Hoffmanns Büdchen (22) – Über Flockdown und Rote Nasen

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Es ist Februar. Rosenmontag. Für Herrn Hoffmann ist Karneval einer der umsatzstärksten Tage. Aber nicht in diesem Jahr. In diesem Jahr ist Corona und Schnee. Lockdown und Flockdown sagen sie im Radio. „Die sind ja lustig“, sagt Herr Hoffmann und guckt raus (er findet es gar nicht lustig). Keine Narren, keine Schnapsdrossel, keine verkleideten Immobilienmakler, die einmal im Jahr zum Lachen aus dem Keller kommen, keine Schüler, denen er Alkohol und lose Zigaretten verkaufen kann, keine Horden Betrunkener, die seine Biervorräte aufkaufen, ihm die Weinpullen aus dem Regal reißen. Niemand. „Stille Nacht. Heilige Nacht,“ singt Herr Hoffmann und lächelt einsam in sein Büdchen rein.

Das Türglöckchen läutet. Es ist Lukas. „Hallo, Herr Hoffmann“, grüßt der Student. „Lukas“, sagt Herr Hoffmann kurz angebunden und greift hinter sich nach den Zigaretten. „Und schön am Karneval feiern?“, fragt Lukas und holt eine rote Pappnase aus seinem Jutebeutel und lacht. „Du solltest mal lieber einen Mundschutz statt deine rote Nase aufsetzen“, sagt Herr Hoffmann. „Wir sind doch ein Haushalt,“ Lukas grinst immer noch. Er setzt sich die Nase auf. „Das wüsste ich aber“, erwidert Herr Hoffmann. „Ich will hier kein Ärger haben, Lukas. Maske.“ Herr Hoffmann guckt ärgerlich. Das Türglöckchen läutet erneut. Zwei Männer in Uniform betreten den Kiosk. „Ordnungsamt. Warum werden hier keine Masken getragen?“ Da haben wir den Salat, denkt Herr Hoffmann und guckt sauer zu Lukas. Der Student grinst immer noch doof. Herr Hoffmann versucht sich zu rechtfertigen, aber einer der Männer hebt seine Hand, als Zeichen das Herr Hoffmann schweigen soll. „Schweigen Sie.“ Dann lachen die Beiden. „Verarscht“, schreit der Eine und auch der andere ist ganz aus dem Häuschen, dass Herr Hoffmann auf ihren Streich reingefallen ist. „Nächstes Jahr muss ich das wieder den ganzen Tag ertragen“, flüstert Herr Hoffmann. Lukas und die beiden Idioten verlassen den Kiosk. Noch einmal läutet beim Rausgehen das Türglöckchen, Dann ist es still. „Stille Nacht, heilige Nacht“, singt Herr Hoffman und empfindet auf einmal Flock- und Lockdown als große Wohltat.

Hoffmanns Büdchen (21) – Über Rotwild, Platzhirsche und Cornern

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Er sortiert einen Karton Zigaretten in das Regal. Lukas redet auf ihn ein. Seit Herr Hoffman Lukas erzählt hat, was man mit so einem Büdchen verdient, macht sich Lukas Gedanken, also Sorgen. Die letzten Male ist er immer mit neuen Ideen um die Ecke, also in den Kiosk gekommen. Herr Hoffmann ist das unangenehm. Er sagt aber nichts. Herr Hoffmann sagt nie viel.

„Herr Hoffmann. Cornern“, erzählt Lukas und nimmt einen Schluck auf seiner Bierflasche. „Das ist das Gleiche, was ich hier mache: Rumstehen, Bier trinken, quatschen“, Lukas zeigt auf seine Bierflasche. „Nur mit mehr Leuten und vor deinem Laden. Mancher Kiosk hat sich letzten Sommer dumm und duselig verdient.“

„Durch Cornern?“ Herr Hoffmann hat auch schon vom „Cornern“ in den Großstädten gelesen. Aber eben in den Großstädten.

„Bämm.“ Lukas macht mit seiner freien Hand eine Pistole und tut so, als ob er schießt. Herr Hoffmann denkt manchmal, dass Lukas etwas dumm ist. Da kann Herr Hoffmann auch nichts dafür, dass er das denkt.

