Was ist ein Poetry Slam – Der zweite Teil (2/199)

Guten Tag, ich bin seit dreizehn Jahren Poetry Slammer. Ein Poetry Slammer oder Slam Poet liest für Schnaps, Bier und Büchergutscheine Texte auf Bühnen vor. Poetry Slammer zu werden ist nicht schwer, kann jeder werden, der sich dazu berufen fühlt. Man muss sich nur mit einem Text auf eine Bühne stellen und ihn, den Text vortragen (oder performen wie man in der Szene sagt). Mit ein bißchen Glück kann man dann einen Büchergutschein gewinnen oder sogar eine Flasche Schnaps. Das Bier ist meistens für alle kostenlos, weswegen an einem Slam auch viele Hobbyautoren teilnehmen, die gar nicht schreiben können, aber gerne Bier trinken.

Einen Rat möchte ich aber zukünftigen Poetry Slammern mitgeben. Der Text auf dem Zettel, der sogenannte Bühnentext sollte selbstgeschrieben sein. Er muss aber nicht selbstgeschrieben sein. Wenn der Text nicht aus der eigenen Feder stammt, sollte niemand im Publikum den wahren Autor kennen. Wenn herauskommt, dass der Text fremdgeschrieben ist, wird man vom Poetry Slam ausgeschlossen und darf nie wieder in seinem Leben an einem Poetry Slam teilnehmen. Da ist die Szene rigoros. Auf einem jährlich stattfinden Slam Master Meeting werden solche Fälle besprochen, schwarze Schafe ermittelt und neue Regeln aufgestellt.

Das Slam Master Metting ist sowas wie die UNO Vollversammlung. Hier haben alle eine Stimme, aber manche haben eine lautere Stimme und mehr zu sagen. Ansonsten sind aber alle Slammer ganz locker in der Poetry Slam Szene. Selber nennt man sich auch Slammily, was zum Ausdruck bringen soll, wie lieb sich alle haben. Slammily ist ein Kunstwort und bildet sich aus den beiden englischen Wörtern „slam“ und „family“.

Meistens werden Poetry Slammer nicht zu einem Poetry Slams eingeladen, sondern sie laden sich selber ein. Manche Slam Poeten fahren hunderte von Kilometern, um einem Dichterwettstreit teilzunehmen, auf dem sie sich selber eingeladen haben. Das hört sich genauso an, wie es ist.

In ihren Blogs und auf ihren Facebookseiten schreiben diese Lustknaben der Literatur dann, dass sie heute einen Auftritt in einem Autonomen Jugendzentrum am Kartenrand von Google Maps haben und sich riesig auf den Slam freuen. Noch mehr freuen sie sich, wenn ihre Fans auch alle vorbeischauen und ihnen eine Menge Punkte auf diesem Hüpfburg Abend der Literatur geben.

Oft gefällt das zwei Leuten. Meistens haben sie aber leider an diesem Abend keine Zeit.

Eine Frage, die immer wieder gestellt wird, ist, ob auf einem Poetry Slam oder Dichterwettstreit Literatur feilgeboten wird. Ich möchte hier auf den Kurs für musikalische Früherziehung eingehen, den meine einjährige Tochter momentan besucht. In den Wörtern „Kurs für musikalische Früherziehung“ versteckt sich auch das Wort Musik. Weiter möchte ich gar nicht auf die Frage nach der Literatur aufs Slam eingehen.

In meinem letzten Blog Eintrag habe ich versprochen, mich mit Frage auseinandersetzen, ob man von Slams leben kann. Ich möchte diese Frage aber nach hinten stellen und es heute mal gut sein lassen. Als Hausaufgabe gebe ich allen die Schreibaufgabe mit, eine Kurzgeschichte über den schönsten Tag in eurem Leben zu schreiben. Gerne dürft ihr diese Geschichte auf einem Slam vorlesen. Ihr seid dann Poetry Slammer und vielleicht schon bald im Besitz eines Büchergutscheins oder einer Flasche Schnaps. Das ist doch klasse. In diesem Sinne: Lasst uns träumen und carpe diem.

