Notizen aus dem Reihenhäuschen – Opa will nicht sterben

„Und das ist die alte Oma. Der Opa ist gestorben“, sagt das Kind und setzt eine Lego Figur auf die Lego Rutsche. Dann fasst das Kind sich an den Kopf. „Bin ich doof“, sagt es. „Oma ist viel zu dick für die Rutsche.“ Das Kind lacht. Vater und Mutter lachen. Oma guckt etwas bescheiden und Opa fragt, warum er immer schon gestorben sein muss.

Tote leben länger. In meiner Tageszeitung berichten sie heute von einem Opa, den die Zeitungen schon mehrmals für Tod erklärt haben.  Dreimal musste der früherer französische Manager und Minister Bernard Tapie  schon erklären, dass er noch unter den Lebenden weilt. Beim ersten Mal entschuldigte sich noch ein Nachrichtensender  für die Panne. Beim zweiten Mal berichtete ein Sportsender über seinen Tod, zuletzt ein Radiosender.

Bernard Tapie soll tatsächlich schwer erkrankt sein, weswegen er sicher wenig Freude an seinen Nachrufen hat, die eben doch so etwas wie Vorhersagen sind. Es ist, als ob alle auf seinen Tod warten und jeder der erste sein will, der die Nachricht bringt.

Vor kurzem wurde der Nachruf Herbert Feuersteins gesendet. Feuerstein hat schon Jahre vor seinem Tod die Sache mit seinem Nachruf geregelt. Damit hier kein Quatsch (kein Feuerstein Quatsch) gesendet und gesagt wird, hat er den Nachruf selber in die Hand genommen (eben als Vorhersage).

 

Mensch und Ratte

„Unter allen Lebewesen gibt es nur zwei Tiere, die einfach so töten, um zu töten – nicht um das Weibchen zu bekommen oder das Revier zu verteidigen – einfach nur um zu töten: Der Mensch und die Ratte.“

„Und der Mensch ist für den Menschen eine Ratte.“
(Michel Serres)

Im Supermarkt 2 – Der Penner sammelt keine Payback Punkte

Vor mir steht ein Penner an der Supermarktkasse. Er ist etwas älter als ich, vielleicht sieht er auch nur älter aus. Penner sehen oft älter aus, als sie sind; das ist ein Merkmal eines Penners, ein Penner Skill. In dem Penner- Einkaufswagen liegen vier Flaschen Discount Cola und zwei Packungen Mettwürste. Ich frage mich, ob er die Dinger vorher kocht oder sich roh reinknuspert. „Vor dem Verzehr erhitzen“ steht auf der Packung, aber ich weiß von vergangenen Kater-Frühstücken, also Penner Mahlzeiten, dass dafür manchmal keine Zeit bleibt. Der Körper braucht Fleisch, fettiges Fleisch und zwar sofort. Da bleibt keine Zeit zum Erhitzen. Schon schwierig genug, die Packung aufzureißen, möchte man doch am Liebsten direkt ins Plastik beißen.

Der Penner trägt seine Penner Hose auf halb acht. Er stützt sich mit seinen Unterarmen auf den Einkaufswagen, wodurch sein Penner Pullover hochrutscht und ich seine haarige Penner Po-Ritze zu Gesicht bekomme. Unter der Ritze hängt seine zerschlissene Jeans, seine Turnschuhen trägt er als Slipper, auf dem Kopf eine Baseball Mütze, Trump Stil, mit ein paar fettigen Haaren, die hier und da hervorgucken.

Der Verkäufer fragt, ob der Penner Payback Punkte sammelt. Er muss das fragen, keiner glaubt wirklich, dass der Penner Payback Punkte sammelt. Ich muss an Harry Rowohlt denken: Autor, Lindenstraßen Schauspieler, Satiriker. Harry Rowohlt sah auch aus wie ein Penner. Doch Rowohlt schrieb großartige Bücher und in dieser Welt ist jemand, der großartige Bücher schreibt, niemals gleichzeitig ein Penner, auch wenn er sich selber als Penner bezeichnet. Die allgemeine Meinung lautet: Ein Penner ist im hier und heute nicht in der Lage Bücher zu schreiben. Ein Penner pennt und wenn er nicht pennt, was selten genug passiert, säuft er. Saufen und pennen machen einen Penner zum Penner. „Bücher schreiben“ verwandelt ihn in eine Alternative zur jetzigen Gesellschaft. Er ist aber für uns dann kein Penner mehr.

