Hoffmanns Büdchen (31) – “Ich bin Arzt. Hat hier jemand einen Arzt gerufen?”

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Er hört UKW auf einem alten Radio, was er auf dem Speermüll gefunden hat. Sein Stammkunde Lukas wird wieder zetern, dass Herr Hoffmann altbacken ist, aber der Kiosk Betreiber lässt sich sicher nicht von seinen Kunden UKW, LP oder MC verbieten. „Soweit kommt es noch. Mir vorzuschreiben, wie ich Nachrichten oder Musik höre. Lächerlich“, sagt Herr Hoffmann zu sich selber (Büdchen Talk nennt er diese Selbstgespräche).

Auf UKW laufen die Nachrichten. Der Ministerpräsident des Landes sagt gerade, dass er eine grüne Seele hat, aber auch ein Herz für den Bergbau. „Sind wir nicht alle ein bisschen schizophren?“, sagt Herr Hoffmann im Büdchen Talk Modus, da läutet das Türglöckchen. Ein Kunde betritt den Laden. Mitte Fünfzig, Leinenhose, Segelschuhe, Polohemd. Ein leichter Kaschmir Pullover liegt über den Schultern, legér vor der Brust zusammengebunden.

Der Kunde möchte eine Packung Kaugummis, Menthol. Er sagt, er habe mal geraucht, aber er ist Arzt. „Als Arzt bin ich auch Vorbild“, sagt der Arzt. „Ah“, sagt Herr Hoffmann und nickt kundenfreundlich.

„Freiwilliger im Impfzentrum“, führt der Arzt weiter aus. „Ah“, sagt Herr Hoffmann.

„Ja, ich helfe gerne. Auch wenn ich auf der Straße ein Unglück sehe. Ich versuche immer zu helfen.“ „Sehr gut.“ Herr Hoffmann nickt freundlich.

„Erst gestern konnte ich bei einem Fahrradunglück helfen.“ „Oho“, sagt Herr Hoffmann.

„Ja, war aber nicht schlimm. Schnell eine stabile Seitenlage und dann die 110.“ “Hui“, sagt Herr Hoffmann.

„Ohne uns Ärzte wäre das alles sehr schlimm geworden.“ „Ja, das wäre sehr schlimm geworden“, wiederholt Herr Hoffmann.

Der Arzt bezahlt seine Kaugummis. Menthol, wie gesagt.

„Wenn die Menschen mehr auf uns Ärzte hören würden, gehe es allen besser,“ erklärt der Arzt dem einfachen Büdchen Kaufmann. „Ja, so ist das“, bestätigt Herr Hoffmann.

Plötzlich hören sie draußen Lärm. Herr Hoffmann und der Arzt schauen raus. Vor dem Kiosk hat sich eine junge Frau, ein Teenie Mädchen, mit ihren Rollschuhen auf den Asphalt ausgestreckt. „Mein Gott“, schreit der Arzt und rennt aus dem Büdchen. „Ich bin Arzt. Wird hier ein Arzt benötigt?“, brüllt er noch im Laden, vergisst in der Eile sogar sein Wechselgeld.

Doch leider ist er zu spät. Zwei andere Ärzte haben sich vor Hoffmanns Arzt auf die frische Patientin gestürzt.

„Hilfe“, hört Herr Hoffmann das Mädchen rufen, die zuerst nicht begreift, dass man ihr doch nur helfen will.

Herr Hoffmann schmunzelt. er schaut auf das vergessene Wechselgeld des Kunden. Zuerst überlegt er, ob er es dem Arzt nachträgt, doch dann schmeißt er es in das kleine Sparschiffchen auf der Theke. “Spenden für Seenotopfer” steht auf dem Schiffchen. “Hier in Münster sollte man nie die Seefahrer vergessen”, sagt Herr Hoffmann und einen kurzen Moment muss er an seinen Vater denken, an den alten Piraten, aber das ist eine andere Geschichte.

Hoffmanns Büdchen (30) – Hoffmanns Gendern oder die Angst vor dem generischen Femininum

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Der Kiosk Betreiber will heute seinen ersten Post in einem Internet Forum abschicken (Herr Hoffmann ist nicht altmodisch, er ist nur langsam). Glücklicherweise kommen kurz bevor er die Nachricht absenden kann, die beiden Stammkunden und – man kann es sagen – Freunde Lukas und Paket Paul in den Laden. Beide bemerken, in welche gefährliche Lage sich der Büdchen Kaufmann bringt, wenn er den „Post“ absetzt, denn Herr Hoffmann hat sich in einem Politik Forum dem Kriegsschauplatz Identitätspolitik gewidmet.

„Warum?“, fragen sie beide und wollen auf jeden Fall vorher den „Post“ lesen, der sich mit dem generischen Femininum beschäftigt und Herrn Hoffmanns Meinung wiedergibt, dass man das ganze „Gendern“ doch einfach umschiffen kann.

