{"id":1371,"date":"2021-11-17T14:07:28","date_gmt":"2021-11-17T13:07:28","guid":{"rendered":"http:\/\/ruhmundelend.de\/Blog\/?p=1371"},"modified":"2021-11-18T13:01:41","modified_gmt":"2021-11-18T12:01:41","slug":"hoffmanns-buedchen-57-ein-grosser-haufen-fuer-eine-alte-dame","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ruhmundelend.de\/Blog\/2021\/11\/17\/hoffmanns-buedchen-57-ein-grosser-haufen-fuer-eine-alte-dame\/","title":{"rendered":"Hoffmanns B\u00fcdchen (57) &#8211; Ein gro\u00dfer Haufen f\u00fcr eine alte Dame"},"content":{"rendered":"\n<p>\u201e<em>Meine Mutter brachte Zwillinge auf die Welt: mich und die Angst.\u201c (Thomas Hobbes)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Drau\u00dfen bringt die alte Dame von gegen\u00fcber ihren M\u00fcll raus. Jeden Morgen bringt sie ihren M\u00fcll heraus: Restm\u00fcll in einer kleinen Plastikt\u00fcte, Biom\u00fcll in Zeitungspapier eingewickelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es regnet in Str\u00f6men und Herr Hoffmann beobachtet die alte Dame, wie sie z\u00f6gerlich an der Haust\u00fcr steht. Es sind nur ein paar Meter bis zu ihren M\u00fclltonnen, aber bei dem Wetter wird sie die nicht trocken zur\u00fccklegen k\u00f6nnen, denkt Herr Hoffmann. Die alte Dame ist nicht mehr die Schnellste, aber auch wenn sie rennen k\u00f6nnte, w\u00fcrde sie die Strecke nicht trocken zur\u00fccklegen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine ganze Weile steht sie in der T\u00fcr und Herr Hoffmann sieht von seinem B\u00fcdchen, dass sie \u00fcberlegt. Ob sie hofft, dass es aufh\u00f6rt zu regnen? Herr Hoffmann schaut auf die Tageszeitung vor ihm. Laut dem Wetterbericht wird sie lange warten m\u00fcssen. Heute soll es durchregnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Kiosk -T\u00fcrgl\u00f6ckchen l\u00e4utet. Es ist Herr \u00c4rmel, der f\u00fcr einen Kurzbesuch hereinschaut. Herr \u00c4rmel ist langj\u00e4hriger Kunde in Hoffmanns B\u00fcdchen. Anfangs kam er immer nur zum Lotto Spielen, ein kurzer Plausch \u00fcber m\u00f6gliche Lottogewinne schloss sich an. Sp\u00e4ter wurde er so etwas wie ein Freund oder sagen wir Stammkunde. Herr \u00c4rmel ist wie Herr Hoffmann vorsichtig mit Begriffen wie Freundschaft. Also sagen wir Stammkunde. Ja, das ist besser: Stammkunde.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGuten Morgen, Herr Hoffmann\u201c, gr\u00fc\u00dft Herr \u00c4rmel auf seine h\u00f6fliche Herr \u00c4rmel Art.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGuten Morgen\u201c, antwortet der Kiosk Betreiber, immer noch mit einem halben Auge bei der alten Dame. \u201eSo fr\u00fch schon unterwegs?\u201c Herr Hoffmann wendet sich zu Herrn \u00c4rmel, l\u00e4chelt ihn freundlich an. Tats\u00e4chlich kommt Herr \u00c4rmel meist erst sp\u00e4ter des Tages vorbei. Herr \u00c4rmel ist mittlerweile in dem, wie er manchmal ironisch sagt, verdienten Ruhestand; da steht man nicht mehr so fr\u00fch auf. \u201eArzttermin. Aber bei dem Wetter h\u00e4tte ich besser mal absagen sollen. Ich bin nass bis auf die Unterhose\u201c, klagt der Ruhest\u00e4ndler und sch\u00fcttelt seine Jacke im Laden aus.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd Sie, lieber Herr Hoffmann, genie\u00dfen die Ruhe?\u201c, fragt Herr \u00c4rmel, der Herrn Hoffmann immer noch siezt, da das \u201eSie\u201c f\u00fcr ihn etwas mit Respekt zu tun hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich kann Herr Hoffmann heute den Tag etwas ruhiger angehen. Gegen\u00fcber in der Schule sind Projekttage und gestern haben ihm ein paar Sch\u00fcler erz\u00e4hlt, dass heute die ganze Schule einen gemeinsamen Wald -Ausflug plant. Die Schulleitung hat beschlossen, dass man den Projekttag f\u00fcr den Umweltschutz nutzt. Die Sch\u00fclerinnen d\u00fcrfen alle in einem nahegelegen Wald M\u00fcll sammeln und sortieren. Am Abend werden die Sch\u00fclerinnen, die am Meisten gesammelt haben, mit einer Urkunde und einem kleinen Preis, einen f\u00fcnf Euro Gutschein des Naturkost-Ladens Urinella, geehrt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch beobachte die alte Dame\u201c, sagt Herr Hoffmann und zeigt auf die alte Dame von Gegen\u00fcber. Sie steht immer noch in der Haust\u00fcr und \u00fcberlegt, ob sie es durch den Regen schafft. \u201eH\u00f6ren Sie mir blo\u00df mit der Alten auf.\u201c Herr \u00c4rmel hat jetzt auch die Frau gesehen. \u201eDie tyrannisiert die ganze Nachbarschaft, schreibt Zettelchen, wenn man seinen M\u00fcll nicht richtig sortiert hat oder ruft gleich das Ordnungsamt, wenn mal jemand falsch in der Stra\u00dfe parkt. Die nette alte Dame, lieber Herr Hoffmann, ist ein wahrer Drachen. Letztens hat sie mir die Luft aus den Fahrradreifen gelassen, als mein Fahrrad zu weit auf dem B\u00fcrgersteig stand. Die Alte hat nicht mehr alle Latten im Zaun.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Herr Hoffmann grinst. \u201eNa, na. Das st doch nur eine alte Dame\u201c, sagt er beschwichtigend.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa, und weil sie so nett ist, habe ich ihr letztens auch vor die T\u00fcr gekackt\u201c, sagt Herr \u00c4rmel und schaut gar nicht mehr freundlich zu der Frau r\u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas?\u201c Herr Hoffmann glaubt sich verh\u00f6rt zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eVor die T\u00fcr. Ein gro\u00dfer Haufen, lieber Herr Hoffmann. Es war&#8230; Befreiend.\u201c \u201eBefreiend?\u201c, fragt Herr Hoffmann ungl\u00e4ubig.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa, befreiend. Sollten Sie auch mal versuchen.\u201c, sagt Herr \u00c4rmel \u00fcberzeugt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch schaue mal\u201c, sagt Herr Hoffmann eher skeptisch. \u201eIch schaue mal.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eMeine Mutter brachte Zwillinge auf die Welt: mich und die Angst.\u201c (Thomas Hobbes) Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Drau\u00dfen bringt die alte Dame von gegen\u00fcber ihren M\u00fcll raus. Jeden Morgen bringt sie ihren M\u00fcll heraus: Restm\u00fcll in einer kleinen Plastikt\u00fcte, Biom\u00fcll in Zeitungspapier eingewickelt. 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