{"id":1306,"date":"2021-09-27T13:23:56","date_gmt":"2021-09-27T11:23:56","guid":{"rendered":"http:\/\/ruhmundelend.de\/Blog\/?p=1306"},"modified":"2021-10-18T12:07:54","modified_gmt":"2021-10-18T10:07:54","slug":"hoffmanns-buedchen-49-wahlen-2021-der-tag-an-dem-guenter-schreit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ruhmundelend.de\/Blog\/2021\/09\/27\/hoffmanns-buedchen-49-wahlen-2021-der-tag-an-dem-guenter-schreit\/","title":{"rendered":"Hoffmanns B\u00fcdchen (49) &#8211; Wahlen 2021: Der Tag, an dem G\u00fcnter schreit"},"content":{"rendered":"\n<p>Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Vor ein paar Minuten hat er seinen Kiosk aufgeschlossen, den BILD Aufsteller rausgestellt und die Tageszeitungen in den Zeitschriftenst\u00e4nder neben der Ladent\u00fcr sortiert. Gestern war Bundestagswahl und die Zeitungen sind voll mit Hochrechnungen, Analysen und Meinungen. Herr Hoffmann geht, wie so oft nach einer Wahl, die einzelnen Zeitungen durch, guckt, liest, wie die Stimmung im Land sich aufdr\u00f6selt und welche M\u00f6glichkeiten sich f\u00fcr eine Regierung ergeben. \u201eAhh&#8230; wird schwer\u201c, fl\u00fcstert er. \u201eAber eine gro\u00dfe Koalition? Nein. Jamaika oder eine Ampel vielleicht\u201c, sagt er zu sich selber. \u201eOhne Kompromisse wird das alles nicht gehen\u201c, gr\u00fcbelt Herr Hoffmann zwischen den Schlagzeilen, da geht sein T\u00fcrgl\u00f6ckchen und ein Kunde betritt das B\u00fcdchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Na ja, ein Kunde? Es ist einer seiner Stammkunden. Der rechte G\u00fcnter. Laut keuchend betritt er den Kiosk. \u201eImmer langsam\u201c, l\u00e4chelt Herr Hoffmann und begr\u00fc\u00dft den Stammkunden freundlich mit einem Kopfnicken. G\u00fcnter grummelt. \u201eImmer langsam? Nichts da immer langsam. Das ist dieses Raucherei. Schlimm. Aber soll ich mit Mitte Siebzig aufh\u00f6ren, zu qualmen? Das ist doch auch Quatsch. Aber bald werden uns die Gr\u00fcnen, sowieso alles was Spa\u00df macht, verbieten. Wirst schon sehen, Herr Hoffmann.\u201c G\u00fcnter zeigt einmal um sich herum. \u201eDen Kiosk kannst du dann auch dicht machen, wenn die erst mal die Z\u00fcgel in der Hand halten, lieber Herr Hoffmann. Aber ich sage besser mal nichts zu dieser gro\u00dfen Z\u00fcgelei , die da abl\u00e4uft.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Niemals ist der erst Mitte Siebzig, denkt Herr Hoffmann und l\u00e4chelt immer noch. Was soll er machen, au\u00dfer l\u00e4cheln. G\u00fcnter ist stockkonservativ und Herr Hoffmann ahnt, dass G\u00fcnter zu den paar Gestalten geh\u00f6rt, die in M\u00fcnster ganz Rechts gew\u00e4hlt haben, was der Starkraucher auch schon im n\u00e4chsten Satz best\u00e4tigt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMein lieber Herr Hoffmann, ich habe die AFD gew\u00e4hlt. Nicht das ich diese Lesbe an der Spitze gut finde, hier, diese Alice Weidel, aber man muss denen da oben mit ihren Spinnereien mal einen auf den Deckel geben. Und das ist untertrieben. Eigentlich musst du die gleich an die n\u00e4chste Laterne h\u00e4ngen. Klimawandel, wenn ich das schon h\u00f6re. Warte mal ab, Herr Hoffmann, bald kannst du deinen alten Benziner verschrotten. Dann d\u00fcrfen wir nur noch mit dem Lastenrad in die Stadt zum Einkaufen. Das keiner mehr in der Innenstadt einkaufen will, wundert mich nicht. Sollen die \u00e4lteren Herrschaften mit dem Skateboard in die Stadt rollen, oder was? Mit dieser Baerbock oder \u2026 hier dieser linke Juso Socke, K\u00fchnert, spielen wir bald wieder Planwirtschaft. So sieht das doch aus\u201c, schimpft G\u00fcnter, w\u00e4hrend er den, von Herr Hoffmann gerade sortierten Zeitschriftenst\u00e4nder auseinander pfl\u00fcckt und nach seinem Schachmagazin sucht.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch habe kein Auto\u201c, erwidert Herr Hoffmann. \u201eIch brauche auch keins\u201c, f\u00fcgt er noch hinzu.