{"id":1362,"date":"2021-11-13T00:02:58","date_gmt":"2021-11-12T23:02:58","guid":{"rendered":"http:\/\/ruhmundelend.de\/Blog\/?p=1362"},"modified":"2021-11-13T00:04:16","modified_gmt":"2021-11-12T23:04:16","slug":"hoffmanns-buedchen-55-hoffmanns-schuld","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ruhmundelend.de\/Blog\/2021\/11\/13\/hoffmanns-buedchen-55-hoffmanns-schuld\/","title":{"rendered":"Hoffmanns B\u00fcdchen (56) \u2013 Hoffmanns Schuld"},"content":{"rendered":"\n<p>Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Drau\u00dfen tobt immer noch der November. Kalt, dunkel, ungem\u00fctlich. \u201eGut, wer jetzt ein warmes B\u00fcdchen hat\u201c, sagt Herr Hoffmann zu sich selber. Er l\u00e4chelt. Er hat ein warmes B\u00fcdchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Da geht sein T\u00fcrgl\u00f6ckchen. Eine junge schwarze Frau kommt in seinen Kiosk. \u201eHallo, kannst Du dir vorstellen, dich f\u00fcr eine coole Menschenrechtsorganisation zu engagieren\u201c, fragt sie, mit der T\u00fcr ins B\u00fcdchen fallend. Herr Hoffmann sch\u00fcttelt den Kopf. Er muss nicht lange \u00fcberlegen, er kann es sich nicht vorstellen. Herr Hoffmann steht von zehn bis zehn im B\u00fcdchen und hat trotzdem gerade genug f\u00fcr Pacht und Taschengeld. Nein, Herr Hoffmann kann sich nur schwer Engagement vorstellen. Freundlich aber bestimmt macht er der Studentin seine Situation klar.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Herr Hoffmann wieder alleine im B\u00fcdchen steht, beginnen jedoch die Schuldgef\u00fchle. Nicht wegen seinem fehlenden Engagement, das ist in seiner Situation wahrlich schwierig -laut Statistik z\u00e4hlt Herr Hoffmann zu den \u00c4rmsten, aber es braucht eben nicht viel, wenn man den ganzen Tag hinter einer Theke steht. Nein, Schuldgef\u00fchle hat er wegen der \u201ejungen schwarzen Frau\u201c. Unbewusst hat er sie gleich wieder in eine Schublade gepackt. <em>Aha<\/em>, e<em>ine schwarze Studentin, die f\u00fcr eine Menschenrechtsorganisation sammelt. Sicher bekommt die mehr Spenden als eine weisse Studentin<\/em>, das hat er gedacht. Er hat Schuldgef\u00fchle, weil er schwarz denkt und nicht einfach nicht denkt. Ja, das ist es wohl. Er schaut raus in den November. Kalt, dunkel, ungem\u00fctlich. Kann er nicht einfach gar nicht \u00fcber die Hautfarbe nachdenken? Und wenn er \u00fcber die Hautfarbe nachdenkt, macht er nicht alles nur noch schlimmer, weil er daraus erst ein Thema macht? \u201eMan sollte einfach das Maul halten\u201c, sagt Herr Hoffmann zu sich selber. \u201eWarum h\u00e4ltst du nicht einfach die Fresse?\u201c Herr Hoffmann holt tief Luft. \u201eOder noch besser: Warum h\u00f6rst du nicht einfach auf zu denken? Du bist schuldig\u201c, sagt Herr Hoffmann jetzt lauter. \u201eSchuldig, schuldig, schuldig\u201c, schreit er.<\/p>\n\n\n\n<p>Verlegen schaut er raus. Gl\u00fccklicherweise hat niemand sein Gebr\u00fclle mitbekommen. \u201eOder?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In der Soziologie spricht man von strukturellen Rassismus, wenn der Rassismus so tief im Alltag steckt, dass man ihm schon bewusst begegnen muss, um ihm zu entgehen. Und dann machst du es wieder zum Thema und f\u00fchlst dich schuldig, weil du wieder dr\u00fcber nachdenkst. Ich bin schuldig.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Ich bin schuldig, weil ich hellh\u00e4utig bin und sogenannte Weisse, also andere Hellh\u00e4utige andere Dunkelh\u00e4utigere Jahrhunderte unterdr\u00fcckt und ermordet haben. Und Rothaarige, Dicknaserige und Gelbh\u00e4utigere. Ich bin schuldig.. <\/em>Ich bin schuldig, weil ich ein Mann bin und M\u00e4nner jahrhundertelang Frauen unterdr\u00fcckt und als ihr Eigentum behandelt haben. <em>Ich bin schuldig, weil ich Deutscher bin und weil unter diesen Deutschen andere Religionen, Kulturen oder auch nur Kegelschwestern unterdr\u00fcckt und ermordet wurden. Ich bin <\/em>Schuldig, schuldig.\u201c, jammert Herr Hoffmann theatralisch. \u201eUnd Messdiener war ich auch. Ich bin schuldig. Ohhohoho&#8230;\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAlles gut, Herr Hoffmann?\u201c, h\u00f6rt der Kiosk Verk\u00e4ufer auf einmal eine besorgte Stimme vor sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Herr Hoffmann schreckt hoch. \u201eIch bin&#8230;\u201c Er hat das T\u00fcrgl\u00f6ckchen nicht geh\u00f6rt. Er hat Herrn \u00c4rmel (ein Stammkunde der ersten Stunde) nicht geh\u00f6rt. \u201eAch Mist, ich..also..\u201c, stottert der B\u00fcdchen P\u00e4chter. Indes hebt Herr \u00c4rmel seine Hand, bedeutet Herrn Hoffmann, dass er nichts sagen muss.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAm Ende sind wir alle schuldig\u201c, erkl\u00e4rt er feierlich, gibt seinen Lottoschein ab und fragt wie jede Woche, was der B\u00fcdchen Betreiber mit seinem Millionen Gewinn machen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eVielleicht einer Menschenrechtsorganisation spenden?\u201c, \u00fcberlegt Herr Hoffmann.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eL\u00f6blich, l\u00f6blich\u201c, l\u00e4chelt Herr \u00c4rmel.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSchuldig, schuldig\u201c, sagt Herr Hoffmann, schon nicht mehr ganz so ernst.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Drau\u00dfen tobt immer noch der November. Kalt, dunkel, ungem\u00fctlich. \u201eGut, wer jetzt ein warmes B\u00fcdchen hat\u201c, sagt Herr Hoffmann zu sich selber. Er l\u00e4chelt. Er hat ein warmes B\u00fcdchen. Da geht sein T\u00fcrgl\u00f6ckchen. 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