Hoffmanns Büdchen (67) -Herr Hoffmann und die Kirche

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Vor ihm stehen zwei Messdiener.

„Na Jungs, schon wieder Karneval?“, lächelt Herr Hoffmann gutmütig.

Jetzt lachen auch die beiden Jungs.

„Wir sind echte Messdiener“, erklären sie dem Büdchen Betreiber. Drüben in der Kirche ist gleich Messe und sie brauchen noch ein paar Nüsschen zur Beruhigung.

Herr Hoffmanns Lächeln verschwindet. Der Kiosk Mann versteht. Kurz guckt er verstollen nach recht und links, ob jemand mithört.

„Soll ich euch verstecken, Jungs?,“ tuschelt er über die Theke.

Die gläubigen Knaben gucken verstört. Sie brauchen doch nur Nüsschen. „Was meint der Mann?“, denken sie und verlassen ohne viele Worte und Nüsschen den Kiosk. Der Büdchen Betreiber ist ihnen offensichtlich unheimlich.

„Hmm? Scheinbar dieses Mal kein Missbrauch bei dem Verein. Aber lieber einmal zu viel fragen“, denkt der Büdchen Betreiber wieder alleine hinter der Theke

„Messdiener?! Sachen gibt’s“, flüstert er, widmet sich wieder seiner Zeitung.

Hoffmanns Büdchen (55) – Hoffmanns Schulkamerad

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Das Türglöckchen läutet und ein Mann in ungefähr Herrn Hoffmanns Alter betritt den Kiosk.

„Herr Hoffmann. Hallo“, grüßt der Mann überschwänglich.

„Ja… guten Tag“, sagt Herr Hoffmann verhalten.

„Erkennst du mich nicht?“, fragt der Mann lachend.

Herr Hoffmann nickt. Er erkennt ihn nicht.

„Dein alter Schulkamerad. Albert“ Der Mann lacht immer noch.

„Ach, der Albert“, sagt der Büdchen Betreiber. Herr Hoffmann erinnert sich immer noch nicht.

Der Mann kauft ein paar Nüsschen und eine kleine Flasche Wasser. Beim Bezahlen zeigt er auf die Straße. Vor Hoffmanns Büdchen steht ein dicker, ein wirklich dicker BMW.

„Muss weiter. Ja, das Auto. Geht leider nicht ohne. Meine Partner erwarten das. Aber zu Hause bin ich, sind wir bio“, sagt der Mann, der Albert heißt. „Aber so ist das nun mal“, fügt er mit Lachen hinzu.

Herr Hoffmann nickt. „Ja, so ist das nun mal.“

„Du, ich muss weiter. Wir kriegen heute unser Solardach. Neu gebaut. Ökohaus. Aber du kennst das ja.“ Herr Hoffmann nickt. Ja, er kennt das ja.

„Herr Hoffmann. Bis dann“, sagt der Mann mit einem letzten Grinsen.

„Bis dann, Adolf“, sagt Herr Hoffmann.

„Albert“, sagt der Mann ernst. „Ich heiße Albert.“

„Ja, Albert genau“ , sagt Herr Hoffmann und endlich grinst Herr Hoffmann auch einmal.

Hoffmanns Büdchen (32) – Alter weißer, geiler Mann

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. „Bald ist wieder Inventur“, denkt er. Einmal im Monat macht Herr Hoffmann Inventur. Er zählt dann die Ware und jedesmal fehlt was. Seine Kunden beklauen ihn. Herr Hoffmann findet das armselig, einen Büdchen Besitzer beklauen, und die letzten Wochen ist er noch mißtrauischer geworden. Mit Mundschutz ist der Gauner kaum zu erkennen, denkt der Büdchen Besitzer und forscht im Internet nach Sicherheitstechnik für den kleinen Geldbeutel. Seine Stammkunden hatten natürlich auch ihre Ideen: Videoüberwachung, Lichtschranken, Sicherheitspersonal, Security und die Anstecker, die immer in der Neuware klemmen und die erst an der Kasse entfernt werden. Aber Herr Hoffmann war nicht sehr überzeugt.

„Nächste Woche ist Inventur. Dann sehe ich es wieder“, denkt Herr Hoffmann traurig.

Das Türglöckchen läutet und holt ihn aus seinen schweren Gedanken. Drei Schülerinnen sprengen seinen Laden. „Mundschutz, langsam, hintereinander“, schreit Herr Hoffmann, doch die Schülerinnen geben wenig auf die Worte des alten weißen Mannes. „Verkaufen sie auch Sex-Magazine?“, fragt die Lauteste von ihnen, während sie seine Zeitungen durchblättert. „Nein“, ängstlich schaut Herr Hoffmann auf seine Ausgaben. „Bitte liegen lassen“, ruft er ein wenig zu verzweifelt. Die anderen Mädchen lachen, wodurch sich die Anführerin bestärkt fühlt. „Na, unter der Theke haben sie doch sicher noch was liegen, alter weißer, geiler Mann.“ Sie grinst überlegen. Herr Hoffmann ist sprachlos. Da geht das Türglöckchen. Es ist Paket Paul. Paket Paul war noch nie sprachlos. Nach wenigen Augenblicken hat er die Situation durchschaut. „Einmal die Täschchen öffnen, verdeckte Drogenkontrolle”, schreit er und baut sich in seinem Paketboten-Uniform vor den fiesen Schulmädchen auf. Dem Trio fällt die Farbe aus dem Gesicht, ein panischer Blickwechsel und sie rennen wie vom Teufel gestochen aus dem Kiosk. Paket Paul klopft stolz über seine Uniform. „Einmal die Täschchen öffnen, verdeckte Drogenkontrolle?“ Herr Hoffmann kratzt sich am Kopf. „Hätte auch nicht gedacht, dass die das glauben.“ „Ja, die waren auch ein bißchen dumm. Danke.“ Herr Hoffmann nickt noch einmal anerkennend Richtung Paket Paul, sie lachen noch einmal über die ganze Dummheit, dann widmet sich jeder wieder seiner Arbeit.