„Cornern. Ja, mal schauen.“ Eigentlich mag es Herr Hoffmann, wenn es ruhig bleibt. Der ganze Bürgersteig voller junger, alkoholisierter Paarungsbereiter erschreckt ihn. Oft markieren sie auch noch betrunken ihr Revier. Ein anderer Kiosk Betreiber erzählte, dass sie ihm sogar einen richtigen Haufen vors Büdchen gemacht hätten.

Herr Hoffmann muss an eine Tierdoku im ZDF denken, die er letzte Woche gesehen hat. Der Rothirsch kämpft mit seinen paarungsbereiten Konkurrenten um die Macht auf dem Platz. Das ist der Höhepunkt des Rotwild Jahres. Am Ende kann es nur einen geben. Einen Platzhirsch. Das ist wie Cornern im Wald, denkt Herr Hoffmann. Und widmet sich wieder seinen Zigaretten.

Hoffmanns Büdchen (20) – Der Günter oder der vielleicht älteste Mann der Welt

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. In der FAZ liest er von einen Eiskunstlauf-Team aus den USA, das 1964 bei einem Flugzeugabsturz tödlich verunglückte. Schrecklich, denkt er und guckt aus seinem Schaufenster auf die Straße. Überall türmt sich der Schnee, Fußgänger rutschen langsam über die Wege, die Autos fahren nur in Schrittgeschwindigkeiten, Fahrradfahrer sind bei diesem Wetter sogar in Münster nicht zu sehen. Seit Jahren, schreiben die Zeitungen, hat es nicht mehr so geschneit.

Das Türglöckchen läutet. Herr Hoffmann guckt zur Tür, dann zu seiner Becks Gold Werbeuhr. Pünktlich bei jedem Wetter, denkt er.

„Guten Tag, Herr Hoffmann.“

„Hallo Günter.“

Günter kommt seit Herr Hoffmann den Laden hat. Er kauft einmal die Woche eine Kiste Cohiba Club Zigarillos, die ZEIT und das Schachmagazin. Günter ist Witwer. Er wohnt ein paar Häuser weiter in einer drei Zimmerwohnung, die eigentlich viel zu groß für ihn ist. Seine Frau und er haben sich damals zusammen die Wohnung gekauft. „Als wir noch jung waren“, sagt Günter und Herr Hoffmann vermutet nur, wann das gewesen sein muss. Günter ist der älteste Mensch, den Herr Hoffmann kennt.

Günter ist zufrieden, wie es ist. Jedenfalls sagt er das. „Bin zufrieden, wie es ist.“ Meistens erzählt Günter aber auch noch Menge anderes Zeugs. Über den Krieg, irgendeinen, gerne Naher Osten. Klimaschutz. Bürgermeister und die Nachbarn. Ländernachbarn und die Nachbarn. Die Gasrechnung und Gerhard Schröder. Autoverkehr, Tesla und Brandenburg. Und immer wieder die Nachbarn.

„Eine Kiste Cohiba Club Zigarillos, die ZEIT und das Schachmagazin bitte, lieber Herr Hoffmann“, sagt Günter in seinem typisch gestelzten Günter-Akzent. Herr Hoffmann kann es nicht genau sagen, aber er findet Günters Art großartig.

„Herr Hoffmann, ich durfte lesen, dass du in einen Kriminalfall verwickelt warst“, sagt Günter und legt einen Jute Beutel der Stadtbücherei auf Herrn Hoffmanns Theke (s.a. Hoffmanns Büdchen #1 – Die Geschichte beginnt). Er, Hoffmann packt Günter den Einkauf in den Beutel.

„Eine Kundin ist tot umgefallen“, erzählt Herr Hoffmann auf seine typisch verkürzte Weise. Herr Hoffmann ist kein großer Erzähler. „Habe die Polizei gerufen.“ Herr Hoffmann reicht Günter den Beutel und will sich wieder seiner Zeitung widmen, aber Günter ist noch nicht mit seinem Smalltalk fertig (Herr Hoffmann hat so etwas befürchtet). „Also wurde die Dame in deinem Kiosk Opfer einer Gewalttat? Herr Hoffmann, erzähl doch mal. Seit Jahren stehst du hier hinter ihrer Theke und endlich passiert mal was, und dann hast du nichts zu erzählen? Herr Hoffmann, ich bitte dich.“

