Hoffmanns Büdchen (60) – Hoffmanns Traurigkeit

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Er ist traurig. Der Büdchen Betreiber ist traurig, weil sein Stammkunde und Freund Paket Paul traurig ist. „Ach komm…“, sagt Herr Hoffmann ungeschickt. „Wie, ach komm? Wohin sollen ich kommen, Herr Hoffmann? Was soll das denn für ein Tipp sein?“, fragt Paket Paul und guckt traurig über die Theke. Herr Hoffmann weiß auch nicht, was das für ein Tipp sein soll und so guckt er noch viel trauriger.

„Weißt du, Herr Hoffmann, am Meisten ärgert mich, dass mich alle für ein armes Opfer halten.“

Herr Hoffmann nickt. Er weiß.

„Die Schauen mich an und in ihrem Blick steht: Du armes Opfer.“

„Das denken sie wohl“, bestätigt Herr Hoffmann. Er kennt den Blick.

„Manchmal stecken Sie mir sogar was zu. Eine hat mal gesagt: „Braucht der Chef nicht zu sehen. Für das Bierchen zum Feierabend.“ Dann griff sie mir an die Hose und wollte mir ein Schein zustecken. Die halten einen echt für einen Penner“, sagt Paket Paul müde.

„Du bist einer für sie“, sagt Herr Hoffmann noch viel müder.

Der Kiosk Verkäufer schaut raus. Draußen gehen zwei Männer an seinem Kiosk vorbei. Einer guckt durchs Fenster rein, kurz treffen sich ihre Blicke. Der Mann grinst Herrn Hoffmann blöde an. Glücklicherweise gehen die Beiden am Kiosk vorbei.

„Das ich glücklich sein könnte, mit allem, das können die sich gar nicht denken.“

„Ne, das können sie nicht. Wenn du glücklich bist, hast du noch zu viel.“

„Deswegen sage ich auch nichts“, sagt Paket Paul. Er ist wirklich sehr traurig.

„Ja“, sagt Herr Hoffmann. Er ist noch viel trauriger.

Hoffmanns Büdchen (59) – Herr Hoffmann und das kleine Abenteuer

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Das Türglöckchen läutet und Herr Ärmel und eine Prise kalte Luft kommen in den Kiosk. „Guten Tag, Herr Hoffmann,“, sagt Herr Ärmel wie immer freundlich.

„Herr Ärmel“, grüßt Herr Hoffmann kurz und knapp, aber nicht mit weniger Freundlichkeit zurück.

„Und Herr Hoffmann? Haben Sie mal wieder ein kleines Abenteuer in ihrem Denkerstübchen erlebt“, fragt Herr Ärmel neugierig. Und tatsächlich: Herr Hoffmann hat ein kleines Abenteuer erlebt.

Heute morgen guckte er, es war kurz nach halb elf, hinter seiner Theke aus dem Fenster und sah eine junge Frau, die draußen an der Straße auf die „15“ wartete. Sie guckte immer wieder auf ihre Uhr, und Herr Hoffmann sah aus seinem Büdchen, dass sie es wohl sehr eilig hatte.

Plötzlich sprang aus einer dunklen Ecke ein schwarzgekleideter Mann oder eine Frau – Herr Hoffmann glaubt, die Gestalt war hinter den Mülltonnen des Mietshauses gegenüber versteckt. Die schwarzgekleidete Gestalt hatte sich als Ninja verkleidet, so dass sie – Herr Hoffmann gab ihr den Namen „Schattenblitz“ – fast unsichtbar war. Schattenblitz entriss der Frau die Handtasche. Die junge Frau schrie. „Hilfe. Zu Hilfe. Ein Überfall“. Doch Schattenblitz sprang schon wieder zurück in den Schatten.

Nur sprang Schattenblitz zu langsam. Er hatte nicht mit den zwei weiteren Fahrgästen gerechnet, die mit der jungen Frau auf die „15“ warteten. Die beiden Männer – Herr Hoffmann gab ihnen die Arbeitsnamen Muskel und Knöchelknacker – erwischten Schattenblitz noch im Flug. Muskel riss Schattenblitz die Beine weg. Knöchelknacker sprang auf seinen Rücken, wollte Schattenblitz gerade mit einem Spezialgriff unschädlich machen, da sah er Muskel, der auf einmal die Handtasche an sich riss und mit der Beute weglaufen wollte. „Du Hund“, rief Knöchelknacker hinter Muskel her.