Was ist ein Poetry Slam? Teil 1

Ich bin Poetry Slammer. Auf jeden Fall sagen das die Leute, dass ich Poetry Slammer bin. Seit knapp dreizehn Jahren stehe ich auf Slam Bühnen, lese Kurzgeschichten und kriege dafür Schnaps, Büchergutscheine und manchmal einen Pokal. Meistens bekomme ich aber gar nichts, manchmal vielleicht ein paar Euro Fahrkostenerstattung und eine Luftmatratze zum Schlafen.

Ein Poetry Slammer ist vor allem ein Hobbyautor, der vorgibt ein richtiger Autor zu sein, weil er vor vielen Leuten selbstgeschriebene Texte vorträgt. Ein Poetry Slammer oder Slam Poet hat einen seltsamen Blick auf die Welt. So glaubt er oder sie gerne, dass die hundert Leute, denen er oder sie seinen Text vorträgt, wegen ihm oder ihr gekommen sind. Ein Poetry Slammer sagt zum Beispiel gerne, dass er gestern vor fünfhundert Leuten gelesen hat und alle hart begeistert waren. Er erwähnt dabei nicht, dass sich niemand eine Spur für ihn interessiert. Das Publikum kommt zum Poetry Slam, weil sie einen Poetry Slam besuchen möchten und nicht, weil sie den einen Autor sehen wollen. Diese Sicht der Dinge macht einen Slam Poeten zu einem sehr kreativen, aber auch schizophrenen Menschen.

Poetry Slams sind offene Bühnen, wo man Schnaps, Büchergutscheine und manchmal einen Pokal gewinnen kann. Auf Poetry Slams lesen und performen anerkennungssüchtige Menschen selbstgeschriebene Texte, die vom Publikum bewertet werden. Das Publikum ist also die kritische Jury oder Masse. Der Slam Poet hat ein sehr ambivalentes Verhältnis zum Publikum. Geben sie ihm Punkte, bestenfalls so viele Punkte, dass er Schnaps, einen Büchergutschein oder einen Pokal bekommt, findet er das Publikum heute richtig knorke, ansonsten findet er aber das Publikum dumm und müde.

Das müde und dumme Publikum bekommt Stimmtafeln, Stimmzettel, mit denen sie die Hobbydichter bewerten können. Sie sind also Teil der Show und können sich nicht einfach die ganze Zeit betrinken und in den Ausschnitt ihrer Sitznachbarin starren. Hier liegt einer der Gründe, warum der Poetry Slam als eine kluge Veranstaltung gesehen wird. Das ist auch schon der ganze Spaß an einem Poetry Slam, einem Dichterwettstreit.

Kritiker sagen, dass auf Poetry Slams kurze Texte gelesen werden, die auf die verkümmerte Aufnahmefähigkeit der Generation „Instagram“ eingehen. Meistens gewinnt der junge Spaßmacher oder der Hobbyautor, der am häufigsten die Wörter Ficken, Sperma oder Donald Trump in seinen Text verwendet hat. Das ist richtig.

Ich erzähle in meinen erfolgreichsten Texten zum Beispiel gerne über meinen Penis. Penistexte kommen immer gut an. Das weiß ich. Ich habe eine Menge Pokale und Schnapsflaschen, die auf einen Penistext zurückzuführen sind.

Außerdem läuft es recht gut auf einem Dichterwettstreit für Slam – Randgruppen, also Personen, die eine Ausnahme auf Slams darstellen. Slam Randgruppen sind zum Beispiel sehr junge Hobbyautoren, Frauen, Behinderte und junge behinderte Hobbyautorinnen oder sehr alte behinderte Hobbyautoren (aber weniger). Männer Mitte Zwanzig mit Bart müssen dagegen durch ihren Text und den Vortrag punkten, heißt sie müssen öfters über ihren Penis oder ihr nächtliches Geschlechtsverkehrverhalten in der Großstadt berichten. Das ist natürlich schwieriger.

