Tag 1 – Skulptur Projekte. Über kleine Bürgermeister und Schönwetterkunst

Ayşe Erkmen „On Water“ – Kunst als Event?

Eröffnung der Skulptur Projekte im Landesmuseum. Es sprechen verschiedenen Persönlichkeiten, die sich für die Ausstellung verdient gemacht haben. Ein Bürgermeister, eine Kulturstaatssekretärin, ein Museumsdirektor feiern ihre Verdienste und die Verdienste der Anderen. Der Bürgermeister Münsters ist sehr klein und wirkt immer ein wenig lustig. Das macht ihn bürgernah, sagt die Frau. Nun ja.

Als der Vorsitzende der Sparkasse Münster die Bühne betritt, verlassen viele die Eröffnung. Ich denke, weil er aussieht wie ein Vorsitzender einer Sparkasse. Wir verlassen auch lieber die Eröffnung.

Wir fahren an den Hafen, um die Installation von Ayşe Erkmen zu sehen. Sie hat einen Steg über den Kanalhafen gebaut. Das Gitter des Steges ist knietief unter der Wasseroberfläche, so dass man sich die Hosen bis zu den Knien hochkrempeln muss, um trocken rüber zu kommen.

Es ist ein sehr sonniger, heißer Tag, so haben viele Spaß durchs Wasser zu laufen. Wie Jesus, sagt einer. Das ist so eine Anspielung auf Jesus, wie er übers Wasser lief, glaubt er zu wissen. Der Schlaukopf. Viele können leider nicht den Steg überqueren, da sie zu dicke Beine haben und die engen Hosen nicht hochziehen können.

Jesus hin und her. Ich denke, dass Ayşe Erkmen Installation Schönwetterkunst ist und sicher ganz gut in den hundert Tagen ankommen wird, da man übers Wasser laufen kann, so ein bisschen Event hat.

Was ist ein Poetry Slam – Teil Drei

„Und kann man davon leben?“ Diese existenzielle Frage verfolgt mich nun mein Leben lang. Früher, als ich ein Studium noch mit dem Taxi finanzierte, fragten mich die Fahrgäste, ob man vom Taxifahren leben kann. Heute, wo ich mit meinen Slam Texten auf Bühnen stehe, fragt das Publikum, ob man vom Geschichtchen schreiben leben kann.

Auf Poetry Slams, diesen Fast Food Literaturbühnen, bekommt man Fahrkosten erstattet, eine Unterkunft gestellt und ein paar belegte Brötchen geschmiert. Früher gab es Bier statt belegte Brötchen, aber heute nehmen sich die Slam Poeten sehr wichtig, so dass nicht mehr vor und während der Veranstaltung getrunken wird und man sich mit einem Smoothie und vielleicht noch einem Avocado Brötchen zufrieden gibt. Honorare gibt es eigentlich auf Slams nicht, aber bei der Fahrkostenerstattung kann man tricksen.

So gibt es Halunken, die es schaffen, umsonst durch Deutschland zu reisen, ohne einen Cent für eine Fahrkarten auszugeben. Diese Sparfüchse schließen sich während der Zugfahrt auf dem Klo ein und hoffen, nicht erwischt zu werden. Schwarzfahren nennt man diese Ninja Technik umgangssprachlich. Beförderungserschleichung ist der juristische Fachausdruck. Wie alle Ninja Techniken ist auch das Schwarzfahren eine hohe Kunst. Sie kommt aus Japan und es die Kunst der Unsichtbarkeit.

Hier ein paar Kniffe für den schwarzfahrenden Slam Poet. Es ist schwierig, in den Regionalbahnen schwarz zu fahren. Erstens wird in der Regionalbahn, also im Nahverkehr, schärfer kontrolliert. Zweitens ist der Schaffner im Nahverkehr oft kein geselliger Bursche, mit dem sich reden lässt. Horden betrunkener Fußballfans und ausgelassene Kegeldamen haben den Nahverkehrs-Schaffner zu einem Misanthropen werden lassen. Ein erbärmlicher Stundenlohn tut sein übrigens. Drittens sind die Zugklos oft kaputt, verschlossen oder in einem fäkalem Endstadium, so dass man kaum eine Möglichkeit hat, sich dort vor dem Schaffner zu verstecken.

In ICs oder ICEs ist es schon leichter, ohne Fahrkarten ans Ziel zu kommen. Hier wird nicht regelmäßig kontrolliert, die Zugklos sind bequem und bieten auch auf langen Strecken Gemütlichkeit. Sie sind wahre „Stille Örtchen“.