Charles Bukowski war so eine Alternative, Michel Houellebecq ist eine, Rowohlt war eine. Der Penner an der Supermarkt Kasse scheint kein Buch geschrieben zu haben, deswegen bleibt er bis zu seinem Ende in der Penner Schublade.

Glücklicherweise habe ich auch schon drei Bücher geschrieben. Ich kann also kein Penner sein. „Sammeln Sie Payback Punkte“, fragt der Verkäufer.

„Na klar.“ Ich halte meine Punkte Karte gegen das Lesegerät. Ich bin ein Punktesammler, ein Autor, ganz sicher kein Penner.

Über Trump, Patient Kultur und gutes Pflegepersonal

Volle Stuhlwagen und ein leerer Tisch in einem traurigen Kulturtempel

Ach ja… gestern hat die USA gewählt. Einen Tag später sind immer noch nicht alle Zettel ausgezählt und der amtierende Präsident schimpft in einer seltsamen Pressekonferenz über vereinzelte Kräfte, welche den Amerikanern ihre Stimme nehmen wollen. Er sieht seine Felle wegschwimmen, ist aber nicht gewillt, das Steuerrad des Landes freiwillig aus den Händen zu geben.

Die Weltöffentlichkeit ist über sein Verhalten entsetzt. Dabei kennen sie doch sein Verhalten. Erstens Schreien, zweitens Anklagen, drittens einen Deal aushandeln. Momentan schreit er noch, die Tage folgen die Anklagen Richtung Demokraten und kommunistische Kräfte (das alte Gespenst) im Land, dann wird ein Deal ausgehandelt, der ihn am Ende sicherlich wieder gut aussehen lässt.

Parallel hat Deutschland die höchsten Corona Neuinfektionen seit Beginn der Pandemie. Wir sind, laut Politik und Medien, in einem Teil-Lockdown. Also Freizeit und Unterhaltung runterfahren, Arbeit und Bildung erhalten. Dummerweise verdiene ich mein Lebensunterhalt in der Kulturindustrie, die gegenwärtig noch dümmer aus der Wäsche schaut. Ärgerlich ist sie, weil sie in den letzten Monaten viele Maßnahmen getroffen hat, um ihre Besucher zu schützen. Es gibt kaum sicherere Orte als Kulturorte, versichern viele innerhalb des Betriebs.

Waren in der sogenannten Hochkultur Massenveranstaltungen mit schwitzenden, sich reibenden Menschen sowieso eher eine Seltenheit, haben die Hygiene Maßnahmen aus vielen Theater, Opernhäusern und Kulturzentren klinisch-sterile Pflegestationen gemacht. Manchmal schreit es aus dem ein oder anderen Proberaum. Aber es ist längst kein Personal oder Publikum mehr da, um auf diese letzten kulturellen Klagelieder aus den Katakomben der Kulturtempel zu hören.

Kultur-Pfleger bräuchten sie, also Pflegepersonal für den Patienten „Kultur“. Aber der Kultur-Pfleger ist nicht nur gegenwärtig schwer zu kriegen, er wurde noch gar nicht erfunden. Dabei bräuchte gerade der Patient „Kultur“ gegenwärtig viel Aufmerksamkeit. An vielen Orten können die Kulturschaffenden längst nicht mehr alleine aufstehen. Natürlich klagen sie auch über das liebe Geld und nehmen dankend jede Soforthilfe an, aber sie benötigen eben vor allem ihre Arbeit, das kreative Schaffen auf der Bühne und die urteilende Publikums-Instanz vor den Brettern, die für so manchen die Welt bedeuten.

Abgestellt und liegen gelassen bekommen sie schnell Druckstellen, die im schlimmsten Fall bleibende Schäden hinterlassen, von den seelischen Unwettern bei den Damen und Herren gar nicht zu sprechen. So mancher ist nur noch ein Häufchen Elend ohne die Bühne; die eben doch für die ein oder andere Rampensau Lebensmittel ist. Kultur ist eben vor allem Lebensmittel für den Künstler.

Und selber? Ich schaue auf die Uhr und ich denke, krass schon wieder eine Stunde vergangen. Wie der Tag doch immer rast. Gleich ist schon wieder Abend, das RKI wird neue Rekordstände an Neuinfektionen melden, Trump wird nicht einsehen, dass er verloren hat und in so manchem Wohnzimmer wird vielleicht gerade eine Partie „Mensch ärger dich nicht“ gespielt. Ein Klassiker.

