Hoffmanns Büdchen (12) – Langeweile

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Heute ist langweilig. Beim philosophischen Radio auf WDR5 sagte letztens eine Langweile – Expertin, dass sie Langeweile ganz toll findet. „Befruchtend“, sagte sie. Die Expertin hat sogar ein Buch darüber geschrieben. „Die sollte sich mal einen Tag in meinen Laden stellen“, denkt Herr Hoffmann laut. Er überlegt, ob er als wahrer Langeweile – Experte vielleicht auch ein Buch schreiben sollte. „Ein richtig langweiliges Buch“ hieße es, sagt Herr Hoffmann zu sich selber. Das Glöckchen läutet. “Ein Kunde”, denkt Herr Hoffmann. “Wie langweilig.” „Guten Tag“, sagt er. „Das werden wir sehen. Finanzamt Münster“, sagt der Kunde.

Hoffmanns Büdchen (11) – Hoffmanns Rotzlöffel

Herr Hoffmann steht hinter der Theke. Er guckt auf seine Wanduhr – Becks Gold Werbegeschenk – es ist 11:15 Uhr. Oh nein, denkt Herr Hoffmann. Da geht schon das Glöckchen seiner Tür und eine Horde Rotzlöffel stürmen den Kiosk.

Jeden Schultag das Gleiche. Zur zweiten großen Pause kommen die Schüler der gegenüberliegenden, weiterführenden Schule in seinen Laden, um sich für die restlichen Unterrichtsstunden mit dem Notwendigsten auszustatten. Bei denn Jüngeren sind das Hoffmanns leckere Süßigkeiten, bei den Älteren vor allem Zigaretten und Energie Drinks. Manchmal schaut auch ein Lehrer vorbei, um sich ein Heißgetränk zu holen oder ebenfalls heimlich Zigaretten zu kaufen.

„Ruhig Kinder, einer nach dem Anderen. Maske auf. Nur drei Kunden“, schreit Herr Hoffmann. Die Tunichtgute haben es auf sein Weingummi abgesehen. Er verkauft das Zeug einzeln, so kann er mehr Gewinn an einer Tüte machen. Allerdings hat er die Schüler auch im Verdacht, gerne mal eine Süßigkeit nicht zu bezahlen. Schwups, da passt man nicht auf, und schon haben sie eine weiße Maus, eine Saure Gurke oder ein Colafläschchen im Mund. Schon fast panisch beobachtet er die Kinder, wie sie seine Süßwarenschubfächer auseinandernehmen. Schon hat eines der kleinen Stinker wieder ein Lakritz im Mund verschwinden lassen. „Das habe ich gesehen“, schreit Herr Hoffmann. Die Kinder grinsen. Herr Hoffmann schwitzt.

Kurze Zeit später hört man die Schulglocke auf der anderen Seite der Straße. Die Pause ist zu Ende. Lachend, schreiend, jubelnd laufen die Schüler zurück in ihre Klassen Verschwitzt und ja, fertig mit der Welt bleibt Herr Hoffmann alleine zurück. Große Pause ist das Schlimmste, denkt er und nimmt sich, wie jeden Tag zu dieser Zeit, seinen Besen und fegt die letzten Spuren zusammen.

Hoffmanns Büdchen (10) – Hoffmanns Rücken

Herr Hoffmann steht hinter der Theke. Herr Hoffmann hat Rückenschmerzen. „Seit Tagen habe ich Rücken“, sagt Herr Hoffmann zu sich selber (Büdchentalk nennt er diese Selbstgespräche). Aber wen wundert es? Herr Hoffmann steht jeden Tag zwölf Stunden im Büdchen, und natürlich hat man da Rücken.

Hoffmanns Arzt sagt, Herr Hoffmann muss mehr Sport machen. Muskelaufbau und für seine Kondition soll er auch was machen. „Herr Hoffmann, sie sind keine Achtzehn mehr“, sagte Hoffmanns Arzt beim letzten Besuch und gab Herrn Hoffmann einen Zettel, auf dem Rückenübungen erklärt wurden. Damit der Blödmann sagt, dass Herr Hoffmann keine achtzehn ist, dafür hätte er nicht extra den Laden dicht machen müssen, dachte Herr Hoffmann später, als er den Zettel in seiner Tasche wiederfand. Rückenschmerzen hatte er auch immer noch.

