Dumm und duselig – Ideen für das schnelle Geld

In unserer Wochenzeitung haben sie von einem Start-up berichtet, das sich mit Koch Boxen dumm und duselig verdient hat. „Dumm und duselig“ haben sie natürlich nicht geschrieben, aber das habe ich zwischen den Zeilen herausgelesen.

Ich dachte, vielleicht mache ich auch mal sowas wie Koch Boxen. Natürlich eher etwas, womit ich mich auskenne. So etwas wie…?, fragte ich mich. Ich könnte…?, dachte ich und dachte und dachte und dachte. Dachte dann, dass die Idee aber auch ihre Schwächen hat, ich die doch nicht so gut finde. Man muss nur mal an die Umwelt denken. Die ganzen Koch Boxen auf der Straße, geht doch nicht, dachte ich. Dabei verdienen die sich mit ihren blöden Koch Boxen dumm und duselig, haben sie auch in der Presse gesagt. Ich  regte mich einen Moment auf und vielleicht sogar einen zweiten,  aber dann dachte ich glücklicherweise auch schon an etwas anderes.

Notizen aus dem Reihenhäuschen – Rassist

Wir möchten einen Slam gegen Rassismus machen, sagt die Studentin, Geisteswissenschaft und European Economic Management. Wir wollen Flagge zeigen, erklärt sie mir. Ich nicke. Einen Slam. Wow, tolle Idee, spektakulär, denke ich und sage: Flagge zeigen ist wichtig.

Es dürfen nur Texte vorgelesen werden, die sich mit Rassismus beschäftigen. Du kennst doch sicher Slam Poeten, die Rassismus erfahren haben. So ein Afghane oder Schwarzafrikaner wäre toll. Ich nicke. Bestimmt sind da auch Schwarzafrikaner oder ein Afghane, sage ich. Stolz erzähle ich, dass ich sogar einen Autor aus Island kenne. Die Frau sagt aber, dass Island nicht so gut ist, weil man da zu wenig Unterschied sieht, Aha, sage ich. Dann ist das abgemacht?, fragt die Studentin. Ich nicke. Abgemacht. Und eine Gage, frage ich vorsichtig. Das ist natürlich alles Ehrenamt. Also ich nehme da nichts für. Aber es gibt einen Hut, erklärt die Frau. Ich nicke. Lecker Hut, sage ich.

Aber „hey“, ich will nicht lästern,. Flagge zeigen ist wichtig, haben wir auch gerade erst wieder gemacht. Gestern was gegen die Corona Pandemie, vorgestern gegen Umweltverschmutzung, davor für eine Auto freie Innenstadt, gegen die AFD sowieso, für sauberes Wasser und gegen Folter und Unmenschlichkeit, für mehr Frauen in Führungspositionen (Das kannst du aber nicht moderieren, weil das doof aussieht, also ein Mann, der was für Frauen macht, sagte damals eine Frau, die es aber auch nicht machen wollte, und so habe ich es doch gemacht), gegen Atomkraft, gegen Tierversuche, für Tierwohl und veganen Freitag, für mehr Datenschutz, gegen die globalen Softwaregiganten, aber für eine globale Welt, natürlich für mehr Open Source, gegen Kapitalismus im Allgemeinen, gegen TTIP und CETA im Besonderen, für Europa, aber gegen ein Europa der Wirtschaft, für ein Europa der Menschen, der Kulturen, gegen Waldsterben, für Bienen und bedrohte Völker, gegen Verschwörungstheorien und ihre Theoretiker, für Schwarze, Behinderte, Fahrradfahrer, Asiaten, Afrikaner, für mehr Dorf, gegen das Aussterben der Innenstädte, gegen Trump, gegen China (wegen Hongkong und die Uiguren), für ein freies Tibet, für barrierefreie Verwaltungsgebäude und wenigstens eine diverse Toilette in jeder Öffentlichen Einrichtungen, gegen Erdogan, aber nicht gegen die Bevölkerung, das darf man nicht verwechseln, für Migration in unser Land, offene Grenzen, offene Gesellschaften, aber gegen Urlaub an den letzten unberührten Flecken dieser Erde. Für Wale, gegen Walfang und Zoohaltung, gegen Zirkustiere und gegen die Jagd von Wild im europäischen Mischwald..