Herr Hoffmann guckt beleidigt. Natürlich hat er sich damals ein paar mehr Gedanken gemacht. Wo kam die Frau her? Was wollte sie? Und Herr Hoffmann hat Dinge erfahren, die ein Kiosk Besitzer nicht erfahren sollte. Soviel ist mal klar. „Aber ich kann da nicht drüber reden“, sagt Herr Hoffmann zu Günter. „Kein Scheiß?“, fragt Günter. „Kein Scheiß“, sagt Herr Hoffmann. Beeindruckt verlässt Günter den Laden. An der Tür bleibt der greise Kunde noch einmal stehen, dreht sich um. „Herr Hoffmann, du verkaufst dich unter wert.“ Herr Hoffmann nickt. Er weiß.

Hoffmanns Büdchen (19) – Lockdown Love

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. In der Zeitung schreiben sie über den Brexit, Corona und die einsamen britischen Inseln. Herr Hoffmann war noch nie in Großbritannien. Herr Hoffmann war überhaupt selten weg. Mal an der Nordsee, auch mal in Berlin, aber sonst kennt er nur die Niederlande. Herr Hoffmann ist früher gerne nach Enschede gefahren, um den ein oder anderen Coffee Shop zu besuchen. Wobei er mit früher vor dem LockDown meint. „Alte Sünden lässt man nicht.

Eine schöne Zeit war das“, denkt Herr Hoffmann gerade, da läutet sein Türglöckchen. Es ist Lukas. Herr Hoffmann greift hinter sich nach den Zigaretten – er kennt die Süchte seiner Stammkunden. „Guten Tag, Herr Hoffmann.“ „Lukas. Wie geht’s?“ Er legt Lukas die Schachtel auf die Theke. „Es geht, Herr Hoffmann. Es geht.“ Neugierig schaut Herr Hoffmann zu Lukas und blickt in ein nachdenkliches, trauriges Gesicht. „Was ist passiert?“, fragt er den Studenten, und Lukas erzählt bereitwillig, dass er eine neue Freundin hat. “Seit ein paar Monaten”, erzählt er. Aber sie, Laura, kommt aus England und auf Grund der Pandemie und des Brexits können sie sich nicht sehen. „Scheiße“, sagt Herr Hoffmann. „Das kann man wohl laut sagen“, antwortet der junge Student. “Scheiße”, sagt Herr Hoffmann lauter.

Lukas nickt und dann berichtet er Herrn Hoffmann von der Romanze. Letztes Jahr war Lukas in den Niederlanden im Urlaub und in Amsterdam lernte er Laura kennen. Sie verstanden sich gleich gut, lästerten zusammen, liebten sich in einer Jugendherberge und versprachen sich, dass ihr Verliebtsein mehr ist, als ein Sommernachtstraum.

„Jetzt haben wir uns schon seit acht Monaten nicht mehr getroffen. Klar, wir telefonieren. Oft stundenlang, aber das ist doch nicht das selbe. Und wie lange kann so etwas gut gehen?“, fragt Lukas. Herr Hoffmann guckt auf seine Zeitung. Den Artikel mit den einsamen Briten sollte er Lukas nicht zeigen. „Wird schon“, tröstet er Lukas (mehr als Floskel). „Du bist echt ein Freund, Herr Hoffmann“, sagt Lukas und geht, ohne noch ein Wort zu sagen.

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Er sagt nichts. Was sollte er auch sagen. Vorhin und jetzt. Aber dass Lukas ihn Freund genannt hat, hat Herr Hoffmann schon mitbekommen. Herr Hoffmann lächelt und widmet sich weiter seiner Zeitung.

Hoffmann Büdchen (18) – Herr Ärmel

Herr Hofmann steht hinter seiner Theke. Vor der Tür sieht er einen Stammkunden mit seinem Rollator die Treppe zum Eingang nehmen. Wie jeden Donnerstag kommt der Stammkunde zum Lotto spielen. Sie quatschen kurz, überlegen, was sie mit einem Millionengewinn machen könnten, dann rollt der Stammkunde wieder aus dem Laden. Wie jeden Donnerstag.

