Über Paul Bocuse, Lineare Algebra und Bressehühnchen

„Paul Bocuse ist tot.“ Seltsam, welche Schlagzeilen bei einem hängen bleiben. Heute war es der Tod des Starkochs Paul Bocuse, der mir in der Zeitung entgegen sprang. Dabei ist mein Interesse an die gehobenen französischen Gastronomieküche ungefähr so ausgeprägt wie an die Lineare Algebra. Ich weiß, dass es sie gibt, habe aber absolut keine Ahnung, was man damit soll. Also der Paul Bocuse ist tot. Bei einem Kaffee forsche ich herum. Deutschlands beliebteste Tageszeitung rät heute zu Bocuse Lieblingsrezept, dem Bressehuhn, oder wer gerade kein Bressehuhn im Haus hat, nimmt einfach einen regionalen Gockel. Paul Bocuse ist tot. Der Starkoch sagte: „Ich würde alles genau so wieder machen. Drei Frauen, drei Bypässe, drei Sterne.“ Und natürlich würde er auch sein Bressehuhn wieder genauso machen. In der Wikipedia lese ich, dass das Bressehuhn wenigstens 10m² Platz für sich hat. Damit hat das Huhn mehr Platz als so mancher Student in Münster, was auch seinen hohen Preis erklärt. Paul Bocuse ist tot. Er stand für die Nouvelle Cuisine. Einfache Gerichte, regionale Küche ohne viel Schnick Schnack. Mit 91 Jahre ist er gestorben. Den Kochlöffel hatte er schon lange nicht mehr in der Hand. Er hatte Parkinson, die Schüttelkrankheit ließ ihn den Löffel nicht mehr ruhig halten. Aber ein Bocuse war ein Popstar. Wichtiger als das Kochen war der Gang an den Tisch der Gäste und die Frage, wie es denn schmeckt. Mit Bocuse wurde der Koch vom einfachen Malocher zum Künstler. Paul Bocuse ist tot. Mit dem Verlust der Lust steigt die Lust am gutem Essen, schrieb so oder so ähnlich Michel Houellebecq in einem seiner Romane. Also ran an den Kochlöffel, wenn es im Bett nicht mehr klappt oder auf nach Lyon in das Restaurant des Superhelden der Art Cuisine. Paul Bocuse ist tot. Der Papst der französischen Küche, der Einstein am Herd, das Aushängeschild der Nouvelle Cuisine, der Zeus der Köche. Spitzenköche weinen heute in ihr Coq au vin. Keine Tageszeitung, die sich nicht vor dem Koch des Jahrhunderts verneigt, ihm Superlative anhängt. Paul Bocuse ist tot. Einfachheit, Regionalität, frische Zutaten und vor allem die Kunst zu leben, waren seine Grundlinien. Sein Drei-Sterne-Restaurant L’Auberge du Pont de Collonges (oder einfach Bocuse) bei Lyon galt als Pilgerort für Gourmets aus aller Welt. Klar, die Einfachheit hat ihren Preis. Ein paar hundert Euro muss man auf den Tisch legen, um im Bocuse zu essen. Nur sein Chef, Paul Bocuse, der ist tot. Lecker Brathähnchen mit Kartoffelpüree, das war sein Ding. Im Bocuse heißt das: „Fricassee of Bresse chicken in cream sauce, morel mushrooms“. Fast am Ende des Nachrufs noch ein wenig die Suppe versalzen? Gerne. „Bonjour Monsieur, buckelt der Sarottimohr und weist die Stufen hinauf. Hier geht’s nicht zu Onkel Toms Hütte, sondern sie sind ante portas beim Number-one-Koch Paul Bocuse, der sich einen Neger als Grüßaugust hält“, schrieb vor vielen Jahren die TAZ über sein Restaurant und Paul Bocuse. Damit das aber nicht wirklich das Ende ist – man soll nicht schlecht über die Toten reden, sagt doch auch Mutter – hier mein Tipp für heute Abend: Gönnen Sie sich mal einen schönen Gockel mit Kartoffelpüree. Wenn ihr Hahn aus der Region kommt und vielleicht nicht ganz so schlecht lebte, sind sie nah bei dem Zeus der Küche. Es ist wirklich seltsam, was bei einem so hängen bleibt.

