{"id":512,"date":"2017-10-26T19:23:40","date_gmt":"2017-10-26T17:23:40","guid":{"rendered":"http:\/\/ruhmundelend.de\/Blog\/?p=512"},"modified":"2017-10-26T19:41:12","modified_gmt":"2017-10-26T17:41:12","slug":"deutschlandreise-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ruhmundelend.de\/Blog\/2017\/10\/26\/deutschlandreise-2\/","title":{"rendered":"Deutschlandreise #2"},"content":{"rendered":"<p><strong>Osnabr\u00fcck, 26. Oktober.<\/strong> Ich stehe auf dem Bahnsteig und warte auf den IC. Ich h\u00e4tte auch die Regionalbahn nehmen k\u00f6nnen. Sie fuhr vor wenigen Minuten los, w\u00e4re schneller gewesen. Aber wenn ich die Wahl habe, warte ich lieber noch ein wenig und steige in den InterCity. Fr\u00fcher war der InterCity ein InterRegio, eine bessere Regionalbahn, aber dann hat die Bahn die Sitze ausgetauscht und ein bi\u00dfchen Farbe aufgetragen und der alten Dame einen neuen Namen gegeben. Jetzt hei\u00dft er eben IC, ist ein paar Euro teurer und h\u00e4lt nicht mehr an jeden Kuhstall.<br \/>\nEs sind aber sicher nicht die klasse Sitze, der umwerfende Komfort oder das Bord Restaurant, was mich davon abh\u00e4lt, die Regionalbahn zu nehmen. Es sind vor allem die Fahrg\u00e4ste.<\/p>\n<p>Im IC oder im ICE, also im Fernverkehr, hat man das Gef\u00fchl auf Reisen zu sein, ein kleiner Marco Polo, also der nach dem der Klamottenladen benannt wurde, und mit einem reisen andere Menschen. Sie lesen, schlafen, trinken Kaffee oder Bier. Ihre gro\u00dfen Koffer und Reisetaschen tragen Namensschilder, damit sie sp\u00e4ter im Flughafen nicht verloren gehen, im richtigen Flieger, auf dem richtigen Schiff landen. Auf Reisen muss man sich vorbereiten, der Koffer ist schnell mal weg. Man ist auf dem Weg in den Urlaub in den Schwarzwald, zur Verwandtschaft nach S\u00fcddeutschland, zu den Kindern, die im Osten studieren oder arbeiten, auf dem Weg in die Ferien ans Meer oder in die Berge. Und schon die Fahrt ist ein Teil der Ferien. Kein lautes Geschrei ist zu h\u00f6ren, keine Fu\u00dfballfans, Pendler oder Sch\u00fcler auf dem Weg nach Hause sind im Fernverkehr anzutreffen. Hier und da ein paar Gesch\u00e4ftsreisende, die lieber den Zug nehmen als den Flieger, die das Auto, aus \u00f6kologischen Gr\u00fcnden oder weil sie ihren F\u00fchrerschein verloren haben, stehen lassen, ansonsten Reisende, die in die Ferne fahren, um Neues zu entdecken oder von einer langen Tour zur\u00fcckkehren. Sie, die Reisenden oder das Bild, was ich von ihnen habe, lassen mich warten, auf den Fernverkehr warten.<\/p>\n<p>Vielleicht ist das zu romantisch, ist mein Bild des Reisenden \u00fcberholt? Noch in den Achtzigern und Neunzigern gab es ihn, den Reisenden, der in die Fremde fuhr, um zu entdecken. Tagelang war er unterwegs, musste umsteigen, das Verkehrsmittel wechseln. Auto, Bahn, Flieger und am Ende das Schiff, um die Insel am \u00e4u\u00dfersten Rand der Welt zu erreichen. Man las den Lonely Planet und ein paar Reiseberichte, die man in der B\u00fccherei gefunden hatte, st\u00f6berte in Karten, suchte Erfahrungsberichte in Magazinen und Zeitungen. Die Fragen? Gibt es noch diese F\u00e4hre \u00fcber den Flu\u00df, der im Reisef\u00fchrer