{"id":1498,"date":"2022-04-01T10:20:52","date_gmt":"2022-04-01T08:20:52","guid":{"rendered":"http:\/\/ruhmundelend.de\/Blog\/?p=1498"},"modified":"2022-04-01T11:16:22","modified_gmt":"2022-04-01T09:16:22","slug":"du-gehst-nice-auf-techno-party-und-ich-gehe-wandern-petting-statt-pershing","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ruhmundelend.de\/Blog\/2022\/04\/01\/du-gehst-nice-auf-techno-party-und-ich-gehe-wandern-petting-statt-pershing\/","title":{"rendered":"Du gehst nice auf Techno Party und ich gehe wandern.  #Petting statt Pershing."},"content":{"rendered":"\n<p>Heute war ich wandern. Ohne Ziel. Das ist doch gerade das Sch\u00f6ne beim Wandern: Kein Ziel haben. Heute bin ich ohne Ziel durch M\u00fcnster gewandert.<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00fcnster zeigt gerade Solidarit\u00e4t. In M\u00fcnster-Sprech: M\u00fcnster zeigt Farbe. \u00dcberall wehen ukrainische Flaggen. Blau &amp; gelb wohin man schaut. Aufkleber auf Windschutzscheiben, mit Fingerfarbe auf Kinderzimmerfenstern, auf Bettlacken mit Botschaft: <em>Putin go Home. No War. Kein Krieg, No more war. Nie wieder Krieg. Je suis Ukraine. Wir sind Ukraine. Solidarit\u00e4t mit der Ukraine. Frieden. <\/em>Dazwischen immer wieder gezeichnete Friedenstauben und Plakate, die auf Soli-Konzerte hinweisen. <em>Wir spenden f\u00fcr die Ukraine. Wir sammeln. Wir helfen. Wir spielen. Wir musizieren.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Einen kurzen Moment sehe ich nur noch blau-gelb. Wie das Sternchen Sternchen, wenn ich morgens zu schnell aufstehe. Aber das geht immer schnell wieder weg .<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz meiner Sternchen: Hat da nicht jemand die blaue Papiertonne extra neben die  gelbe Tonne gestellt? Oder hier: Die Osterblumen und diese blau-gr\u00fcnen Knospen. Das ist doch kein Zufall? Wer denkt dort nicht an den Krieg? Oder auch gesehen: Viel mehr Menschen tragen gerade blau- gelb. Das ist doch nicht alles Mode? Der Schal, die blau-gelben Socken. Das bilde ich mir doch nicht ein. Ne, ne. morgens im Halbschlaf entscheiden sich die Menschen f\u00fcr Solidarit\u00e4t mit dem Nachbarn.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEntschuldigen Sie, junger Mann. Entschuldigung.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin in den Achtzigern sozialisiert worden. Die Friedensbewegung mit ihren Osterm\u00e4rschen und den Demos gegen die Atomkraft habe ich noch von der Seitenlinie miterlebt. Aber immerhin schon miterlebt. <em>Petting statt Pershing<\/em> fand ich super. Sp\u00e4ter habe ich verweigert und anderthalb Jahre Zivildienst geleistet. Das war eine wertvolle Zeit. Ich brauchte allerdings, um das zu erkennen. Das mit der wertvollen Zeit. Anfangs fand ich den Zwangsdienst vor allem anstrengend. Aber es war wertvoll. R\u00fcckblickend. Eine wertvolle Anstrengung. <\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJunger Mann! Entschuldigung.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber ein paar weitere Banden und Ecken bin ich Pazifist geworden. So ein Echter, der lieber erst mal, \u00fcber hundert Milliarden Euro reden m\u00f6chte, und dann auch nur vielleicht aufr\u00fcsten oder meinetwegen ausr\u00fcsten.<\/p>\n\n\n\n<p>Pazifismus hat viele Gesichter. Mein Pazifismus schlie\u00dft Gewalt nicht aus, da Selbstverteidigung oft kein bewusstes Handeln ist. Eher ein Reflex. Wenn Flucht nicht mehr m\u00f6glich ist, greift das in die Ecke gedr\u00e4ngte Tier an. Mein Pazifismus schlie\u00dft Krieg als  Mittel der Politik aus. Nicht ultima ratio. Ultima irratio. Das ist von Willy Brandt. Zwei Monate nach meiner Geburt hat er den rausgelassen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ansonsten: Reden. Labbern. Zeichen setzen. Nicht provozieren. Deeskalieren. Nicht drohen. Wer die ganze Zeit den Mund auf hat, schie\u00dft nicht. Na, ob das wahr ist? Vielleicht weil er am futtern ist. Wer futtert schie\u00dft schief. Oder?<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist nicht leicht, auf das Leid des direkten Nachbarn zu schauen und ruhig zu bleiben, nicht zu drohen. Syrien empfanden wir durch die Bilder und Videos auf Facebook, Instagram und Co schon als sehr nah. Ein Aufschrei, echte Tr\u00e4nen, echtes Mitleid kam mit den ertrunkenen Fl\u00fcchtlingskinder an griechischen Str\u00e4nden. Heute: Die Einkaufsstra\u00dfen in Kiew sehen nicht anders aus als die in M\u00fcnster. Gestern habe ich mir \u00fcber <em>Google maps<\/em> Touristenziele in Charkiw angeschaut, sp\u00e4ter die in den Zeitungen die gleichen Geb\u00e4ude nur zerst\u00f6rt. Bei einer Rosinenschnecke und Filterkaffee bastelte ich nachmittags Vorher- Nachher Bilder.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<em>Junger Mann! Wenn Sie nicht sofort&#8230;\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ich drehe mich um. <em>\u201eEntschuldigung?\u201c<\/em> Hinter mir steht eine \u00e4ltere Dame. Sie guckt mich mit hochroten Kopf an, zeigt vor mir auf den B\u00fcrgersteig.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<em>Ihre alte Kippe\u201c<\/em>, schreit sie, wedelt hektisch mit ihrem Zeigefinger am Boden herum. Da, eine Kippe.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<em>Aber das ist nicht meine\u201c,<\/em> sage ich. \u201e<em>Ich bin nicht schuld. Nie. Ich bin Pazifist. Wir wollen nicht schuldig werden.\u201c<\/em> Die Frau zeigt mir einen Vogel, geht weiter. Meine Begr\u00fcndung scheint f\u00fcr sie bescheuert. Sie hat ja recht.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber wenn wir so miteinander umgehen, fl\u00fcstere ich und wandere ebenfalls weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>In meiner blau-gelben Stadt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute war ich wandern. Ohne Ziel. Das ist doch gerade das Sch\u00f6ne beim Wandern: Kein Ziel haben. Heute bin ich ohne Ziel durch M\u00fcnster gewandert. M\u00fcnster zeigt gerade Solidarit\u00e4t. In M\u00fcnster-Sprech: M\u00fcnster zeigt Farbe. \u00dcberall wehen ukrainische Flaggen. Blau &amp; gelb wohin man schaut. 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