 

Deutschlandreise #3 – Haltern am See

Bahnhof Münster – Tor zur Welt

Mit der Eurobahn von Münster. Dreizehn Euro Siebzig für eine halbe Stunde Fahrt, Bahn Card Nutzung nicht möglich, da Verkehrsverbund. „Warum habe ich diese blöde Bahn Card überhaupt“, schimpfe ich mehr leise als laut. Im Zug Menschen in dicken Winterjacken, selbstgestrickten Schals und hippen Puddelmützen, auf dem Boden ein Teppich aus Matsch und in der Luft ein Aroma zwischen Schweiß und Pups. Für mich gibt es noch einen Platz zwischen WC und Ticketautomat. Eine ältere Dame guckt mich erwartend, ja fordernd an. Sie erwartet, ja fordert, dass ich ihr meinen Platz anbiete. Doch ich widerstehe: Man muss auch mal nein sagen können. Einfach mal wegschauen. Mutter sagt immer, Freundlichkeit macht nicht satt.

Also Klappsitz runter, Handy raus, Daumen drauf. Über mir ein Schimpfen einen älteren Dame, doch heute kann ich abschalten. Da eine Kurznachricht auf meinem Smartphone. BILD sagt: Wieder keine weiße Weihnacht. Ist das der Klimawandel? Kühles Bier statt heißem Glühwein? Mutter sagt: Damals hat es immer im Winter geschneit. Nicht so wie heute. Die Kinder kennen ja gar kein Schnee mehr. Die Kinder kennen sowieso gar nichts mehr. Außer Fernsehen und Gewalt.

Nächste Station Haltern am See. Ausstieg in Fahrtrichtung rechts. Haltern am See: Tor ins Ruhrgebiet. Mancher erinnert sich: Vor ein paar Jahren das Flugzeugunglück. Ein Selbstmörder steuert eine Boing gegen die Alpen. In dem Flieger eine Schulklasse aus der Gegend. Abifahrt nach Barcelona. Man besuchte La Rambla, die Sagrada Família und die Fußballfans Camp Nou, Messis Heimatverein. BILD schrieb: Der Pilot war depressiv. Eine ganze Stadt trauert, ein ganzes Land trauert.

Wikipedia lehrt, ein Selbstmord ist entweder aktiv, passiv oder aktiv erweitert. Bei einem aktivem erweiterten Selbstmord nimmt man noch weitere Personen mit. Zum Beispiel: Ein kranker Katholik, der sich in einem Beichtstuhl während der Sonntagsmesse kurz vor der Kommunion in die Luft jagt und hierbei ein Rudel gläubige Christen mit ins Paradies nimmt, begeht einen aktiven erweiterten Selbstmord. Ein geisteskranker Diktator, der sich tot hungert, weil seine Hauptdirne verstorben ist und sein Volk gleich mit verhungern lässt, einfach kein Brot mehr gibt, begeht zum Beispiel passiven, erweiterten Selbstmord.

Wenn sie kein Brot haben, sollen sie Kuchen essen“, sagte Marie Antoinette. Diese Worte der berühmten französischen Königin haben nichts mit Selbstmord und Haltern am See zu tun, sind mir aber gerade in den Sinn gekommen. Er, der Satz, ist aber eine Fake News. Historiker sagen, sie hat das nie gesagt. Mutter sagt, glaub nicht alles, was du liest. Ne, glaube ich nicht.

Haltern am See. Tor ins Ruhrgebiet oder Tor ins Münsterland. Das ist ja Ansichtssache. Das kommt auf die Perspektive an, also Richtung. So spricht der Bochumer vom Tor zum Münsterland, der Münsteraner vom Tor ins Ruhrgebiet. Im Sommer ein großes Zusammentreffen und Begucken. Wer kein Geld für Nord-, Ost- oder Bodensee hat, schwimmt gerne ein paar Bahnen im Haltener See. Hier trifft Bergbau auf Schweinemast, Zeche auf Acker. Am See ähnlich viele Münsterländer wie Menschen aus dem Revier. Man gafft und staunt über die Kultur des Anderen: „Hast du den gesehen?“ „Ja, so was aber auch.“ „Sowas sieht man bei uns ja nicht“ „Ne, er in Tigerbadehose und die Alte dackelt demütig mit ihren Gören ein paar Meter hinter ihrem Macker her.“ „Ja, fünf Gören hatte die, die Jüngste vielleicht acht. Und alle am Rauchen.“ Man lästert und lächelt. Auf beiden Seiten.