beschrieben wird oder ist sie l\u00e4ngst eingestellt? Existiert das Backpacker Hostel an der Grenze zu Pakistan noch? Man h\u00e4tte sich doch einen aktuelleren Plan holen sollen. Na klar, macht man sich sorgen. Das geh\u00f6rt dazu. Der Reisende ist Abenteurer, ein Indiana Johns mit InterRail Ticket. Heute scheint dieser Reisende verloren. Mittlerweile ist man in wenigen Stunden \u00fcberall. Morgens bucht man nach Bankok, Nachmittags sitzt man im Flieger, abends trinkt man in der Szene-Bar sein thail\u00e4ndisches Bier und bereitet sich auf die Full Moon Party in der Nacht vor. Wenn die Buslinie 43 von Novokusnek nach Novosibirsk eingestellt wird, wei\u00df man das zeitnah, weil ein Fahrgast, die Infos schon l\u00e4ngst ins Netz gestellt hat. Der entlegenste Zipfel ist entdeckt, mit der Google App geht man durch die hei\u00dfeste, sandigste, also staubigste W\u00fcste und wei\u00df hinter der n\u00e4chsten Sandd\u00fcne den Kiosk mit dem lokalen Pinkus Bier aus der Heimat. Und einen Poetry Slam, den gibt es sicher auch dort hinter dem H\u00fcgel. Drei Sterne hat er im Szeneportal bekommen. Reisef\u00fchrer auf Papier? Nur noch als Brennstoff f\u00fcr das Lagerfeuer in den Rocky Mountains brauchbar. \u00dcber jede Region hat schon jemand einen Text geschrieben, Fotos gesendet, Fahrpl\u00e4ne geteilt. \u00dcberall ist man verbunden mit der Welt. Der Globetrotter Blog? Langweilig. <\/p>\n<p>Mein Telefon schellt. Es ist Mutter.<br \/>\n\u201eWo steckst du, Junge?\u201c<br \/>\n\u201eMutter, ich bin in Yakutsk. Der Empfang ist gerade schlecht.<br \/>\nJunge, kommst du am Sonntag? Oder hast du wieder eine deiner bl\u00f6den Ausreden?<br \/>\nMutter, ich bin in Sibirien.<br \/>\nJa. eine deiner bl\u00f6den Ausreden. Und kommst du am Sonntag?<br \/>\nDas Telefonat bricht ab, weil ich auflege, nicht weil ich am Ende der Welt auf Reisen bin. Das Ende der Welt ist f\u00fcr mich bei meiner Mutter an der Kaffeetafel, sicher nicht in Sibirien. Im tiefsten M\u00fcnsterland ist das Handy Netz oft schlechter als am sogenannten Ende der Welt. <\/p>\n<p>Aber ich schweife ab. Heute nicht das Ende der Welt. Heute Osnabr\u00fcck. Naja, f\u00fcr ein paar M\u00fcnsteraner ist das schon fast Sibirien. Gleis 2. Ich warte auf dem IC Hamburg \u2013 Stuttgart, der st\u00fcndlich h\u00e4lt. Wer bin ich? Ich bin Reisender, Abenteurer. Ich fahre IC. Mit mir nur zwei M\u00e4nner auf dem Bahnsteig, vielleicht Ende Dreizig, scheinbar S\u00fcdeurop\u00e4er, Araber oder Perser, jedenfalls dunkle Haare und Haut. Sie tragen Trainingsanzug, Sportschuhe und Reisetasche. Einer raucht. Beide haben die Wappen von Fu\u00dfballvereinen auf der rechten Brustseite ihrer Trainings-Jacke. Einer tr\u00e4gt Bayern M\u00fcnchen, der andere einen ausl\u00e4ndischen Sportverein, den ich nicht kenne. Wenigstens haben sie nicht den Sponsor des Vereins mit auf der Brust. Wie bei den Fu\u00dfball-Trikots, die der Fan auf Wochenende ins Stadion oder der Fu\u00dfballkneipe tr\u00e4gt. Das fand ich schon immer bl\u00f6de. Werder Bremen, eine Mannschaft, die ich anfeuere, wenn ich mal Fu\u00dfball schaue (ich bin diese Art von Fu\u00dfballfan, der einfach immer f\u00fcr den Schw\u00e4cheren ist. David gegen Goliat) hat als Werbepartner Wiesenhof, den K\u00fcken Zerschredderer. Zehntausende Fans tragen jeden Samstag das Wiesenhof Logo auf ihrer Brust und sagen auch damit, dass sie es in Ordnung finden, wenn die armen K\u00fcken geschreddert werden. Ne, sagen sie nicht, sagt jetzt so mancher, weil es damals schon Proteste gab. Aber es wirkt von au\u00dfen so.