{"id":1298,"date":"2021-09-15T14:24:02","date_gmt":"2021-09-15T12:24:02","guid":{"rendered":"http:\/\/ruhmundelend.de\/Blog\/?p=1298"},"modified":"2021-09-15T14:59:10","modified_gmt":"2021-09-15T12:59:10","slug":"hoffmanns-buedchen-47-guenter-der-nette-nazi","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ruhmundelend.de\/Blog\/2021\/09\/15\/hoffmanns-buedchen-47-guenter-der-nette-nazi\/","title":{"rendered":"Hoffmanns B\u00fcdchen (47) &#8211; G\u00fcnter, der nette Nazi"},"content":{"rendered":"\n<p>Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. \u201eDie Theke ist auch antifaschistischer Schutzwall\u201c, denkt er gerade und h\u00f6rt G\u00fcnter, soweit es geht, zu. G\u00fcnter: Ende f\u00fcnfzig, Anfang sechzig, starker Raucher, Zigarillos, nicht dumm, aber politisch sehr weit rechtsau\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHerr Hoffmann, wei\u00dft du eigentlich, was ich damals gemacht habe? So beruflich in deinem Alter oder noch fr\u00fcher?\u201c G\u00fcnter lacht auf. Er geh\u00f6rt schon zu der Gattung Mensch, die am Meisten \u00fcber ihre eigenen Witze lachen k\u00f6nnen. Dann schaut aber sofort wieder ernst, sehr ernst zu Herrn Hoffmann \u00fcber die Theke. \u201eWie ist eigentlich die m\u00e4nnliche Form von Politesse\u201c, \u00fcberlegt Herr Hoffmann. Er kommt nicht drauf. \u201eIch wei\u00df es nicht, G\u00fcnter\u201c, sagt er.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch einen kurzen Moment l\u00e4sst G\u00fcnter die selbstaufgebaute Spannung steigen. Vielleicht doch noch eine Werbepause? Nein.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eTaxifahrer\u201c, sagt G\u00fcnter.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs ist raus. Taxifahrer\u201c, denkt Herr Hoffmann. \u201eLustig\u201c, sagt der B\u00fcdchen Betreiber nach einer Weile. \u201eTaxifahrer also.\u201c Was anderes f\u00e4llt ihm auf G\u00fcnter tolles Beruferaten nicht ein.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAbgeschlossenes Politikstudium, danach Taxischein, zwanzig Jahre Nachtschicht, zwanzig Jahre Single, lieber Herr Hoffmann.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Herr Hoffmann nickt. Taxifahrer also. Immer alleine, irgendwann an der falschen Stelle abgebogen. Heute ist G\u00fcnter f\u00fcr das Viertel nur noch der rechte Giftzwerg.<\/p>\n\n\n\n<p>Herr Hoffmann wei\u00df genau, wie sich \u201eallein sein\u201c anf\u00fchlt und an was f\u00fcr schr\u00e4ge Orte einen die Fantasie tragen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch wei\u00df wohl, dass mich alle f\u00fcr einen rechten Giftzwerg halten. Hier, dein Stammkunde, dieser Student, Lukas, der hat mich doch letztens sogar bei dir im B\u00fcdchen als Nazi bezeichnet.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Herr Hoffmann starrt auf G\u00fcnter, ohne dazu etwas zu sagen. Er erinnert sich noch genau an das Gespr\u00e4ch, den Streit. Sch\u00f6n war das nicht. Herr Hoffmann fragt sich allerdings, warum G\u00fcnter ihm das alles erz\u00e4hlt. Gefragt hat er nicht danach.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd wei\u00dft du was, Herr Hoffmann?\u201c G\u00fcnter kommt einen Schritt n\u00e4her zur Theke. Herr Hoffmann wei\u00df nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas?\u201c, fragt der \u201eHerr des Kiosk\u201c, dreht sich dabei zur Wanduhr um, die hinter ihm neben dem Zigarettenregal h\u00e4ngt. Ein Becks Gold Vertreter hat sie ihm geschenkt. Herr Hoffmann wollte sie immer mal wieder austauschen, aber sie l\u00e4uft noch. Herr Hoffmann mag keine Verschwendung. Das Werbegeschenkt jedenfalls zeigt, dass bald gegen\u00fcber an der Schule <em>Gro\u00dfe Pause <\/em>ist. Dann st\u00fcrmen die Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen wieder in seinen Kiosk und die Zeit zum Plauschen ist vorbei.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eZu Recht, lieber Herr Hoffmann. Zu Recht.\u201c G\u00fcnter lehnt sich \u00fcber die Theke. Herr Hoffmann muss einen Moment \u00fcberlegen, was G\u00fcnter meint. Er geht einen Schritt zur\u00fcck und prallt leicht gegen das Zigarettenregal.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHerr Hoffmann, wir m\u00fcssen wieder lernen, die eigenen H\u00fctte sauber zu halten. Das geht nicht, wenn hier jeder reinkommt und macht, was er will. Ich wei\u00df, dass darf man nicht mehr sagen, aber&#8230;\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt wei\u00df Herr Hoffmann wieder, worum es geht.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e&#8230;aber wir brauchen Strukturen, Ordnung, eine starke Hand, Pers\u00f6nlichkeiten, die wissen, wie man der Jugend wieder Tugenden und Ideale mitgibt. Lieber Herr Hoffmann, Friede, h\u00f6rst du, Friede ist nur der Zustand zwischen zwei Kriegen\u201c, sagt G\u00fcnter, am Ende seines Vortrags angekommen. G\u00fcnter schaut Herrn Hoffmann durchdringend, auch neugierig an, als ob er auf seine S\u00e4tze eine Antwort haben will. \u201eEine Best\u00e4tigung vielleicht noch\u201c, denkt Herr Hoffmann.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch dazu kommt es gl\u00fccklicherweise nicht mehr. Das T\u00fcrgl\u00f6ckchen des Kiosk l\u00e4utet und eine Scharr junger Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler \u00fcberf\u00e4llt seinen Laden.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMaske auf. Nur zwei Kunden gleichzeitig. Wenn du das Heft lesen willst, musst du es kaufen,\u201c schreit der B\u00fcdchen Betreiber zwischen den Heranwachsenden. G\u00fcnter l\u00e4chelt. Er gr\u00fc\u00dft noch einmal \u00fcber die Theke und verabschiedet sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein paar Minuten sp\u00e4ter steht auch Herr Hoffmann wieder alleine in seinem B\u00fcdchen. H\u00e4tte er G\u00fcnter seine Meinung sagen sollen? War es richtig, einfach die Klappe zu halten? Wohl kaum. Aber, das muss sich Herr Hofmann eingestehen, er mag G\u00fcnter. Kein Freund, aber ein Stammkunde, den er gerne im B\u00fcdchen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDer nette Nazi\u201c, l\u00e4chelt Herr Hoffmann und ahnt, dass das eigentlich gar nicht m\u00f6glich ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. \u201eDie Theke ist auch antifaschistischer Schutzwall\u201c, denkt er gerade und h\u00f6rt G\u00fcnter, soweit es geht, zu. G\u00fcnter: Ende f\u00fcnfzig, Anfang sechzig, starker Raucher, Zigarillos, nicht dumm, aber politisch sehr weit rechtsau\u00dfen. \u201eHerr Hoffmann, wei\u00dft du eigentlich, was ich damals gemacht habe? 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