Alles Quacksalber, denkt Herr Hoffmann hinter seiner Theke heute. Da läutet das Türglöckchen. Herein kommt ein Mann, vielleicht Mitte dreizig, vielleicht aber auch über fünfzig, ein sehr geheimnisvoller Mann, der aber auch was weibliches hat, vielleicht sogar eine Frau ist, ja, eher eine Frau ist, Herr Hoffmann wird später nicht sagen können, ob Mann oder Frau. Der Mann oder die Frau sagt: „Herr Hoffmann , ich will dir helfen.“ Und der Mann geht zu Herrn Hoffmann hinter die Theke und die Frau oder Mann nimmt ihn hoch und streckt ihn und die Schmerzen sind weg. Einfach so, denkt Herr Hoffmann. „Einfach so“, sagt die Frau. Sie kauft eine Packung Camel und ein Feuerzeug, dann verabschiedet sie sich, und Herr Hoffmann wird lange Zeit keine Rückenschmerzen mehr haben und einmal mehr denken, dass die Eulen echt nicht sind, was sie scheinen.

Hoffmanns Büdchen #9 – Herr Hoffmann und die Gangster

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Das Türglöckchen läutet. Zwei Gangster natürlich mit G-Star T-Shirt, damit man auch Bescheid weiß, betreten den Kiosk. Herr Hoffmann kratzt sich am Kopf, er reibt sich das Ohr, er überlegt. Irgendwas stimmt hier nicht, denkt er. Dann weiß er es. Sie sind in Münster und hier in der Provinz gibt es gar keine Gangster. Herr Hoffmann lacht, weil er den Fehler gefunden hat. Die beiden Windbeutel dagegen rennen mit hochroten Kopf aus dem Büdchen. Sie dachten nicht, dass man ihnen so schnell auf die Schliche kommt. Aber einen Herr Hoffmann führt man nicht aufs Glatteis.

Hoffmanns Büdchen (8) – Platons Höhlengleichnis

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Er fühlt sich heute sehr philosophisch. Er liest Platon; das war ein Grieche, der ein Höhlengleichnis geschrieben hat („Das sollte man kennen, wenn man sich auskennt“, sagt Herr Hoffmann). Dort steht, dass wir nur Schatten erkennen, die wahre Erkenntnis dem Menschen verborgen bleibt. Herr Hoffmann weiß genau, was dieser Platon meint.

Das Türglöckchen läutet. Eine junge Frau mit Kind betritt den Kiosk. Herr Hoffmann guckt hoch. Hinter seiner Theke erkennt Herr Hoffmann nur Schattenbilder, Erscheinungen von den Kunden, die wahren Kunden, hier eine Frau und Kind, kann Herr Hoffmann nicht erkennen.

Die Schattenfrau scheint Zigaretten kaufen zu wollen. Das Kind scheint einen Cola Lutscher haben zu wollen. Herr Hoffmann fragt sich, was er erkennen würde, wenn er auf der anderen Seite der Theke stände. Sicher wäre das sehr unheimlich, denkt Herr Hoffmann. Er bedient die Schatten. Sie zahlen, lachen, gehen. Kurze Zeit später steht er wieder alleine im Kiosk. Hat er die Frau und das Kind nur geträumt? Er fragt sich manchmal, ob die Welt vor seiner Theke überhaupt existiert. Herr Hoffmann fühlt sich heute wirklich sehr philosophisch.

Hoffmanns Büdchen (7) – Der Zorn der Anderen

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Im Radio sagen sie, es ist immer noch „Corona“. Herr Hoffmann muss jetzt immer Maske tragen, wenn Kunden kommen. Lästig, aber Herr Hoffmann kann es sich nicht leisten, krank zu werden. Es kommen sowieso schon weniger Kunden, denkt Herr Hoffmann. Er macht sich Sorgen. Nicht nur um sich, aber vor allem um sich.

