{"id":710,"date":"2020-05-27T14:55:10","date_gmt":"2020-05-27T12:55:10","guid":{"rendered":"http:\/\/ruhmundelend.de\/Blog\/?p=710"},"modified":"2020-05-27T16:40:52","modified_gmt":"2020-05-27T14:40:52","slug":"notizen-aus-dem-reihenhaeuschen-mutter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ruhmundelend.de\/Blog\/2020\/05\/27\/notizen-aus-dem-reihenhaeuschen-mutter\/","title":{"rendered":"Notizen aus dem Reihenh\u00e4uschen &#8211; Mutter"},"content":{"rendered":"<p>MUTTER<\/p>\n<p>Bei meiner Mutter im Haus ist ein Nachbar gestorben. Der Herr Jonas. Herr Jonas und Mutter hatten nie ein besonders pers\u00f6nliches Verh\u00e4ltnis zueinander, eigentlich hatten sie gar kein Verh\u00e4ltnis zueinander. Nach drei\u00dfig Jahren unter einem Dach, solange wohnt meine Mutter schon in dem Haus (Herr Jonas wohnte dort schon, bevor es mich gab, also vor einer f\u00fcr mich relevanten Zeitrechnung), also nach einem halben Raucher- Menschenleben unter einem Dach beschr\u00e4nkte sich das soziale Miteinander bei Mutter und Herrn Jonas auf ein Gr\u00fc\u00dfen im Treppenhaus oder ein Kopfgenicke auf dem Garagenhof. Ich glaube, wenn sie sich mal au\u00dferhalb der Nachbarschaft sahen, versuchten sie sich zu \u00fcbersehen. Einmal begegneten meine Mutter und ich Herrn Jonas in der Innenstadt. Ich wollte gerade meiner Mutter sagen, dass dort Herr Jonas ist, da war sie aber schon verschwunden. Sie hatte sich hinter einer H\u00e4userecke versteckt, damit man sich nicht unn\u00f6tiger Weise gr\u00fc\u00dfen oder sogar noch miteinander reden musste. \u201eIst zwischen euch was vorgefallen\u201c, fragte ich, nachdem ich sie in ihrer dunklen Ecke gefunden hatte. \u201eRede nicht so ein Bl\u00f6dsinn\u201c, sagte Mutter hinter ihrer H\u00e4userecke. \u201eOh, guck mal ein Kaufhaus\u201c, windete sie sich hinter ihrer Ecke her, &#8220;Wir sollten &#8230;&#8221;, sie zog mich am \u00c4rmel runter von der belebten Stra\u00dfe. \u201eSocken kaufen.&#8221; \u201eSocken?\u201c, fragte ich, baff der rhetorischen Finnesse meiner Mutter. \u201eSocken\u201c, sagte sie mit Nachdruck. Also kauften wir Socken, da man dadurch ein Gespr\u00e4ch mit Herrn Jonas aus dem Weg ging und man<span lang=\"zxx\"> Socken<\/span> immer gebrauchen konnte.<\/p>\n<p>Jetzt ist der Herr Jonas gestorben. Meine Mutter hat es mir am Telefon gesagt. Woran wei\u00df sie nicht, aber sie muss noch eine Karte schreiben, ihre nachbarschaftliche Pflicht erf\u00fcllen. Das ist meiner Mutter wichtig, die Pflicht erf\u00fcllen. Es gibt noch weitere Nachbarn, die sonst reden. Sie tuscheln, wenn man nicht seine Pflichten erf\u00fcllt, zu laut Musik h\u00f6rt, vergisst das Treppenhaus einmal die Woche sauber zu halten, den Hof nicht fegt, die Nachbarn nicht gr\u00fc\u00dft, den M\u00fcll nicht trennt, das Unkraut sprie\u00dfen l\u00e4sst, den Keller nicht aufr\u00e4umt, das Licht brennen l\u00e4sst, die Fenster nicht putzt oder auch noch Wannen voller Schl\u00fcpfer im Gemeinschaftsgarten an der W\u00e4schespinne trocknet und dazu noch aussieht, als ob man sich gar nichts leisten kann, vor allem keine Waschmaschine.\u00a0 Sie tuscheln und ist der Ruf erst einmal ruiniert, lebt es sich in der Nachbarschaft meiner Mutter ganz sicher nicht ungeniert. Ne, dann kann man sehen, wo man bleibt, sagt Mutter.\u00a0 In dieser Nachbarschaft bleibt man n\u00e4mlich ganz sicher nicht, wenn man nicht wei\u00df, was Nachbarschaft und Pflicht hei\u00dft, erkl\u00e4rt sie mir.<\/p>\n<p>Und meine Mutter, sie ist nun Mitte Siebzig, will nicht auf der Stra\u00dfe sitzen und betteln.\u00a0 Weil auf ihren Sohn muss sie ja nicht z\u00e4hlen. Da wei\u00df sie, womit sie zu rechnen hat und womit nicht. Sicher nicht mit Hilfe. \u201eApropos Hilfe, kannst du mir eine Karte schreiben und vorher kaufen und einwerfen und dann sollte es aber auch gut sein, mit den Nachbarn, dem Herrn Jonas. Dann hat man doch seine Pflicht erf\u00fcllt?\u201c, fragte Mutter am Telefon. Ich nickte. &#8220;Was&#8221;, fragte Mutter, da man mein Nicken nicht durchs Telefon sah. Ich nickte also laut und Mutter nickte auch laut und fragte am Ende des Telefonats, ob ich mir zu Weihnachten nicht ein paar Socken w\u00fcnschen w\u00fcrde. Es war Fr\u00fchjahr, April, aber ich konnte mir gut vorstellen, dass ich mir Weihnachten ein paar Socken w\u00fcnschen w\u00fcrde. So nickte ich noch einmal durchs Telefon, nickte laut und legte auf.<\/p>\n<p>Herr Jonas ist tot. Aber Mutter hat gemacht, was man machen muss. Die Pflicht erf\u00fcllt. Den Rest mache ich. Daf\u00fcr gibt es Socken. Sie hat sich nichts vorzuwerfen. Sie ist aber auch nicht gestorben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>MUTTER Bei meiner Mutter im Haus ist ein Nachbar gestorben. Der Herr Jonas. Herr Jonas und Mutter hatten nie ein besonders pers\u00f6nliches Verh\u00e4ltnis zueinander, eigentlich hatten sie gar kein Verh\u00e4ltnis zueinander. 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