Besuch der alte Dame

Letzte Woche schaute ich mal wieder bei meinem alten Punker -Zuhause rein. Der Empfang war besser, als es den Anschein hat. Aber gegenüber einem Reihenhäuschen-Bewohner ist ein wenig Mißtrauen immer angebracht.

Notizen aus dem Reihenhäuschen – Warnhinweis: Kindergeburtstag

Die Frau und ich denken mit Grauen an das nächste Wochenende, denn das Kind feiert Kindergeburtstag. Sie nennt es Party. Sie wird fünf und darf fünf Kinder einladen. Letztes Jahr wurde das Kind vier und durfte sieben Kinder einladen. Sieben auf einen Streich, das war rückblickend aber ein Fehler. Trotz Hilfe der Schwiegereltern und der Patentante waren am Abend alle Helfer ein paar Jahre gealtert. Zerkratzte Knie, Streit um herrenlose Barbies, blutige Lippen, kompromisslose Feindseligkeiten ums Knetwerkzeug, aufgerissene Kinder-Hände, Plüschpony- und Kinderküchen- Gezanke ließen immer wenigstens ein Kind schreien (meistens eher drei) und brachten Erziehungsberechtigte und GehilfInnen das ein oder andere graue Haar. Oma Gertrud, die schon graue Haare hatte, fing sogar mit dem Rauchen wieder an. Nach zwanzig Jahren Abstinenz qualmte sie ab Stichtag Kindergeburtstag erneut Kette. Sie sagte, zwei Schachtel Kippen seien auch nicht gesundheitsgefährdender als ein Kindergeburtstag. Opa Gerd, der Mann von Oma Gertrud, meinte, man sollte auf Kindergeburtstage auch Warnhinweise kleben. Wie auf Tabakprodukte. Vielleicht auf die Einladungen, schlug er vor und gab gleich ein paar Beispiele.

„Kindergeburtstag ist tödlich.“ „Kindergeburtstage mindern Ihre Fruchtbarkeit.“ „Kindergeburtstage aufgeben, für ihre Lieben weiterleben.“ „Schützen Sie Senioren – lassen Sie sie keine Kindergeburtstage feiern.“ „Kindergeburtstage machen sehr schnell abhängig – fangen sie gar nicht erst an.“

Am letzten Beispiel sieht man schon, dass der Vergleich hinkt. Kindergeburtstage sind für alle – außer vielleicht für die Peer Group des Kindes – unerträglich, vielleicht sogar gesundheitsgefährdend (siehe Oma). Sie machen aber ganz sicher nicht abhängig. Alkohol macht süchtig, Zigaretten machen abhängig, aber keine Kindergeburtstage. Das ist Blödsinn.

Als das Kind Anfang des Jahres den Schnuller aufgab, sprach ich mit der Tochter über Süchte und Abhängigkeiten. Ich verglich den Schnuller mit meinen Zigarettenkonsum und konnte mir gut vorstellen, durch was für eine Hölle das Kind gehen musste. Der kalte Schnuller-Entzug kostete dem Kind eine Menge Kraft und viele Tränen floßen. Doch das Kind schaffte es. Nach ein paar Tagen war sie „Schnuller-frei“. Leider rang sie mir damals in einem sehr jammervollen Moment das Versprechen ab, selber mit dem Rauchen aufzuhören, wenn sie es mit dem Schnuller schaffen sollte. „Bis Weihnachten bin ich rauchfrei“, versprach ich dem Häufchen Elend.

„Papa, bald ist Weihnachten. Versprochen ist versprochen und wird nicht gebrochen“, erinnert mich das Kind nun regelmäßig. Prima Idee, Herr Weber, denke ich in solchen Momenten. Wirklich eine prima Idee.

Ich schweife ab. Nächste Wochenende Kindergeburtstag. Die Helfer des letzten Jahres weigern sich zu kommen. Die Patentante hat sich sogar erkundigt, ob sie ihre Patenschaft kündigen kann. Wir sind jetzt am überlegen, ob wir professionelle Helfer einstellen. Club- Türsteher sind momentan durch den Lockdown billig zu haben. So ein 180kg schwerer Bruder aus Dortmund Nordstadt oder Berlin Neuköln könnte funktionieren, Respekt einflössen. Mit so einem Bruder gewinnt „Topf schlagen“ auch eine ganz andere Note.

Die Frau sagt, sie ist mit allem einverstanden. So weit ist es schon. Kindergeburtstage sind echt das Letzte.