Hoffmanns Büdchen (67) -Herr Hoffmann und die Kirche

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Vor ihm stehen zwei Messdiener.

„Na Jungs, schon wieder Karneval?“, lächelt Herr Hoffmann gutmütig.

Jetzt lachen auch die beiden Jungs.

„Wir sind echte Messdiener“, erklären sie dem Büdchen Betreiber. Drüben in der Kirche ist gleich Messe und sie brauchen noch ein paar Nüsschen zur Beruhigung.

Herr Hoffmanns Lächeln verschwindet. Der Kiosk Mann versteht. Kurz guckt er verstollen nach recht und links, ob jemand mithört.

„Soll ich euch verstecken, Jungs?,“ tuschelt er über die Theke.

Die gläubigen Knaben gucken verstört. Sie brauchen doch nur Nüsschen. „Was meint der Mann?“, denken sie und verlassen ohne viele Worte und Nüsschen den Kiosk. Der Büdchen Betreiber ist ihnen offensichtlich unheimlich.

„Hmm? Scheinbar dieses Mal kein Missbrauch bei dem Verein. Aber lieber einmal zu viel fragen“, denkt der Büdchen Betreiber wieder alleine hinter der Theke

„Messdiener?! Sachen gibt’s“, flüstert er, widmet sich wieder seiner Zeitung.

Hoffmanns Büdchen (58) – Hoffmanns Kunst oder Sieben Tage Büdchen

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke.

„Nächstes Jahr ist wieder Documenta. Fährst du hin, Herr Hoffmann?“, fragt Lukas, Langzeitstudent und Kiosk – Stammkunde.

„Nein“, sagt Herr Hoffmann kurz und knapp.

„Das ist die größte Kunstschau der Welt. Also…“

„Ich weiß, was die Documenta ist. Aber ich muss arbeiten.“

„Du kannst doch mal für einen Tag zumachen,“ meint Lukas.

„Nein, kann ich nicht. Sieben Tage, sonst rechnet sich das Büdchen nicht“, sagt Herr Hoffmann.

„Das ist ja eine ziemlich blöde Arbeit“, sagt Lukas, verzieht das Gesicht.

Auch Herr Hoffmann verzieht das Gesicht, will antworten, aber da läutet das Türglöckchen.

Es ist Herr Ärmel.

„Hallo zusammen.“

„Hallo Herr Ärmel“, sagt Lukas.

„Hallo“, grüßt auch Herr Hoffmann.

„Was gucken Sie denn alle so komisch?“, will Herr Ärmel wissen.

„Herr Hoffmann kann nicht zur Documenta, weil er arbeiten muss. Sieben Tage die Woche. Nie Urlaub. Jeder Lohnsklave führt ein besseres Leben“, jammert Lukas ironisch. Herr Hoffmann guckt böse zu ihm rüber.

„Wenn der Laden so wenig abwirft, macht ein Tag den Braten aber auch nicht fett“, sagt Herr Ärmel.

„Genau“, bestätigt Lukas. „Mein Reden, sehr richtig, Herr Ärmel.“

Herr Hoffmann will gerade antworten, da geht erneut das Türglöckchen. Und es ist wieder ein Stammkunde. Was ist denn heute los? Es ist Michael. Schnorrer Michael.

„Hallo zusammen“, sagt Michael und winkt leicht schüchtern. Michael ist nicht besonders selbstbewusst.

„Hallo Michael.“

„Michael.“

„Hallo.“ Die Anderen grüßen freundlich, aber ohne Winken.

„Was guckt ihr denn so?“, fragt Michael. Auch er hat gleich bemerkt, dass in dem Büdchen etwas in der Luft liegt.

„Herr Hoffmann kann nächstes Jahr nicht zur Documenta. Er geht bankrott, wenn er sich mal frei macht“, erklärt Herr Ärmel dem Schnorrer.

„Soll ich dir das Geld leihen, Herr Hoffmann?“, fragt Michael, aufrichtig betroffen.

„Jetzt reicht es aber“, sagt Herr Hoffmann aufgebracht. „Du bezahl erst einmal deinen Deckel“, sagt er zu dem ewigen Schnorrer.

„Einverstanden“, sagt Michael für alle überraschend. „Ich bezahl den Deckel und du, Herr Hoffmann, nimmst einen Tag Urlaub und fährst Kunst gucken.“

„Wisst ihr was?“ Jetzt mischt sich wieder Herr Ärmel ein. „Ich bezahle Michaels Deckel und Herr Hoffmann sagt hier und heute fest zu. Wir fahren alle zusammen nach Kassel.“ In seiner Euphorie bemerkt Herr Ärmel gar nicht, dass er sich gerade selber eingeladen hat. Doch Lukas, und ja auch Schnorrer Michael feiern den Entschluss.