Worauf will ich hinaus? Eine gute Frage. Hierauf werde ich in meinem nächsten Text eingehen, der sich mit dem der wundervollen Frage beschäftigt, ob man vom Slam leben kann.

Petry, Paula, Mausezähnchen

Freitag, 12 Uhr. Münster. Frauke Petry trumpelt heute Abend durchs Rathaus. Die AfD lädt zum Neujahresempfang in unsere schönen Provinzmetropole und der Münsteraner ist schockiert. Man stellt sich auf gegen Rechts. Verschiedene Demos und Aktionen sind geplant.

„Wann ist endlich wieder Sommer“, denke ich, sitze im cuba, einem kleinen Kulturzentrum in Münster und rauche heimlich im Technikraum, da es mir draußen zu kalt ist. Ich warte auf DJ At, einem Elektro-DJ, mit dem ich heute in Osnabrück auf der Bühne stehe. Sonst würde ich auch demonstrieren, denke ich. Natürlich würde ich demonstrieren. Auch wenn es sich im Sommer sicher besser gegen AfD Neujahrsempfänge demonstrieren lässt. Aber Neujahrsempfänge sind eben nicht im Sommer, das liegt in der Natur dieser Empfänge.

Ein Neujahrsempfang ist ein Empfang, der zum Jahresbeginn von Staatsoberhäuptern, Parteien oder anderen sehr wichtigen Ausrichtern gegeben wird. Auf Neujahresempfängen wird viel geredet, begrüßt, Reden gehalten, Grußworte gesprochen und gerne eine künstlerische Darbietung geboten.

Ein Neujahrsempfang wird oft dazu genutzt, einen Ausblick auf die Vorhaben der wichtigen Institutionen und Staatsoberhäupter im beginnenden Jahr zu geben. Heute Abend gibt sich die Partei „AfD“ im Rathaus wichtig.

Die AfD ist eine Partei, die einen roten, steifen Penis als Logo hat. Das Logo soll Kraft symbolisieren und zeigen, dass die AfD was bewegen will. Natürlich bestreitet die AfD, dass sie einen roten, steifen Penis als Logo hat, weil das sexistisch und frauenfeindlich wäre. Die AfD hat Frauke Petry als Vorsitzende und will natürlich nicht frauenfeindlich sein. Sie möchte nur, dass man diesen Gender-Wahn stoppt. Das steht auch auf ihren Fahnen „Stoppt den Gender-Wahn!“

Mit Gender-Wahn meint die Partei mit Penis das Gender-Mainstreaming. Gender-Mainstreaming ist ein Fremdwort und eine Strategie zur Förderung der Gleichstellung der Geschlechter. Gender-Mainstreaming bedeutet, die unterschiedlichen Interessen von Frauen und Männern bei allen Entscheidungen zu berücksichtigen, um so die Gleichstellung durchzusetzen. Jedenfalls nennt die Partei mit Penis diese Strategie Gender-Wahn und findet, dass man das wirklich nicht unterstützen sollte.

Wir haben andere Probleme, sagt die Partei mit Penis. Zum Beispiel die Ausländer oder die Flüchtlinge. Oder die Migranten und die Asylanten und natürlich die falschen Asylbewerber und die kriminellen, falschen Flüchtlinge, die ihren extremistischen Religionswahnsinn auf die deutsche Leitkultur stülpen und dafür sorgen wollen, dass bald in unseren Kindergärten nur noch arabisch gesprochen wird und alle Frauen Kopftücher tragen müssen. Auch die kleine Paula und ihre Freundinnen aus der Kita „Wackelzähnchen“ müssen Kopftuch tragen. Und die Bibel wollen sie gegen den Koran austauschen, schreit die Partei mit Penis. Und Karneval abschaffen.

Und in Herne heißt der Prinz Karneval Mohammed und ist Kindergärtner bei den Wackelzähnchen. Das ist Fakt. Und das möchte die AfD nicht, das möchte niemand und deswegen haben sie einen Penis als Logo, weil es mit ihnen wieder aufwärts geht in diesem Land.