Der wichtigste Grund, warum der Fernverkehr dem Schwarzfahrer die Hand reicht, ist aber, dass man nachlösen kann. Wenn man also tatsächlich erwischt wird, hat man noch die Möglichkeit, zu sagen, dass keine Zeit mehr bestand, eine Karte am Bahnhof zu ziehen. Neben einer kleinen Bearbeitungsgebühr ist das nachgelöste Ticket noch nicht mal vieler teurer.

So mancher Slam Poet verdient sich also sein Lebensunterhalt mit der Schwarzfahrerei, einem Leben auf Zugklos und im ständigen Versteckspiel mit dem Schaffner.

Eine weitere Möglichkeit, sich seinen Lebensunterhalt durch Slams zu verdienen, besteht im Verkauf von Büchern, Jutebeuteln, Stickern oder kleinen Heften, die der Slam Poet für die „Bühne der lyrischen Lust“ kreativ angelegt hat.

Für zehn Euro verkauft so mancher Slam Poet Jutebeutel, auf denen zum Beispiel ein Mikrofon abgebildet ist, gerne noch mit einer kleinen Unterzeile, welche die Liebe zur Slam Poesie, unterstreicht. „The points are not the point; the point is poetry.“ Aha!

Schwarzfahren und Jutebeutel verkaufen. Zwei Wege als Bühnenliterat zu überleben, über die Runden zu kommen.

Daneben bieten sich noch Möglichkeiten wie Flaschensammeln, ein Griff in die Abendkasse des Veranstalters oder Nachts den Kollegen die erhaltenen Fahrkosten aus der Brieftasche klauen. Das sind aber Wege der Lebensunterhaltung, die auch Nicht – Slammern zu Verfügung stehen, die also nicht primär der schreibenden Zunft vorbehalten sind (und auch nicht aus Japan kommen).

Man sieht also, man kann von der Bühnenliteratur leben. Und ansonsten: Mutti fragen.

Kind im Kopf und Sand im Schuh

Lieber Rabauke oder lass mich dich Hodentroll schimpfen, heute mal etwas Privates im ganzen Öffentlichen. Ich bin fünfundvierzig Jahre alt und Vater. Seit zwei Jahren wohne ich in einem Reihenhaus, man sagt, es ist sehr klein. Ich habe einen Ehevertrag, man sagt, ich unterschrieb ihn aus romantischen Gründen, und ich bin Vater geworden, man sagt, weil ich es noch konnte.

Nun… es ist eine Tochter und als Zeichen meiner Liebe zu ihr habe ich zwei Apfelbäume gepflanzt. Mit ein bisschen Glück werde ich in ein paar Jahrzehnten eine Hängematte zwischen ihnen spannen. Vielleicht wird aber auch meine Tochter zwischen den Bäumchen eine Hängematte spannen oder ihre Tochter. Keine Ahnung wie schnell die Dinger wachsen. Irgendwann wird man eine Hängematte zwischen ihnen spannen.
Jedenfalls bin ich jetzt erwachsen: Ich habe ein Reihenhaus, eine Ehe, eine Tochter und zwei Apfelbäume.
„Andreas! Junge! Mein Leben habe ich für dich geopfert. Seit du da bist, habe ich alles nur dafür getan, dass es dir einmal besser geht“, hat mal meine Mutter zu mir gesagt. Da steht man schon ein wenig unter Druck, weil man gar nicht will, dass die Mutter alles für einen opfert. Ein bisschen opfern ist in Ordnung. Aber bitte nicht alles, nicht das ganze Leben.
Viele meiner Freunde sind kinderlos, manche von ihnen auch noch arbeitslos, und manche sogar beziehungslos. Diese sehr verpflichtungslosen Menschen glauben, dass – wenn man ein Reihenhaus, eine Ehe, eine Tochter und ein Apfelbaum hat – sich das Leben in einem Korsett befindet, in dem es kaum Platz zum Atmen gibt. Sie glauben, dass man nur noch wenig schläft, nicht mehr feiert, nur noch Kinder im Kopf hat und Spielplatz-Sand in den Schuhen. Sie glauben, dass meine Mutter Recht hatte und man sein Leben der Ehe, dem Reihenhaus, dem Kind und dem Apfelbaum geopfert hat und dort wenig Platz für anderes ist. Nun… das ist richtig.
Nein, das ist nicht richtig. Sie haben vielleicht zu oft von ihren Müttern gehört, dass sie für das Kind alles geopfert haben. Ich habe sicherlich nicht alles für das Kind geopfert. Ich bin fünfundvierzig, da geht man sowieso nicht mehr so oft feiern. Ich habe mich bewusst für Kind, Ehe, Reihenhaus und Apfelbäume entschieden und das war eine gute Entscheidung. Natürlich würde ich manchmal gerne länger schlafen und ja, es gibt Momente, an denen ich daran zurückdenke, wie es war, kein Apfelbaum, Reihenhaus, Kind und Ehe zu haben. Aber nach einer harten durchzechten Nacht denke ich auch manchmal, dass ich mir das letzte Bier hätte sparen können. Trotzdem war es eine schöne harte durchzechte Nacht.
Meine Mutter sagt immer: „Junge, ich habe immer nur dafür gearbeitet, damit es dir einmal besser geht.“
Ich sage ihr darauf: „Mutter, selber schuld. Ich arbeite, damit es mir besser geht und ich habe eine Tochter, eine Reihenhaus, ein Apfelbaum und eine Ehe, weil es mir auch mit ihnen besser geht.“
So, es ist jetzt halb acht. Das Kind schläft und ich mache mir ein Bier auf, vielleicht auch zwei oder drei, weil es mir damit besser geht.

