Über Berlin-Mitte, das Babylon des kleines Mannes

Berlin-Mitte. Babylon-Berlin. Wieder einmal denkt der Berliner und seine Zugezogenen, sie sind Mittelpunkt des Landes. Hier entscheidet sich die Krise. Hier zeigt sich, ob der Deutsche die Pandemie besiegt oder nicht.

Als in den Siebzigern und Achtzigern Berlin Fluchtpunkt vieler junger Wehrpflichtiger war, die lieber Punk sein wollten, als Vater Staat zu dienen, entwickelte sich für kurze Zeit ein kultureller Hotspot in der heutigen Hauptstadt.

Doch mit Wende, Hauptstadt-Status und vor allem den dezentralen Möglichkeiten des Internets ist Berlin nur noch für ein paar Abiturienten und Erasmus Studenten Kunst-Mittelpunkt (sie meinen/ suchen Feiermeile). Natürlich: Die Fördergelder werden Richtung Berlin ausgeschüttet, aber ein vergoldeter Montblanc Füllfederhalter macht noch lange keinen Schriftsteller.

Wie so oft ist die Kunst, die Literatur, das alternative Leben schon längst weitergezogen.

In Münster – eine kleine Provinz in Westfalen – wurde vor Jahren per Ratsbeschluss aus dem Stadthafen, damals für seine Alternativkultur bekannt, der „Kreativ-Kai“. Die Idee: Die kreative Energie des Stadtteils nutzen, die vorhandenen Peer Groups assimilieren und mit der Strahlkraft des Leuchtturms „Kreativ-Kai“ Investoren anlocken. Das Ergebnis: ein Biobäcker, mehrere Kaffeehaus- Ketten und ein paar Buden für Webdesign und Gestaltung, dazwischen Rechtsanwälte, Zahnärzte und Consulting-Firmen, die stolz auf ihrer Online Präsenz verkünden, dass sie nun im Kreativ Kai, dem subkulturellen Spielzimmer der Kunstszene, zu Haue sind.

Berlin-Mitte – das Babylon des kleines Mannes – ist schon längst nichts anderes mehr als unser Kreativ Kai. Nur eben größer, also noch mehr Zahnärzte, Anwälte und Consulting Firmen; dazwischen Cafés, Kneipen, Clubs und Bratwurst Buden, die dem Tagestouristen weis machen wollen, dass man sich im Hotspot der deutschsprachigen Kulturszene tummelt.

Wenn es nicht so traurig wäre…

Quadrophenia oder Putzen, Pillen, Psycho Pilze

Was für ein armes Männchen! Quadrophenia mit Sting (seine erste Rolle als Schauspieler) gesehen und am nächsten Tag dem Opa den alten Armeeparka aus dem Schrank geklaut. Das Männchen wollte Mod oder Scooter Boy werden. So genau war das nicht klar; so genau kannte das Männchen den Unterschied nicht. Wichtig war aber (neben der Vespa, ein nie erfüllter Wunsch): Tabletten schlucken, bis man kotzt. Wie die Helden und Rebellen im Fernsehen. „Mods, Mods, we are Mods“ schrie es beim Männchen im Kopf (Kotz, Kotz…bis es kotzt).

Alleine war das Männchen nicht mit seiner ganzen Subkultur, auch bei anderen schrie es im Kopf: Beim Schulkumpel Karl zum Beispiel. Der hatte auch den Film geschaut, sich sogar das gleichnamige Konzeptalbum (The Who – Quadrophenia) besorgt. Für so einen wie Karl kein Problem. Sein Vater ein angesehener Christdemokrat, Stadtrat, Elternsprecher, Prinz Karneval 1987 und stolzer Besitzer der Dom Apotheke. Hier, in der Apo, konnte der Kumpel sein Taschengeld durch Putzen und Pillen aufbessern. Am Samstagabend dann Kopfschmerztabletten, Blutverdünner und kleine roten Tabletten gegen Herz Rhythmusstörungen. Dazu Klassiker wie Amselfelder Tafelwein. Bis man kotzt. „Mods, Mods, we are Mods.“ Wie im Fernsehen. Wie ihre Helden, dachten das arme Männchen und Kumpel Karl. Heute: Was der Karl jetzt macht, weiß keiner. Mancher sagt, er fand in Karlsruhe seinen Frieden. Aber manche sagen viel und viele sagen manches.