Alles schon gemacht. Flagge gezeigt. Aber manchmal frage ich mich, was ich eigentlich bin. Kulturnutte? Wobei ich Nutte nicht frauenfeindlich meine, sondern eher wie Homosexuelle schwul sagen, oder Schwarze sich Nigger nennen, so meine ich das. So anders eben.

Die Texte für oder gegen eine Sache sind mittlerweile schnell geschrieben, die Flagge geschwind gezeigt. Man muss nur noch das Subjektiv wofür oder wogegen man ist, austauschen und dann „Ich hasse es“ davor schreiben. Gerne nutze ich auch „Ich habe einen Traum…“. Am besten vor jeden Absatz. Noch wahnwitziger: I have a dream…. Dann klappt das schon. Das geht schnell. Aber das ist auch scheiße, denke ich.

Am Ende sage ich doch diesen Poetry Slam und der Stundentin ab. Ich glaube, ich kann nicht mitmachen, erkläre ich mich.

Rassist, sagt sie.

Ach du lieber Gott, denke ich und das ich über den, den lieben Gott, wirklich gerne mal was schreiben würde.

Notizen auf dem Reihenhäuschen – Homeoffice

Ich bin im Homeoffice. Das Kind liegt auf dem Bett und hat versprochen mich nicht zu stören. Es guckt sich ein Buch an, ein Vogelbuch, und wackelt mit den Füßen. Ich fühle mich nicht gestört.

Ich sitze an meinem Schreibtisch und überlege, was ich heute in mein dystopisches Glossenportal huste. Ich nenne das Arbeit.

Papa? Das Kind hat aufgehört, in das Buch zu gucken. Papa? Jetzt guckt es mich an.

Ich fühle mich immer noch nicht gestört. Papa? Was ist das für ein Vogel?, fragt es. Das Kind steht mit dem Buch neben meinem Schreibtisch. Du hast versprochen, mich nicht zu stören, sage ich, versuche dabei ein wenig Vorwurf in die Stimme zu legen. Das Kind kennt Vorwurf noch nicht, lacht und legt das Vogelbuch auf meinen Tisch, es zeigt auf einen Pfau. Ich fühle mich vielleicht doch gestört. Das ist ein Pfau, sage ich. Kann der fliegen?, will das Kind wissen. Ich spule mein spärliches Pfauen Wissen ab. Jetzt verzieh dich, sage ich. Das Kind gehorcht.

Die Zimmertür geht auf. Unterm Türrahmen steht eine Frau. Es ist die Mutter des Kindes, meine Frau. Klopfen war früher, denke ich, bleibe aber ruhig. Die Frau ist aufgedreht. Sie hat heiße News, sagt sie. Weißt du, wer mit wem zusammen ist? Da kommst du nie drauf. Die Frau lacht glücklich. Robert und Doro. Sie schaut mich erwartungsvoll an. Ich kenne keinen der beiden. Trotzdem lache ich kurz auf. Ich will ein  erfreutes Erstaunen zum Ausdruck zu bringen. Die Beiden, versuche ich mein Lachen zu unterstreichen. Mittlerweile fühle ich mich sehr gestört.

Die Frau fragt, warum ich so blöde lache. Auf dem Bett fängt das Kind an zu weinen. Es hat hat sich eine Kante des Vogelbuchs in die Nase gesteckt. Natürlich blutet sie Buch und Bett voll. Die Frau fragt, ob ich so komisch lache, weil das Kind blutet. Ich sage, dass ich wegen Robert und Doro lache. Die Frau guckt gar nicht mehr freundlich. Sie fragt sich manchmal, ob ich ein wenig gestört bin. Ich klappe den Deckel des Notebooks runter. Ich nicke. Vollkommen richtig, denke ich. Ich fühle mich nicht nur gestört, ich bin mittlerweile gestört.

