Besuch der alte Dame

Letzte Woche schaute ich mal wieder bei meinem alten Punker -Zuhause rein. Der Empfang war besser, als es den Anschein hat. Aber gegenüber einem Reihenhäuschen-Bewohner ist ein wenig Mißtrauen immer angebracht.

Notizen aus dem Reihenhäuschen – Warnhinweis: Kindergeburtstag

Die Frau und ich denken mit Grauen an das nächste Wochenende, denn das Kind feiert Kindergeburtstag. Sie nennt es Party. Sie wird fünf und darf fünf Kinder einladen. Letztes Jahr wurde das Kind vier und durfte sieben Kinder einladen. Sieben auf einen Streich, das war rückblickend aber ein Fehler. Trotz Hilfe der Schwiegereltern und der Patentante waren am Abend alle Helfer ein paar Jahre gealtert. Zerkratzte Knie, Streit um herrenlose Barbies, blutige Lippen, kompromisslose Feindseligkeiten ums Knetwerkzeug, aufgerissene Kinder-Hände, Plüschpony- und Kinderküchen- Gezanke ließen immer wenigstens ein Kind schreien (meistens eher drei) und brachten Erziehungsberechtigte und GehilfInnen das ein oder andere graue Haar. Oma Gertrud, die schon graue Haare hatte, fing sogar mit dem Rauchen wieder an. Nach zwanzig Jahren Abstinenz qualmte sie ab Stichtag Kindergeburtstag erneut Kette. Sie sagte, zwei Schachtel Kippen seien auch nicht gesundheitsgefährdender als ein Kindergeburtstag. Opa Gerd, der Mann von Oma Gertrud, meinte, man sollte auf Kindergeburtstage auch Warnhinweise kleben. Wie auf Tabakprodukte. Vielleicht auf die Einladungen, schlug er vor und gab gleich ein paar Beispiele.

„Kindergeburtstag ist tödlich.“ „Kindergeburtstage mindern Ihre Fruchtbarkeit.“ „Kindergeburtstage aufgeben, für ihre Lieben weiterleben.“ „Schützen Sie Senioren – lassen Sie sie keine Kindergeburtstage feiern.“ „Kindergeburtstage machen sehr schnell abhängig – fangen sie gar nicht erst an.“

Am letzten Beispiel sieht man schon, dass der Vergleich hinkt. Kindergeburtstage sind für alle – außer vielleicht für die Peer Group des Kindes – unerträglich, vielleicht sogar gesundheitsgefährdend (siehe Oma). Sie machen aber ganz sicher nicht abhängig. Alkohol macht süchtig, Zigaretten machen abhängig, aber keine Kindergeburtstage. Das ist Blödsinn.

Als das Kind Anfang des Jahres den Schnuller aufgab, sprach ich mit der Tochter über Süchte und Abhängigkeiten. Ich verglich den Schnuller mit meinen Zigarettenkonsum und konnte mir gut vorstellen, durch was für eine Hölle das Kind gehen musste. Der kalte Schnuller-Entzug kostete dem Kind eine Menge Kraft und viele Tränen floßen. Doch das Kind schaffte es. Nach ein paar Tagen war sie „Schnuller-frei“. Leider rang sie mir damals in einem sehr jammervollen Moment das Versprechen ab, selber mit dem Rauchen aufzuhören, wenn sie es mit dem Schnuller schaffen sollte. „Bis Weihnachten bin ich rauchfrei“, versprach ich dem Häufchen Elend.

„Papa, bald ist Weihnachten. Versprochen ist versprochen und wird nicht gebrochen“, erinnert mich das Kind nun regelmäßig. Prima Idee, Herr Weber, denke ich in solchen Momenten. Wirklich eine prima Idee.

Ich schweife ab. Nächste Wochenende Kindergeburtstag. Die Helfer des letzten Jahres weigern sich zu kommen. Die Patentante hat sich sogar erkundigt, ob sie ihre Patenschaft kündigen kann. Wir sind jetzt am überlegen, ob wir professionelle Helfer einstellen. Club- Türsteher sind momentan durch den Lockdown billig zu haben. So ein 180kg schwerer Bruder aus Dortmund Nordstadt oder Berlin Neuköln könnte funktionieren, Respekt einflössen. Mit so einem Bruder gewinnt „Topf schlagen“ auch eine ganz andere Note.