Frauke Petry trumpelt durch Rathaus und schüttelt Hände und hält Reden und in Thüringen sitzt der Höcke und wedelt mit einem Deutschlandfähnchen und seinen roten steifen Penis, also dem AfD Logo. Weil eigentlich kann niemand dagegen sein, wenn man Kraft und Männlichkeit will, also dass es aufwärts geht. Auch die linken Schurken nicht, sagen die Rechten, die sich eher als Mitte sehen.

Ich rauche heimlich im Technikraum des cubas und frage mich, wann endlich wieder Sommer ist, als DJ At vor mir steht und mich einpackt. Petry Heil, sagt er. Igitt, denke ich. Na, Petry dank.

Rentner, Lahm und Zappelpartys

Dienstag, 11 Uhr. Münster. Im Radio sagen sie, dass Philipp Lahm jetzt in Rente geht. Ende der Saison ist Schluß. Lahm steht auch nicht für andere Aufgaben zur Verfügung.

Ich sitze im Café „Sonnenschein“, trinke Kaffee, später Bier und freue mich, noch nicht in Rente gehen zu müssen.

Philipp Lahm wurde 1983 von seiner Mutter geboren, er ist Fußballspieler und Kapitän des FC Bayern München. Mehrmals wurde er mit seinem Verein Deutscher Meister und 2014 mit der Nationalmannschaft sogar Weltmeister. Er ist also ein sehr guter Fußballspieler.

Ich bin kein guter Fußballspieler, sondern Slam Poet, Lesebühnenautor, deswegen muss ich auch nicht mit dreiunddreißig Jahren in den Ruhestand gehen. Als Slam Poet und Lesebühnenautor kann man, auch wenn man sehr erfolgreich ist, Rente sowieso vergessen. Mit Dreiunddreißig habe ich noch nicht mal gewusst, dass ich irgendwann Lesebühnenautor werde. Mit Dreiunddreißig war ich gerade mal mit meinem Studium fertig und habe gedacht, dass das Leben jetzt erst richtig losgeht.

Ich habe Neuere Geschichte auf Magister studiert und gleichzeitig einen Taxischein gemacht, um mir beruflich alle Möglichkeiten offen zu lassen. Nach dem Studium habe ich mich sogleich mit der Personenbeförderung professionell beschäftigt. Sechs Tage die Woche saß ich nachts im Taxi und habe junge, motivierte Studenten zu Studentenparties gefahren, die Namen trugen wie „Ersties knallen“, „Zappelexamen“ oder die “Die fetzige Knackwurstfete“. Das war sehr schön, da ich sehr viel über das Leben gelernt habe. Über diese ganzen Erfahrungen habe ich dann Geschichten geschrieben und sie auf Offenen Bühnen und Poetry Slams vorgetragen.

Eine offene Bühne ist eine Show, in der mehrere Künstler oder Gäste spontan auftreten können. Je nach Veranstalter sind verschiedene Darbietungsformen zugelassen, z.B.: Musik, Comedy, Stand-Up, Lesung, Prosa, Lyrik, Tanz, Zauberei, Jonglage und Artistik sowie an bestimmten Orten auch Kurzfilme. Da ich Kurzgeschichten schrieb, habe ich mich für die Darstellungsform „Lesung“ entschieden.

Jedenfalls hat das alles erst mit dreiunddreißig Jahren begonnen, einem Alter, wo die feinen Herren Sportler schon in den Ruhestand gehen, weil sie körperlich nicht mehr so können. Ich bin jetzt fünfundvierzig Jahre alt und kann immer noch. Natürlich ist „Die fetzige Knackwurstfete“ auch nicht mehr so mein Ding, auch die Personenbeförderung musste ich dran geben. Aber ich kann noch Geschichtchen schreiben, sinniere ich, sitze im Café „Sonnenschein“, schlürfe Kaffee, später Bier und schieb den Ruhestand noch ein paar Jahre vor mir her.