Das Türglöckchen läutet. Ewig grüßt das Murmeltier, denkt Herr Hoffmann. Doch er wird enttäuscht. Zuerst grüßt der Stammkunde, doch dann ändert sich die Geschichte. „Herr Hoffmann, ich komme seit sieben Jahren und zwei Monaten in ihre Lottoannahmestelle“, beginnt er. „Ja?“, erwidert Herr Hoffmann. „Ich gebe meinen Lottoschein ab. Wir grüßen uns.“, sagt der Stammkunde. „Ja?“, sagt Herr Hoffmann. „Manchmal kommt es noch zu einem Plausch. Gerne träumt man von einem hohen Lottogewinn, und was man mit so einem Gewinn machen würde.“, berichtet der Stammkunde. “Ja?”, erwidert Herr Hoffmann. „Herr Hoffmann, ich habe mich Ihnen nie vorgestellt. Das möchte ich heute gerne ändern. Herr Hoffman, Ärmel, ist mein Name. Herr Ärmel, Herr Hoffmann“, sagt Herr Ärmel. „Guten Tag, Herr Ärmel. Das ist doch ein schöner Name“, sagt Herr Hoffmann grinsend. Herr Ärmel gibt seine Lottoscheine ab, dabei schaut er Herrn Hoffmann mit festen Blick an. „Danke, ihrer auch, Herr Hoffmann.“ Herr Hoffmann guckt auf die Lottomaschine. Die Scheine werden überprüft. „Leider kein Gewinn“, sagt er zu Herrn Ärmel. Der lacht: „Ach, Herr Hoffmann, stellen Sie sich mal vor, sie würden eine Millionen Euro gewinnen. Was machen Sie denn damit?“ „Herr Ärmel, das wäre schön. Vielleicht würde ich mir einen eigenen Strandkorb an der Nordsee kaufen“, träumt Herr Hoffmann. Herr Ärmel und Herr Hoffmann lachen. „Ein Strandkorb. Sie sind mir einer, Herr Hoffmann”, sagt Herr Ärmel. Das sind die schönen Augenblicke im Büdchen, denkt Herr Hoffmann und noch oft wird ihm das einfache Lachen von Herrn Ärmel wieder einfallen.

„Bis nächste Woche, Herr Hoffmann.“

„Auf Wiedersehen, Herr Ärmel.“

Hoffmanns Büdchen (17) – Herr Hoffmann schweigt

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. „Draußen schreien sie wieder“, sagt er, guckt nachdenklich aus dem Fenster. An der Ampel schreit die Oma, auf dem Fahrradweg der Mountain-Biker, auf der Straße der Autofahrer. Überall. Alle verlangen nur ihr Recht, aber das sofort. Ob auf dem Gehweh die Kinderwagen-Schieber, im Supermarkt die Einkaufsschlangen-Steher oder im Baumarkt an der Säge. „Überall schreien sie und in der Stadt sogar alle gleichzeitig“, denkt Herr Hoffmann, schüttelt sorgenvoll sein Haupt. Größere Verbände abgestorbener Hautzellen fallen auf die Theke, aber vor allem wie Schuppen von seinen Augen. Ja, er bekommt es da draußen langsam mit der Angst zu tun. Früher war nicht alles besser, aber weniger Geschrei. „Ach früher“, flüstert Herr Hoffmann, der sich eigentlich nur noch hinter seiner Theke und zu Hause, also hinter seiner Theke sicher fühlt.

Das Türglöckchen läutet, herein kommt – was wohl? – Geschrei.

Eine Frau, ein Kind und ein ungarischer Schäferhund betreten den Kiosk. Sie am Schimpfen, das Kind am Weinen, der Hund am Bellen. Dazwischen wird eine Stange Marlboro, ein Schokoriegel und die neue „Landlust“ gekauft. Herr Hoffmann schweigt. Er schweigt und versucht ruhig zu bleiben. Gleich sind sie weg, gleich sind sie weg, sagt dort eine Stimme in seinem Kopf und er nickt und schweigt. Die Frau guckt ihn kurz an, fragt, ob alles in Ordnung bei ihm ist. „Sie atmen so komisch“, sagt sie. Er nickt, er schweigt, sie gehen, er atmet auf. „Draußen schreien sie wieder“, sagt er, guckt nachdenklich auf die Straße vor seinem Laden. Und er schweigt.