„Ich…“ Herr Hoffmann will noch was sagen.

„Jetzt wird der Mund gehalten, Herr Hoffmann“, lacht Michael.

Herr Hoffmann fühlt sich überrumpelt. Echt, jetzt wirklich, er weiß nicht, ob das jetzt gut war.

Vor der Theke stehen Michael, Herr Ärmel und Lukas und freuen sich auf den gemeinsamen Ausflug. Für sie war, ja, ist es gut.

Hoffmanns Büdchen (55) – Hoffmanns Schulkamerad

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Das Türglöckchen läutet und ein Mann in ungefähr Herrn Hoffmanns Alter betritt den Kiosk.

„Herr Hoffmann. Hallo“, grüßt der Mann überschwänglich.

„Ja… guten Tag“, sagt Herr Hoffmann verhalten.

„Erkennst du mich nicht?“, fragt der Mann lachend.

Herr Hoffmann nickt. Er erkennt ihn nicht.

„Dein alter Schulkamerad. Albert“ Der Mann lacht immer noch.

„Ach, der Albert“, sagt der Büdchen Betreiber. Herr Hoffmann erinnert sich immer noch nicht.

Der Mann kauft ein paar Nüsschen und eine kleine Flasche Wasser. Beim Bezahlen zeigt er auf die Straße. Vor Hoffmanns Büdchen steht ein dicker, ein wirklich dicker BMW.

„Muss weiter. Ja, das Auto. Geht leider nicht ohne. Meine Partner erwarten das. Aber zu Hause bin ich, sind wir bio“, sagt der Mann, der Albert heißt. „Aber so ist das nun mal“, fügt er mit Lachen hinzu.

Herr Hoffmann nickt. „Ja, so ist das nun mal.“

„Du, ich muss weiter. Wir kriegen heute unser Solardach. Neu gebaut. Ökohaus. Aber du kennst das ja.“ Herr Hoffmann nickt. Ja, er kennt das ja.

„Herr Hoffmann. Bis dann“, sagt der Mann mit einem letzten Grinsen.

„Bis dann, Adolf“, sagt Herr Hoffmann.

„Albert“, sagt der Mann ernst. „Ich heiße Albert.“

„Ja, Albert genau“ , sagt Herr Hoffmann und endlich grinst Herr Hoffmann auch einmal.

Hoffmanns Büdchen (54) – Hoffmanns Elend, Mindestlohn Bürger oder die Dritte Klasse

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke, frühstückt. Es ist kurz nach zehn Uhr und Herr Hoffmann hat gerade seinen Kiosk aufgeschlossen und den Zeitungsaufsteller rausgestellt (BILD schreibt:“Automobilclub wettert gegen Grünzilla“, „Meine wilde Party Nacht mit Prinz Harry“).

Vor dem Öffnen war er noch beim Billig-Bäcker, der erst letztes Jahr die Straße runter eine Filiale aufgemacht hat. Er hat sich einen großen Milchkaffee und eine Laugen-Ecke, wie so oft morgens, gekauft, und sich, wie so oft morgens, über die gute Laune der Verkäuferin gefreut.

Die Frau hinter der Kasse ist ein Sonnenschein. Sicher nicht nur für Herrn Hoffmann, denkt Herr Hoffmann. Sie grüßt immer freundlich, lächelt und Herr Hoffmann nimmt ihr das Lächeln sogar ab. „Und das ist nicht selbstverständlich“, weiß Herr Hoffmann. „Das ist ganz und gar nicht selbstverständlich“, sagt er zu sich selber.

Herr Hoffmann weiß nicht, ob die Frau glücklich mit ihrem Job ist. Wie auch? Er weiß auch nicht, ob sie mit dem Geld auskommt. Er weiß nicht, wieviele Mäuler sie mit ihrem Gehalt stopfen muss, und ob sie sich abends die Haare rauft, weil das Geld vorne und hinten nicht reicht. Er weiß ja noch nicht mal, wie sie heißt. Das Einzige, was er weiß, ist, dass sie immer freundlich zu ihm und auch zu den anderen Gästen ist. Und so fühlt man sich auch bei ihr in der Bäckerei – und das ist alles andere als Selbstverständlich – als willkommener Gast.

Dabei hat, laut der ganzen Zeitungen, so eine Bäckereiaushilfe wahrhaftig keinen Grund freundlich zu sein oder zu lachen. Paket Botinnen, Taxifahrerinnen, Verkäuferinnen, Lieferantinnen, sie alle haben wenige Gründe zu lachen. Worüber auch: Die Einkommensschere im Land geht immer weiter auseinander und sie, die Bullshit – Jobber (Der Begriff sagt alles“, flüstert Herrn Hoffmann) zählen als ihre Verlierer. „Moderne Sklaven, Opfer“ schreiben die Zeitungen, liest man in den Sozialen Medien.