Das Glöckchen läutet. Ein Kunde betritt den Kiosk. „Hallo“, nuschelt der Mann hinter seiner Maske. Er geht zu den Spirituosen, nimmt sich eine Flasche Korn und drei Flaschen Bier. Gestern hat Herr Hoffmann noch gelesen, dass „Corona“ viele Menschen in den Alkohol treibt. Herr Hoffmann kann das bestätigen. An der Kasse zieht der Kunde seine Maske runter. „Ich kriege keine Luft mehr“, behauptet der Korntrinker. Herr Hoffmann überlegt kurz, ob er was sagen soll, sagt dann aber nichts. „Das hat die Merkel schön eingefädelt“, schimpft der Kunde. Herr Hoffmann schweigt. „Warten Sie mal ab. Das haben sich die da oben schön ausgedacht.“ Herr Hoffmann gibt dem Herrn sein Wechselgeld. „Und die Presse streichelt der Kanzlerin den Arsch“, sagt der Kunde. „Wiedersehen“, sagt Herr Hoffmann. Der Kunde verlässt den Laden. Herr Hoffmann guckt ihm noch einen Moment hinter her. Widerlich, denkt Herr Hoffmann. Manchmal fragt er sich, wo auf einmal die ganzen Idioten herkommen. Aber höchstwahrscheinlich gab es die auch schon vorher. Nur in der Krise fallen sie mehr auf.

Hoffmanns Büdchen (6) – Hoffmanns Inventur

Herr Hoffmann steht hinter der Theke. Einmal im Monat macht Herr Hoffmann Inventur. Dann schließt er eine Stunde früher den Laden, um neun Uhr, zählt seine Ware. Herr Hoffmann dreht sich zu seiner Uhr um: Eine runde Plastikuhr, Becks Gold Werbebeilage, Geschenk bei der letzten Getränke-Lieferung. Herr Hoffmann kann schlecht wegschmeißen. „Wenn etwas noch läuft, soll man es laufen lassen,“ sagt Herr Hoffmann immer. Es ist kurz vor neun Uhr, sieht Herr Hoffmann auf seinem Werbegeschenk. Also schließt er seinen Laden und macht Inventur. Wie jeden Monat.

Wie jeden Monat ist Herr Hoffmann um zehn Uhr mit der Inventur fertig. Wieder fehlen Waren. Er hat zweimal nachgezählt, er ist sich leider sicher. Jeden Monat fehlen Waren. Mal eine Packung Gummibärchen und ein paar Nüsschen, mal ein Paar Flaschen Bier oder eine Zeitung. Vor zwei Monaten Zigaretten. Herr Hoffmann steht doch hinter der Theke. Immer. „Wie können da Zigaretten fehlen?“, dachte Herr Hoffmann und zählte in jenem Monat dreimal die Waren. Sie fehlten. Heute fehlen keine Zigaretten, aber andere Dinge. Herr Hoffmann macht das sehr sauer und wütend. Herr Hoffmann hat sich geschworen, dass er was macht, wenn wieder was fehlt. „Jetzt mache ich was“, sagt er entschlossen. Aber für heute macht erst mal das Licht aus.

Hoffmanns Büdchen (5) – FinTech, Freunde! FinTech!

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Er liest Aktienkurse. Ein Stammkunde – Kettenraucher, Bier- und Korn- Trinker – hat ihm Aktien empfohlen. „Herr Hoffmann. Wir reden über passives Einkommen. FinTech“, sagte er. Herr Hoffmann weiß, was FinTech heißt. Herr Hoffmann ist nicht von gestern. „Ich bin nicht von gestern. FinTech kenn ich, aber diese Tabellen verstehe ich trotzdem nicht“, sagt Herr Hoffmann.