Hingegen hatten beide nicht mit der Frau gerechnet. Schnell hatte sie sich gefangen und nun sprang sie auf Muskel, um sich selber die Tasche wiederzuholen. Mit einem Spray in der Hosentaschen ging sie auf die menschliche Maschine zu, der schon nach wenigen Sekunden jammernd am Boden hing.

Nun war es Knöchelknacker, der nicht begreifen konnte, wie die Frau mit ihrer Hilfe umging. Denn auch Muskel hatte es nicht verdient, besprüht zu werden. Immerhin hatte er gerade Schattenblitz niedergeworfen.

Laut schimpfend ging Knöchelknacker mit der Frau auf dem Bürgersteg zu Gericht. Am Ende stand sogar Schattenblitz, also der diebische (oder die diebische) Ninja, dabei und lauschte den Tiraden des Knöchelknackers.

„Es war wirklich absurd. Die junge Frau hat sich nachher sogar entschuldigt“, sagt Herr Hoffmann über die Theke. „Aber sonst war nicht viel los.“

Herr Ärmel lächelt und blättert eine Illustrierte durch.

„Sagt eigentlich noch jemand Illustrierte, Herr Hoffmann?“, fragt er den Büdchen Betreiber.

„Sie, Herr Ärmel. Sie.“

„Das ist richtig.“

„Und die Geschichte?“, fragt Herr Ärmel.

„Erfunden“, antwortet Herr Hoffmann

„Wusste ich“, sagt Herr Ärmel und macht sich auf zu gehen.

„Okay“, sagt Herr Hoffmann. So sicher ist er sich nicht.

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Hoffmanns Büdchen (58) – Hoffmanns Kunst oder Sieben Tage Büdchen

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke.

„Nächstes Jahr ist wieder Documenta. Fährst du hin, Herr Hoffmann?“, fragt Lukas, Langzeitstudent und Kiosk – Stammkunde.

„Nein“, sagt Herr Hoffmann kurz und knapp.

„Das ist die größte Kunstschau der Welt. Also…“

„Ich weiß, was die Documenta ist. Aber ich muss arbeiten.“

„Du kannst doch mal für einen Tag zumachen,“ meint Lukas.

„Nein, kann ich nicht. Sieben Tage, sonst rechnet sich das Büdchen nicht“, sagt Herr Hoffmann.

„Das ist ja eine ziemlich blöde Arbeit“, sagt Lukas, verzieht das Gesicht.

Auch Herr Hoffmann verzieht das Gesicht, will antworten, aber da läutet das Türglöckchen.

Es ist Herr Ärmel.

„Hallo zusammen.“

„Hallo Herr Ärmel“, sagt Lukas.

„Hallo“, grüßt auch Herr Hoffmann.

„Was gucken Sie denn alle so komisch?“, will Herr Ärmel wissen.

„Herr Hoffmann kann nicht zur Documenta, weil er arbeiten muss. Sieben Tage die Woche. Nie Urlaub. Jeder Lohnsklave führt ein besseres Leben“, jammert Lukas ironisch. Herr Hoffmann guckt böse zu ihm rüber.

„Wenn der Laden so wenig abwirft, macht ein Tag den Braten aber auch nicht fett“, sagt Herr Ärmel.

„Genau“, bestätigt Lukas. „Mein Reden, sehr richtig, Herr Ärmel.“

Herr Hoffmann will gerade antworten, da geht erneut das Türglöckchen. Und es ist wieder ein Stammkunde. Was ist denn heute los? Es ist Michael. Schnorrer Michael.

„Hallo zusammen“, sagt Michael und winkt leicht schüchtern. Michael ist nicht besonders selbstbewusst.

„Hallo Michael.“

„Michael.“

„Hallo.“ Die Anderen grüßen freundlich, aber ohne Winken.

„Was guckt ihr denn so?“, fragt Michael. Auch er hat gleich bemerkt, dass in dem Büdchen etwas in der Luft liegt.

„Herr Hoffmann kann nächstes Jahr nicht zur Documenta. Er geht bankrott, wenn er sich mal frei macht“, erklärt Herr Ärmel dem Schnorrer.

„Soll ich dir das Geld leihen, Herr Hoffmann?“, fragt Michael, aufrichtig betroffen.

„Jetzt reicht es aber“, sagt Herr Hoffmann aufgebracht. „Du bezahl erst einmal deinen Deckel“, sagt er zu dem ewigen Schnorrer.