Später Lyrik. Der Jim Morrison Gedichtband. Ein Geschenk. Zum 18. Geburtstag von Marion. Gebraucht, aber mit Widmung. Nutze den Tag. Sonst war Marion aber okay. Sie war gerade eben sehr spirituell. Carlos Castenada, alte Indianer, Psycho Pilze in der Wüste und so Sachen. Marion sagte: „Also nach dem Abi Mexiko. Pilze in der Wüste nehmen, Psycho Pilze . (PPPP -Philosophie: Putzen Pillen Psycho Pilze).“ Wenn man den Gedichtband von Jim Morrison gelesen hatte, wollte man damals Pilze in der Wüste nehmen. Wenn man dagegen Carlos Castaneda gelesen hatte, wollte man ein Adler sein, über eine Wüste gleiten, auf Psycho Pilzen, drauf. 4P Philosphie. Pforten der Wahrnehmung. So war sie, das kleine, holde Mädchen Marion, die später Petra heißen sollte.

Und sie, die frühe Marion, war mit dem Holger. Er, der Holger, der ein wenig wie Jim Morrison aussah, was daran lag, dass er so aussehen wollte. Lange lockige Mähne, Lederhose, weißes Hemd, nicht ganz zugeknöpft und zwischenzeitlich sehr seltsame Sachen sagen. Ich gehe heute auf eine Reise. Alleine. Dystopische Nacht. Nicht denken, glauben, sagte er z.B. gerne. Wohin wollte er? Warum alleine? Geheimnisvoller, cooler Holger, sagte das arme kleine Männchen und las fleißig Gedichte über Menschen, die sich in Adler verwandeln und über der Wüste Mexikos Pilze knusperten. Das arme Männchen wollte auch so gerne ein cooles, geheimnisvolles armes Männchen sein.

Dann endlich das Abitur in der Tasche. Die Pforten der Wahrnehmung waren endgültig geöffnet worden. Das Männchen war jetzt nur noch drauf. Aber ohne Psycho Pilze und Carlos Castaneda . Die Zeit war vorbei. 4P gestorben. Dunkle Erfahrung, düstere Erkenntnis: Mondmädchen Marion hatte sich in der Wüste Mexikos die Birne zerfräst, also geistig zerfräst Putzen, Pilze, Pillen. Psycho Petra. Sie hatte nach dem Abi ein halbes Jahr in einer Apotheke geputzt, sich in Petra umbenannt und dann mit dem Ersparten nach Mexiko. Gleich ab in die Wüste, Pilze schlucken, Psycho Pilze. Zu Hause dann Pillen vom Arzt gegen das was von den Pilzen übrig blieb. Und es blieb ganz schön was übrig, also hängen, also in der Petra, ehemalige Marion.

Das arme, kleine Männchen spürte: Heute ist anders als gestern. Nach den Achtzigern kamen die Neunziger, eine Wahrheit für man kein erweitertes Bewiußsein braucht.. Und mit den Neunzigern neue Subkulturen, Filme, Helden und natürlich Pillen. Drauf geht auch anders, dachte das Männchen Jetzt gab es Nirwana und Kurt Cobains letzten Tanz. Das Männchen nahm, was man kriegen konnte. Und man konnte eine Menge kriegen…. Aber davon erzählt die Fortsetzung.

Fortsetzung folgt… denke ich.

Matrjoschka und die seichten Wasser von Rosa-Explosion-Land.

Gegenüber meiner Matratze steht in einem offenen Schuhkarton eine Matrjoschka. Sie steht da, weil ich sie da reingestellt habe. Ich Teufelskerl.

Eine Matrjoschka ist eine kleine Holzpuppe, die man in der Mitte auseinanderziehen kann. In ihrem Bauch ist dann eine weitere genauso bemalte, etwas kleinere Matrjoschka, die in ihrem Bauch wieder eine Matrjoschka hat und in ihrem Bauch wieder eine und so weiter und so weiter.