Notizen auf dem Reihenhäuschen – Rollerspieler

Ein Freund hat mich zum Rollenspiel Abend eingeladen. D&D hast du doch früher auch gespielt, sagte er am Telefon. Klasse Begründung, dachte ich. Früher war vor fast vierzig Jahren. Es ist nicht so, dass Männer um die Fünfzig, die sich dem Rollenspiel widmen, mir Angst machen, aber seltsam sind sie schon. Ich habe lieber die Spielerei abgesagt. Jetzt kochen wir stattdessen was Schönes.

Glosse an einem Dienstag

Ab heute kann man sich die Corona App herunterladen. Sie soll, laut Herrn Spahn, die Gesundheitsämter entlasten. Die digitale Jagd hat begonnen. Wenn nur sechszig Prozent der Bevölkerung die App herunterladen und auch noch nutzen, wird alles gut, sagen sie im Radio. Ich sitze im Auto, bin auf dem Rückweg von der Kita. Natürlich kann ich auch morgens das Fahrrad nehmen, das dauert auch nicht viel länger, aber … ja, ich bin zu schwach. Außerdem kann ich im Auto Radio hören, rauchen, nachdenken. Ich überhole eine alte Frau, die auf dem Fahrrad einen Mundschutz trägt. An der Ampel stehen Schüler in Banden auf Gehwegen. Manche von ihnen haben Masken vor Mund und Nase. Ich überlege, ob sie den Schutz freiwillig tragen. Alle schauen auf ihr Handy. Im Radio sagt gerade ein zugeschalteter Hörer, dass für ihn sechzig Prozent viel klingt. Ich nicke zustimmend. Ob die Schüler die App heruntergeladen haben? Oder ihre Eltern für sie? Ich fahre an der Zukunft des Landes vorbei, überhole danach  ein zweites Mal die alte Frau. Sie ist in dem Alter meiner Mutter. Sie weiß jedenfalls nicht, wie sie die App herunterladen kann. Sie weiß noch nicht mal, was eine App ist. Manchmal fragt sie, ob sie sich ein Smartphone kaufen soll, aber sie scheitert schon an der Fernbedienung und dem Staubsaugerbeutel – Fach. Ich habe ihr abgeraten. Ein Hörer sagt, er findet alles scheiße. Ich finde es nicht gut, wenn man scheiße im Radio sagt.

Opa und Schopenhauer (Opa und die Philosophen Teil 2)

Ohren, Ohren. Er hat keine Ohren, der taube Musikant, sagte Schopenhauer über Richard Wagner. Das finde ich schon mutig. Würde ich nicht sagen. Bin aber auch nicht Schopenhauer.

In einer Achtziger Jahre Dokumentation über den Denker, der auf Grund eines früh ausgezahlten Erbes nie nach Arbeit schauen musste, weiß ein Professor Doktor Schnädelbach, Philosophie-Professor aus Hamburg, dass der wütende Mann, der dort gegen den Musiker Star wettert, der Stammvater des Modernen Irrationalismus ist.

Um diesem Stammvater Ehre zu erweisen, hat das Fernsehen sich etwas ausgedacht. Es hat den Herrn Professor auf ein Sofa drapiert, es lässt ihn von der Seite, leicht von oben zu uns Kindern in den Wohnzimmer sprechen. Er hat uns etwas zu sagen, sagt die Geste und das Fernsehen, etwas, was wir nie vergessen dürfen.

Kinder, euer Opa ist sehr, sehr krank. Sein Glaube reichte nicht aus, die schweren Prüfungen des modernen Mannes, die moralisch religiösen Herausforderungen der postmodernen Moderne, also unseres Lebens zu bestehen. Lust, Laster, Leidenschaft, den Apfel und die Eva wählte er, nach Evas Schwestern, Cousinen, Freundinnen und Bekannten lüsterte er. Lasterhafter Blick, leidenschaftlich Spiel mit den Schlangen des rotköpfigen Schlangenherrschers SchlangoMania, erotische Gespielin der Höllenbrut.

Der Professor Schnädelbach hält inne, lässt die Spannung in unseren Achtziger Wohnzimmern steigen.

Euer Opa, Kinder…

Leonardo Cocktail Gläser beschlagen, Blue Curacao fließt auf Glas-Coach Tische, dessen Licht in Scherben Spiegel vor schwarz-weißen Harlekins zurückgeworfen wird .