Hoffmanns Büdchen (16) – In den Eiern steckt die Wahrheit

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Er ist stinksauer. Gerade hat ihn jemand auf der Straße angeschrieen, weil er über Rot gegangen ist. „Über Rot. Als ob wir keine anderen Sorgen hätten“, denkt Herr Hoffmann. Er hat zurückgeschrieen und kurz standen sie sich drohend Nase an Nase gegenüber, trotz der Seuche im Land. Herr Hoffmann schwört, wenn er irgendwann berühmt ist, vielleicht als Schriftsteller, Schauspieler oder als Herr Hoffmann dann zahlt er es diesem Schwarzen Sheriff heim. Dann wird er ihn öffentlich bloß stellen, sagt sich Herr Hoffmann. Er wird allen erzählen, seinen Fans, seinem Publikum, wie widerlich dieser Mann damals war, er wird Fotos zeigen, Namen nennen, einen globalen Shitstorm über dieses eitrige Ekzem der Gesellschaft anstiften. „Schaut, ein schlechter Mensch“, wird er sagen, und es genießen, wie sie ihn fertigmachen.

Das Türglöckchen läutet. Es ist Lukas. „Hallo Herr Hoffmann“, sagt der studentische Tunichtgut. „Hallo Lukas“, sagt Herr Hoffmann. „Herr Hoffmann, weißt du, was ich vorhin gemacht habe?“ Herr Hoffmann schüttelt den Kopf. „Ich habe Ovomatie betrieben, die Kunst in den Eiern zu lesen.“ Lukas steht grinsend vor Herrn Hoffmann. „So, so“, sagt Herr Herr Hoffmann nur und schüttelt langsam den Kopf. „Schaut, ein dummer Mensch“, denkt er und greift hinter sich zu den Zigaretten und vergisst tatsächlich für einen Moment seine Wut.

Hoffmanns Büdchen (15) – Thomas Müller

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Er klemmt die Seite eins der BILD Zeitung auf einen kleinen Ladenstopper, der vor seinen kleinen Büdchen die kleinen und auch große Kunden locken soll. Daneben hat er noch eine Winkekatze und ein Hufeisen von seinem Vorgänger im Türbereich. „Umsatz, Umsatz, Umsatz, Herr Hoffmann“, sagte letztens Herr Kaiser von der Deutschen Bank, während Herr Hoffmann dachte „Idiot, Idiot, Idiot.“ Herr Hoffmann führt einen Kiosk und keinen Dax Konzern. Wenn die Schüler in den Pausen ihr Taschengeld in seinen Laden bringen, sind ihre Hosentaschen vielleicht zerbeulter, viel reicher ist Herr Hoffmann nicht.

In der BILD steht heute das Thomas Müller der häufigste Name Deutschlands ist. Herr Hoffmann kennt selber schon zwei mit dem Namen. „Aber Hoffmann ist auch nicht pure Lust am Wort“, denkt Herr Hoffmann, nimmt sich den Aufsteller, um ihn an die Straße zu stellen, doch da geht sein Türglöckchen.

„Guten Tag, Herr Hoffmann“, sagt ein ihm vollkommen Fremder.

„Guten Tag. Aber woher kennen Sie meinen Namen?“, fragt Herr Hoffmann.

„Steht an der Tür“, sagt der Fremde.

„Ah…“, sagt Herr Hoffmann.

„B…“, sagt der Fremde und grinst Herr Hoffmann freundlich an. „Nur ein wenig Blödsinn, Herr Hoffmann. Thomas Müller, mein Name“, entschuldigt sich der Fremde mit einem Lächeln. „Ich wollte nur mit einem Spaß anfangen, bevor es ernst wird, Herr Hoffmann“, sagt Thomas Müller. Er hebt seinen Zeigefinger, zum Zeichen, dass es ernst wird. „Ich möchte mit ihnen über Unfälle sprechen. Über das Unglück von heute auf morgen nicht weiterarbeiten zu können, im Rollstuhl zu sitzen, gelähmt, verbrannt, gebrochen, verwirrt, verarmt, zerkratzt, zerschrammt, zerbrochen, zerstört zu sein. Ich möchte mit Ihnen, Herr Hoffmann, über ihren Versicherungsschutz reden.“

Herr Hoffmann guckt Herrn Müller an. Drei Thomas Müller kennt er jetzt. „Und alles Idioten“, sagt er, geht an dem unerzogenen Vertreter und größten Durchschnitt vorbei und stellt seinen Aufsteller vor die Tür. „Der glänzt ja wieder“, sagt er und streichelt seinen Kundenstopper.