Meine Holzpuppe ist eigentlich keine richtige Matrjoschka. Die eierförmigen Holzpuppen sind meistens als Frauen bemalt, russisches Mamas, sie stehen für Fruchtbarkeit. Aber meine Matrjoschka ist ein Pirat und die Piraten stehen nicht für Fruchtbarkeit. Natürlich gibt es auch weibliche Piraten und die sind natürlich oft auch fruchtbar, aber als Symbol stehen Piraten eher für etwas anderes als weibliche Fruchtbarkeit.

Meine Tochter spielt auch gerne Piratin – dem Kind ist glücklicherweise Fruchtbarkeit noch egal. Sie spielt auch gerne Heilerin oder Fee. Am Liebsten spielt das Kind heilende Piratenfee, die durch das seichte Wasser von Rosa-Explosion-Land reitet. Sie reitet dann auf Amadeus, das ist ihr Vater, also ich, aber eigentlich das Pferd von Bibi Blocksberg, der freundlichen Hexe.

In der Wikipedia steht, es gibt auch männliche Matrjoschkas. Aber seltener. Ich denke, männliche Matrjoschkas sind sehr kostbar, eben weil sie so selten sind. Fruchtbare, männliche Matrjoschkas, das klingt schon kostenbar, denke ich und überlege wie ich meine Kostbarkeit zu Gold machen kann. Gold ist gegenwärtig richtig kostbar. Gold wollen alle haben, wenn es sonst nicht so gut mit der Wirtschaft läuft. Und momentan läuft es nicht so gut.

Gold geht immer, sagt man oder frau, Frau Castelle zum Beispiel. Frau Castelle ploppt immer in meinem Online Banking auf und möchte mit mir einen Termin vereinbaren. Ich aber nicht mit ihr. Sicher will sie mir nur Gold verkaufen. Aber ich bezweifle, dass sie gegen meine Matrjoschka tauscht, meine männliche wertvolle Piraten – Matrjoschka.

Spucken verboten oder feiern bis der Arzt kommt

Noch so eine. Die spanische Grippe zählt als Mutter aller Pandemien. 1918 starben an ihr dreimal mehr Menschen als im Ersten Weltkrieg. Jeder gab jedem die Schuld, ein US Offizier sah deutsche Agenten im Spiel, die Chinesen, Franzosen, natürlich Spanier bekamen ihr Fett weg. Am Ende waren es die Amerikaner.

Drei Wellen. Mit Schul- Kirchen- und Theaterschließungen, Mund-Nase Schutz und Spuckverbot, soziale Distanzierung (ein blödes Wortgebilde. Besser: „Abstand halten“ ) versuchte man die Krankheit in den Griff zu bekommen. Die Städte, die früh Maßnahmen ergriffen, hatten bei weitem weniger Todesfälle. In San Francisco erschoss ein Schaffner einen Passagier, der sich weigerte Mundschutz zu tragen.

Scheiß Zeit. Kaputte Städte, nichts zu fressen, keine Arbeit, Inflation, Armut und dann noch eine unsichtbare Viruserkrankung, die vor allem die Jungen unter Beschlag nahm. Zum Feiern war keinem zu Mute.

Und doch! Kurze Zeit später begannen die „Yeah! Yeah! Yeah!“ Goldenen Zwanziger. Literatur, Kunst, Musik, die Kultur schwang sich zu neuen Höhen auf. Klar, am Schluß ein braunes Ende mit Schrecken.

Und Heute? Wieder ein Jammertal. Kunst erscheint dem Künstler als Scherbenhaufen. Sicher nicht als Lebensmittel, was immer noch mancher Politiker in seinem Redemanuskript stehen hat. (anders: sie müssen meinen Popo nicht streicheln, sonst fühle ich mich durch ihre Worte verarscht)

Und doch. Die spanische Grippe war häßlich, kacke, schlimm, aber irgendwann vorbei. Die Jetzige wird auch irgendwann vorbei sein, verdrängt werden. In einem Jahr? In Zwei? Keine Ahnung. Aber sie wird vorbeigehen und danach drängeln wir wieder vor die Bühne, schmusen auf der Tanzfläche, packen uns mit tausenden auf Festivals, gucken Kunst als Event in einer kollektiven Massenrezeption (vielleicht wird das Händeschütteln und Küsschen rechts, Küsschen links ein wenig mehr Zeit brauchen). Und dann? Die nächste Dystopie? Wieder ein Ende mit Schrecken?