Über illuminierte Elephanten, Sünden in Beton, Eventpark Zoo

Münsters Allwetterzoo ist zu zweifelhaften Ruhm gekommen. Er findet Erwähnung in Richard David Prechts Buch „Tiere denken“. Der Allwetterzoo wird als Zementsünde beschrieben, in der Tiere zwischen grauen Beton und Käfigstangen zur Begaffung freigegeben werden.

Vor den Hängebauchschweinen ist der Currywurst Stand, im Bistro gibt es Schnitzel Wiener Art und das Steak XXL. Tiere denken beschreibt unser Verhältnis zum Tier und guckt, wann wir angefangen haben, uns nicht mehr als Teil des Tierreichs zu sehen, wann wir Krone der Schöpfung wurden und uns die Natur Untertan machten. Das Tier ist Ressource, Sache, Eigentum und trotz einem langsamen Umdenken in kleinen Teilen der Bevölkerung sind wir noch weit davon entfernt, Tieren Würde oder sogar Rechte zu geben.

In der Betonwüste des Allwetterzoos offenbart sich Verhältnis zum Tier. Überall werden Zoos zu Eventparks umgebaut. Neben der Tierschau sollen Konzerte, Open Air Kino und Artistennächte die Zoos mit Publikum füllen. Da passt es gut, dass der Allwetterzoo in diesem Sommer Chinesische Lichter erleuchten lässt. Der Zoo wird illuminiert, man verspricht viele Überraschungen. Da ist der Elefant nur noch Projektionsfläche für Visuell Artists.

Was ist ein Poetry Slam – Der zweite Teil (2/199)

Guten Tag, ich bin seit dreizehn Jahren Poetry Slammer. Ein Poetry Slammer oder Slam Poet liest für Schnaps, Bier und Büchergutscheine Texte auf Bühnen vor. Poetry Slammer zu werden ist nicht schwer, kann jeder werden, der sich dazu berufen fühlt. Man muss sich nur mit einem Text auf eine Bühne stellen und ihn, den Text vortragen (oder performen wie man in der Szene sagt). Mit ein bißchen Glück kann man dann einen Büchergutschein gewinnen oder sogar eine Flasche Schnaps. Das Bier ist meistens für alle kostenlos, weswegen an einem Slam auch viele Hobbyautoren teilnehmen, die gar nicht schreiben können, aber gerne Bier trinken.

Einen Rat möchte ich aber zukünftigen Poetry Slammern mitgeben. Der Text auf dem Zettel, der sogenannte Bühnentext sollte selbstgeschrieben sein. Er muss aber nicht selbstgeschrieben sein. Wenn der Text nicht aus der eigenen Feder stammt, sollte niemand im Publikum den wahren Autor kennen. Wenn herauskommt, dass der Text fremdgeschrieben ist, wird man vom Poetry Slam ausgeschlossen und darf nie wieder in seinem Leben an einem Poetry Slam teilnehmen. Da ist die Szene rigoros. Auf einem jährlich stattfinden Slam Master Meeting werden solche Fälle besprochen, schwarze Schafe ermittelt und neue Regeln aufgestellt.