Und wenn einer dieser Opfer sagt, dass er glücklich ist, wird er auch noch angepöbelt. Mit Mindestlohn darf man nicht glücklich sein, schimpft es überall. Jedenfalls darf man es nicht sagen oder zeigen. Wer mit so einem Gehalt glücklich ist, verhindert, dass Milliarden von Menschen irgendwann einmal mehr Geld, mehr Respekt für ihre Arbeit kriegen.

„Lächeln verboten“, flüstert Herr Hoffmann und lächelt verboten. Alles moderne Arbeitssklaven laut Definition. Seine freundliche Verkäuferin müsste ihn eigentlich auch anschnauzen. Ja, ihm die Laugen-Ecke ins Gesicht spucken. „Alles Schweine“, müsste sie schreien.

Alles richtig, denkt Herr Hoffmann. Natürlich verdient sie zu wenig, die Verkäuferin, aber auch sein Stammkunde, der Paket Bote Paket Paul oder der LKW Fahrer der ihm die Waren einmal die Woche bringt. „Vielleicht“, so grübelt es im Büdchen Hirn, „vielleicht verdienen die Anderen aber auch einfach zu viel.“

Auch wenn es keiner hören will: Nicht alle mehr, sondern alle weniger ist für Herrn Hoffmann die Lösung.

„Aber manches darf man vielleicht wirklich nicht sagen, ohne es schlimmer zu machen“, grübelt Herr Hoffmann laut und traurig.

Da läutet sein Türglöckchen, Herr Hoffmann lächelt. Guten Tag, grüßt er freundlich hinter seiner Theke.

Hoffmanns Büdchen (32) – Alter weißer, geiler Mann

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. „Bald ist wieder Inventur“, denkt er. Einmal im Monat macht Herr Hoffmann Inventur. Er zählt dann die Ware und jedesmal fehlt was. Seine Kunden beklauen ihn. Herr Hoffmann findet das armselig, einen Büdchen Besitzer beklauen, und die letzten Wochen ist er noch mißtrauischer geworden. Mit Mundschutz ist der Gauner kaum zu erkennen, denkt der Büdchen Besitzer und forscht im Internet nach Sicherheitstechnik für den kleinen Geldbeutel. Seine Stammkunden hatten natürlich auch ihre Ideen: Videoüberwachung, Lichtschranken, Sicherheitspersonal, Security und die Anstecker, die immer in der Neuware klemmen und die erst an der Kasse entfernt werden. Aber Herr Hoffmann war nicht sehr überzeugt.

„Nächste Woche ist Inventur. Dann sehe ich es wieder“, denkt Herr Hoffmann traurig.

Das Türglöckchen läutet und holt ihn aus seinen schweren Gedanken. Drei Schülerinnen sprengen seinen Laden. „Mundschutz, langsam, hintereinander“, schreit Herr Hoffmann, doch die Schülerinnen geben wenig auf die Worte des alten weißen Mannes. „Verkaufen sie auch Sex-Magazine?“, fragt die Lauteste von ihnen, während sie seine Zeitungen durchblättert. „Nein“, ängstlich schaut Herr Hoffmann auf seine Ausgaben. „Bitte liegen lassen“, ruft er ein wenig zu verzweifelt. Die anderen Mädchen lachen, wodurch sich die Anführerin bestärkt fühlt. „Na, unter der Theke haben sie doch sicher noch was liegen, alter weißer, geiler Mann.“ Sie grinst überlegen. Herr Hoffmann ist sprachlos. Da geht das Türglöckchen. Es ist Paket Paul. Paket Paul war noch nie sprachlos. Nach wenigen Augenblicken hat er die Situation durchschaut. „Einmal die Täschchen öffnen, verdeckte Drogenkontrolle”, schreit er und baut sich in seinem Paketboten-Uniform vor den fiesen Schulmädchen auf. Dem Trio fällt die Farbe aus dem Gesicht, ein panischer Blickwechsel und sie rennen wie vom Teufel gestochen aus dem Kiosk. Paket Paul klopft stolz über seine Uniform. „Einmal die Täschchen öffnen, verdeckte Drogenkontrolle?“ Herr Hoffmann kratzt sich am Kopf. „Hätte auch nicht gedacht, dass die das glauben.“ „Ja, die waren auch ein bißchen dumm. Danke.“ Herr Hoffmann nickt noch einmal anerkennend Richtung Paket Paul, sie lachen noch einmal über die ganze Dummheit, dann widmet sich jeder wieder seiner Arbeit.