Über das Jammern, Applausraketen und natürlich Poetry Slams

„Meine Damen und Herren, ihr Applaus. Rasten Sie aus! Jetzt! Applausrakete! Jetzt! Klatschen! Bitte, so klatschen Sie doch! Ich will eure Hände hören. Jetzt!“

Nur kann ich mich nicht mehr hören. 2019. Ein Jahr, zehn Tage alt, und ich kann mich nicht mehr hören. Fünfzehn Jahre Poetry Slam, und ich kann mich nicht mehr hören.

Dichterwettbewerbe, Autoren-Wettstreitereien. Autoren-Wettschreiereien. The point is not the points, the point is the poetry. Ach so. Na, dann danke poetry. Applausrakete. Jetzt!

Die Wikipedia sagt: „Ein Poetry Slam ist ein literarischer Vortragswettbewerb, bei dem selbstgeschriebene Texte innerhalb einer bestimmten Zeit einem Publikum vorgetragen werden.“

Der Moderator sagt: „Auf einem Poetry Slam muss man klatschen, denn Klatschen ist gesund. Hier klatschen Sie für die Poesie. Warum? Darum. Applausrakete. Jetzt!“

Darum heute Osnabrück. Sieben Teilnehmer. Einer aus Berlin. Einer ist ja immer aus Berlin. Er macht was über Berlin, weil Berliner immer was über Berlin machen. Sie wollen mit ihrem Text vor allem zeigen, dass sie was mit Berlin haben. Ich frage mich machmal, was der Berliner in Berlin liest. Aber wirklich nur manchmal.

Dazwischen, also zwischen dem Applaus, Texte über Liebe, Penispumpen, Trennung mit Schmerz, Trennung als Scherz. Kreuzreim, Paarreim, Tinderbilder und eine Frau, die ficken sagt. Sowas ist schon mutig. Dafür haben wir eine Applausrakete. Jetzt!

Der Sekt geht natürlich an die Frau mit dem Ficken-Text und Tinder. Das finden alle gut und man klatscht noch mal. Ich sage: „Applausrakete.“ Man klatscht. Das Hände-Klatschen als das neue Kreidetafel-Kratzen.

Noch eine gute Miene zum bösen Spiel. Applausrakete. Und nun wirklich ein letztes Mal: „Und klatschen Sie. Klatschen Sie, denn klatschen ist gesund.“ Und ich denke: „Ach, was ein Quatsch.“

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