Das Slam Master Metting ist sowas wie die UNO Vollversammlung. Hier haben alle eine Stimme, aber manche haben eine lautere Stimme und mehr zu sagen. Ansonsten sind aber alle Slammer ganz locker in der Poetry Slam Szene. Selber nennt man sich auch Slammily, was zum Ausdruck bringen soll, wie lieb sich alle haben. Slammily ist ein Kunstwort und bildet sich aus den beiden englischen Wörtern „slam“ und „family“.

Meistens werden Poetry Slammer nicht zu einem Poetry Slams eingeladen, sondern sie laden sich selber ein. Manche Slam Poeten fahren hunderte von Kilometern, um einem Dichterwettstreit teilzunehmen, auf dem sie sich selber eingeladen haben. Das hört sich genauso an, wie es ist.

In ihren Blogs und auf ihren Facebookseiten schreiben diese Lustknaben der Literatur dann, dass sie heute einen Auftritt in einem Autonomen Jugendzentrum am Kartenrand von Google Maps haben und sich riesig auf den Slam freuen. Noch mehr freuen sie sich, wenn ihre Fans auch alle vorbeischauen und ihnen eine Menge Punkte auf diesem Hüpfburg Abend der Literatur geben.

Oft gefällt das zwei Leuten. Meistens haben sie aber leider an diesem Abend keine Zeit.

Eine Frage, die immer wieder gestellt wird, ist, ob auf einem Poetry Slam oder Dichterwettstreit Literatur feilgeboten wird. Ich möchte hier auf den Kurs für musikalische Früherziehung eingehen, den meine einjährige Tochter momentan besucht. In den Wörtern „Kurs für musikalische Früherziehung“ versteckt sich auch das Wort Musik. Weiter möchte ich gar nicht auf die Frage nach der Literatur aufs Slam eingehen.

In meinem letzten Blog Eintrag habe ich versprochen, mich mit Frage auseinandersetzen, ob man von Slams leben kann. Ich möchte diese Frage aber nach hinten stellen und es heute mal gut sein lassen. Als Hausaufgabe gebe ich allen die Schreibaufgabe mit, eine Kurzgeschichte über den schönsten Tag in eurem Leben zu schreiben. Gerne dürft ihr diese Geschichte auf einem Slam vorlesen. Ihr seid dann Poetry Slammer und vielleicht schon bald im Besitz eines Büchergutscheins oder einer Flasche Schnaps. Das ist doch klasse. In diesem Sinne: Lasst uns träumen und carpe diem.

Was ist ein Poetry Slam? Teil 1

Ich bin Poetry Slammer. Auf jeden Fall sagen das die Leute, dass ich Poetry Slammer bin. Seit knapp dreizehn Jahren stehe ich auf Slam Bühnen, lese Kurzgeschichten und kriege dafür Schnaps, Büchergutscheine und manchmal einen Pokal. Meistens bekomme ich aber gar nichts, manchmal vielleicht ein paar Euro Fahrkostenerstattung und eine Luftmatratze zum Schlafen.

Ein Poetry Slammer ist vor allem ein Hobbyautor, der vorgibt ein richtiger Autor zu sein, weil er vor vielen Leuten selbstgeschriebene Texte vorträgt. Ein Poetry Slammer oder Slam Poet hat einen seltsamen Blick auf die Welt. So glaubt er oder sie gerne, dass die hundert Leute, denen er oder sie seinen Text vorträgt, wegen ihm oder ihr gekommen sind. Ein Poetry Slammer sagt zum Beispiel gerne, dass er gestern vor fünfhundert Leuten gelesen hat und alle hart begeistert waren. Er erwähnt dabei nicht, dass sich niemand eine Spur für ihn interessiert. Das Publikum kommt zum Poetry Slam, weil sie einen Poetry Slam besuchen möchten und nicht, weil sie den einen Autor sehen wollen. Diese Sicht der Dinge macht einen Slam Poeten zu einem sehr kreativen, aber auch schizophrenen Menschen.

Poetry Slams sind offene Bühnen, wo man Schnaps, Büchergutscheine und manchmal einen Pokal gewinnen kann. Auf Poetry Slams lesen und performen anerkennungssüchtige Menschen selbstgeschriebene Texte, die vom Publikum bewertet werden. Das Publikum ist also die kritische Jury oder Masse. Der Slam Poet hat ein sehr ambivalentes Verhältnis zum Publikum. Geben sie ihm Punkte, bestenfalls so viele Punkte, dass er Schnaps, einen Büchergutschein oder einen Pokal bekommt, findet er das Publikum heute richtig knorke, ansonsten findet er aber das Publikum dumm und müde.