„Einverstanden“, sagt Michael für alle überraschend. „Ich bezahl den Deckel und du, Herr Hoffmann, nimmst einen Tag Urlaub und fährst Kunst gucken.“

„Wisst ihr was?“ Jetzt mischt sich wieder Herr Ärmel ein. „Ich bezahle Michaels Deckel und Herr Hoffmann sagt hier und heute fest zu. Wir fahren alle zusammen nach Kassel.“ In seiner Euphorie bemerkt Herr Ärmel gar nicht, dass er sich gerade selber eingeladen hat. Doch Lukas, und ja auch Schnorrer Michael feiern den Entschluss.

„Ich…“ Herr Hoffmann will noch was sagen.

„Jetzt wird der Mund gehalten, Herr Hoffmann“, lacht Michael.

Herr Hoffmann fühlt sich überrumpelt. Echt, jetzt wirklich, er weiß nicht, ob das jetzt gut war.

Vor der Theke stehen Michael, Herr Ärmel und Lukas und freuen sich auf den gemeinsamen Ausflug. Für sie war, ja, ist es gut.

Hoffmanns Büdchen (57) – Ein großer Haufen für eine alte Dame

Meine Mutter brachte Zwillinge auf die Welt: mich und die Angst.“ (Thomas Hobbes)

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Draußen bringt die alte Dame von gegenüber ihren Müll raus. Jeden Morgen bringt sie ihren Müll heraus: Restmüll in einer kleinen Plastiktüte, Biomüll in Zeitungspapier eingewickelt.

Es regnet in Strömen und Herr Hoffmann beobachtet die alte Dame, wie sie zögerlich an der Haustür steht. Es sind nur ein paar Meter bis zu ihren Mülltonnen, aber bei dem Wetter wird sie die nicht trocken zurücklegen können, denkt Herr Hoffmann. Die alte Dame ist nicht mehr die Schnellste, aber auch wenn sie rennen könnte, würde sie die Strecke nicht trocken zurücklegen können.

Eine ganze Weile steht sie in der Tür und Herr Hoffmann sieht von seinem Büdchen, dass sie überlegt. Ob sie hofft, dass es aufhört zu regnen? Herr Hoffmann schaut auf die Tageszeitung vor ihm. Laut dem Wetterbericht wird sie lange warten müssen. Heute soll es durchregnen.

Das Kiosk -Türglöckchen läutet. Es ist Herr Ärmel, der für einen Kurzbesuch hereinschaut. Herr Ärmel ist langjähriger Kunde in Hoffmanns Büdchen. Anfangs kam er immer nur zum Lotto Spielen, ein kurzer Plausch über mögliche Lottogewinne schloss sich an. Später wurde er so etwas wie ein Freund oder sagen wir Stammkunde. Herr Ärmel ist wie Herr Hoffmann vorsichtig mit Begriffen wie Freundschaft. Also sagen wir Stammkunde. Ja, das ist besser: Stammkunde.

„Guten Morgen, Herr Hoffmann“, grüßt Herr Ärmel auf seine höfliche Herr Ärmel Art.

„Guten Morgen“, antwortet der Kiosk Betreiber, immer noch mit einem halben Auge bei der alten Dame. „So früh schon unterwegs?“ Herr Hoffmann wendet sich zu Herrn Ärmel, lächelt ihn freundlich an. Tatsächlich kommt Herr Ärmel meist erst später des Tages vorbei. Herr Ärmel ist mittlerweile in dem, wie er manchmal ironisch sagt, verdienten Ruhestand; da steht man nicht mehr so früh auf. „Arzttermin. Aber bei dem Wetter hätte ich besser mal absagen sollen. Ich bin nass bis auf die Unterhose“, klagt der Ruheständler und schüttelt seine Jacke im Laden aus.

„Und Sie, lieber Herr Hoffmann, genießen die Ruhe?“, fragt Herr Ärmel, der Herrn Hoffmann immer noch siezt, da das „Sie“ für ihn etwas mit Respekt zu tun hat.

Tatsächlich kann Herr Hoffmann heute den Tag etwas ruhiger angehen. Gegenüber in der Schule sind Projekttage und gestern haben ihm ein paar Schüler erzählt, dass heute die ganze Schule einen gemeinsamen Wald -Ausflug plant. Die Schulleitung hat beschlossen, dass man den Projekttag für den Umweltschutz nutzt. Die Schülerinnen dürfen alle in einem nahegelegen Wald Müll sammeln und sortieren. Am Abend werden die Schülerinnen, die am Meisten gesammelt haben, mit einer Urkunde und einem kleinen Preis, einen fünf Euro Gutschein des Naturkost-Ladens Urinella, geehrt.

