Notizen aus dem Reihenhäuschen – Pasquill

(Das bzw. der Pasquill (italienisch: „kleiner Pasquino“, auch: die Pasquinade) ist eine Schmäh- oder Spottschrift, die verfasst wird, um eine bestimmte Person zu verleumden oder in ihrer Ehre zu verletzen. Quelle: Wikipedia)

Martin hat eine neue Freundin. „Die Helga“. So hat sie sich vorgestellt. „Hallo, ich bin die Helga.“ Das Kind hat die Helga gesehen und gelacht. „Du bist ja ganz fett“, hat das Kind gesagt. Wir haben alle mehr oder weniger gelacht. Mehr das Kind, wir anderen weniger. Jedenfalls besucht die Helga den Martin jetzt immer am Wochenende. Martin und Helga haben sich für eine Fernbeziehung entschieden.

Fernbeziehungen sind Rollenmodelle, die in einer eingeschlechtlichen, zweigeschlechtlichen oder anders- geschlechtlichen Partnerschaft eingegangen werden, damit man den Druck aus der Spritze bekommt.

Später gehen das Kind und ich einkaufen. Das Kind möchte wissen, was eine Fernbeziehung ist und warum Martin immer so traurig guckt, wenn die Helga wegfährt. Bei einer Fernbeziehung wohnen die Partner an verschiedenen Orten, erkläre ich dem Kind. Auf Grund des Berufes, Verpflichtungen die sich aus früheren Lebensgemeinschaften ergeben, manchmal aber auch medizinischen Gründen, hier sind als Beispiele eine asthmatische Erkrankungen oder eine Pollenallergie zu nennen, ist es nicht möglich, zusammenzuziehen. Oft sind alle deswegen sehr traurig.

Das Kind und ich stehen an der Supermarktkasse. Das Kind sagt, dass es auch sehr traurig ist. Leider versucht es in seiner Trauer ein paar Süßigkeiten zu mopsen und wird vom Filialleiter des Diebstahls überführt. Ich versuche mich für das Kind zu entschuldigen, aber das Kind weiß sich selber zu helfen. Erst kratzt es sich am Po, dann schreit es aus allen Rohren. „Meine Scheide brennt“, kreischt es, schmeißt sich auf den Boden. „Meine Scheide.“

Ich kenne diese Auffälligkeiten bei ihr schon, andere nicht. Böse Blicke erreichen den Filialleiter: Ein Kleinkind, ein älterer Herr in einem grauen Supermarktkittel, der das Kind offensichtlich gegen dessen Willen festhält, eine brennende Scheide. Der Fall ist für das Publikum klar und das Kind kommt ohne Strafe davon, darf sogar die Süßigkeiten behalten. Trotzdem werden wir hier nicht mehr einkaufen. Nicht der erste Supermarkt, denke ich.

Studien zeigen, Fernbezieher ziehen es früher als andere vor, wieder wieder alleine zu leben. Sächsische Wissenschaftler (vielleicht auch niedersächsische, das spielt hier gar keine Rolle) haben in einer mehrjährigen Langzeitstudie, dass Verhalten der Fernbezieher zum Benzinpreis analysiert und gezeigt, dass Forschung nicht immer sinnvoll ist.

Wieder zu Hause klingelt das Kind beim Nachbarn und fragt, ob Martin und die dicke Helga auf Grund des Berufes, Verpflichtungen, die sich aus früheren Lebensgemeinschaften ergeben oder aus medizinischen Gründen nicht zusammenziehen. Martin erklärt darauf meine Tochter zur persona non grata und schmeißt seine Tür zu. Das Kind bleibt mit vielen Fragen vor der Tür zurück. Aber so ist das in dem Alter. Wichtig: Für mich bleibt das Kind eine persona gratissima.

(Als Persona non grata bezeichnet man den Status eines Angehörigen des diplomatischen Dienstes oder einer anderen Person, deren Aufenthalt von der Regierung des Gastlandes per Notifikation nicht mehr geduldet wird. Das Gegenteil ist die persona grata beziehungsweise die persona gratissima. Quelle: Wikipedia)

Notizen auf dem Reihenhäuschen – Homeoffice

Ich bin im Homeoffice. Das Kind liegt auf dem Bett und hat versprochen mich nicht zu stören. Es guckt sich ein Buch an, ein Vogelbuch, und wackelt mit den Füßen. Ich fühle mich nicht gestört.

Ich sitze an meinem Schreibtisch und überlege, was ich heute in mein dystopisches Glossenportal huste. Ich nenne das Arbeit.

Papa? Das Kind hat aufgehört, in das Buch zu gucken. Papa? Jetzt guckt es mich an.

Ich fühle mich immer noch nicht gestört. Papa? Was ist das für ein Vogel?, fragt es. Das Kind steht mit dem Buch neben meinem Schreibtisch. Du hast versprochen, mich nicht zu stören, sage ich, versuche dabei ein wenig Vorwurf in die Stimme zu legen. Das Kind kennt Vorwurf noch nicht, lacht und legt das Vogelbuch auf meinen Tisch, es zeigt auf einen Pfau. Ich fühle mich vielleicht doch gestört. Das ist ein Pfau, sage ich. Kann der fliegen?, will das Kind wissen. Ich spule mein spärliches Pfauen Wissen ab. Jetzt verzieh dich, sage ich. Das Kind gehorcht.

