wirtschaft studiert. In England. Und jetzt arbeitet dieser Jens Peter bei einem Reifenkonzern im Büro und ist Chef und verdient sich den Arsch wund. Deswegen hat er auch Häuser. Eines in England und eines mit Carport in Amerika.

Das kann ich tatsächlich nicht sagen, dass ich mir den Arsch wund verdiene. Und Häuser habe. Ne, ein Fahrrad habe ich und einen Schrebergarten. Schrebergarten, die Villa des kleines Mannes.. Das ist eben der Unterschied zwischen dem Jens Peter und mir. Ich habe Philosophie studiert und einen Taxischein gemacht. Auch nett, aber nichts zum Arsch wund verdienen. Der Jens Peter hat Betriebswirtschaft studiert und ist jetzt Chef. Jetzt verdient der Jens Peter sich den Arsch wund – das macht Mutter immer, Artikel vor die Vornamen setzen. Ich hasse das – jetzt verdient der Jens Peter sich den Arsch wund, damit er sich noch ein drittes Haus kaufen kann. Mit Carport und Garten und sicher kriegt er auch noch ein biertes Kind. Mal ein Mädchen. Weil so einer hat genug Saft im Luststengel, der kriegt auch vier Kinder hin.

Mutter, ich arbeite auch nicht weniger als Jens Peter. Die Einkommensschere, die ist Schuld. “, sage ich in einer Lautstärke, die sogar der Tochter missfällt. Statt Sahne zu malen, fängt sie an zu heulen. „Sprich nicht so über den Jens Peter“, sagt Mutter. „Guck, dass Kind weint auch schon, weil du so schlecht über den Jens Peter redest.“ „Ach Mutter. Lass mich doch endlich mit diesem Jens Peter zufrieden.“ „Ach Junge. Bald wählst du auch noch die Grünen, was?“ Ach Mutter, denke ich und spreche wirklich lieber nicht.

Letztens habe ich von Noam Chomsky „Requiem für den Amerikanischen Traum“ gelesen. Da beschreibt Chomsky die Lächerlichkeit des Amerikanischen Traums. Vom Tellerwäscher zum Millionär, das gab es vielleicht mal. Jetzt gibt es das ganz sicher nicht mehr, sagt er. Er spricht über Amerika. Also dem Land, wo der Jens Peter sein zweites Haus mit Carport hat. Aber er könnte auch über Europa reden. Die Reichen und Mächtigen haben vor allem ein Ziel, nämlich noch reicher und mächtiger zu werden. Die Demokratie dient ihnen nur als Werkzeug, die Massen ruhig zu halten, ihnen das Gefühl zu geben, dass jeder den Aufstieg schaffen kann. Schweineöhrchen für alle. Ne, das ist laut Chomsky eine Blödsinn. Den gesellschaftlichen Aufstieg kann nicht jeder schaffen. Arm bleibt meistens arm. Die Klassen bleiben unter sich. Das war so, das ist so, das wird so bleiben.

Wenn man Philosophie studiert, kann man das ganz sicher nicht schaffen, sagt Mutter und da hat sie und der Jens Peter leider recht. Mit den Grünen hat das nichts zu tun. Die wollen leider auch schon lange keine gerechtere Welt mehr. Das Windrad ist hier nur noch Symbol. Aber den Traum einer besseren Welt, vielleicht sogar den alten amerikanischen Traum, das wir alle gleich sind, und es alle schaffen können, dass der Fahrstuhl durch die sozialen Schichten für alle offen ist, diesen Traum haben auch die Grünen begraben. Und Chomsky singt das Totenlied, den Abgesang auf den amerikanischen Traum. Ich glaube, dass ist die Botschaft des Buchs, denke ich und gucke traurig zu Kind und Mutter. Schweineöhrchen bleibt Schweineöhrchen. Arm bleibt arm und Schuster bleib bei deinen Leisten, sage ich und streichle der Tochter das Köpfchen.

Ach Junge“, sagt Mutter, streichelt mir das Köpfchen. „Ja, Mutter?“, frage ich, verwundert über so viel Zärtlichkeit. „Aber Schweineöhrchen, das muss ich dir lassen, Schweineöhrchen kannst du.“ Na, immerhin etwas, denke ich und beiße selber noch einmal in mein süßes Kleingebäck.

Noam Chomsky, Requiem für den amerikanischen Traum, Kunstmann Verlag, 2017