Mickie Krause, Gürkchen und ich

Montag, 19 Uhr. Ich sitze im Backstage Bereich des Jovels, einem Club in Münster, esse belegte Brötchen, Schokoriegel und Gürkchen. In einer Stunde soll ich Kurzgeschichten auf der Bühne vorlesen, deswegen darf ich hier sitzen und umsonst Gürkchen knuspern.

Die Show, von der ich ein Teil bin, heißt Sebel + 1. Sebel, ein Musiker aus Recklinghausen, lädt monatlich Künstler ein, auf der Bühne ihre Musik oder ihre Texte zu präsentieren. Neben den angekündigten Showacts gibt es auch immer einen Überraschungsgast. Heute heißt dieser „Mickie Krause“. Mickie Krause ist Schlagersänger und wurde bekannt durch seinen Topsong „Zehn nackte Friseusen“. Auch wenn ich kein Schlager höre, kenne ich Mickie Krause und seine Friseusen.

Sebel fragt mich, wie er mich ankündigen soll. „Kann ich Poetry Slammer Andreas Weber sagen?“, fragt er. Ich nicke. „Das kann man sagen“, antworte ich und knuspere weiter meine Gürkchen.

Ich muss daran denken, dass Gürkchen sehr kalorienarm sind und reich an Nährstoffen. Daher bieten sie sich für eine gute und gesunde Ernährung an, aber ich schweife ab.

Ich bin ein Poetry Slammer. Ein Poetry Slam ist ein literarischer Vortragswettbewerb, bei dem selbstgeschriebene Texte innerhalb einer bestimmten Zeit einem Publikum vorgetragen werden. Die Zuhörer küren anschließend den Sieger, der eine Flasche Schnaps als Preis bekommt. Da ich seit über vierzehn Jahren literarische Vortragswettbewerbe besuche und veranstalte, kann man mich als Poetry Slammer bezeichnen. Ich habe auch schon oft den Schnaps bekommen, weswegen ich heute auch Teil der Show sein darf.

Mickie Krause kommt in den Backstage Raum und schüttelt Hände. „Mickie“, sagt Mickie. „Andreas“, sage ich und verschlucke mich an einer Gurkenscheibe. Ich hätte nicht vermutet, dass Mickie Krause so ein netter Typ ist, denke ich. Oft sind Stars unnahbar, aber dieser Mickie ist ein ganz lockerer Star.

Wir sitzen eine Weile zusammen und Mickie schüttelt weitere Hände und ißt vom gleichen Buffett wie wir anderen Gurkenscheibchen.

Dann beginnt die Show. Ich beginne den Abend, erzähle auf der Bühne ein wenig vom Leben eines Poetry Slammers und lese eine halbe Stunde Kurzgeschichten. Nach mir kommt eine Indie-Pop-Band an die Reihe. Die Lieferanten. Sie erzählen auf der Bühne ein wenig vom Leben einer Indie-Pop-Band und spielen eine halbe Stunde gute Popsongs. Sie klingen ein wenig wie Selig. Endlich ist Mickie dran. Er erzählt ein wenig vom Leben eines Schlagersängers und singt danach eine halbe Stunde Schlagerlieder. Das Publikum singt teilweise mit. Als Zugabe gibt es seinen Topsong „Zehn nackte Friseusen“.

Später im Backstage sage ich zu Mickie Krause, dass ich nicht gedacht hätte, mir mit ihm mal die Bühne zu teilen. Mickie Krause sagt, dass er letzte Woche Helene Fischer getroffen habe. Sie hat zu ihm genau das gleiche gesagt. Vor Jahren stand sie vor ihm auf der Bühne. Mickie Krause ist also für den späteren Erfolg ein gutes Omen. Aus der Helene ist auch was geworden, sagt der Mickie, schüttelt ein letztes Mal Hände und ißt ein Gürkchen.