Ein Bekannter eines Freundes kennt jemand, der hier wohnt. Jeden Tag pendelt der nach Münster. Arme Sau, denke ich, als ich in Haltern am See aussteige. Aber im Sommer ein See vor der Haustür. Man muss sich das Glas halbvoll vorstellen, nicht halbleer, dann geht es. Münster Marketing sagt: Münsterland, Toscana des Nordens. Das ist mal ein halbvolles Glas.

Über Montage, Handtrockner und die Bedeutung einer warmen Mahlzeit

Kalter Reis im Blechpott mit scharfem Huhn überm Teelicht

Münster. Montag, 8 Januar. Mittagspause. Ich sitze bei einem Chinesen oder Thailänder bestelle Reis mit Huhn. Manchmal bestelle ich auch Schwein mit Reis oder was anderes. Nur Fisch bestelle ich eigentlich nicht, weil ich nicht weiß, wo der Fisch herkommt und man den Leuten ja nicht unter den Rock gucken kann oder in die Küche.
Also ich bestelle Reis mit Huhn und gucke mich um. Hier und da sitzen ältere Herrschaften in dem Restaurant. Man unterhält leise über den Tisch hinweg; Einkaufstipps, Gerüchte über die Nachbarn, Besorgungen, die noch erledigt werden müssen. Über den Tisch hinweg wird getuschelt, geredet, geklärt.
„Einmal die Achtzehn. Bitte, der Herr. Guten Appetit wünsche ich.“ Der Tisch gegenüber bekommt sein Essen. Man konzentriert sich auf Reis mit Huhn oder Reis mit Ente. Genau lässt sich das von meinem Tisch nicht ausmachen.
„Geht es dir jetzt besser?“ Ein Mann nickt. „Bisschen besser.“ Seine Frau guckt erleichtert. Gott sein dank, es geht ihm besser, steht in ihrem Gesicht. Ja, Essen hilft, denke ich. Frei übersetzt,  sagten das schon die alten Ägypter. Und man braucht was Warmes im Bauch, das sagte schon meine Mutter. „Hast du heute was Warmes gehabt? Du weißt, wie wichtig es ist, was Warmes im Bauch zu haben?“, fragt sie immer. „Ja, Mutter“, sage ich dann, auch wenn ich gar nicht Warmes hatte. Ich weiß aber auch nicht, warum es wichtig ist, was Warmes im Bauch zu haben. Ich glaube, so einem Bauch ist es ganz egal, ob das Essen warm ist oder nicht.
Ich gehe mir kurz die Hände waschen, bevor der Reis mit Huhn, kommt. Ich habe das von Hause mitbekommen. Das sagt man so, dass man was von zu Hause mitbekommen hat. Ich habe mitbekommen, dass man sich vor dem Essen die Hände wäscht.
Tatsächlich kenne ich Restaurants und Gaststätten, wo man sich vorher nicht die Hände waschen möchte. Sie, die Händen, sind nachher gefühlt dreckiger als vorher, vom Gefühl dreckiger. Also wenn das Klo aussieht wie die WC Anlage auf der A1 Parkplatz Buddenkuhle, dann hat man so ein Gefühl von Dreck. Die Frau sagt immer, dass sie bestimmt wieder Herpes kriegt, nachdem sie auf solchen Klos war. Ich kriege kein Herpes auf solchen Klos. Ich kriege allerdings auch kein Herpes, habe ich noch nie bekommen. Man sagt, alle kriegen Herpes, aber bei manchen drückt sich das nicht äußerlich, über die Haut, aus. Bei mir drückt sich das Herpes nicht äußerlich aus.
Das Klo beim Thailänder oder beim Chinesen ist recht sauber. Hier kriegt auch die Frau kein Herpes, denke ich. Allerdings haben sie einen Fön für die Hände auf dem Klo. Ich lehne den Fön für die Hände ab. Seine Hände unter einen Fön zu halten, weil man Papiertücher sparen oder Stoffhandtücher nicht waschen möchte, empfinde ich als unangenehm. Ich nutze aber auch selten einen Haarfön. Föne sind keine Dinge, die ich vermissen würde, wenn es sie nicht gäbe. Ich würde auch den Erfinder des Föns nicht auf die Schulter klopfen und ihm für seine Erfindung danken. Der Fön ist für mich eine überschätzte Erfindung. Der Handfön sogar ein Unding. Der Handfön beim Chinesen oder Thailänder heißt Air Wolf, das soll wohl seine Stärke ausdrücken. Wegen dem Wolf im Namen. Ein Wolf ist ein starkes Tier. Der Air Wolf ist ein starker Hand Fön.
Als ich vom Händewaschen vor dem Essen zurückkommen, steht meine Bestellung schon auf dem Tisch. „Die Nummer Sechsundvierzig. Bitte, der Herr. Guten Appetit,“ ruft die chinesische oder thailändische Kellnerin. „Danke.“ Ich lasse es mir schmecken. Klappt aber nicht, weil es eben nicht schmeckt. Wenn sie mich nachher fragt, wie das Essen geschmeckt hat, werde ich sagen, dass das Huhn wenigstens dreimal getötet wurde, so zäh ist das. Und der Reis? Der ist kalt. Das werde ich nachher sagen, wenn man mich fragt. Und Trinkgeld gibt es auch nicht. „Trinkgeld? Niemals. Ich habe noch nicht mal etwas warmes im Bauch“, werde ich sagen, wenn man mich fragt. Ein Pluspunkt ist die Würze Man soll nicht nur schimpfen, sondern auch schauen, wo man loben kann. Das Essen ist scharf. Ein Extrapott scharfe Soße steht auf dem Tisch, um es noch schärfer zu machen.
Zu Hause habe ich auch eine scharfe Soße, mit der ich meine mißratenen Kochversuche zu retten versuche. Hier im chinesischen oder thailändischen Restaurant stehen die Pullen scharfe Soße auf jedem Tisch. Der Gast darf den kalten Reis gerne schärfen und das zweifellos tote Tier kann auch einen Schlag scharfe Soße vertragen. So geht es. Wenn es nicht schmeckt, mach es scharf. So kriege ich den Teller leer.
Ich winke nach der Rechnung, also der Kellnerin. Schwups steht eine Chinesin oder Thailänderin am Tisch.
„Hat es Ihnen geschmeckt, der Herr?“
„Sehr gut. Danke.“ Oh, ich verabscheue mich.
„12,40 Euro, bitte. Der Herr“
„Vierzehn, danke.“ Oh, wie ich mich verabscheue. Ich reiche ihr einen Zwanziger.
„Danke der Herr.“ Sie lacht, lacht mich aus und gibt mir auf Zwanzig heraus. Und ich? Ich schäme mich für meine Feigheit. Nicht in der Lage ihr die Wahrheit zu sagen. Auch noch die Lüge mit einem Trinkgeld unterstreichen. Ja, ich schäme mich. Und später gibt es auch noch Bauchschmerzen wegen der scharfen Soße. „Von so einer scharfen Soße hat man zweimal was“, sagt die Frau immer. Beim zweiten Mal werde ich mich daran wieder erinnern. Und schämen. Und der Reis war auch kalt. Noch nicht mal was Warmes im Bauch. Dabei ist das so Wichtig, was Warmes im Bauch zu haben, sagt Mutter immer. Gerade an einem Montag. Zu Beginn der langen Arbeitswoche braucht man was Warmes im Bauch. Ach Montag. Du …du Air Wolf.