Die Frau sagt, sie ist mit allem einverstanden. So weit ist es schon. Kindergeburtstage sind echt das Letzte.

 

Notizen aus dem Reihenhäuschen – Beste Freunde

„Das ist meins“, schreit das Kind und reißt ihrer besten Freundin die Puppe aus der Hand. Die beste Freundin ist heute zum Spielen da. Beide haben sich sehr auf den Nachmittag gefreut. Jetzt schreien und weinen sie abwechselnd.

Wer glaubt, es ist nicht normal, wenn Kinder sich ums Spielzeug prügeln. Wer denkt, Kinder können doch nett zusammen sitzen, ein Gläschen Limonade trinken und dabei in Ruhe vielleicht ein Puzzle lösen, der hat die „Ich verstehe Kinder“ – Prüfung noch nicht gemacht oder nicht bestanden.

Kinder sitzen nicht nett zusammen und bereden Probleme. Das machen Erwachsene oder Kinder, die erwachsen sein wollen.

Doch auch bei den „Großen“ hat sich die Streitkultur verändert: Als mein Kumpel Klaus vor Jahren mal richtig sauer auf mich war, weil ich seine Alte durch gebummert hatte, kaufte ich ein gutes Stück Fleisch und vier Flaschen Bier und löste unseren kleinen Konflikt, in dem ich ihm ein Steak briet. Heute ist das leider nicht mehr so einfach.

Die eine Hälfte der Freude lebt mittlerweile vegan oder wenigstens „teilweise“ fleischlos (Frühstücksvegetarier). Die andere Hälfte hat sich die Leber kaputt gesoffen, so dass man ihnen mit einem „Bierchen in Ehren“ nicht mehr zu kommen braucht.

Kinder sollten natürlich sowieso kein Alkohol trinken und wenn das Kind ihrer besten Freundin ein Steak braten würde, weil sie sich um einen Kita Jungen oder meinetwegen um eine Barbie streiten, fände ich das auch nur so halb. So fehlt also Kindern und mittlerweile auch vielen Erwachsenen die Möglichkeit einen blöden Streit mit einem guten Stück Fleisch und einem winzigen Körnchen zu beenden. Es bleibt nur die harte Tour: Anschreien, wegschubsen, zuschlagen, Freundschaft kündigen. Früher war eben doch alles besser.

Notizen aus dem Reihenhäuschen – Immer sonntags

„Papa, Po abputzen“, schallt es durch die kleine Straße. Duzende Male schrecken genervte Väter und Mütter auf. Es ist das Wutgeschrei ihrer Kita-Kinder und I- Männchen. Die kleinen Mäuschen, die strahlenden Sonnenscheine und süßen Prinzessinnen tyrannisieren wöchentlich sonntags die glücklichen Jungfamilien. In diesen langen sonntäglichen Stunden wünschen sich der Papa und die Mama nichts mehr, als am Montag wieder im Büro zu sitzen, am Band zu stehen, im Laden zu sein.

„Irgendwann“, tröstet man sich, „sind sie ja lebensfähig.“ Doch man weiß, dann kommt die Pubertät. Wenn sie, diese fleischgewordenen Leidenschaften der Mamas und Papas, dann endlich merken, dass ihre Erziehungsberechtigten keine knallharten Gefängnisaufseher sind, noch nicht einmal Feinde sein wollen, stehen sie meistens schon mit gepackten Taschen, der Matratze auf dem Rücken und offenen Händen vor der Tür. Noch einmal muss der Papa an seinen Notgroschen, die Mama das Sparschwein schlachten, danach sind sie endgültig weg (zuerst nur solange wie das Bafög reicht, danach aber endgültig). „Das wollten wir doch auch nicht“, jammern folgend die Eltern, gucken mit Tränen in den Augen dem Umzugswagen hinterher.

Es ist Sonntag, denke ich gerade. Es ist ruhig, fast friedlich auf der Straße.
„Papa, Po abputzen.“ Ich schrecke hoch. Es ist unser kleiner Traum. „Sofort, mein Mäuschen. Ich komme.“

Über Berlin-Mitte, das Babylon des kleines Mannes

Berlin-Mitte. Babylon-Berlin. Wieder einmal denkt der Berliner und seine Zugezogenen, sie sind Mittelpunkt des Landes. Hier entscheidet sich die Krise. Hier zeigt sich, ob der Deutsche die Pandemie besiegt oder nicht.