 

Über Lesebühnen

Münster, Montag, 16 Uhr. Ich bin Lesebühnenautor. Das heißt, dass ich mich regelmäßig auf Bühnen stelle und Kurzgeschichten vorlese und dabei Bier trinke, manchmal Wein, selten Limo. Früher habe ich auf der Bühne auch noch sehr viele Zigaretten geraucht.

Heute rauche ich aber nicht mehr auf Bühnen, da man in Clubs und Kneipen nicht mehr rauchen darf und ich mich zurücknehmen muss, da ich sowieso sehr ungesund lebe. So trinke ich auf Lesebühnen Bier, manchmal Wein, selten Limo während ich meine Kurzgeschichten vorlese. Da ich regelmäßig auf Bühnen meine Kurzgeschichten vorlese, trinke ich sehr viel, lebe also sehr ungesund. So ist es gut, wenigstens nicht mehr so viel zu rauchen.

Ich schweife ab. Thema Lesebühne: In Münster habe ich seit 2007 eine Lesebühne. Sie heißt Lesebühne Die2, weil sie aus zwei Stammlesern besteht.

Eine Lesebühne ist eine literarische Veranstaltungsform, bei der ein festes Autorenensemble regelmäßig am gleichen Ort selbst verfasste, oft unterhaltsame Texte vor Publikum vorträgt. Viele Lesebühnen sind nach dieser Definition keine richtigen Lesebühnen, da sie kein oder kaum Publikum haben. Unsere Lesebühne Die2 hat ein Publikum, somit dürfen wir sagen, dass wir eine richtige Lesebühne sind, eine literarische Veranstaltungsform.

Das feste Autorenensemble unserer Lesebühne besteht aus dem Essener Autor und Metall DJ Micha El Goehre und aus meiner Person. Wir lesen regelmäßig am gleichen Ort, einmal im Monat, oft unterhaltsame Texte.

Es gibt verschiedene Motivationen, warum man eine Lesebühne betreibt. Drei Gründe werden immer wieder genannt. 1. Geld 2. Eitelkeit 3. Partnersuche.

Zu 1. Oft werden Lesebühnen von einem festen Autorenensemble gegründet, damit Geld in die Brieftasche kommt. Hierfür braucht man ein größeres Publikum, welches regelmäßig die Lesebühne besucht und bereit ist, Eintritt zu zahlen. Da wir ein Publikum haben, aber kein größeres, ist Geld kein Motivation für mich.

Zu 2. Die Eitelkeit. Die Eitelkeit ist die übertriebene Sorge um die eigene körperliche Schönheit oder die geistige Vollkommenheit, den eigenen Körper, das Aussehen und die Attraktivität oder die Wohlgeformtheit des eigenen Charakters.

Oft wird die Eitelkeit als Grund und Motivation angeben, eine Lesebühne zu betreiben. Auch die Eitelkeit sehe ich bei uns nicht als Antriebsfeder. Unser Publikum ist nicht groß genug, um unseren Charakter wohl zu formen und mit körperlicher Schönheit hat unser Lesebühne gar nichts am Hut.

Zu 3. Partnersuche. Da ich schon vor dem Start unserer Lesebühne eine Partnerin hatte und auch nicht gedenke, mir eine neue zu suchen, sehe ich auch diesen Punkt nicht als Motivation an, monatlich meine Geschichten auf der Bühnen vorzulesen.

Was ist es dann? Was treibt mich monatlich an, neue Geschichten zu schreiben und sie auf der Lesebühnen vorzulesen. Ich befürchte, es hat was mit Bier, machmal Wein, selten Limo zu tun. Daneben braucht man einen ein Ventil, um Gefühle Gedanken herauszulassen. So mancher malt, macht Musik, furzt heiße Luft, ich schreibe. Da ich es nicht mag, für die Schublade zu schreiben, habe ich eine Lesebühne. Sie ist also mein Ventil, meine Art Schadstoffe heraus zu pupsen.

