Glosse an einem Dienstag

Ab heute kann man sich die Corona App herunterladen. Sie soll, laut Herrn Spahn, die Gesundheitsämter entlasten. Die digitale Jagd hat begonnen. Wenn nur sechszig Prozent der Bevölkerung die App herunterladen und auch noch nutzen, wird alles gut, sagen sie im Radio. Ich sitze im Auto, bin auf dem Rückweg von der Kita. Natürlich kann ich auch morgens das Fahrrad nehmen, das dauert auch nicht viel länger, aber … ja, ich bin zu schwach. Außerdem kann ich im Auto Radio hören, rauchen, nachdenken. Ich überhole eine alte Frau, die auf dem Fahrrad einen Mundschutz trägt. An der Ampel stehen Schüler in Banden auf Gehwegen. Manche von ihnen haben Masken vor Mund und Nase. Ich überlege, ob sie den Schutz freiwillig tragen. Alle schauen auf ihr Handy. Im Radio sagt gerade ein zugeschalteter Hörer, dass für ihn sechzig Prozent viel klingt. Ich nicke zustimmend. Ob die Schüler die App heruntergeladen haben? Oder ihre Eltern für sie? Ich fahre an der Zukunft des Landes vorbei, überhole danach  ein zweites Mal die alte Frau. Sie ist in dem Alter meiner Mutter. Sie weiß jedenfalls nicht, wie sie die App herunterladen kann. Sie weiß noch nicht mal, was eine App ist. Manchmal fragt sie, ob sie sich ein Smartphone kaufen soll, aber sie scheitert schon an der Fernbedienung und dem Staubsaugerbeutel – Fach. Ich habe ihr abgeraten. Ein Hörer sagt, er findet alles scheiße. Ich finde es nicht gut, wenn man scheiße im Radio sagt.

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