Das Glöckchen seiner Tür läutet. Ein junger Student betritt den Kiosk. „Guten Tag, Herr Hoffmann“, grüßt der Student. Herr Hoffmann schaut von seinen Kursen hoch und greift hinter sich nach den Zigaretten. Der Student kommt fast jeden Tag. „Hallo Lukas“, sagt Herr Hoffmann. Der Student guckt rüber zu Herrn Hoffmann. Er sieht die Kurse. „Aktien. Super.“ Er hat sein Geld auch in Aktien angelegt. „FinTech, vor allem Nasdaq“, bemerkt der Student. Herr Hoffmann nickt, gibt dem Student sein Wechselgeld. Als der Student aus dem Laden ist, schreibt er Nasdaq auf eine Ecke der Zeitung und versucht sich noch mal an diesen Tabellen.

Schon wieder das Glöckchen. Ein neuer Kunde. Ein Mann mittleren Alters in einem dunkelblauen, enganliegendem Anzug, dazu weißes Hemd, schwarze Schuhe steht vor seiner Theke. Eine laufende Schwanzverlängerung, sagt Herr Hoffmann zu sowas. Der Mann guckt zu den Zigaretten hinter der Theke, zur Beck Gold Werbeuhr und dann auf die Zeitung, die vor Herrn Hoffmann liegt. „Scheiß Aktien“, flüstert der Mann. Er hat alles gerade auf FinTech – Aktien gesetzt, erzählt er. „Alles verloren. Alles“, jammert er. „Ich weiß nicht weiter.“ Der Mann hält sich kurz an der Auslage fest. Eine Packung M&Ms reißen auf, Schokonüsschen kullern auf den Boden. Herr Hoffmann will gerade etwas sagen, da schaut der Mann hoch, verwirrt, panisch, er entschuldigt sich und verlässt schluchzend den Laden. Herr Hoffmann schüttelt verständnislos den Kopf. Dann wirft er die Zeitung unter sich in die Ablage, schnappt sich einen Besen, fegt die Nüsschen weg. Später hinter der Theke greift sich Herr Hoffmann sein Rätselheft. „Wertpapier. Fünf Buchstaben?“. „Weiß ich“, lächelt Herr Hoffmann. Erst zu später merkt er, dass FinTech sieben Buchstaben hat.

Hoffmanns Büdchen (4) – Lottoglück

Herr Hoffmann steht hinter seiner Theke. Er liest gerade Zeitung, als die Tür geöffnet wird, das Türglöckchen läutet. Ein Stammkunde rollt langsam mit seiner Gehhilfe in den Kiosk. Er kommt jeden Donnerstag, füllt seinen Lotto Schein aus, guckt, ob die alten Scheine ein paar Euro Gewinn gebracht haben. Meistens geht der Stammkunde aber leer aus. Wie der Stammkunde heißt, weiß Herr Hoffmann nicht. Vielleicht sollte er ihn nach den ganzen Jahren mal fragen, denkt Herr Hoffmann. Jeden Donnerstag denkt Herr Hoffmann, dass er den alten Mann mal nach seinem Namen fragen kann. Aber bisher bleibt es beim Denken.

„Guten Morgen“, begrüßt Herr Hoffmann seinen Stammkunden.

Guten Morgen, Herr Hoffmann.“ Der Stammkunde reicht ihm seine Lottoscheine. „Sechs Richtige. Das wäre mal was,“ sagt der Stammkunde. Herr Hoffmann nickt.

Wie jede Woche überlegen beide einen Moment, wie es wäre, sechs Richtige zu haben.

„Nichts“, sagt Herr Hoffmann, nachdem er die Scheine des Kunden durch die Lotto Maschine geschoben hat. „Schade“, sagt der Kunde. „Also nur wieder Glück in der Liebe“ Er bezahlt mit einem Lächeln seinen neuen Schein, verabschiedet sich. Herr Hoffmann hat noch nie Lotto gespielt. Er hat kein Glück im Spiel, auch nicht in der Liebe. „Das ist doch alles Blödsinn“, sagt Herr Hoffmann. Sechs Richtige? Als erstes würde er diesen Kiosk abfackeln. Herr Hoffmann nimmt sich wieder seine Zeitung. „Sozialhilfeempfänger aus Bayern gewinnt Jackpot“. Vielleicht sollte er doch spielen?