Schämt euch!

Eine rasende Reporterin soll sich im Flutgebiet mit Schlamm beschmiert haben. Glücklicherweise gibt es genug Augen hinter jeder Ecke, die sie nun ans virtuelle Kreuz geschlagen haben.

Jetzt schämt sie sich öffentlich.

Auch dieser Mann auf dem Foto wurde beobachtet. Sein Schmerzen sollen gespielt sein, der Sturz nur blödes Theater, um Aufmerksamkeit zu generieren.

Traurig ist das alles. Sehr traurig.

Hoffmanns Büdchen (34) – Pimpern, Podcast & Palaver

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Er hat ein paar Kopfhörer im Ohr und hört über sein neues Handy einen Podcast. Zwei Frauen erzählen Herrn Hoffmann, wie oft sie in der Woche Sex haben.

„Also wir waren sehr aktiv, bevor das Baby da war“, erzählt die Eine. „Wir sind immer noch sehr aktiv. Trotz Baby!“, weiß die andere zu berichten. Die Eine lacht komisch. „Wir sind auch sehr aktiv, nur nicht mehr so aktiv wie früher“, rechtfertigt sie sich vor ihrer Freundin, wieder komisch lachend. „Vielleicht seid ihr zu alt?“, fragt die Freundin gespielt besorgt. „Also wir haben ja täglich Sex“, ergänzt sie ihren Einwurf. Wobei ihr Freund sie ja manchmal eher an einen Zuchtochsen erinnert, führt sie weiter aus. “Ich stehe ja auch meine Frau, aber so eine Standfestigkeit ist mir noch nie unter gekommen.” Sie lacht. “Du meinst drunter gekommen.” Jetzt lachen beide Frauen über ihre Männer und die ganze, tolle Potenz, die dort draußen rumläuft. “Ochsen ochsen”, kreischt eine. Noch mehr Gelächter.

Herr Hoffmann lacht nicht. Er ist beeindruckt. Er ist ganz sicher kein Zuchtochse. Nein, Herr Hoffmann ist nicht sehr aktiv. Herr Hoffmann hat einen Kiosk, denkt Herr Hoffmann. Da hat man keine Zeit für so was.

„Und mit wem auch?“, fragt sich Herr Hoffmann gerade, da geht das Türglöckchen. Es ist Herr Ärmel, der seinen Lottoschein abgeben will und gerne mit Herrn Hoffmann über eine großen Lottogewinn sinniert. Kurz fragt sich Herr Hoffmann, ob Herr Ärmel auch eine Intim-Partnerin hat, bei der er zum Zuchtochsen wird. Doch glücklicherweise verschwinden diese Gedanken wieder. Herr Hoffmann möchte sich Herrn Ärmel nicht als Zuchtochsen vorstellen.

„Guten Tag, Herr Hoffmann“, sagt Herr Ärmel, der nichts von diesen Gedanken ahnt. „Guten Tag, Herr Ärmel“, antwortet Herr Hoffmann und nimmt sich Herrn Ärmels Lottoscheinen an. Sie unterhalten sich kurz über einen möglichen Sechser im Lotto, dann verabschiedet sich der Herr Ärmel und Herr Hoffmann hört weiter seinen Podcast. Die Frauen erzählen, dass sie nächste Woche einen Studiogast haben. Lasso Louis kommt vorbei, der in den Siebzigern mit der neuen Lust auf schlüpfrige Filmchen groß geworden ist.

“Jetzt ist Lasso Louis selber 70zig und, liebe Hörerinnen, er ist immer noch ein Ochse”, erklärt die Eine und die letzte Minute des Podcasts hört Herr Hoffmann nur noch Gelächter.

Herr Hoffmann ist beieindruckt. Sehr beeindruckt.

Hoffmanns Büdchen (33) – Über Krähengeschrei, den ESC und Ralf Siegel

Herr Hoffmann steht hinter der Theke. Eine seltsame Frau betritt den Kiosk. „Junger Mann“, krächzt es durch den Raum. Herr Hoffmann muss an Rabenvögel denken. Rabenvögel, die morgens vor seinem Laden die Mülltonnen nach ein Stückchen Brot oder einer kalten Pommes durchwühlen. Die krächzen genauso gruselig, denkt Herr Hoffmann. Jeden Morgen schaudert ihm bei dem Anblick und jetzt schaudert es ihm auch.