<br \/>\nWenn ein Au\u00dferirdischer Bremen Fans von der Ferne betrachten w\u00fcrde, k\u00f6nnte er es denken. Nun, gl\u00fccklicherweise gibt es keine Au\u00dferirdischen. Jedenfalls glaube ich nicht daran. Und in M\u00fcnster. Der Heimat. In M\u00fcnster tr\u00e4gt man das Logo eines Personalvermittlers. Personalvermittler klingt sch\u00f6n. Menschlich. In Wirklichkeit vermieten sie Arbeitskr\u00e4fte an Firmen, die keine Lust haben, sich fest Personal an die Hacken zu binden. Ne, dann lieber f\u00fcr zwei Monate  Personalvermittlung und danach kann man den Arbeiter wieder aussortieren. Wie die K\u00fcken bei Wiesenhof aussortieren, ab in den Zerschredderer. Moderner Sklavenmarkt. Wie beim Fu\u00dfball. Dort hat sich ganz offen ein Sklavenmarkt, sprich Transfermarkt gebildet.  Nur die Fu\u00dfballer verdienen mehr, als die armen Zeitarbeitskr\u00e4fte, deswegen ist das okay. F\u00fcr eine Millionen ist jeder gerne einmal Sklave.<br \/>\nIch schweife wieder ab. Hier zwei M\u00e4nner ohne Werbepartner, aber Vereinswappen. Was machen die beiden? Wo wollen sie hin? Fu\u00dfballspieler? Soldaten auf Heimaturlaub? Oder Patienten einer Reha Klink auf dem Weg nach Hause? Ich entscheide mich f\u00fcr Soldaten. Ist mittlerweile ein sicherer Beruf. So ein Soldatenleben das ist lustig, so ein Soldatenleben das ist sch\u00f6n. Wenn man heute Pazifist ist, muss man aufpassen, nicht als asozial zu gelten. <\/p>\n<p>Jetzt endlich: Der Zug f\u00e4hrt ein. Gleis 2. Intercity Richtung: Stuttgart. Fahrradmitnahme reservierungspflichtig, Bordbistro vorhanden. Heute in umgekehrter Wagenreihenfolge.<br \/>\nIm Zug eine Frau, die hektisch versucht die T\u00fcr zu \u00f6ffnen. Angst, dass man mit ihr weiterf\u00e4hrt. Sie guckt nerv\u00f6s nach links und rechts. Sie ist eine Anf\u00e4ngerin als Reisende. Ein Schaffner kommt, beruhigt sie. Das dauert, bevor die T\u00fcren sich \u00f6ffnen, sagt er. Er l\u00e4chelt. Sie glaubt ihm nicht, r\u00fcttelt weiter an der T\u00fcr. Er l\u00e4chelt immer noch. Dann \u00f6ffnet sich die Zugt\u00fcr. Die Frau schmei\u00dft ihre Habseligkeiten aus dem Zug. Blo\u00df raus, steht in ihrem Gesicht.  Und nicht nur sie steigt aus. \u00dcberall str\u00f6men Menschen aus dem Norden aus dem Zug. Mancher mit mehrere Koffern, mancher nur mit einem kleinen Rucksack. Ich warte, bis der letzte ausgestiegen ist und springe selber mit einem sportlichen Satz in den Zug (eine L\u00fcge), suche mir einen Platz, gucke, beginne zu schreiben. Nur eine Station. 25 Minuten. Aber trotzdem: Ich bin ein Reisender, einer der letzten Abenteurer. Der Weg ist das Ziel, auch wenn der Weg sehr kurz ist. Dann bin ich zu Hause. Oder fast. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Osnabr\u00fcck, 26. Oktober. 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