<\/p>\n\n\n\n<p>G\u00fcnter schaut kurz vom Zeitschriftenst\u00e4nder hoch, verzieht das Gesicht. \u201eHei\u00dft? Unterst\u00fctzt du den Mist auch noch?\u201c, fragt er und Herr Hoffmann merkt, dass er eine Diskussion mit G\u00fcnter heute wohl nicht vermeiden kann. Schon \u00f6fters war er kurz davor, G\u00fcnter mal seine Meinung zu sagen. Einmal, als G\u00fcnter wieder gegen die Identit\u00e4tspolitik der Gr\u00fcnen &#8211; dem Gender-Wahnsinn, wie er sagte &#8211; wetterte, wollte Herr Hoffmann endlich einmal auf den Tisch hauen, sogar \u00fcber ein Hausverbot dachte er kurz nach. Im letzten Moment kam ein anderer Kunde ins B\u00fcdchen, und Herr Hoffmann hielt sich zur\u00fcck. Und auch heute kommt Herr Hoffmann nicht dazu, mit G\u00fcnter zu diskutieren, denn gerade als er antworten will, geht wieder das T\u00fcrgl\u00f6ckchen und ein weiterer Stammkunde, Lukas, betritt den Laden.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMooooiiinnn\u201c, schreit der Student, noch in der T\u00fcr stehend, gut gelaunt. Herr Hoffmann gr\u00fc\u00dft seinen besten Kunden kurz, aber trotzdem freundlich, zur\u00fcck. Auch G\u00fcnter nickt dem Studenten zu -auch wenn weniger begeistert. Man kennt sich aus dem B\u00fcdchen. \u201eAch, dein Nazi ist auch hier\u201c, sagt Lukas, ver\u00e4chtlich schaut er auf G\u00fcnter. G\u00fcnter nimmt sich ein Schachmagazin aus dem Zeitungsst\u00e4nder und geht die zwei Schritte zur Theke, ohne was zu erwidern.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIn M\u00fcnster haben diese Drecksfaschos wenigstens richtig eins aufs Maul bekommen\u201c, versucht Lukas den alten Herren, also G\u00fcnter, weiter zu provozieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Herr Hoffmann \u00fcberlegt, ob er was sagen soll. Auch wenn Lukas irgendwie Recht hat, mag Herr Hoffmann es gar nicht, wenn der Student seine Kunden beleidigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch G\u00fcnter braucht keine Unterst\u00fctzung. Auch wenn der alte Mann seine besten Jahre schon hinter sich hat, muss er sich nicht verstecken. G\u00fcnter ist auch im hohen Alter noch ein ziemlicher Schrank von Mann. Aber G\u00fcnter ist nicht nur eine ziemliche Kante, er ist leider auch bei weitem Kl\u00fcger und Schlagfertiger als so mancher linksalternative Student und als die meisten rechten Gesinnungskameraden sowieso.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSo, junger Mann&#8230;\u201c, will der \u201enette\u201c Nazi, wie in Herr Hoffmann in seiner Abwesenheit manchmal nennt, gerade ansetzen, da geht aber gl\u00fccklicherweise das T\u00fcrgl\u00f6ckchen und eine Horde Sch\u00fclerinnen st\u00fcrmt den Kiosk und erstickt mit ihrem L\u00e4rm jedes Gespr\u00e4ch \u201eDa hast du aber Gl\u00fcck gehabt\u201c, sagt G\u00fcnter noch zu Lukas und verabschiedet sich. Lukas grinst. Herr Hoffmann seufzt. Er wei\u00df, dass das noch nicht ausgestanden ist. \u201eUnd das ist auch gut so\u201c, sagt er zu sich. Anders als Lukas glaubt Herr Hoffmann, dass man miteinander reden muss. Das einfach nur hassen, schneiden, schreien, zu wenig ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Herr Hoffmann hat durch die Sch\u00fclerinnen ein bisschen Zeit gewonnen. Vorbereitungszeit. Beim n\u00e4chsten Besuch des netten Nazis muss Herr Hoffmann das Gespr\u00e4ch, den Streit suchen. Ansonsten kann er sich selber nicht mehr im Spiegel ansehen, denkt er und seufzt wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie so oft heute. Ein Seufzer-Tag. Ein Tag nach der Wahl.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Vor ein paar Minuten hat er seinen Kiosk aufgeschlossen, den BILD Aufsteller rausgestellt und die Tageszeitungen in den Zeitschriftenst\u00e4nder neben der Ladent\u00fcr sortiert. Gestern war Bundestagswahl und die Zeitungen sind voll mit Hochrechnungen, Analysen und Meinungen. 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