Das müde und dumme Publikum bekommt Stimmtafeln, Stimmzettel, mit denen sie die Hobbydichter bewerten können. Sie sind also Teil der Show und können sich nicht einfach die ganze Zeit betrinken und in den Ausschnitt ihrer Sitznachbarin starren. Hier liegt einer der Gründe, warum der Poetry Slam als eine kluge Veranstaltung gesehen wird. Das ist auch schon der ganze Spaß an einem Poetry Slam, einem Dichterwettstreit.

Kritiker sagen, dass auf Poetry Slams kurze Texte gelesen werden, die auf die verkümmerte Aufnahmefähigkeit der Generation „Instagram“ eingehen. Meistens gewinnt der junge Spaßmacher oder der Hobbyautor, der am häufigsten die Wörter Ficken, Sperma oder Donald Trump in seinen Text verwendet hat. Das ist richtig.

Ich erzähle in meinen erfolgreichsten Texten zum Beispiel gerne über meinen Penis. Penistexte kommen immer gut an. Das weiß ich. Ich habe eine Menge Pokale und Schnapsflaschen, die auf einen Penistext zurückzuführen sind.

Außerdem läuft es recht gut auf einem Dichterwettstreit für Slam – Randgruppen, also Personen, die eine Ausnahme auf Slams darstellen. Slam Randgruppen sind zum Beispiel sehr junge Hobbyautoren, Frauen, Behinderte und junge behinderte Hobbyautorinnen oder sehr alte behinderte Hobbyautoren (aber weniger). Männer Mitte Zwanzig mit Bart müssen dagegen durch ihren Text und den Vortrag punkten, heißt sie müssen öfters über ihren Penis oder ihr nächtliches Geschlechtsverkehrverhalten in der Großstadt berichten. Das ist natürlich schwieriger.

Worauf will ich hinaus? Eine gute Frage. Hierauf werde ich in meinem nächsten Text eingehen, der sich mit dem der wundervollen Frage beschäftigt, ob man vom Slam leben kann.

Petry, Paula, Mausezähnchen

Freitag, 12 Uhr. Münster. Frauke Petry trumpelt heute Abend durchs Rathaus. Die AfD lädt zum Neujahresempfang in unsere schönen Provinzmetropole und der Münsteraner ist schockiert. Man stellt sich auf gegen Rechts. Verschiedene Demos und Aktionen sind geplant.

„Wann ist endlich wieder Sommer“, denke ich, sitze im cuba, einem kleinen Kulturzentrum in Münster und rauche heimlich im Technikraum, da es mir draußen zu kalt ist. Ich warte auf DJ At, einem Elektro-DJ, mit dem ich heute in Osnabrück auf der Bühne stehe. Sonst würde ich auch demonstrieren, denke ich. Natürlich würde ich demonstrieren. Auch wenn es sich im Sommer sicher besser gegen AfD Neujahrsempfänge demonstrieren lässt. Aber Neujahrsempfänge sind eben nicht im Sommer, das liegt in der Natur dieser Empfänge.

Ein Neujahrsempfang ist ein Empfang, der zum Jahresbeginn von Staatsoberhäuptern, Parteien oder anderen sehr wichtigen Ausrichtern gegeben wird. Auf Neujahresempfängen wird viel geredet, begrüßt, Reden gehalten, Grußworte gesprochen und gerne eine künstlerische Darbietung geboten.

Ein Neujahrsempfang wird oft dazu genutzt, einen Ausblick auf die Vorhaben der wichtigen Institutionen und Staatsoberhäupter im beginnenden Jahr zu geben. Heute Abend gibt sich die Partei „AfD“ im Rathaus wichtig.