„Herr Hoffmann, wenn du das postet, ist der Shit Storm perfekt“, sagt Lukas und Paket Paul stimmt ihm hektisch mit den Armen winkend zu. „Da stichst du in ein Wespennest“, sagt der Paket Bote. „Es geht doch gar nicht ums richtige Gendern; es geht ums Recht haben“, ergänzt er. „Nehmt ihr das nicht zu wichtig. Ich will doch nur mal etwas dazu schreiben, mich an der Diskussion beteiligen.“ Lukas lacht. „Diskussion?“ Herr Hoffmann versteht nur Bahnhof. „Herr Hoffmann, beim generischen Femininum gibt es nur schwarz oder weiß, das sage ich dir als Freund“, erklärt Paket Paul mit einem ernsten Gesicht.

Später steht Herr Hoffmann wieder alleine hinter der Theke. Er musste seinen Freunden versprechen, den „Post“ nicht abzuschicken Sie empfahlen ihm erst einmal etwas weniger Sensibles. „Vielleicht mal was lustiges über die Deutsche Bahn“, riet Lukas.

Herr Hoffmann hat am Ende gar nichts gepostet. Aber er ist nachdenklich geworden. Was soll das denn für eine neue digitale Meinungsfreiheit sein, in der es nur schwarz und weiß gibt und kritische oder auch falsche Meinungen so angegangen werden.

Hoffmanns Büdchen (29) – Über Selbstgespräche, Doromanie und die Frage, warum Herr Hoffmann ein 600 Seiten Lexikon unter der Theke hat

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Lukas hat ihm ein Spiel auf sein neues Handy installiert. Tetris. Herr Hoffmann ist vielleicht altmodisch, aber nicht doof: Nach zwei Spielen Tetris hat er das Spiel wieder von seinem Handy runtergeschmissen. „Dann lese ich lieber meine Zeitungen“, sagt Herr Hoffmann zu sich selber, Büdchen-Talk nennt er diese Selbstgespräche.

Das Türglöckchen läutet. Es ist Lukas. „Der hängt auch nur noch hier rum“, nörgelt Herr Hoffmann, aber ist eigentlich ganz froh, Gesellschaft zu haben.

Lukas erzählt Herrn Hoffmann von einem Bäcker, der am Anfang der Corona Krise, sein Leid vor der Kamera zum Besten gab. Das Video ging viral und jetzt ist der Bäcker ein gemachter Mann. „Jeder will jetzt nur noch bei ihm Brötchen kaufen“, erklärt Lukas Herrn Hoffmann das Video. Herr Hoffmann fragt sich, warum Lukas ihm das erzählt. Gleich will er noch, dass ich auch so ein Video aufnehme, denkt Herr Hoffmann. „So weit kommt es noch“, sagt er zu sich selber. „Du solltest auch so ein Video aufnehmen“, sagt Lukas. Herr Hoffmann schlägt sich vor die Stirn, packt sich am Kopf, kullert mit den Augen. „Was? Ich meine das ernst“, sagt Lukas unberührt. „Das befürchte ich.“ Herr Hoffmann greift neben sich zur Kaffeemaschine und gießt sich eine Tasse guten Filterkaffee ein. „Du auch?“, fragt er Lukas (natürlich nicht für umsonst). „Ich nehme ein Bier, Herr Hoffmann“, sagt Lukas und nimmt sich das Bier selber aus dem Kühlschrank Herr Hoffmann macht auf Lukas Deckel einen Strich. „Deinen Deckel könntest du auch mal bezahlen,“ sagt der Kiosk Betreiber mit Blick auf den Deckel.

„Doromanisch bist du wirklich nicht, Herr Hoffmann.“ Lukas kommt mit seinem Bier zur Theke und versucht an einer Ecke der alten Holzvertäflung den Kronkorken abzukriegen. „Wehe“, droht Herr Hoffmann und reicht Lukas einen Flaschenöffner. Während Lukas das Bier traditionell öffnet und Herr Hoffmann heimlich unter der Theke in einem Lexikon nachschlägt, was doromanisch heißt, redet der Student weiter über Herr Hoffmanns digitales Marketing. „Was du brauchst ist eine Online Präsenz. Die ganze Welt hat wenigstens eine Homepage, Herr Hoffmann. Aber du? Du bist digital so sichtbar wie eine Miesmuschel am Strand von Sylt.“ Lukas lacht. Herr Hoffmann verzieht das Gesicht. „So, so. Miesmuschel am Strand von Sylt“, muffelt er. „Und was heißt doromanisch? Ich finde das nicht.“ „Hast du da wirklich ein Lexikon unter der Theke, fragt Lukas. Herr Hoffmann zeigt ihm das Lexikon, ein 600 Seiten dicker Schmöker. „Guck doch in dein Handy. Das ist nicht so schwer und da steht es drin“, rät Lukas. Aber Herr Hoffmann winkt ab. Er will diesen ganzen Schnickschnack nicht.

Erst als Lukas auf dem Kiosk verschwunden ist, guckt Herr Hoffmann doch noch auf seinem Handy, was es mit der Doromanie auf sich hat. In der Wikipedia liest er: Doromanie bezeichnet ein krankhaftes Verhalten, übermäßige viele Geschenke zu machen.

„Nein, dieses Sucht hat er wirklich nicht. Also…“, sagt er zu sich selber (Büdchen – Talk AN), da geht aber schon wieder sein Türglöckchen. (Büdchen – Talk AUS)