Thomas Müller dagegen schleicht sich. Er hat verstanden. Er merkt, dass er bei einem Herrn Hoffmann heute nicht landen kann.

Hoffmanns Büdchen (14) – Zurück im Denkerstübchen

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Er liest Aristoteles – sein Büdchen ist wieder Denkerstübchen. Allerdings liest er ihn als Comic. Aber immerhin, denkt Herr Hoffmann. „Aristoteles, Freunde“, flüstert er stolz (Herr Hoffmann hat eher unsichtbare Freunde). Jedenfalls fragt der antike Denker, ob der Wohltäter mehr den Wohltat-Empfänger liebt oder die arme Sau mehr den Wohltäter. „Gute Frage. Weiß nicht?“, sagt Herr Hoffmann, kratzt sich verwirrt am Ohr. Glücklicherweise gibt der weise Alte sogleich die Antwort. „Der Wohltäter, lieber Herr Hoffmann, schätzt sein gutes Werk wie der Dichter seine Worte, die Mutter ihr Kind.“, sagt der Grieche. Der Empfänger der Wohltat dagegen fühlt sich wie ein Schuldner vor seinem Gläubiger. Und wie sollte man seinen Gläubiger lieben, Herr Hoffmann?“, fragt Aristoteles. „Ja, wie?“, flüstert Herr Hoffmann gerade, doch da reißt das Türglöckchen ihn aus seinen Gedanken. Es ist Michael, Schnapstrinker, BILD Leser. Michael fragt, ob Herr Hoffmann noch Schnaps hat. Herr Hoffmann hat. Michael fragt, ob Herr Hoffmann erlaubt, noch einmal anzuschreiben. Herr Hoffmann erlaubt. Michael freut sich und verspricht am Ersten seinen Deckel zu bezahlen. Herr Hoffmann sagt, dass er sich dann auch freut. Nachdem Michael mit Schnaps und BILD das Büdchen verlassen hat, liest Herr Hoffmann weiter seinen Aristoteles. Der Wohltäter liebt seine Wohltaten und seine Wohltatempfänger, erst in ihnen spiegelt sich der Gutmensch, erkennt er sich selber. Herr Hoffmann liebt seinen Michael. Herr Hoffmann verzieht sein Gesicht. Da muss er noch mal tief drüber nachdenken. Also über den Michael und den Aristoteles.

Hoffmanns Büdchen (13) – Über Farbkonzepte und Borstenwürmer

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke und sortiert sein Weingummi nach Farben. In einem Interieur – Magazin hat er gelesen, wie wichtig harmonischer Farbkonzepte im Innenraum für das Wohlbefinden sind. Wohlbefinden ist auch Herrn Hoffmann wichtig, aber eigentlich ist Herrn Hoffmann einfach nur langweilig. Glücklicherweise läutet das Türglöckchen und Lukas besucht seinen Stammkiosk. „Hallo, Herr Hoffmann“, grüßt der junge Student. „Guten Morgen, Lukas“, sagt Herr Hoffmann und greift hinter sich zu den Zigaretten. Lukas Marke kann Herr Hoffmann blind greifen. „Herr Hoffmann, wolltest du schon mal eine Frau sein?“, fragt Lukas unvermittelt. „Heute noch nicht“, verneint der Büdchen-Betreiber. „Ich habe gelesen, wenn man dem weiblichen Borstenwurm das Gehirn amputiert, wird es zum Männchen“, erzählt Lukas, guckt in seinem Rucksack nach Kleingeld für die Zigaretten. „Und jetzt überlegst du, ob du mal ein Borstenwurm warst?“, fragt Herr Hoffmann und zählt die Centstücke, die ihm Lukas auf den Münzteller gelegt hat. „Nein.“ Lukas nimmt seine Zigaretten und verlässt ohne weitere Worte den Laden. Herr Hoffmann grinst und sortiert weiter sein Weingummi. Erst später kommen ihm die Würmer wieder in den Sinn. Im Internet liest er, Borstenwürmer gehören zu den Vielborstern und sollen sehr häßlich sein. „Dumm und häßlich. Armer Borstenwurm“, murmelt Herr Hoffmann und muss dabei an einen Jungen denken, der damals mit ihm zur Schule ging. Das war auch so ein Borstenwurm.