„Ich beobachte die alte Dame“, sagt Herr Hoffmann und zeigt auf die alte Dame von Gegenüber. Sie steht immer noch in der Haustür und überlegt, ob sie es durch den Regen schafft. „Hören Sie mir bloß mit der Alten auf.“ Herr Ärmel hat jetzt auch die Frau gesehen. „Die tyrannisiert die ganze Nachbarschaft, schreibt Zettelchen, wenn man seinen Müll nicht richtig sortiert hat oder ruft gleich das Ordnungsamt, wenn mal jemand falsch in der Straße parkt. Die nette alte Dame, lieber Herr Hoffmann, ist ein wahrer Drachen. Letztens hat sie mir die Luft aus den Fahrradreifen gelassen, als mein Fahrrad zu weit auf dem Bürgersteig stand. Die Alte hat nicht mehr alle Latten im Zaun.“

Herr Hoffmann grinst. „Na, na. Das st doch nur eine alte Dame“, sagt er beschwichtigend.

„Ja, und weil sie so nett ist, habe ich ihr letztens auch vor die Tür gekackt“, sagt Herr Ärmel und schaut gar nicht mehr freundlich zu der Frau rüber.

„Was?“ Herr Hoffmann glaubt sich verhört zu haben.

„Vor die Tür. Ein großer Haufen, lieber Herr Hoffmann. Es war… Befreiend.“ „Befreiend?“, fragt Herr Hoffmann ungläubig.

„Ja, befreiend. Sollten Sie auch mal versuchen.“, sagt Herr Ärmel überzeugt.

„Ich schaue mal“, sagt Herr Hoffmann eher skeptisch. „Ich schaue mal.“

Hoffmanns Büdchen (56) – Hoffmanns Schuld

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Draußen tobt immer noch der November. Kalt, dunkel, ungemütlich. „Gut, wer jetzt ein warmes Büdchen hat“, sagt Herr Hoffmann zu sich selber. Er lächelt. Er hat ein warmes Büdchen.

Da geht sein Türglöckchen. Eine junge schwarze Frau kommt in seinen Kiosk. „Hallo, kannst Du dir vorstellen, dich für eine coole Menschenrechtsorganisation zu engagieren“, fragt sie, mit der Tür ins Büdchen fallend. Herr Hoffmann schüttelt den Kopf. Er muss nicht lange überlegen, er kann es sich nicht vorstellen. Herr Hoffmann steht von zehn bis zehn im Büdchen und hat trotzdem gerade genug für Pacht und Taschengeld. Nein, Herr Hoffmann kann sich nur schwer Engagement vorstellen. Freundlich aber bestimmt macht er der Studentin seine Situation klar.

Als Herr Hoffmann wieder alleine im Büdchen steht, beginnen jedoch die Schuldgefühle. Nicht wegen seinem fehlenden Engagement, das ist in seiner Situation wahrlich schwierig -laut Statistik zählt Herr Hoffmann zu den Ärmsten, aber es braucht eben nicht viel, wenn man den ganzen Tag hinter einer Theke steht. Nein, Schuldgefühle hat er wegen der „jungen schwarzen Frau“. Unbewusst hat er sie gleich wieder in eine Schublade gepackt. Aha, eine schwarze Studentin, die für eine Menschenrechtsorganisation sammelt. Sicher bekommt die mehr Spenden als eine weisse Studentin, das hat er gedacht. Er hat Schuldgefühle, weil er schwarz denkt und nicht einfach nicht denkt. Ja, das ist es wohl. Er schaut raus in den November. Kalt, dunkel, ungemütlich. Kann er nicht einfach gar nicht über die Hautfarbe nachdenken? Und wenn er über die Hautfarbe nachdenkt, macht er nicht alles nur noch schlimmer, weil er daraus erst ein Thema macht? „Man sollte einfach das Maul halten“, sagt Herr Hoffmann zu sich selber. „Warum hältst du nicht einfach die Fresse?“ Herr Hoffmann holt tief Luft. „Oder noch besser: Warum hörst du nicht einfach auf zu denken? Du bist schuldig“, sagt Herr Hoffmann jetzt lauter. „Schuldig, schuldig, schuldig“, schreit er.