Wie auch immer? Es heißt weiterhin: Spucken verboten oder feiern bis der Arzt kommt.

https://www.nationalgeographic.com/history/2020/03/how-cities-flattened-curve-1918-spanish-flu-pandemic-coronavirus/

https://de.wikipedia.org/wiki/Spanische_Grippe#cite_note-natgeo-57

Supermarkt 1

Kein Euro, kein Einkaufswagen. Kein Einkauf. Ich schleiche durch die Gänge, hoffe, dass mich das Personal nicht erwischt oder ein Kunde sich beschwert. In dieser Filiale bespuckte man sich letztens, da die Hausregeln verletzt wurden. Das Shopping Erlebnis 2020 ist ein anderes geworden. Mit hohen Puls und außer Atem erreiche ich fast ungesehen die Supermarkt Kassen.

In meiner Schlange vor mir eine Frau, Mitte Vierzig, mit ihrem ungefähr zwölfjährigen Sohn. Sie tragen zu ihren „Face Shilds“ Saunaschuhe, Tennissocken und eingelaufene Trainingsanzüge. Armut ist nicht unsichtbar. Ich schäme mich für den Gedanken und frage mich, warum ich mich für den Gedanken schäme? Weil ich bei Mutter und Kind eine wirtschaftlichen Schieflage vermute? Das und für die weiteren Klischees vielleicht, die man mit sich rumträgt? Meine persönliche Klischeewolke an Kasse Vier: Drei weitere Kinder. Alleinerziehend. ALGII. Cola, Chips, Burger King und Taco Modemarkt. Boxspring Bett und Pommes Fritteuse. Sie hat sich mit achtzehn Jahren schwängern lassen, der Vater ist noch vor der Geburt ihres ersten Kindes (Bruce Bronko) abgehauen. Danach gab es weitere Versuche, Trennungen, Schulden, Tränen und sogar Spuren von Gewalt.[BALKONGESCHREI: „Sie sollten sich wirklich für ihre Vorurteile schämen.“EMPÖRUNG: „Tatsächlich stand die Quantenphysikerin Deberta Zweiholz vor Ihnen, die ihren zwölfjährigen Wunderknaben an der Geige, den Josef, für seine letzte Komposition ein Eis versprochen hatte.“ „Wirklich? Also… Das tut mir leid.“ „Gelogen.“ Was?“ „Idiot“]

An der Kasse verliere ich das Interesse an meinen Vorurteilen. Ich muss mich aufs Bezahlen konzentrieren. Ich habe eine neue EC Karte und kann mir noch nicht die PIN merken. Jetzt habe ich mir einen Spickzettel ins Portemonnaie geklebt. Sehr schlau, ich weiß. Köpfchen und Klischee.

Beim Bäcker gegenüber ein Hinweis, dass man lieber mit Karte bezahlen soll. Geld geht durch viele Hände, auch ungewaschene. Wenn ich vorher auf meine Münzen niese, gefährde ich die Mitarbeiter der Bäckereifiliale. Das will man nicht, deswegen lieber Karte.

Die Verkäuferin guckt wie immer. Ganz offensichtlich findet sie es nicht gut, dass sie arbeiten muss, während ich mir Brötchen kaufe. Sie würde sich auch gerne ein Brötchen kaufen, aber sie muss ja arbeiten, steht in ihrem Blick. Wie groß ist ihr Freude, als ich vier helle Brötchen haben möchte. „Helle sind aus“, sagt sie. Ich bestelle dunkle Brötchen, die noch da sind – ausgetrickst, denke ich – und will kontaktlos bezahlen. Genervt muss sie das Lesegerät freischalten. Solche Kunden kann sie gebrauchen. Sie verzieht das Gesicht beim Freischalten ihres Lesegeräts. Dunkle Brötchen. Sie würde sich auch gerne ein dunkles Brötchen kaufen. Meinen Abschiedsgruß erwidert sie schon gar nicht mehr.