Noam Chomskys „Requiem für den Amerikanischen Traum“ oder Schweineöhrchen für Mutter – ein Buchempfehlung

Schweineöhrchen in ihrer charakteristischen Herzgestalt

 

Noam Chomskys „Requiem für den Amerikanischen Traum“ oder Schweineöhrchen für Mutter – ein Buchempfehlung

Ich bin Schweineöhrchenprofi. Ein Schweineöhrchen ist ein süßes Kleingebäck aus Blätterteig. Zur Herstellung wird zunächst Blätterteig auf reichlich Streuzucker ausgerollt und gefaltet. Anschließend werden die Stücke gebacken, der Zucker karamellisiert. Durch eine regional unterschiedliche Schweineöhrchenfaltung entsteht die typische Herzform des süßen Kleingebäcks. Die Größe der Schweineöhrchen variiert. In manchen Regionen haben sie fast Tellergröße. Wichtig: Nach dem Backen Schweineöhrchen mit Puderzucker bestreuen oder mit dunkler Kuvertüre überziehen. Während der Backzeit kann man gerne ein gutes Buch lesen, zum Beispiel Chomskys „Requiem für einen amerikanischen Traum“. Aber Achtung: Vergessen Sie nicht das süßes Kleingebäck aus ihrem Ofen zu nehmen, sonst sehen sie wie auch dieser Chomsky irgendwann schwarz.