Als in den Siebzigern und Achtzigern Berlin Fluchtpunkt vieler junger Wehrpflichtiger war, die lieber Punk sein wollten, als Vater Staat zu dienen, entwickelte sich für kurze Zeit ein kultureller Hotspot in der heutigen Hauptstadt.

Doch mit Wende, Hauptstadt-Status und vor allem den dezentralen Möglichkeiten des Internets ist Berlin nur noch für ein paar Abiturienten und Erasmus Studenten Kunst-Mittelpunkt (sie meinen/ suchen Feiermeile). Natürlich: Die Fördergelder werden Richtung Berlin ausgeschüttet, aber ein vergoldeter Montblanc Füllfederhalter macht noch lange keinen Schriftsteller.

Wie so oft ist die Kunst, die Literatur, das alternative Leben schon längst weitergezogen.

In Münster – eine kleine Provinz in Westfalen – wurde vor Jahren per Ratsbeschluss aus dem Stadthafen, damals für seine Alternativkultur bekannt, der „Kreativ-Kai“. Die Idee: Die kreative Energie des Stadtteils nutzen, die vorhandenen Peer Groups assimilieren und mit der Strahlkraft des Leuchtturms „Kreativ-Kai“ Investoren anlocken. Das Ergebnis: ein Biobäcker, mehrere Kaffeehaus- Ketten und ein paar Buden für Webdesign und Gestaltung, dazwischen Rechtsanwälte, Zahnärzte und Consulting-Firmen, die stolz auf ihrer Online Präsenz verkünden, dass sie nun im Kreativ Kai, dem subkulturellen Spielzimmer der Kunstszene, zu Haue sind.

Berlin-Mitte – das Babylon des kleines Mannes – ist schon längst nichts anderes mehr als unser Kreativ Kai. Nur eben größer, also noch mehr Zahnärzte, Anwälte und Consulting Firmen; dazwischen Cafés, Kneipen, Clubs und Bratwurst Buden, die dem Tagestouristen weis machen wollen, dass man sich im Hotspot der deutschsprachigen Kulturszene tummelt.

Wenn es nicht so traurig wäre…

Quadrophenia oder Putzen, Pillen, Psycho Pilze

Was für ein armes Männchen! Quadrophenia mit Sting (seine erste Rolle als Schauspieler) gesehen und am nächsten Tag dem Opa den alten Armeeparka aus dem Schrank geklaut. Das Männchen wollte Mod oder Scooter Boy werden. So genau war das nicht klar; so genau kannte das Männchen den Unterschied nicht. Wichtig war aber (neben der Vespa, ein nie erfüllter Wunsch): Tabletten schlucken, bis man kotzt. Wie die Helden und Rebellen im Fernsehen. „Mods, Mods, we are Mods” schrie es beim Männchen im Kopf (Kotz, Kotz…bis es kotzt).

Alleine war das Männchen nicht mit seiner ganzen Subkultur, auch bei anderen schrie es im Kopf: Beim Schulkumpel Karl zum Beispiel. Der hatte auch den Film geschaut, sich sogar das gleichnamige Konzeptalbum (The Who – Quadrophenia) besorgt. Für so einen wie Karl kein Problem. Sein Vater ein angesehener Christdemokrat, Stadtrat, Elternsprecher, Prinz Karneval 1987 und stolzer Besitzer der Dom Apotheke. Hier, in der Apo, konnte der Kumpel sein Taschengeld durch Putzen und Pillen aufbessern. Am Samstagabend dann Kopfschmerztabletten, Blutverdünner und kleine roten Tabletten gegen Herz Rhythmusstörungen. Dazu Klassiker wie Amselfelder Tafelwein. Bis man kotzt. „Mods, Mods, we are Mods.” Wie im Fernsehen. Wie ihre Helden, dachten das arme Männchen und Kumpel Karl. Heute: Was der Karl jetzt macht, weiß keiner. Mancher sagt, er fand in Karlsruhe seinen Frieden. Aber manche sagen viel und viele sagen manches.

