Was ist ein Poetry Slam – Teil Drei

„Und kann man davon leben?“ Diese existenzielle Frage verfolgt mich nun mein Leben lang. Früher, als ich ein Studium noch mit dem Taxi finanzierte, fragten mich die Fahrgäste, ob man vom Taxifahren leben kann. Heute, wo ich mit meinen Slam Texten auf Bühnen stehe, fragt das Publikum, ob man vom Geschichtchen schreiben leben kann.

Auf Poetry Slams, diesen Fast Food Literaturbühnen, bekommt man Fahrkosten erstattet, eine Unterkunft gestellt und ein paar belegte Brötchen geschmiert. Früher gab es Bier statt belegte Brötchen, aber heute nehmen sich die Slam Poeten sehr wichtig, so dass nicht mehr vor und während der Veranstaltung getrunken wird und man sich mit einem Smoothie und vielleicht noch einem Avocado Brötchen zufrieden gibt. Honorare gibt es eigentlich auf Slams nicht, aber bei der Fahrkostenerstattung kann man tricksen.

So gibt es Halunken, die es schaffen, umsonst durch Deutschland zu reisen, ohne einen Cent für eine Fahrkarten auszugeben. Diese Sparfüchse schließen sich während der Zugfahrt auf dem Klo ein und hoffen, nicht erwischt zu werden. Schwarzfahren nennt man diese Ninja Technik umgangssprachlich. Beförderungserschleichung ist der juristische Fachausdruck. Wie alle Ninja Techniken ist auch das Schwarzfahren eine hohe Kunst. Sie kommt aus Japan und es die Kunst der Unsichtbarkeit.

Hier ein paar Kniffe für den schwarzfahrenden Slam Poet. Es ist schwierig, in den Regionalbahnen schwarz zu fahren. Erstens wird in der Regionalbahn, also im Nahverkehr, schärfer kontrolliert. Zweitens ist der Schaffner im Nahverkehr oft kein geselliger Bursche, mit dem sich reden lässt. Horden betrunkener Fußballfans und ausgelassene Kegeldamen haben den Nahverkehrs-Schaffner zu einem Misanthropen werden lassen. Ein erbärmlicher Stundenlohn tut sein übrigens. Drittens sind die Zugklos oft kaputt, verschlossen oder in einem fäkalem Endstadium, so dass man kaum eine Möglichkeit hat, sich dort vor dem Schaffner zu verstecken.

In ICs oder ICEs ist es schon leichter, ohne Fahrkarten ans Ziel zu kommen. Hier wird nicht regelmäßig kontrolliert, die Zugklos sind bequem und bieten auch auf langen Strecken Gemütlichkeit. Sie sind wahre „Stille Örtchen“.

Der wichtigste Grund, warum der Fernverkehr dem Schwarzfahrer die Hand reicht, ist aber, dass man nachlösen kann. Wenn man also tatsächlich erwischt wird, hat man noch die Möglichkeit, zu sagen, dass keine Zeit mehr bestand, eine Karte am Bahnhof zu ziehen. Neben einer kleinen Bearbeitungsgebühr ist das nachgelöste Ticket noch nicht mal vieler teurer.

So mancher Slam Poet verdient sich also sein Lebensunterhalt mit der Schwarzfahrerei, einem Leben auf Zugklos und im ständigen Versteckspiel mit dem Schaffner.

Eine weitere Möglichkeit, sich seinen Lebensunterhalt durch Slams zu verdienen, besteht im Verkauf von Büchern, Jutebeuteln, Stickern oder kleinen Heften, die der Slam Poet für die „Bühne der lyrischen Lust“ kreativ angelegt hat.

Für zehn Euro verkauft so mancher Slam Poet Jutebeutel, auf denen zum Beispiel ein Mikrofon abgebildet ist, gerne noch mit einer kleinen Unterzeile, welche die Liebe zur Slam Poesie, unterstreicht. „The points are not the point; the point is poetry.“ Aha!

Schwarzfahren und Jutebeutel verkaufen. Zwei Wege als Bühnenliterat zu überleben, über die Runden zu kommen.