Sonntag, 15 Uhr. Mit Kleinkind und Kleingebäck bei Mutter. „Ach Junge, was haben wir bloß falsch gemacht?“, fragt Mutter und guckt ernst über mein selbstgebackenes Schweineöhrchen. „Wir haben dich doch auch nicht anders erzogen als den Jens-Peter. Und der Jens Peter arbeitet jetzt in der Wirtschaft. In England, weißt du?“ Ich nicke. „Ich weiß“, sage ich. „Und der hat sich jetzt schon sein zweites Haus gebaut. In England und eines Amerika. Mit Carport. Und drei Kinder hat der Jens-Peter. Den Jens-Kevin, den Jens-Kelvin und den Jens-Melvin. Ja, und am Wochenende ist der Jens-Peter trotzdem immer bei seinen Eltern und hilft im Garten. Ach Junge, wann hast du denn das letzte Mal im Garten geholfen?“, fragt Mutter,und knuspert dabei sichtlich ohne Appetit an ihrem Schweineöhrchen rum (dabei ist Schweineöhrchen eigentlich ihr Lieblings-Gebäck). Aber bei dem Jungen, so steht in ihrem Gesicht geschrieben, vergeht ihr sogar darauf der Appetit.

Mutter, du hast doch überhaupt keinen Garten“, sage ich trotzig. „Ach Junge“, sagt Mutter, zieht sich für alle hörbar die Rotze in der Nase hoch und guckt traurig zu ihrem Enkelkind, meiner Tochter, was neben mir sitzt. Wie hat der Junge so ein wundervolles, hübsches Kind bloß hingekriegt, sagt ihr Blick. Sie hat sich nichts vorzuwerfen, aber was soll aus dem Kind bloß mal werden, also bei dem Vater. Das Kind, ein zweijähriges Mädchen, grinst. Es weiß auch nicht, was es mal werden will und wie ich es hingekriegt habe, und ich werde es meiner Mutter und dem Kind auch nicht verraten. Ich möchte auch nicht wissen, wie mich meine Mutter hingekriegt hat. Ganz sicher nicht.

Das Kind und ich sitzen bei meiner Mutter wie jede Woche in der Küche und wie jede Woche ich höre mir an, was ich alles in meinem Leben falsch gemacht habe. Eigentlich alles, so der Tenor. Sie liebt mich natürlich trotzdem, schon weil ich ihr Sohn bin und damit eben Familie. Familie ist wichtig, das Wichtigste. „ Da könntest du sogar bei diesen Grünen sein, dann würde ich dich auch noch lieben, Junge“, sagt sie gerade. Das sagt sie auch jede Woche, diese Sache mit den Grünen. Die Grünen sind der Mutter rotes Tuch, denke ich, putze mit einem weißen Tuch die Sahne von der Tapete, die das Kind gerade dahin geschmiert hat. Die Grünen, sie meint die neue Mitte, die gerade mit der FDP und CSU koalieren will, sind für meine Mutter immer noch Bombenleger, die ihre Rente streichen und uns in die Arbeitslosigkeit treiben wollen. Die gucken nur, dass alles teurer wird, sagt Mutter immer. Die gucken, dass alles teurer wird, sagt sie auch mit einem halben Schweineöhrchen zwischen den Mundwinkel heute wieder. Wenn am Montag die Milch oder die Kartoffeln wieder teurer sind, waren das, laut meiner Mutter, die Grünen. Und mit dem Geld pflanzen sie dann wieder einen Baum oder stellen dem Onkel Bernd ein Windrad vor die Haustür. Das haben die Grünen nämlich gemacht, dem Onkel Bernd ein Windrad vor die Nase gestellt. Onkel Bernd kann gar nicht mehr ruhig schlafen, weil das Windrad sich so laut dreht. Schon ganz krank ist der Onkel Bernd geworden. Und Tante Helga, die Frau von Onkel Bernd, muss sogar Medikamente nehmen, weil sie ganz bekloppt geworden ist. Wegen dem Windrad. „Und wie sieht das denn aus? Überall diese Windräder. Einsperren sollte man die, diese Grünen“, sagt Mutter, also heute beim Schweineöhrchen, ihrem Lieblingsgebäck und ihren Geschichten, ihren Geschichten über den Jens – Peter.

Ach Junge, was haben wir bloß falsch gemacht?“, fragt Mutter wieder. Dabei haben sie auf den ersten Blick gar nichts falsch gemacht. Ich habe eine Arbeit, sogar eine, die mir Spaß macht. Ich habe auch ein Kind, eine Frau und ein Geheinrezept für Schweineöhrchen. Aber mit dem Jens Peter kann ich nicht mithalten. Der Jens Peter hat nämlich Wirtschaft studiert. In England. Und jetzt arbeitet dieser Jens Peter bei einem Reifenkonzern im Büro und ist Chef und verdient sich den Arsch wund. Deswegen hat er auch Häuser. Eines in England und eines mit Carport in Amerika.