Später Lyrik. Der Jim Morrison Gedichtband. Ein Geschenk. Zum 18. Geburtstag von Marion. Gebraucht, aber mit Widmung. Nutze den Tag. Sonst war Marion aber okay. Sie war gerade eben sehr spirituell. Carlos Castenada, alte Indianer, Psycho Pilze in der Wüste und so Sachen. Marion sagte: “Also nach dem Abi Mexiko. Pilze in der Wüste nehmen, Psycho Pilze . (PPPP -Philosophie: Putzen Pillen Psycho Pilze).” Wenn man den Gedichtband von Jim Morrison gelesen hatte, wollte man damals Pilze in der Wüste nehmen. Wenn man dagegen Carlos Castaneda gelesen hatte, wollte man ein Adler sein, über eine Wüste gleiten, auf Psycho Pilzen, drauf. 4P Philosphie. Pforten der Wahrnehmung. So war sie, das kleine, holde Mädchen Marion, die später Petra heißen sollte.

Und sie, die frühe Marion, war mit dem Holger. Er, der Holger, der ein wenig wie Jim Morrison aussah, was daran lag, dass er so aussehen wollte. Lange lockige Mähne, Lederhose, weißes Hemd, nicht ganz zugeknöpft und zwischenzeitlich sehr seltsame Sachen sagen. Ich gehe heute auf eine Reise. Alleine. Dystopische Nacht. Nicht denken, glauben, sagte er z.B. gerne. Wohin wollte er? Warum alleine? Geheimnisvoller, cooler Holger, sagte das arme kleine Männchen und las fleißig Gedichte über Menschen, die sich in Adler verwandeln und über der Wüste Mexikos Pilze knusperten. Das arme Männchen wollte auch so gerne ein cooles, geheimnisvolles armes Männchen sein.

Dann endlich das Abitur in der Tasche. Die Pforten der Wahrnehmung waren endgültig geöffnet worden. Das Männchen war jetzt nur noch drauf. Aber ohne Psycho Pilze und Carlos Castaneda . Die Zeit war vorbei. 4P gestorben. Dunkle Erfahrung, düstere Erkenntnis: Mondmädchen Marion hatte sich in der Wüste Mexikos die Birne zerfräst, also geistig zerfräst Putzen, Pilze, Pillen. Psycho Petra. Sie hatte nach dem Abi ein halbes Jahr in einer Apotheke geputzt, sich in Petra umbenannt und dann mit dem Ersparten nach Mexiko. Gleich ab in die Wüste, Pilze schlucken, Psycho Pilze. Zu Hause dann Pillen vom Arzt gegen das was von den Pilzen übrig blieb. Und es blieb ganz schön was übrig, also hängen, also in der Petra, ehemalige Marion.

Das arme, kleine Männchen spürte: Heute ist anders als gestern. Nach den Achtzigern kamen die Neunziger, eine Wahrheit für man kein erweitertes Bewiußsein braucht.. Und mit den Neunzigern neue Subkulturen, Filme, Helden und natürlich Pillen. Drauf geht auch anders, dachte das Männchen Jetzt gab es Nirwana und Kurt Cobains letzten Tanz. Das Männchen nahm, was man kriegen konnte. Und man konnte eine Menge kriegen…. Aber davon erzählt die Fortsetzung.

Fortsetzung folgt… denke ich.

Matrjoschka und die seichten Wasser von Rosa-Explosion-Land.

Gegenüber meiner Matratze steht in einem offenen Schuhkarton eine Matrjoschka. Sie steht da, weil ich sie da reingestellt habe. Ich Teufelskerl.

Eine Matrjoschka ist eine kleine Holzpuppe, die man in der Mitte auseinanderziehen kann. In ihrem Bauch ist dann eine weitere genauso bemalte, etwas kleinere Matrjoschka, die in ihrem Bauch wieder eine Matrjoschka hat und in ihrem Bauch wieder eine und so weiter und so weiter.

Meine Holzpuppe ist eigentlich keine richtige Matrjoschka. Die eierförmigen Holzpuppen sind meistens als Frauen bemalt, russisches Mamas, sie stehen für Fruchtbarkeit. Aber meine Matrjoschka ist ein Pirat und die Piraten stehen nicht für Fruchtbarkeit. Natürlich gibt es auch weibliche Piraten und die sind natürlich oft auch fruchtbar, aber als Symbol stehen Piraten eher für etwas anderes als weibliche Fruchtbarkeit.