Euer Opa ist das Böse.

Auch wenn er etwas anderes sagt, der feine Herr Professor, gucken tut er so. Natürlich drapiert man heute Professoren anders beim Fernsehen. Meistens setzt man sie vor Bücherregale oder vor überladene Schreibtische. Zeitzeugen dagegen setzt das Fernsehen gerne vor eine schwarze Wand, sicher wegen der dunklen, undurchsichtigen Geschichte. Aus der tiefen Nacht der Historie hören wie noch die Zeugen der Zeit.

Aber in den Achtzigern war eben mehr Lametta, mehr Glamour. Und so erzählt der Herr Professor über den Denker und ich denke an Opa, meinen Opa, wie er auf dem Sofa sich drapierte und leicht von oben zu mir, seinem Enkel sprach.

Kind, dein Vater ist sehr, sehr krank. Lust, Laster, Leidenschaft, den Apfel und die Eva wählte er.

Heute weiß ich, dass Opa nicht so gut mit meinem Vater konnte. Aber damals war ich sehr beeindruckt und hatte lange an Opas Geschichte zu kauen.

Weg werf Artikel

Mundschutz. Mundschutz, ein Taschentuch, Eisverpackung – Langnese glaube ich – Mundschutz, Quetschi – da sind diese exklusiven, sehr bunten Obstpüree Drinks. Das Kind trinkt die auch. Viel Plastik, aber so kriegt das Kind wenigstens ein paar Vitamine – Zigartten, Zigaretten, Zigaretten, eine halbe Werbebeilage aus einem Supermarkt – ich glaube, es war REWE – da fällt mir ein, wegen REWE, Sonja hat sich n T-Shirt, mit „Systemrelevant“ drauf, drucken lassen. Echt. Gerade Sonja. Die Frau hat Breaking Bad komplett an einem Stück geschaut, möchte mal wissen, in welcher Werbe-Pause sie mal relevant war – eine Brötchentüte, McDonald Happy Meal Extra Large – wirklich die ganze Straße lag voll. Man sagt, McDonald ist der Sündenbock für die ganze Fastfoodindustrie, aber sie waren auch lange Zeit Vorbild. Die Frage ist doch, ob Sie dem Big Mac die alleinige Schuld für das Übergewicht ihrer Tochter geben möchten oder auch ihr eigenes Erziehungs- und Ernährungskonzept Lücken aufweist? – Taschentuch, Chipstüte, Zigaretten, Zigaretten – ein Bekannter hat jetzt Fotos in den Sozialen Medien gepostet, wie er mit seinem Kind Müll sammelt. Das fand ich eine gute Idee. Seit ein paar Tagen fotografiert mich die Frau, wenn ich den Müll runterbringe. Ich hoffe, hier auch eine „Story“ raus machen zu können – eine kleine Flasche Jägermeister, Bierdosen – ich bin schon am überlegen, ob ich sammle. Einen Tag habe ich mal gesammelt, immer wieder mal, 1,24 Euro verdient, einfach so beim Rad fahren. Das Geld liegt auf der Straße – Zigaretten, Zigaretten, eine Dose Serbische Bohnensuppe, Zigaretten.Zigaretten – ein Bekannter, nicht der mit dem Müll, trägt immer einen Reiseaschenbecher bei sich, ein kleines Tabletten-Döschen für Asche und Stummel. Man kann sicher auch noch ein Fotorahmen oder einen kleinen Spiegel in der Dose anbringen. Nicht für die Liebste, vielleicht ein Foto des netten Verkehrspolizisten, der einem letztens 50 Euro fürs Telefonieren auf dem Fahrrad abgenommen hat. Wenn man seine Zigaretten auf seiner Nase ausdrückt, kann man sich immer wieder an das nette Gespräch erinnern – Taschentuch, Mundschutz. Mundschutz. Schokoriegel – Mars war es. Ich nenne Raider immer noch Raider, ist aber jetzt Twix, lustig, oder? – Zigaretten, Zigaretten, Zigaretten.Zigaretten, Taschentuch, Zigaretten, Zigaretten.