Deutschlandreise #1

Siegen, 15.Oktober 2017. Wenn der Bahnhof die Visitenkarte einer Stadt und das Tor zur Welt ist ist, hat Siegen vieles falsch gemacht. Ankunft und Abfahrt lassen nichts Gutes von Stadt und Welt erwarten: Bahnsteig, Baustelle, dunkle Wartehalle. Ein beißender Uringeruch neben dem Fahrkartenautomat. Hier gibt es keine Wandelhalle mit 7 Tage Shopping Events, 24 Stunden pro Tag. Statt Gourmet Wurst bei Curry24 oder Fischbrötchen bei Gosch steht ein Süßigkeitenautomat in der Ecke, in dem man sich einen Schokoriegel ziehen kann.
Haben sie ´nen Euro? Ich brauch noch zwei Euro für ne Fahrkarte.“
Warum fragen sie dann nicht nach zwei Euro?“
„Häh?“
Bahnhofsvorplatz, Reisende, Trinker, Penner, Baustelle, Busbahnhof und Bahnhofsgastronomie. Lotus Garten, Café Bienenstich, Restaurant Akropolis, Pizzeria Roma und Mac Döner. Durch Siegen die Sieg. Goldener Herbstsonntag bei zwanzig Grad, Menschen am Fluß mit ihrem Coffee to go Becher, dahinter wie in jeder Stadt H&M, McFit und ein CineStar für die Blockbuster. Ich muss los.

Regionalbahn Richtung Essen Hauptbahnhof, 17:12 Uhr, Fahrradmitnahme begrenzt möglich. In Letmathe drei Jugendliche auf dem Bahnsteig. Zwei mit Schirmmützen, alle kurze Haare, Turnschuhe, Kopfhörer im Ohr. Starrer Blick auf ihr Smartphone. Einer wippt leicht mit dem Kopf, sitzt auf einem Stapel Gehwegplatten, breitbeinig, cool. Er ist jung, gesund, zu allem bereit. Die Zukunft macht keine Angst, ist noch offen. Vielleicht Bundeswehr, Auslandseinsatz Afghanistan (na, mal schauen, wo es brennt), GSG 9 oder Kampfsport beim Bruder im Budo Studio. Letztes Wochenende ein Mädchen gebumst. Das hat er in der Schule erzählt, dass er ein Mädchen gebumst hat.
„Wenn die Schlampe was anderes behauptet, lügt die“, sagt er. Alle gucken anerkennend. „Klasse, ein Mädchen bumsen“, sagen sie und lachen so blöd, wie Jugendliche eben lachen.In Holland heißen Jugendliche „pubers“. Lustig diese Holländer. Die anderen Jungs auf dem Bahnsteig Selbstbefriediger. Das dauert noch, denke ich. Sogar in Letmathe dauert das noch. Der Zug fährt weiter.

Hagen, 15:46. Halbe Stunde Aufenthalt. Vor dem Bahnhof ein großer Platz mit kleinem Springbrunnen, drum herum Jobcenter, Agentur für Arbeit, Dönerhaus und Graf von Galen Carrè mit Aldi, Kik und einer Postbankfiliale. Ein Denkmal erinnert an den Arbeiteraufstand von 1956 und den Fall der Mauer. Warum hier? Sicher hat man lange im Rathaus um das Mahnmal gestritten. Für und wider abgewägt, am Ende ein Kompromiss. Viele Ausländer auf Bänken aus Beton, Kinder spielen Fußball und Küsschen Kater. Das Bahnhofsgebäude mit großen Fenstermosaiken und Glockenturm. Hagen Bahnhof. Tor zur Welt, mehr Visitenkarte als der Siegener.
„Haben sie eine Zigarette?“
„Ne, Ist die Letzte.“
„Na klar. Trotzdem einen schönen Tag noch.“


Ich gehe zurück. Auf dem Bahnsteig noch eine Zigarette in der markierten Zone, Abfall eines ganzen Tages quillt aus den Mülleimern. Ein Fahrgast stellt seine Plastikflasche neben die Tonne, eine Dame versucht ihre leere Cola Dose auf den Müllberg zu drapieren und löst eine Lawine aus leeren Dosen, Zigarettenschachteln, Flaschen und Coffee to Go Bechern aus, unter der sie fast begraben wird. 19:22 Uhr. National Express Richtung Rheine über Münster. Fahrradmitnahme begrenzt möglich , Fahrzeuggebundene Einstiegshilfe vorhanden , Laptop-Steckdosen , Klimaanlage. Noch eine Stunde Fahrt. Der Zug brechend voll. Der Fahrgast neben mir liest auf seinem Handy, flucht zwischenzeitlich, vor mir ein Gespräch über Zahnmedizin, BWL und Kampfsport (scheint Mode zu sein). Man kennt sich vom Hochschulsport, Vollkontakt Kickboxen, der Lehrer ein harter Knochen. Zahnmedizin hat einen NC von 1.2, aber er ist mit einem Eignungstest nachgerutscht, sonst hätte er in Mainz studieren müssen. „Münster ist schon besser“, sagt er.

Münster, 20:22. Der neue Bahnhof wirkt hell, sauber. Vor wenigen Monaten war Eröffnung. Vor dem Eingang eine Gruppe Kurden, die Fahnen ihres politischen Führers schwenken. Ein Deutscher schimpft, dass man sie alle wegsperren sollte. Zwei Kurden schicken sich an, dem Deutschen ihre Meinung zu sagen oder mit Fäusten zu zeigen. Ein älterer Mann hält sie mit einer Handbewegung davon ab. Respekt vor dem Alter.
„Entschuldigen Sie, mein Herr. Darf ich Sie einmal kurz etwas fragen?“
„Ja.“
„Ich bin in einer Notlage und …“
„Heute nicht“

Müdes Abwinken und gehen. Ich steig aufs Fahrrad, fahre heim.

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