Fragebogen an den Herrn Autor

Münster, Montag, 13 Uhr. Ich sitze im Regie-Raum des Kulturzentrums cuba und fülle einen digitalen Fragebogen aus, der mir vom Literaturmuseum Nottbeck zugesendet wurde. Vor ein paar Wochen haben sie einen Poetry Clip mit mir gedreht und jetzt wollen sie das Video auf ihre Seite stellen und noch ein paar Infos zum Autor hinzufügen.

Einer der Fragen lautet:  Wer sind deine Lieblingsautor*innen? Das ist eine gute Frage. Ich bin immer versucht, Schriftsteller zu nennen, die nicht meine Lieblingsautoren sind, aber deren Nennung eine Menge Intelligenz ausdrücken:  Zum Beispiel russische Romanautoren oder einen serbokratischen Lyriker und Performancekünstler, der nur einem kleinen Insiderkreis bekannt ist. Das wäre aber gelogen, da sie nicht meine Lieblingsautoren sind. Überhaupt wechselt mein Lieblingsautor täglich. So lese ich gerne Bücher von Sven Regner oder Heinz Strunk, aber nur wenn ich am Strand liege und mich mit leichter Kost unterhalten will, ohne viel nachzudenken. Manchmal lese ich auch gerne Charles Bukowski oder Henry Miller, aber nur wenn ich schwermütig bin und eine Bestätigung brauche, dass Alkohol nicht der Teufel der Menschheit ist. Letztens habe ich „Tod in Venedig“ von Thomas Mann gelesen und war begeistert. Aber man kann doch nicht schreiben, dass man Thomas Manns Texte mag, ohne als kompletter Langeweiler zu zählen. Navid Kermani zu nennen, drückt auf jeden Fall eine Menge Bildung aus und ich habe schon mal Kermani als Antwort geschrieben. Nur habe ich noch nie eine Zeile von Kermani gelesen. Ich habe es mir aber fest vorgenommen.

Es ist wirklich eine sehr schwere Frage. Heute, also jetzt gerade würde ich antworten: René Goscinny. Goscinny hat „Der kleine Nick“ geschrieben und das ist wirklich ein tolles Kinderbuch. Vielleicht werde ich morgen René Goscinny schreiben. Fragebögen und Vorlieben-Listen sind klasse, aber eine wahre intellektuelle Herausforderung.

Lieblingsfarbe, Lieblingsmusiker, Lieblingsschauspieler, Lieblingsort. Es gib nie nur eine Antwort bei diesen Fragen,  außer vielleicht bei der Frage nach dem Alter. Wie alt bist du? Ich bin sechsunddreizig. Hier lüge ich gerne. Besser wäre  auch die Frage: Wie alt möchtest du gerne sein? Ich möchte gerne sechszehn sein. Nein, ichmöchte gerne achtzig sein.

Das Feld Lieblingsautor habe ich heute leer gelasssen. Das war vielleicht ein Fehler, vielleicht aber auch die einzig richtige Antwort.

Hüpfburgen der Literatur

Letztens traf ich mich mit den Dinosauriern der Münsteraner Literatur, um über das Kulturprogramm zum Katholikentag 2018 zu sprechen. 2018 ist das christliche Megaevent in Münster zu Hause und man schrieb uns (die Literaturszene)  an, damit wir ein Literaturprogramm für die Tage aufstellen.

Wir unterhielten uns über das Programm 2017 in Leipzig, wo der letzte Katholikentag stattfand. . Neben ein paar Lesungen gab es im Sächsischen natürlich auch wieder einen Poetry Slam, der junges Publikum für den Katholikentag gewinnen sollte. Poetry Slams sind Offene Bühnen, Dichterschlachten,  auf denen wirklich  jeder seine Geschichten vorlesen darf, der sich berufen fühlt. Eine Publikumsjury entscheidet am Ende, welcher Text am Besten war. Der Sieger kriegt eine Flasche Schnaps.

Einer der Münsteraner Literaturmusketiere betonte spitz, dass in Leipzig also auch wieder die Hüpfburg der Literatur seinen Platz hatte. Er meinte den Poetry Slam.

