{"id":755,"date":"2020-07-08T14:27:34","date_gmt":"2020-07-08T12:27:34","guid":{"rendered":"http:\/\/ruhmundelend.de\/Blog\/?p=755"},"modified":"2020-07-08T14:42:25","modified_gmt":"2020-07-08T12:42:25","slug":"notizen-aus-dem-reihenhaeuschen-mach-dich-nackig","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ruhmundelend.de\/Blog\/2020\/07\/08\/notizen-aus-dem-reihenhaeuschen-mach-dich-nackig\/","title":{"rendered":"Notizen aus dem Reihenh\u00e4uschen &#8211; Mach dich nackig"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-size: large;\">Dienstleistung macht nackig. Ob Supermarkt-Fachverk\u00e4ufer, K\u00fcnstler oder Gastronom \u00fcberall muss man sich privat machen, um Vertrauen zu schaffen.<\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-size: large;\">Damit dich der Kunde kennenlernt\u201c, erkl\u00e4rte mir damals die \u00e4ltere Dame bei der Berufsberatung. Ich war dreizehn, sie war mehr im Alter meiner Oma. Sie erz\u00e4hlte, ich nickte brav und machte das Pflicht- Praktikum bei einer Rentenversicherungsanstalt. <\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-size: large;\">Alles h\u00e4ngt zusammen\u201c, sagte Oma immer und Oma war eine sehr weise Frau. Opa sagte immer, im Mittelalter h\u00e4tten sie die Oma sofort verbrannt, so weise war die (\u201eUnd hei\u00df\u201c, Opa grinste. \u201eOpa, Igitt\u201c). <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: large;\">Jedenfalls wusste ich nach dem Praktikum in der Rentenversicherungsanstalt, dass ich nicht in einer Rentenversicherungsanstalt mein Gl\u00fcck finden w\u00fcrde. Immerhin etwas im Heuhaufen gefunden. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: large;\">Ansonsten hatte ich sogar Gl\u00fcck. Bei mein Schulkumpel Michael sah das Praktikum schon ganz anders aus. Er hatte kein Gl\u00fcck. Mit Michael teilte ich nicht nur die Schulklasse sondern auch die Leidenschaft der Fantasy Rollenspielwelt. Kurz bevor in unsere K\u00f6pfe das Hormon- Karussell los-ratterte und ich bald nur noch an \u201eM\u00e4dchen, M\u00e4dchen, M\u00e4dchen\u201c denken konnte, gingen wir alle noch mal richtig auf Elfen, Zwerge und Goldene Drachen ab. Die letzten Tage der Unschuld sozusagen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: large;\">Jedenfalls hatte Michael nicht so Schwein mit seinem Praktikum. Er landete bei Karstadt. Socken Abteilung. Die \u00e4ltere Dame in der Berufsberatung hatte mit Martin das Thema Einzelhandel erarbeitet, Unterthema Socken. Nach drei Wochen Socken hatte Martin seine Erfahrung gemacht. Auch er wusste danach, dass er nicht in der Socken-Abteilung bei Karstadt sein Gl\u00fcck finden w\u00fcrde. Bis er sein Abitur in der Tasche hatte, sollte Martin auch keine Socken mehr tragen. Danach haben wir uns nicht mehr gesehen und Karstadt machte pleite.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: large;\">Aber weiter: Dienstleistung macht nackig. In meinem bevorzugten Supermarkt kenne ich nach vier Jahren Einkauf jedes Gesicht. Die Rothaarige an der Kasse, die den Mund nicht aufkriegt. Die kleine Pummelige an der K\u00e4setheke, bei der das Kind immer noch ein Scheibchen Kinderwurst bekommt, die Transsexuelle an Kasse Drei und nat\u00fcrlich der Auszubildende an der Fleischtheke. Seine Ausbildung verfolgen wir Kunden seit Jahren. Und es sieht nicht immer gut f\u00fcr den Jungen aus. Gl\u00fccklicherweise arbeitet auch seine Mutter im Fleischgewerbe und sogar an der gleichen Theke. Eine robuste Dame mittleren Alters, die sich noch traut eine echte Dauerwelle zu tragen, scheint verantwortlich f\u00fcr den J\u00fcngling hinter dem Fleisch. Sie versorgt uns durch ihre kleinen Ausraster mit Informationen. \u00d6fters in den letzten Jahren hat sie sich ihr B\u00fcrschchen vorgenommen. So erfuhr ich zum Beispiel, w\u00e4hrend sie mir einmal 250 Gramm Mett \u00fcber die Theke reichte, dass ihr Sch\u00fctzling seine schulische Ausbildung nicht besonders Ernst zu nehmen schien. Sie maulte ihn an, dass er seine letzte Chance mit ihr zusammen am Fleisch zu arbeiten, nicht einfach wegwerfen sollte. Oder willst du so enden wie dein Vater, drohte sie. Sowieso schien der Junge nicht nur schulisch sondern auch in der Liebe ein Tunichtgut zu sein. Die Frau wei\u00df &#8211; nach einem ihrem letzten Supermarktbesuche &#8211; \u00fcber einen Monolog der Mutter zu berichten, wo es um dieses sensible Thema ging. So war seine letzte Errungenschaft wohl ein ganz hei\u00dfes M\u00e4dchen, die sich nicht sch\u00e4mte, zur Sonntagsbraten-Einladung der Eltern kein Unterh\u00f6schen, alias Schl\u00fcpfer unter dem Rock zu tragen und diese hei\u00dfe, aber wirklich hei\u00dfe News auch noch dem verwirrten Jungen zwischen zwei Scheibchen Schweinebraten mitzuteilen. Nicht nur der Junge auch sein Vater (wir wissen: auch ein Tunichtgut) konnten gar nicht schnell genug unter den Tisch gucken. \u201eJunge, was haben wir blo\u00df falsch gemacht\u201c, sagte damals die Dienstherrin und Mutter des Auszubildenden. \u201ewenn du so weiter machst landest du nach bei dem T\u00f6nnies, drohte sie ihm. <\/span><\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-size: large;\">Ja, Dienstleistung macht nackig\u201c, schw\u00e4rme ich, w\u00e4hrend ich in meinem Online Tagebuch minuti\u00f6s meine und andere Taten niederschreibe. Und er arbeitete gl\u00fccklich bis an sein Lebensende am Fleisch, schreibe ich, gl\u00fccklich, nackig und lege den Stift zur Seite. <\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dienstleistung macht nackig. 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