„Junger Mann, kennen Sie Ralf Siegel? Wir brauchen Ralf Siegel zurück.“ Herr Hoffmann guckt doof. „Wieso gucken Sie so doof? Verstehen Sie mich überhaupt? Oder nehmen Sie nur einfach Geräusche wahr? Junger Mann?“ Die seltsame Frau setzt ihren Rucksack ab und zieht eine kleine Bluetooth Box heraus. „Junger Mann, wissen Sie was das ist?“ Herr Hoffmann weiß, was das ist. „Lautsprecher“, sagt er dreisilbig. Die Krähe wackelt bestätigend mit ihrem Köpfchen. „Genau. Lautsprecher.“ Sie drückt auf einen Knopf. Schreckliche Musik erschallt. Keine Krähenmusik. Noch schrecklicher. Hoffmann hält sich die Ohren zu. „Machen Sie das aus. Das ist ja widerlich.“ Herr Hoffmann beschwert sich. Die Krähe lacht nur. „Junger Mann, das ist euer Song beim ESC. “ Herr Hoffmann ist kurz davor, auf die Knie zu fallen. „Bitte“, fleht er. Was auch immer sie will, sie muss nur die Musik ausstellen.

Endlich erhört die Krähe Herr Hoffmann. „Gut“, sagt sie zufrieden. „Ist das nicht schrecklich?“ Herr Hoffmann nickt. „Das ist es wirklich.“ „ESC können die Deutschen nicht“, sagt die Krähe. Sie kauft ein paar Kaugummis, steckt sich eines sofort in den Mund. „Wir brauchen Ralf Siegel zurück“, sagt sie, bezahlt, geht.

Herr Hoffmann steht wieder alleine hinter seiner Theke. Er summt vor sich hin. Er hat sowas wie ein Ohrwurm. „Ein bisschen Frieden, ein bisschen Freiheit…“ macht es in seinem Kopf. Vielleicht hat die Alte doch Recht, denkt er.

Hoffmanns Büdchen (32) – Alter weißer, geiler Mann

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. „Bald ist wieder Inventur“, denkt er. Einmal im Monat macht Herr Hoffmann Inventur. Er zählt dann die Ware und jedesmal fehlt was. Seine Kunden beklauen ihn. Herr Hoffmann findet das armselig, einen Büdchen Besitzer beklauen, und die letzten Wochen ist er noch mißtrauischer geworden. Mit Mundschutz ist der Gauner kaum zu erkennen, denkt der Büdchen Besitzer und forscht im Internet nach Sicherheitstechnik für den kleinen Geldbeutel. Seine Stammkunden hatten natürlich auch ihre Ideen: Videoüberwachung, Lichtschranken, Sicherheitspersonal, Security und die Anstecker, die immer in der Neuware klemmen und die erst an der Kasse entfernt werden. Aber Herr Hoffmann war nicht sehr überzeugt.

„Nächste Woche ist Inventur. Dann sehe ich es wieder“, denkt Herr Hoffmann traurig.

Das Türglöckchen läutet und holt ihn aus seinen schweren Gedanken. Drei Schülerinnen sprengen seinen Laden. „Mundschutz, langsam, hintereinander“, schreit Herr Hoffmann, doch die Schülerinnen geben wenig auf die Worte des alten weißen Mannes. „Verkaufen sie auch Sex-Magazine?“, fragt die Lauteste von ihnen, während sie seine Zeitungen durchblättert. „Nein“, ängstlich schaut Herr Hoffmann auf seine Ausgaben. „Bitte liegen lassen“, ruft er ein wenig zu verzweifelt. Die anderen Mädchen lachen, wodurch sich die Anführerin bestärkt fühlt. „Na, unter der Theke haben sie doch sicher noch was liegen, alter weißer, geiler Mann.“ Sie grinst überlegen. Herr Hoffmann ist sprachlos. Da geht das Türglöckchen. Es ist Paket Paul. Paket Paul war noch nie sprachlos. Nach wenigen Augenblicken hat er die Situation durchschaut. „Einmal die Täschchen öffnen, verdeckte Drogenkontrolle”, schreit er und baut sich in seinem Paketboten-Uniform vor den fiesen Schulmädchen auf. Dem Trio fällt die Farbe aus dem Gesicht, ein panischer Blickwechsel und sie rennen wie vom Teufel gestochen aus dem Kiosk. Paket Paul klopft stolz über seine Uniform. „Einmal die Täschchen öffnen, verdeckte Drogenkontrolle?“ Herr Hoffmann kratzt sich am Kopf. „Hätte auch nicht gedacht, dass die das glauben.“ „Ja, die waren auch ein bißchen dumm. Danke.“ Herr Hoffmann nickt noch einmal anerkennend Richtung Paket Paul, sie lachen noch einmal über die ganze Dummheit, dann widmet sich jeder wieder seiner Arbeit.