Eine Hüpfburg, Springburg oder Luftburg ist ein Gebilde aus luftdichtem Gewebe, das mit Hilfe eines Radialgebläses aufgeblasen werden kann. Es gibt die verschiedensten Formen, Farben und Größen.

Meist findet man Hüpfburgen auf Festen oder Veranstaltungen. Mittlerweile gibt es ganze Hüpfburgenparks, in denen Kinder sich austoben können.

Hüpfburgen helfen den Eltern ihre Kinder zu unterhalten. Die  Erziehungsberechtigten können die freie Zeit nutzen, um sich wichtigen Themen zu widmen oder um am Bierwagen zu stehen.

Hüpfburgen der Literatur, also Poetry Slams, werden von der Literaturfamilie nicht richtig ernst genommen. Die großen Themen der Zeit werden abseits der Hüpfburg verhandelt. Die Kinder sollen sich ein wenig auf dem Gelände austoben, während die Großen sich in Ruhe den wirklich wichtigen Themen widmen.

Da ich Betreiber verschiedener Hüpfburgen bin, fühlte ich mir zuerst, auf die Füße getreten. Aber Kinder sind unsere Zukunft und oft sind die Hüpfburgen tatsächich spannender als die Bierwagen.

Sprachpolizei

Drafi Deutscher starb 2006. Sein bekannster Song hieß  „Mamor, Stein und Eisen bricht.“ „Es muss ‚brechen‘ heißen“, sagen Sprachpuristen. „Poesie darf alles“ , antwortet man ihnen mit einem milden Lächeln.  „Du hast Probleme“, sagt der kleine Mann. „Komm, geh beten!“, rät er den Besserwissern flapsig.

Gut, beten wir. Nur was ist richtig:  „Denn Dein ist das Reich und die Kraft und Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen“ oder „Denn Dein sind das Reich und die Kraft und Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen?“ Das am weitesten verbreitete Gebet des Christentums hat einen dicken grammatikalischen Schnitzer. Wirkt ein Gebet denn überhaupt noch, wenn man es falsch schreibt und betet? Eine Zauberformel muss richtig aufgesagt werden, sonst passiert gar nichts.

So hilft „Abrakadabra“ nachweislich gegen Malaria. Aber man nicht einfach „Aberlaberbra“ statt „Abrakadabra“ sagen. „Aberlaberbra“ hilft gegen nichts.

Diverse Ämter stellen ihre Informationen heute in „Leichter Sprache“ zur Verfügung. Anfangs für Lernbehinderte und Migranten gedacht, sind die Infos in „Leichter Sprache“ mittlweile die Regel. Leichte Sprache für jedermann: Keine Fremdwörter, keine Abkürzungen, kein Genetiv, keine Nebensätze. „Wir brauchen keine  Sprachpolizei. Wir brauchen ein Deutsch, das alle verstehen“, sagt die Politik, die sich unverstanden fühlt.  Und so ein paar Fehler bei der Grammatik oder der Rechtschreibung? Einzahl oder Mehrzahl, wir sagen, uns doch egal.

Ulimantulus Irrichmich. Uli der Fehlerteufel ist tot. Sein Unwesen interessiert keinen mehr. Da hat er sich zurückgezogen ins Fegefeuer. Uli kann mich mal, Rechtschreibung ist uns doch egal.

Doch halt! Letztes bekam ich eine E-Mail und ich sagte: „Uli ist zurück.“. Der Absender wurde von Uli niedergeschlagen und seine Mail wurde auf schönste Weise verunstaltet. Uli schrieb: “ Jop wir sidn shcon dran an bernard das wäre halt worstcase aber können usn emdlen wenn wir die zsuage haben.“

Ich glaube, Uli ist im Fegefeuer auf Herrn Deutscher gestoßen, der ihm bis in alle Ewigkeit „Marmor, Stein und Eisen bricht“ vorsang. Das war sogar Uli zuviel, das ist er uns zurückgekommen und hat sich an Millionen von Emails und Tweeds zu schafffen gemacht.