Die Zimmertür geht auf. Unterm Türrahmen steht eine Frau. Es ist die Mutter des Kindes, meine Frau. Klopfen war früher, denke ich, bleibe aber ruhig. Die Frau ist aufgedreht. Sie hat heiße News, sagt sie. Weißt du, wer mit wem zusammen ist? Da kommst du nie drauf. Die Frau lacht glücklich. Robert und Doro. Sie schaut mich erwartungsvoll an. Ich kenne keinen der beiden. Trotzdem lache ich kurz auf. Ich will ein  erfreutes Erstaunen zum Ausdruck zu bringen. Die Beiden, versuche ich mein Lachen zu unterstreichen. Mittlerweile fühle ich mich sehr gestört.

Die Frau fragt, warum ich so blöde lache. Auf dem Bett fängt das Kind an zu weinen. Es hat hat sich eine Kante des Vogelbuchs in die Nase gesteckt. Natürlich blutet sie Buch und Bett voll. Die Frau fragt, ob ich so komisch lache, weil das Kind blutet. Ich sage, dass ich wegen Robert und Doro lache. Die Frau guckt gar nicht mehr freundlich. Sie fragt sich manchmal, ob ich ein wenig gestört bin. Ich klappe den Deckel des Notebooks runter. Ich nicke. Vollkommen richtig, denke ich. Ich fühle mich nicht nur gestört, ich bin mittlerweile gestört.

Angst essen Seelen auf

Sommer 2019. Angst essen Seelen auf. Angst essen Deutsche auf. Ausländer nehmen unsere Frauen, unsere Arbeit, unsere Wohnungen und die Autobahnen. Angst essen Autofahrer auf. Die Ausländer kommen, rasen und wir reparieren, also die Straßen. Das ist doch gemein, oder?

Angst essen Seelen auf. Das Kind kann nur schlafen, wenn die Tür offen bleibt und das Licht im Flur brennt. Unter ihrem Bett ahnt sie Trolle, Hexen, Einhörner, Feen, ja es gibt in ihrer Welt böse Feen und Riesen, riesige Riesen-Insekten. Und Oma zittert in Fahrstühlen und in der Regionalbahn Münster-Bielefeld. Wir müssen die Ängste der Bürger ernst nehmen, sagt Politik. Krankhaft übersteigerte oder nicht rational begründbare Angst wird als Angststörung bezeichnet, sagt Wikipedia. 1974, „Angst essen Seelen auf“ erscheint. Das ist ein wirklich guter Film, aber ich bin drei Jahre alt und interessiere mich noch nicht für Filme. Dennoch: Ich bin geborgen und ich bin glücklich. Nur Nachts lässt die Mutter das Licht brennen.Wegen dem Monster unter meinem Bett. Ich habe es gesehen. Wirklich.

Internet find ich super und den Mond irgendwie auch.

Fünfzig Jahre Mondlandung. Auf der Heimfahrt oder Rückfahrt von einem Poetry Slam höre ich ein Radiofeature auf WDR5. Eine Stunde Top-Songs und Anekdoten über den Mond. Nach der Stunde weiß ich: Rein musikalisch war die erste bemannte Mondlandung ein voller Erfolg. Immerhin.

Auch wenn meine musikalische Erziehung nach ein paar Minuten C Flöte Spiel endete, begleitete auch mich der Mond in der Musik an vielen Wendepunkten meines Lebens. Kindheit: La-le-lu / Nur der Mann im Mond schaut zu / Wenn die kleinen Babies schlafen /Drum schlaf‘ auch du, sang damals nicht nur meine Mutter sondern auch Heinz Rühmann. Heute sing ich für mein Kind: La-le-lu / Nur der Mann im Mond schaut zu?

Pubertät: Kennen Sie „Walking on the moon“ von The Police? Bei diesem Klassiker der Schmusi– Schmusi – Lieder zeigte mir Monika Homann, wie man mit Zunge küsst. Wer will bestreiten, wie wichtig Schmusen für die spätere Entwicklung ist? Ich nicht.

Postpupertät: Zu David Bowie und Space Oddity nahm ich pschoaktive Pilze. Man sagt: Man erfährt auf so einer Psychoreise eine Menge über sich und lernt das Tier kennen, was man nach seiner Wiedergeburt ist. Ich werde später ein Kartoffelkäfer sein.

Fünfzig Jahre Mondlandung. Dreißig Jahre Schmusen mit Monika Homann. Ein Leben Kartoffelkäfer. In fünf Minuten steht meine digitale Playlist mit Songs, die den Mond im Titel feiern. Das Internet braucht 0,61 Sekunden für 9 777 000 Einträge. Vor dem Internet: Bibliotheken, Katalogkästen und Registerkarten. Heute 0,61 Sekunden für ein Haufen Vergangenheit und Erinnerungen. Internet? Internet find ich super und den Mond irgendwie auch.

Nachtrag: Mein Deutschlehrer belehrte uns, dass man „irgendwie“ nicht in seiner Sprache nutzen sollte. Das ist schlechtes Deutsch, sagte er. Ich sage: Mein Deutschlehrer war irgendwie ein Penner, der seine Kartoffeln auch irgendwie mit heißem Wasser kocht.