Verlegen schaut er raus. Glücklicherweise hat niemand sein Gebrülle mitbekommen. „Oder?“

In der Soziologie spricht man von strukturellen Rassismus, wenn der Rassismus so tief im Alltag steckt, dass man ihm schon bewusst begegnen muss, um ihm zu entgehen. Und dann machst du es wieder zum Thema und fühlst dich schuldig, weil du wieder drüber nachdenkst. Ich bin schuldig.

Ich bin schuldig, weil ich hellhäutig bin und sogenannte Weisse, also andere Hellhäutige andere Dunkelhäutigere Jahrhunderte unterdrückt und ermordet haben. Und Rothaarige, Dicknaserige und Gelbhäutigere. Ich bin schuldig.. Ich bin schuldig, weil ich ein Mann bin und Männer jahrhundertelang Frauen unterdrückt und als ihr Eigentum behandelt haben. Ich bin schuldig, weil ich Deutscher bin und weil unter diesen Deutschen andere Religionen, Kulturen oder auch nur Kegelschwestern unterdrückt und ermordet wurden. Ich bin Schuldig, schuldig.“, jammert Herr Hoffmann theatralisch. „Und Messdiener war ich auch. Ich bin schuldig. Ohhohoho…“

„Alles gut, Herr Hoffmann?“, hört der Kiosk Verkäufer auf einmal eine besorgte Stimme vor sich.

Herr Hoffmann schreckt hoch. „Ich bin…“ Er hat das Türglöckchen nicht gehört. Er hat Herrn Ärmel (ein Stammkunde der ersten Stunde) nicht gehört. „Ach Mist, ich..also..“, stottert der Büdchen Pächter. Indes hebt Herr Ärmel seine Hand, bedeutet Herrn Hoffmann, dass er nichts sagen muss.

„Am Ende sind wir alle schuldig“, erklärt er feierlich, gibt seinen Lottoschein ab und fragt wie jede Woche, was der Büdchen Betreiber mit seinem Millionen Gewinn machen würde.

„Vielleicht einer Menschenrechtsorganisation spenden?“, überlegt Herr Hoffmann.

„Löblich, löblich“, lächelt Herr Ärmel.

„Schuldig, schuldig“, sagt Herr Hoffmann, schon nicht mehr ganz so ernst.

Hoffmanns Büdchen (55) – Hoffmanns Schulkamerad (Audio)

Herr Hoffmann hat einen Kiosk, Hoffmanns Büdchen. Jeden Tag steht er in seinem Büdchen von zehn Uhr in der Frühe bis zehn Uhr abends. Glücklicherweise sind dort die Stammgäste und andere Kunden. Sie versorgen ihn mit Geschichten und füllen seine paar Quadratmeter mit Leben.

Episode 55:
Was eine Überraschung! Ein alter Schulfreund kauft durch Zufall bei Herrn Hoffmann ein. Doch schnell wird klar, der alte Schulkamerad ist ein Dummbatz geworden.

Hoffmanns Büdchen (55) – Hoffmanns Schulkamerad

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Das Türglöckchen läutet und ein Mann in ungefähr Herrn Hoffmanns Alter betritt den Kiosk.

„Herr Hoffmann. Hallo“, grüßt der Mann überschwänglich.

„Ja… guten Tag“, sagt Herr Hoffmann verhalten.

„Erkennst du mich nicht?“, fragt der Mann lachend.

Herr Hoffmann nickt. Er erkennt ihn nicht.

„Dein alter Schulkamerad. Albert“ Der Mann lacht immer noch.

„Ach, der Albert“, sagt der Büdchen Betreiber. Herr Hoffmann erinnert sich immer noch nicht.

Der Mann kauft ein paar Nüsschen und eine kleine Flasche Wasser. Beim Bezahlen zeigt er auf die Straße. Vor Hoffmanns Büdchen steht ein dicker, ein wirklich dicker BMW.

„Muss weiter. Ja, das Auto. Geht leider nicht ohne. Meine Partner erwarten das. Aber zu Hause bin ich, sind wir bio“, sagt der Mann, der Albert heißt. „Aber so ist das nun mal“, fügt er mit Lachen hinzu.

Herr Hoffmann nickt. „Ja, so ist das nun mal.“

„Du, ich muss weiter. Wir kriegen heute unser Solardach. Neu gebaut. Ökohaus. Aber du kennst das ja.“ Herr Hoffmann nickt. Ja, er kennt das ja.