Meine Tochter spielt auch gerne Piratin – dem Kind ist glücklicherweise Fruchtbarkeit noch egal. Sie spielt auch gerne Heilerin oder Fee. Am Liebsten spielt das Kind heilende Piratenfee, die durch das seichte Wasser von Rosa-Explosion-Land reitet. Sie reitet dann auf Amadeus, das ist ihr Vater, also ich, aber eigentlich das Pferd von Bibi Blocksberg, der freundlichen Hexe.

In der Wikipedia steht, es gibt auch männliche Matrjoschkas. Aber seltener. Ich denke, männliche Matrjoschkas sind sehr kostbar, eben weil sie so selten sind. Fruchtbare, männliche Matrjoschkas, das klingt schon kostenbar, denke ich und überlege wie ich meine Kostbarkeit zu Gold machen kann. Gold ist gegenwärtig richtig kostbar. Gold wollen alle haben, wenn es sonst nicht so gut mit der Wirtschaft läuft. Und momentan läuft es nicht so gut.

Gold geht immer, sagt man oder frau, Frau Castelle zum Beispiel. Frau Castelle ploppt immer in meinem Online Banking auf und möchte mit mir einen Termin vereinbaren. Ich aber nicht mit ihr. Sicher will sie mir nur Gold verkaufen. Aber ich bezweifle, dass sie gegen meine Matrjoschka tauscht, meine männliche wertvolle Piraten – Matrjoschka.

Spucken verboten oder feiern bis der Arzt kommt

Noch so eine. Die spanische Grippe zählt als Mutter aller Pandemien. 1918 starben an ihr dreimal mehr Menschen als im Ersten Weltkrieg. Jeder gab jedem die Schuld, ein US Offizier sah deutsche Agenten im Spiel, die Chinesen, Franzosen, natürlich Spanier bekamen ihr Fett weg. Am Ende waren es die Amerikaner.

Drei Wellen. Mit Schul- Kirchen- und Theaterschließungen, Mund-Nase Schutz und Spuckverbot, soziale Distanzierung (ein blödes Wortgebilde. Besser: „Abstand halten“ ) versuchte man die Krankheit in den Griff zu bekommen. Die Städte, die früh Maßnahmen ergriffen, hatten bei weitem weniger Todesfälle. In San Francisco erschoss ein Schaffner einen Passagier, der sich weigerte Mundschutz zu tragen.

Scheiß Zeit. Kaputte Städte, nichts zu fressen, keine Arbeit, Inflation, Armut und dann noch eine unsichtbare Viruserkrankung, die vor allem die Jungen unter Beschlag nahm. Zum Feiern war keinem zu Mute.

Und doch! Kurze Zeit später begannen die „Yeah! Yeah! Yeah!“ Goldenen Zwanziger. Literatur, Kunst, Musik, die Kultur schwang sich zu neuen Höhen auf. Klar, am Schluß ein braunes Ende mit Schrecken.

Und Heute? Wieder ein Jammertal. Kunst erscheint dem Künstler als Scherbenhaufen. Sicher nicht als Lebensmittel, was immer noch mancher Politiker in seinem Redemanuskript stehen hat. (anders: sie müssen meinen Popo nicht streicheln, sonst fühle ich mich durch ihre Worte verarscht)

Und doch. Die spanische Grippe war häßlich, kacke, schlimm, aber irgendwann vorbei. Die Jetzige wird auch irgendwann vorbei sein, verdrängt werden. In einem Jahr? In Zwei? Keine Ahnung. Aber sie wird vorbeigehen und danach drängeln wir wieder vor die Bühne, schmusen auf der Tanzfläche, packen uns mit tausenden auf Festivals, gucken Kunst als Event in einer kollektiven Massenrezeption (vielleicht wird das Händeschütteln und Küsschen rechts, Küsschen links ein wenig mehr Zeit brauchen). Und dann? Die nächste Dystopie? Wieder ein Ende mit Schrecken?

Wie auch immer? Es heißt weiterhin: Spucken verboten oder feiern bis der Arzt kommt.

https://www.nationalgeographic.com/history/2020/03/how-cities-flattened-curve-1918-spanish-flu-pandemic-coronavirus/

https://de.wikipedia.org/wiki/Spanische_Grippe#cite_note-natgeo-57