150 Jahre jammern. Über die Sozialdemokratie und ihre Depressionen

Samstag, 9. Dezember 2017.  Jetzt muss die SPD also doch wieder ran. Die Republik braucht die Sozialdemokraten, um in unruhigen Zeiten Stabilität zu beweisen. Bock haben sie nicht. Wir erinnern uns: Sie wollten zu sich finden und in der Opposition wachsen, um wieder zeigen zu können, was sie denken, drauf haben.
Das können sie jetzt erst einmal vergessen, dieses „zu sich finden“. Die kontemplative Reise ins Innerste abgesagt. Exerzitien für die Genossen und Genossinnen gestrichen. Meditation hinter Klostermauern, Schweigegelübde inclusive, bis auf Weiteres verschoben.

Man wird gebraucht. Ja, ein armer Angestellter oder Beamter würde sich wegen eines Burn Outs beurlauben lassen, eine längere Auszeit nehmen, in Kur gehen. Die Partei und seine einzelnen Glieder können das nicht. Jetzt muss der seelisch, kranke Genosse seine letzten Kräfte mobilisieren und in eine weitere Groko gehen. Das steht für die Meisten innerhalb und außerhalb der SPD schon fest, dass die Groko kommt. Im Januar wird man da schon weit sein. Man kennt sich doch von früher. Ist ja nicht so, dass man nicht schon mal einen Latte zusammen getrunken hätte. Man weiß, wie der andere tickt.

Und der Preis? Danach wird der kranke Genosse und die kranke Genossin noch angeschlagener sein. Im Kopf vor allem. Vielleicht wird das sogar chronisch werden. Chronisch krank im Kopf. Das passiert, wenn man sich keine Auszeit erlaubt. Der Alptraum des Genossen: Noch mehr Wähler weg, wenn man den Weg Richtung Groko nimmt. Bedeutungslosigkeit, zittert der Sozialdemokrat. Nach der nächsten Koalition mit den Christdemokraten kann man das Volkspartei endgültig streichen. Von Arbeiterpartei redet schon niemand mehr. Das glaubt einem sowieso keiner.
Vielleicht muss man danach sogar hoffen, hier und da die 5 Prozent Hürde zu überspringen? Vielleicht fliegt man aus Landtagen? Aber was soll man machen? Man muss ja helfen. Wenn der Staat einen braucht, dann ist man da. Das war immer so. Man opfert sich für das Land. Und das Volk ist leider zu doof, die Erfolge der Sozialdemokratie zu sehen.

Ob das im Kaiserreich, in der Weimarer Republik oder damals unter dem Gerhard war. Immer hat man unliebsame Sachen durchgesetzt, um notwendige Reformen auf den Weg zu bringen, einen Krieg zu beenden, die Arbeiterklasse sozial abzusichern.

Und immer hat der dumme Wähler nur gesehen, was er sehen wollte, jammern sie im Willy Brandt Haus. Die Genossen verhökerten das Land in Versailles, vorher stachen sie den Soldaten den Dolch von hinten in den Rücken. Die Sozialdemokraten verbündeten sich mit Kaiser und Kapital. „Oben hui, unten pfui, so denkt der Arbeiter über uns“, klagen die Genossen. „Es ist doch genau anders herum“, jammern die Genossinnen. „Unten hui und oben pfui.“ Was sie nicht alles für die Menschen gemacht haben? Und wer dankt es? Sicher nicht der Arbeiter, diese untreue Pflaume.

„Echt gemein ist das“, murmelt der Martin. Immer wieder ist der Arbeiter zu doof, die Pflicht zu erkennen, die die Sozialdemokraten zu erfüllen haben. Auch jetzt wieder. „Ja, was gibt es denn für Alternativen?“, poltert die Andrea. „Neuwahlen?“ Was soll sich da ändern? Das wird nur noch Schlimmer für alle ausgehen. „Minderheitsregierung?“ Ein Land vier Jahre in der Warteschleife mit Feinden rechtsaußen, die nur darauf warten, das Land gegen die Wand zu fahren?

Es ist ihre Pflicht, murmelt der Martin. Der Herr Doktor sagte noch: „Junge, lass das. Bist nicht mehr der Jüngste.“ „Aber wenn die Pflicht ruft, was sollst du machen?“, sagt der Genosse. Leider hat man nach der Wahl etwas vorschnell gebrüllt, dass man jetzt erst mal sich finden will. „Erst mal Opposition“, schrie man. Hätte man weniger krakeelt, würde man wenigstens nicht wie ein kompletter Idiot aussehen.

Der Sozialdemokrat hat es wieder einmal am Schwersten. Kennt sie ja alles schon: Wenn mal beim Regieren was daneben geht, kriegen sie einen drauf, und wenn es ganz gut läuft, lobt einen auch keiner. „Das heimst sich dann die Merkel ein, diese Mitläuferin“, jammert der Sozialdemokrat nicht nur am Stammtisch, sondern gleich auch in den 20 Uhr Nachrichten.

Der alte sozialdemokratische Patient: das Schlimmste sind die Depressionen. Sie kommen immer wieder, diese depressiven Schübe. Und wenn sie jetzt mitregieren, so jammern sie, dann haben sie endgültig verloren.

Aber vielleicht einfach mal versuchen, nicht wie das fünfte Rad am Wagen zu wirken. Vielleicht einfach mal die Fresse aufmachen. Vielleicht einfach mal sagen, was man geschafft hat: „Hier Mindestlohn. Das waren wir.“ Einfach mal stolz sein. Könnten sie eigentlich. Weil die SPD hat eine Menge in den fast hundertfünfzig Jahren geschafft. Sie könnte stolz auf sich sein. Sie könnte mit erhobenen Haupt mit regieren, wenn sie nicht solche schlimmen Komplexe hätte.

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