Die AfD ist eine Partei, die einen roten, steifen Penis als Logo hat. Das Logo soll Kraft symbolisieren und zeigen, dass die AfD was bewegen will. Natürlich bestreitet die AfD, dass sie einen roten, steifen Penis als Logo hat, weil das sexistisch und frauenfeindlich wäre. Die AfD hat Frauke Petry als Vorsitzende und will natürlich nicht frauenfeindlich sein. Sie möchte nur, dass man diesen Gender-Wahn stoppt. Das steht auch auf ihren Fahnen „Stoppt den Gender-Wahn!“

Mit Gender-Wahn meint die Partei mit Penis das Gender-Mainstreaming. Gender-Mainstreaming ist ein Fremdwort und eine Strategie zur Förderung der Gleichstellung der Geschlechter. Gender-Mainstreaming bedeutet, die unterschiedlichen Interessen von Frauen und Männern bei allen Entscheidungen zu berücksichtigen, um so die Gleichstellung durchzusetzen. Jedenfalls nennt die Partei mit Penis diese Strategie Gender-Wahn und findet, dass man das wirklich nicht unterstützen sollte.

Wir haben andere Probleme, sagt die Partei mit Penis. Zum Beispiel die Ausländer oder die Flüchtlinge. Oder die Migranten und die Asylanten und natürlich die falschen Asylbewerber und die kriminellen, falschen Flüchtlinge, die ihren extremistischen Religionswahnsinn auf die deutsche Leitkultur stülpen und dafür sorgen wollen, dass bald in unseren Kindergärten nur noch arabisch gesprochen wird und alle Frauen Kopftücher tragen müssen. Auch die kleine Paula und ihre Freundinnen aus der Kita „Wackelzähnchen“ müssen Kopftuch tragen. Und die Bibel wollen sie gegen den Koran austauschen, schreit die Partei mit Penis. Und Karneval abschaffen.

Und in Herne heißt der Prinz Karneval Mohammed und ist Kindergärtner bei den Wackelzähnchen. Das ist Fakt. Und das möchte die AfD nicht, das möchte niemand und deswegen haben sie einen Penis als Logo, weil es mit ihnen wieder aufwärts geht in diesem Land.

Frauke Petry trumpelt durch Rathaus und schüttelt Hände und hält Reden und in Thüringen sitzt der Höcke und wedelt mit einem Deutschlandfähnchen und seinen roten steifen Penis, also dem AfD Logo. Weil eigentlich kann niemand dagegen sein, wenn man Kraft und Männlichkeit will, also dass es aufwärts geht. Auch die linken Schurken nicht, sagen die Rechten, die sich eher als Mitte sehen.

Ich rauche heimlich im Technikraum des cubas und frage mich, wann endlich wieder Sommer ist, als DJ At vor mir steht und mich einpackt. Petry Heil, sagt er. Igitt, denke ich. Na, Petry dank.

Rentner, Lahm und Zappelpartys

Dienstag, 11 Uhr. Münster. Im Radio sagen sie, dass Philipp Lahm jetzt in Rente geht. Ende der Saison ist Schluß. Lahm steht auch nicht für andere Aufgaben zur Verfügung.

Ich sitze im Café „Sonnenschein“, trinke Kaffee, später Bier und freue mich, noch nicht in Rente gehen zu müssen.

Philipp Lahm wurde 1983 von seiner Mutter geboren, er ist Fußballspieler und Kapitän des FC Bayern München. Mehrmals wurde er mit seinem Verein Deutscher Meister und 2014 mit der Nationalmannschaft sogar Weltmeister. Er ist also ein sehr guter Fußballspieler.

Ich bin kein guter Fußballspieler, sondern Slam Poet, Lesebühnenautor, deswegen muss ich auch nicht mit dreiunddreißig Jahren in den Ruhestand gehen. Als Slam Poet und Lesebühnenautor kann man, auch wenn man sehr erfolgreich ist, Rente sowieso vergessen. Mit Dreiunddreißig habe ich noch nicht mal gewusst, dass ich irgendwann Lesebühnenautor werde. Mit Dreiunddreißig war ich gerade mal mit meinem Studium fertig und habe gedacht, dass das Leben jetzt erst richtig losgeht.

Ich habe Neuere Geschichte auf Magister studiert und gleichzeitig einen Taxischein gemacht, um mir beruflich alle Möglichkeiten offen zu lassen. Nach dem Studium habe ich mich sogleich mit der Personenbeförderung professionell beschäftigt. Sechs Tage die Woche saß ich nachts im Taxi und habe junge, motivierte Studenten zu Studentenparties gefahren, die Namen trugen wie „Ersties knallen“, „Zappelexamen“ oder die “Die fetzige Knackwurstfete“. Das war sehr schön, da ich sehr viel über das Leben gelernt habe. Über diese ganzen Erfahrungen habe ich dann Geschichten geschrieben und sie auf Offenen Bühnen und Poetry Slams vorgetragen.