„Herr Hoffmann. Bis dann“, sagt der Mann mit einem letzten Grinsen.

„Bis dann, Adolf“, sagt Herr Hoffmann.

„Albert“, sagt der Mann ernst. „Ich heiße Albert.“

„Ja, Albert genau“ , sagt Herr Hoffmann und endlich grinst Herr Hoffmann auch einmal.

Hoffmanns Büdchen (54) – Hoffmanns Elend, Mindestlohn Bürger oder die Dritte Klasse

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke, frühstückt. Es ist kurz nach zehn Uhr und Herr Hoffmann hat gerade seinen Kiosk aufgeschlossen und den Zeitungsaufsteller rausgestellt (BILD schreibt:“Automobilclub wettert gegen Grünzilla“, „Meine wilde Party Nacht mit Prinz Harry“).

Vor dem Öffnen war er noch beim Billig-Bäcker, der erst letztes Jahr die Straße runter eine Filiale aufgemacht hat. Er hat sich einen großen Milchkaffee und eine Laugen-Ecke, wie so oft morgens, gekauft, und sich, wie so oft morgens, über die gute Laune der Verkäuferin gefreut.

Die Frau hinter der Kasse ist ein Sonnenschein. Sicher nicht nur für Herrn Hoffmann, denkt Herr Hoffmann. Sie grüßt immer freundlich, lächelt und Herr Hoffmann nimmt ihr das Lächeln sogar ab. „Und das ist nicht selbstverständlich“, weiß Herr Hoffmann. „Das ist ganz und gar nicht selbstverständlich“, sagt er zu sich selber.

Herr Hoffmann weiß nicht, ob die Frau glücklich mit ihrem Job ist. Wie auch? Er weiß auch nicht, ob sie mit dem Geld auskommt. Er weiß nicht, wieviele Mäuler sie mit ihrem Gehalt stopfen muss, und ob sie sich abends die Haare rauft, weil das Geld vorne und hinten nicht reicht. Er weiß ja noch nicht mal, wie sie heißt. Das Einzige, was er weiß, ist, dass sie immer freundlich zu ihm und auch zu den anderen Gästen ist. Und so fühlt man sich auch bei ihr in der Bäckerei – und das ist alles andere als Selbstverständlich – als willkommener Gast.

Dabei hat, laut der ganzen Zeitungen, so eine Bäckereiaushilfe wahrhaftig keinen Grund freundlich zu sein oder zu lachen. Paket Botinnen, Taxifahrerinnen, Verkäuferinnen, Lieferantinnen, sie alle haben wenige Gründe zu lachen. Worüber auch: Die Einkommensschere im Land geht immer weiter auseinander und sie, die Bullshit – Jobber (Der Begriff sagt alles“, flüstert Herrn Hoffmann) zählen als ihre Verlierer. „Moderne Sklaven, Opfer“ schreiben die Zeitungen, liest man in den Sozialen Medien.

Und wenn einer dieser Opfer sagt, dass er glücklich ist, wird er auch noch angepöbelt. Mit Mindestlohn darf man nicht glücklich sein, schimpft es überall. Jedenfalls darf man es nicht sagen oder zeigen. Wer mit so einem Gehalt glücklich ist, verhindert, dass Milliarden von Menschen irgendwann einmal mehr Geld, mehr Respekt für ihre Arbeit kriegen.

„Lächeln verboten“, flüstert Herr Hoffmann und lächelt verboten. Alles moderne Arbeitssklaven laut Definition. Seine freundliche Verkäuferin müsste ihn eigentlich auch anschnauzen. Ja, ihm die Laugen-Ecke ins Gesicht spucken. „Alles Schweine“, müsste sie schreien.

Alles richtig, denkt Herr Hoffmann. Natürlich verdient sie zu wenig, die Verkäuferin, aber auch sein Stammkunde, der Paket Bote Paket Paul oder der LKW Fahrer der ihm die Waren einmal die Woche bringt. „Vielleicht“, so grübelt es im Büdchen Hirn, „vielleicht verdienen die Anderen aber auch einfach zu viel.“

Auch wenn es keiner hören will: Nicht alle mehr, sondern alle weniger ist für Herrn Hoffmann die Lösung.

„Aber manches darf man vielleicht wirklich nicht sagen, ohne es schlimmer zu machen“, grübelt Herr Hoffmann laut und traurig.

Da läutet sein Türglöckchen, Herr Hoffmann lächelt. Guten Tag, grüßt er freundlich hinter seiner Theke.