Was ist ein Poetry Slam – Teil Drei

„Und kann man davon leben?“ Diese existenzielle Frage verfolgt mich nun mein Leben lang. Früher, als ich ein Studium noch mit dem Taxi finanzierte, fragten mich die Fahrgäste, ob man vom Taxifahren leben kann. Heute, wo ich mit meinen Slam Texten auf Bühnen stehe, fragt das Publikum, ob man vom Geschichtchen schreiben leben kann.

Auf Poetry Slams, diesen Fast Food Literaturbühnen, bekommt man Fahrkosten erstattet, eine Unterkunft gestellt und ein paar belegte Brötchen geschmiert. Früher gab es Bier statt belegte Brötchen, aber heute nehmen sich die Slam Poeten sehr wichtig, so dass nicht mehr vor und während der Veranstaltung getrunken wird und man sich mit einem Smoothie und vielleicht noch einem Avocado Brötchen zufrieden gibt. Honorare gibt es eigentlich auf Slams nicht, aber bei der Fahrkostenerstattung kann man tricksen.

So gibt es Halunken, die es schaffen, umsonst durch Deutschland zu reisen, ohne einen Cent für eine Fahrkarten auszugeben. Diese Sparfüchse schließen sich während der Zugfahrt auf dem Klo ein und hoffen, nicht erwischt zu werden. Schwarzfahren nennt man diese Ninja Technik umgangssprachlich. Beförderungserschleichung ist der juristische Fachausdruck. Wie alle Ninja Techniken ist auch das Schwarzfahren eine hohe Kunst. Sie kommt aus Japan und es die Kunst der Unsichtbarkeit.

Hier ein paar Kniffe für den schwarzfahrenden Slam Poet. Es ist schwierig, in den Regionalbahnen schwarz zu fahren. Erstens wird in der Regionalbahn, also im Nahverkehr, schärfer kontrolliert. Zweitens ist der Schaffner im Nahverkehr oft kein geselliger Bursche, mit dem sich reden lässt. Horden betrunkener Fußballfans und ausgelassene Kegeldamen haben den Nahverkehrs-Schaffner zu einem Misanthropen werden lassen. Ein erbärmlicher Stundenlohn tut sein übrigens. Drittens sind die Zugklos oft kaputt, verschlossen oder in einem fäkalem Endstadium, so dass man kaum eine Möglichkeit hat, sich dort vor dem Schaffner zu verstecken.

In ICs oder ICEs ist es schon leichter, ohne Fahrkarten ans Ziel zu kommen. Hier wird nicht regelmäßig kontrolliert, die Zugklos sind bequem und bieten auch auf langen Strecken Gemütlichkeit. Sie sind wahre „Stille Örtchen“.

Der wichtigste Grund, warum der Fernverkehr dem Schwarzfahrer die Hand reicht, ist aber, dass man nachlösen kann. Wenn man also tatsächlich erwischt wird, hat man noch die Möglichkeit, zu sagen, dass keine Zeit mehr bestand, eine Karte am Bahnhof zu ziehen. Neben einer kleinen Bearbeitungsgebühr ist das nachgelöste Ticket noch nicht mal vieler teurer.

So mancher Slam Poet verdient sich also sein Lebensunterhalt mit der Schwarzfahrerei, einem Leben auf Zugklos und im ständigen Versteckspiel mit dem Schaffner.

Eine weitere Möglichkeit, sich seinen Lebensunterhalt durch Slams zu verdienen, besteht im Verkauf von Büchern, Jutebeuteln, Stickern oder kleinen Heften, die der Slam Poet für die „Bühne der lyrischen Lust“ kreativ angelegt hat.

Für zehn Euro verkauft so mancher Slam Poet Jutebeutel, auf denen zum Beispiel ein Mikrofon abgebildet ist, gerne noch mit einer kleinen Unterzeile, welche die Liebe zur Slam Poesie, unterstreicht. „The points are not the point; the point is poetry.“ Aha!

Schwarzfahren und Jutebeutel verkaufen. Zwei Wege als Bühnenliterat zu überleben, über die Runden zu kommen.

Daneben bieten sich noch Möglichkeiten wie Flaschensammeln, ein Griff in die Abendkasse des Veranstalters oder Nachts den Kollegen die erhaltenen Fahrkosten aus der Brieftasche klauen. Das sind aber Wege der Lebensunterhaltung, die auch Nicht – Slammern zu Verfügung stehen, die also nicht primär der schreibenden Zunft vorbehalten sind (und auch nicht aus Japan kommen).

Man sieht also, man kann von der Bühnenliteratur leben. Und ansonsten: Mutti fragen.