Eine offene Bühne ist eine Show, in der mehrere Künstler oder Gäste spontan auftreten können. Je nach Veranstalter sind verschiedene Darbietungsformen zugelassen, z.B.: Musik, Comedy, Stand-Up, Lesung, Prosa, Lyrik, Tanz, Zauberei, Jonglage und Artistik sowie an bestimmten Orten auch Kurzfilme. Da ich Kurzgeschichten schrieb, habe ich mich für die Darstellungsform „Lesung“ entschieden.

Jedenfalls hat das alles erst mit dreiunddreißig Jahren begonnen, einem Alter, wo die feinen Herren Sportler schon in den Ruhestand gehen, weil sie körperlich nicht mehr so können. Ich bin jetzt fünfundvierzig Jahre alt und kann immer noch. Natürlich ist „Die fetzige Knackwurstfete“ auch nicht mehr so mein Ding, auch die Personenbeförderung musste ich dran geben. Aber ich kann noch Geschichtchen schreiben, sinniere ich, sitze im Café „Sonnenschein“, schlürfe Kaffee, später Bier und schieb den Ruhestand noch ein paar Jahre vor mir her.

Mickie Krause, Gürkchen und ich

Montag, 19 Uhr. Ich sitze im Backstage Bereich des Jovels, einem Club in Münster, esse belegte Brötchen, Schokoriegel und Gürkchen. In einer Stunde soll ich Kurzgeschichten auf der Bühne vorlesen, deswegen darf ich hier sitzen und umsonst Gürkchen knuspern.

Die Show, von der ich ein Teil bin, heißt Sebel + 1. Sebel, ein Musiker aus Recklinghausen, lädt monatlich Künstler ein, auf der Bühne ihre Musik oder ihre Texte zu präsentieren. Neben den angekündigten Showacts gibt es auch immer einen Überraschungsgast. Heute heißt dieser „Mickie Krause“. Mickie Krause ist Schlagersänger und wurde bekannt durch seinen Topsong „Zehn nackte Friseusen“. Auch wenn ich kein Schlager höre, kenne ich Mickie Krause und seine Friseusen.

Sebel fragt mich, wie er mich ankündigen soll. „Kann ich Poetry Slammer Andreas Weber sagen?“, fragt er. Ich nicke. „Das kann man sagen“, antworte ich und knuspere weiter meine Gürkchen.

Ich muss daran denken, dass Gürkchen sehr kalorienarm sind und reich an Nährstoffen. Daher bieten sie sich für eine gute und gesunde Ernährung an, aber ich schweife ab.

Ich bin ein Poetry Slammer. Ein Poetry Slam ist ein literarischer Vortragswettbewerb, bei dem selbstgeschriebene Texte innerhalb einer bestimmten Zeit einem Publikum vorgetragen werden. Die Zuhörer küren anschließend den Sieger, der eine Flasche Schnaps als Preis bekommt. Da ich seit über vierzehn Jahren literarische Vortragswettbewerbe besuche und veranstalte, kann man mich als Poetry Slammer bezeichnen. Ich habe auch schon oft den Schnaps bekommen, weswegen ich heute auch Teil der Show sein darf.

Mickie Krause kommt in den Backstage Raum und schüttelt Hände. „Mickie“, sagt Mickie. „Andreas“, sage ich und verschlucke mich an einer Gurkenscheibe. Ich hätte nicht vermutet, dass Mickie Krause so ein netter Typ ist, denke ich. Oft sind Stars unnahbar, aber dieser Mickie ist ein ganz lockerer Star.

Wir sitzen eine Weile zusammen und Mickie schüttelt weitere Hände und ißt vom gleichen Buffett wie wir anderen Gurkenscheibchen.

Dann beginnt die Show. Ich beginne den Abend, erzähle auf der Bühne ein wenig vom Leben eines Poetry Slammers und lese eine halbe Stunde Kurzgeschichten. Nach mir kommt eine Indie-Pop-Band an die Reihe. Die Lieferanten. Sie erzählen auf der Bühne ein wenig vom Leben einer Indie-Pop-Band und spielen eine halbe Stunde gute Popsongs. Sie klingen ein wenig wie Selig. Endlich ist Mickie dran. Er erzählt ein wenig vom Leben eines Schlagersängers und singt danach eine halbe Stunde Schlagerlieder. Das Publikum singt teilweise mit. Als Zugabe gibt es seinen Topsong „Zehn nackte Friseusen“.