Das kann ich tatsächlich nicht sagen, dass ich mir den Arsch wund verdiene. Und Häuser habe. Ne, ein Fahrrad habe ich und einen Schrebergarten. Schrebergarten, die Villa des kleines Mannes.. Das ist eben der Unterschied zwischen dem Jens Peter und mir. Ich habe Philosophie studiert und einen Taxischein gemacht. Auch nett, aber nichts zum Arsch wund verdienen. Der Jens Peter hat Betriebswirtschaft studiert und ist jetzt Chef. Jetzt verdient der Jens Peter sich den Arsch wund – das macht Mutter immer, Artikel vor die Vornamen setzen. Ich hasse das – jetzt verdient der Jens Peter sich den Arsch wund, damit er sich noch ein drittes Haus kaufen kann. Mit Carport und Garten und sicher kriegt er auch noch ein biertes Kind. Mal ein Mädchen. Weil so einer hat genug Saft im Luststengel, der kriegt auch vier Kinder hin.

Mutter, ich arbeite auch nicht weniger als Jens Peter. Die Einkommensschere, die ist Schuld. “, sage ich in einer Lautstärke, die sogar der Tochter missfällt. Statt Sahne zu malen, fängt sie an zu heulen. „Sprich nicht so über den Jens Peter“, sagt Mutter. „Guck, dass Kind weint auch schon, weil du so schlecht über den Jens Peter redest.“ „Ach Mutter. Lass mich doch endlich mit diesem Jens Peter zufrieden.“ „Ach Junge. Bald wählst du auch noch die Grünen, was?“ Ach Mutter, denke ich und spreche wirklich lieber nicht.

Letztens habe ich von Noam Chomsky „Requiem für den Amerikanischen Traum“ gelesen. Da beschreibt Chomsky die Lächerlichkeit des Amerikanischen Traums. Vom Tellerwäscher zum Millionär, das gab es vielleicht mal. Jetzt gibt es das ganz sicher nicht mehr, sagt er. Er spricht über Amerika. Also dem Land, wo der Jens Peter sein zweites Haus mit Carport hat. Aber er könnte auch über Europa reden. Die Reichen und Mächtigen haben vor allem ein Ziel, nämlich noch reicher und mächtiger zu werden. Die Demokratie dient ihnen nur als Werkzeug, die Massen ruhig zu halten, ihnen das Gefühl zu geben, dass jeder den Aufstieg schaffen kann. Schweineöhrchen für alle. Ne, das ist laut Chomsky eine Blödsinn. Den gesellschaftlichen Aufstieg kann nicht jeder schaffen. Arm bleibt meistens arm. Die Klassen bleiben unter sich. Das war so, das ist so, das wird so bleiben.

Wenn man Philosophie studiert, kann man das ganz sicher nicht schaffen, sagt Mutter und da hat sie und der Jens Peter leider recht. Mit den Grünen hat das nichts zu tun. Die wollen leider auch schon lange keine gerechtere Welt mehr. Das Windrad ist hier nur noch Symbol. Aber den Traum einer besseren Welt, vielleicht sogar den alten amerikanischen Traum, das wir alle gleich sind, und es alle schaffen können, dass der Fahrstuhl durch die sozialen Schichten für alle offen ist, diesen Traum haben auch die Grünen begraben. Und Chomsky singt das Totenlied, den Abgesang auf den amerikanischen Traum. Ich glaube, dass ist die Botschaft des Buchs, denke ich und gucke traurig zu Kind und Mutter. Schweineöhrchen bleibt Schweineöhrchen. Arm bleibt arm und Schuster bleib bei deinen Leisten, sage ich und streichle der Tochter das Köpfchen.

Ach Junge“, sagt Mutter, streichelt mir das Köpfchen. „Ja, Mutter?“, frage ich, verwundert über so viel Zärtlichkeit. „Aber Schweineöhrchen, das muss ich dir lassen, Schweineöhrchen kannst du.“ Na, immerhin etwas, denke ich und beiße selber noch einmal in mein süßes Kleingebäck.

Noam Chomsky, Requiem für den amerikanischen Traum, Kunstmann Verlag, 2017