Daneben bieten sich noch Möglichkeiten wie Flaschensammeln, ein Griff in die Abendkasse des Veranstalters oder Nachts den Kollegen die erhaltenen Fahrkosten aus der Brieftasche klauen. Das sind aber Wege der Lebensunterhaltung, die auch Nicht – Slammern zu Verfügung stehen, die also nicht primär der schreibenden Zunft vorbehalten sind (und auch nicht aus Japan kommen).

Man sieht also, man kann von der Bühnenliteratur leben. Und ansonsten: Mutti fragen.

Kind im Kopf und Sand im Schuh

Lieber Rabauke oder lass mich dich Hodentroll schimpfen, heute mal etwas Privates im ganzen Öffentlichen. Ich bin fünfundvierzig Jahre alt und Vater. Seit zwei Jahren wohne ich in einem Reihenhaus, man sagt, es ist sehr klein. Ich habe einen Ehevertrag, man sagt, ich unterschrieb ihn aus romantischen Gründen, und ich bin Vater geworden, man sagt, weil ich es noch konnte.

Nun… es ist eine Tochter und als Zeichen meiner Liebe zu ihr habe ich zwei Apfelbäume gepflanzt. Mit ein bisschen Glück werde ich in ein paar Jahrzehnten eine Hängematte zwischen ihnen spannen. Vielleicht wird aber auch meine Tochter zwischen den Bäumchen eine Hängematte spannen oder ihre Tochter. Keine Ahnung wie schnell die Dinger wachsen. Irgendwann wird man eine Hängematte zwischen ihnen spannen.
Jedenfalls bin ich jetzt erwachsen: Ich habe ein Reihenhaus, eine Ehe, eine Tochter und zwei Apfelbäume.
„Andreas! Junge! Mein Leben habe ich für dich geopfert. Seit du da bist, habe ich alles nur dafür getan, dass es dir einmal besser geht“, hat mal meine Mutter zu mir gesagt. Da steht man schon ein wenig unter Druck, weil man gar nicht will, dass die Mutter alles für einen opfert. Ein bisschen opfern ist in Ordnung. Aber bitte nicht alles, nicht das ganze Leben.
Viele meiner Freunde sind kinderlos, manche von ihnen auch noch arbeitslos, und manche sogar beziehungslos. Diese sehr verpflichtungslosen Menschen glauben, dass – wenn man ein Reihenhaus, eine Ehe, eine Tochter und ein Apfelbaum hat – sich das Leben in einem Korsett befindet, in dem es kaum Platz zum Atmen gibt. Sie glauben, dass man nur noch wenig schläft, nicht mehr feiert, nur noch Kinder im Kopf hat und Spielplatz-Sand in den Schuhen. Sie glauben, dass meine Mutter Recht hatte und man sein Leben der Ehe, dem Reihenhaus, dem Kind und dem Apfelbaum geopfert hat und dort wenig Platz für anderes ist. Nun… das ist richtig.
Nein, das ist nicht richtig. Sie haben vielleicht zu oft von ihren Müttern gehört, dass sie für das Kind alles geopfert haben. Ich habe sicherlich nicht alles für das Kind geopfert. Ich bin fünfundvierzig, da geht man sowieso nicht mehr so oft feiern. Ich habe mich bewusst für Kind, Ehe, Reihenhaus und Apfelbäume entschieden und das war eine gute Entscheidung. Natürlich würde ich manchmal gerne länger schlafen und ja, es gibt Momente, an denen ich daran zurückdenke, wie es war, kein Apfelbaum, Reihenhaus, Kind und Ehe zu haben. Aber nach einer harten durchzechten Nacht denke ich auch manchmal, dass ich mir das letzte Bier hätte sparen können. Trotzdem war es eine schöne harte durchzechte Nacht.
Meine Mutter sagt immer: „Junge, ich habe immer nur dafür gearbeitet, damit es dir einmal besser geht.“
Ich sage ihr darauf: „Mutter, selber schuld. Ich arbeite, damit es mir besser geht und ich habe eine Tochter, eine Reihenhaus, ein Apfelbaum und eine Ehe, weil es mir auch mit ihnen besser geht.“
So, es ist jetzt halb acht. Das Kind schläft und ich mache mir ein Bier auf, vielleicht auch zwei oder drei, weil es mir damit besser geht.