Hunde, die bellen, beißen irgendwann.

Jetzt stehen die Weihnachtsmärkte auf dem Prüfstand. Da hat er sich immer gefreut, ist glücklich rumgesprungen. Nachdem vor ein paar Tagen die Mundschutz-Verweigerer mit einem verschärften Bußgeldkatalog zur Ordnung gerufen wurden und der Berliner Innensenator heute vorsorglich die Hygiene Demos in Berlin verboten hat, traue ich mich kaum noch den kleinen Vierbeiner zu streicheln.

Aus dem zahmen Hündchen ist mittlerweile ein fies bellender Köter geworden und jeder, der bis drei zählen kann, sieht, wie das Viech langsam bissig wird. „Eine sich langsam im Körper ausbreitende Tollwut“, erklärte mir einer der sogenannten Experte die Verhaltensänderung. „Schon jetzt brauchen wir die Leinenpflicht, aber ich denke, bald wird Zwinger die einzige Möglichkeit sein“, sagte er weiter. „Oder Maulkorb.“ Der Experte lachte. Ich nicht. Natürlich sehe ich auch die Notwendigkeiten, aber die letzten Maßnahmen machen alles nur noch schlimmer. Es ist nie gut, ein Tier zu schlagen, aber ein verletztes, ja meinetwegen böses Tier zu schlagen, scheint mir mehr als unvernünftig.

Billiglohnländerkinderarbeit oder „ich konsumiere, also bin ich“

In den Nachrichten sagen sie, der Konsumklimaindex – welcher die Konsumneigung der Privathaushalte widerspiegelt – steigt wieder. Der Konsument kriegt gute Laune, Konsumlaune.

Nach den Corona Beschränkungen ist das neue, alte Leitmotiv für den modernen Mann, die moderne Frau und alle modernen Anderen: „Ich konsumiere – viel und billig -, also bin ich.

Dazu passt: Ich arbeite – viel und billig -, also bin ich ein Billiglohn – Landarbeiterkind, nähe mich geschwind in die erste Klasse rein, oh fein.

Du Mutti? Übermorgen besorgst du uns mal lecker Eisbein?

Ach klar.

Hui, das ist… ähhh fein.

Im Radio sagen sie, Spanien, die Balearen, die Kanaren brauchen den deutschen Urlauber. Viele Existenzen hängen am Tourismus. Ich sage: Ich konsumiere – viel und billig – also bin ich bald wieder im Ferienflieger. Denn Urlaub rettet Leben, mit meiner Auszeit bezahl ich deine Ausbildung, mache ich dich zum Sieger.

Du Mutti? Morgen besorgst du uns mal lecker Eisbein?

Ach klar.

Hui, das ist… ja fein.

Deine und meine Informationsblase schreibt: Der rumänische Tier- Zerleger in deutschen Schlachtanstalten hat nicht mehr genug, um seine Familie zu unterstützen. Es fehlt an Geld für Ausbildung, Pflege der Alten, Versorgung der Familie. Der Mann ist in Existenznot.

LockDown und Schnitzel- Verzicht kostet Leben.

Ich sage: Lieber Billiglohnlandarbeiter, Tierzerleger, Hosennäher, ich bin ein guter Mensch. Ich konsumiere viel und billig, also bin ich nicht nur Schnitzel-Esser, auch Hosenträger.

Also lasst uns den Konsum pflegen, denn Billiglohnländerkinderarbeit rettet Leben.

Ach, und heute Eisbein?

Klaro!

Über Kultur in kulturarmen Zeiten, die GEMA und das Fräulein Rottenmeier

2020, Kultur in kulturarmen Zeiten. „Sie haben Post“, sagte der Postbote und gab mir einen Brief. GEMA stand dort. Nachdem mich der Brief ein paar Tage blöde angelächelt hatte oder ich mir einbildete, dass er blöde lächelte, öffnete ich ihn heute, also den blöde, lächelnden Brief. Ich täuschte mich nicht, der Brief war so charmant wie das Fräulein Rottenmeier in Heidis schlimmsten Albträumen. Das Fräulein Rottenmeier suchte nach neuen Einnahmequellen, nachdem die alten auf Grund einer Seuche versickert waren.