Später im Backstage sage ich zu Mickie Krause, dass ich nicht gedacht hätte, mir mit ihm mal die Bühne zu teilen. Mickie Krause sagt, dass er letzte Woche Helene Fischer getroffen habe. Sie hat zu ihm genau das gleiche gesagt. Vor Jahren stand sie vor ihm auf der Bühne. Mickie Krause ist also für den späteren Erfolg ein gutes Omen. Aus der Helene ist auch was geworden, sagt der Mickie, schüttelt ein letztes Mal Hände und ißt ein Gürkchen.

 

Über Lesebühnen

Münster, Montag, 16 Uhr. Ich bin Lesebühnenautor. Das heißt, dass ich mich regelmäßig auf Bühnen stelle und Kurzgeschichten vorlese und dabei Bier trinke, manchmal Wein, selten Limo. Früher habe ich auf der Bühne auch noch sehr viele Zigaretten geraucht.

Heute rauche ich aber nicht mehr auf Bühnen, da man in Clubs und Kneipen nicht mehr rauchen darf und ich mich zurücknehmen muss, da ich sowieso sehr ungesund lebe. So trinke ich auf Lesebühnen Bier, manchmal Wein, selten Limo während ich meine Kurzgeschichten vorlese. Da ich regelmäßig auf Bühnen meine Kurzgeschichten vorlese, trinke ich sehr viel, lebe also sehr ungesund. So ist es gut, wenigstens nicht mehr so viel zu rauchen.

Ich schweife ab. Thema Lesebühne: In Münster habe ich seit 2007 eine Lesebühne. Sie heißt Lesebühne Die2, weil sie aus zwei Stammlesern besteht.

Eine Lesebühne ist eine literarische Veranstaltungsform, bei der ein festes Autorenensemble regelmäßig am gleichen Ort selbst verfasste, oft unterhaltsame Texte vor Publikum vorträgt. Viele Lesebühnen sind nach dieser Definition keine richtigen Lesebühnen, da sie kein oder kaum Publikum haben. Unsere Lesebühne Die2 hat ein Publikum, somit dürfen wir sagen, dass wir eine richtige Lesebühne sind, eine literarische Veranstaltungsform.

Das feste Autorenensemble unserer Lesebühne besteht aus dem Essener Autor und Metall DJ Micha El Goehre und aus meiner Person. Wir lesen regelmäßig am gleichen Ort, einmal im Monat, oft unterhaltsame Texte.

Es gibt verschiedene Motivationen, warum man eine Lesebühne betreibt. Drei Gründe werden immer wieder genannt. 1. Geld 2. Eitelkeit 3. Partnersuche.

Zu 1. Oft werden Lesebühnen von einem festen Autorenensemble gegründet, damit Geld in die Brieftasche kommt. Hierfür braucht man ein größeres Publikum, welches regelmäßig die Lesebühne besucht und bereit ist, Eintritt zu zahlen. Da wir ein Publikum haben, aber kein größeres, ist Geld kein Motivation für mich.

Zu 2. Die Eitelkeit. Die Eitelkeit ist die übertriebene Sorge um die eigene körperliche Schönheit oder die geistige Vollkommenheit, den eigenen Körper, das Aussehen und die Attraktivität oder die Wohlgeformtheit des eigenen Charakters.

Oft wird die Eitelkeit als Grund und Motivation angeben, eine Lesebühne zu betreiben. Auch die Eitelkeit sehe ich bei uns nicht als Antriebsfeder. Unser Publikum ist nicht groß genug, um unseren Charakter wohl zu formen und mit körperlicher Schönheit hat unser Lesebühne gar nichts am Hut.

Zu 3. Partnersuche. Da ich schon vor dem Start unserer Lesebühne eine Partnerin hatte und auch nicht gedenke, mir eine neue zu suchen, sehe ich auch diesen Punkt nicht als Motivation an, monatlich meine Geschichten auf der Bühnen vorzulesen.

Was ist es dann? Was treibt mich monatlich an, neue Geschichten zu schreiben und sie auf der Lesebühnen vorzulesen. Ich befürchte, es hat was mit Bier, machmal Wein, selten Limo zu tun. Daneben braucht man einen ein Ventil, um Gefühle Gedanken herauszulassen. So mancher malt, macht Musik, furzt heiße Luft, ich schreibe. Da ich es nicht mag, für die Schublade zu schreiben, habe ich eine Lesebühne. Sie ist also mein Ventil, meine Art Schadstoffe heraus zu pupsen.