2020, Kultur in kulturarmen Zeiten. Das Fräulein Rottenmeier hält auch noch die letzten Kulturschaffenden von ihrem Handwerk ab. Das geschriebene Wort auf der Bühne, vielleicht mit einem Lächeln präsentiert, wird als literarisches Kabarett einsortiert. „Und das ist gebührenpflichtig, Herr Weber. Sie können doch nicht einfach lesen, was sie wollen.“ „Aber es sind doch meine Worte“, sage ich leise und erfahre, dass auch meine Worte kostenpflichtig sind.

2020, Kultur in kulturarmen Zeiten. Ein paar schreien, was das Fräulein Rottenmeier alles Gutes für sie getan hat, „Nein. Es geht nicht um mich. Es geht um mein Recht“, schreien sie. Ein paar schreien immer, schreibe ich. Wer 2020 noch Künstler sein möchte, sollte es vor allem auf dem Papier sein. GEMA Mitglied, KSK Mitglied und gerne noch einen täglich gepflegten Social Media Account. Dein Online Poesie Album für deine Kunst, lachen sie. Ich lache auch. „Haha.“ Na, habe ich gelacht?

2020, Kultur in kulturarmen Zeiten. Vor vier Jahren war es bei mir soweit. „Herr Weber, Sie haben Post“, sagte der Postbote und gab mir einen Brief, der wenig Hoffnung versprach und letztlich doch welche gab. Es war die Künstlersozialkasse, die mir schrieb. Ein Bescheid, stand dort. „Nach §1 KSVG sind sie im Sinne des Gesetzes ein Künstler und nach §8 Abs. 1 KSVG auch noch ein versicherungspflichtiger.“ Ich war nach dem Gesetz auf einmal ein Künstler. So einfach geht das, dachte ich. Ich lachte. „Haha.“ Na, habe ich gelacht? Jetzt hatte ich es schwarz auf weiß: Nicht die Arbeit zählt, sondern der Paragraph.

2020. In diesen kulturarmen Zeiten ist der Künstler auch nur noch eine Schraube, ein Zahnrad im Getriebe der Bürokratie, der Soforthilfe und des Verwertungsgesetzes. Aber ein Zahnrad mit einem schönen Online Poesie Album, lachen sie. „Haha.“ Na, ich habe auch gelacht. 2020. Ich sage zu euch Künstlern Verwertern, Versicherern: Fotz- und Fischköppe stinken aus dem Hals, was auch immer das bedeuten mag.

Über Social Scoring, Hegel und die deutsche Bulldogge

Wenn man in Münster als „Hegel“ beschimpft wird, ist man kein unglaublich heller Philosophenkopf sondern hat nicht mehr alle Latten im Zaun.

„Ey, du Hegel. Licht an“, schrie letztens ein Mann zu mir rüber, der mir auch mal zeigen wollte, dass ich nicht mehr alle Latten im Zaun hatte. Ich saß auf dem Rad, und hatte kein Licht an selben und für den feinen Herren stand fest, dass so ein Lichtloser auch sonst ein ziemlicher Hallodri sein müsse.

Später las ich in der Zeitung, dass China seine Einwohner mit dem Social-Credit-System (SCS)motivieren will, bessere Menschen zu werden. Wer sich systemtreu, ordnungsliebend, straßenverkehrs- und öffentlichkeitstauglich benimmt, bekommt Punkte und Punkte bedeuten mehr Lohn, eine bessere Wohnung, eine gelungenere Freizeitgestaltung oder eine kostenlose Nutzung des E-Bike oder Car Sharings. Die Botschaft: Punkte sind geil.

„Ey, du Hegel. Mach die Augen auf.“

Heute sammeln wir Bahn-Card-Punkte im ICE, Bonusheftchen Stempel beim Zahnarzt und beim Tanken gibt es Payback Points. Udo hat jetzt einen Schrittzähler und Gabi kriegt jeden Tag einen digitalen Pokal, wenn sie ihre Yoga Übung gemacht hat.

In China essen sie keine Hunde, aber man ist ganz heiß auf Treuepunkte. Hier schreit man: „„Ey, du Hegel. Diktatur, Dystopie, hier bei uns doch nicht, hier nie.“

Ich denke: „Mach die Augen auf.“ Die deutsche Bulldogge sammelt nicht weniger gerne Punkte. Und auch wenn uns der Konfuzius fehlt und der Hegel irrt, bin ich überzeugt, auch bei uns funktioniert „Social Scoring“.

Schön verpackt, mit einer klasse Marketing Schleife sammeln wir uns auch hier – mit Liebe – in die totale glückliche Überwachung. Da wette ich meine Payback Punkte drauf, ich Hegel.